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E-Book

Unter dem Asphalt

Was unter den Metropolen der Welt verborgen liegt

AutorLeoni Hellmayr
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783806200317
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Modern, laut, komplex und immer in Bewegung - Metropolen sind alles, nur nicht langweilig. Auf der Suche nach Chancen, Komfort, Moderne und Abenteuer ziehen Menschen seit jeher in die Millionenstädte. Unter der Erdoberfläche ist es ebenso vielseitig wie darüber: Uralte Steinbrüche und Tempelanlagen zeugen von der Vergangenheit, während modernste Einkaufsstädte und Drainagesysteme in die Zukunft weisen. Doch wie sehen diese Orte aus? Welche Geschichten erzählen sie uns? Leoni Hellmayr führt auf eine Reise in die faszinierenden Unterwelten von Paris, New York, Tokio und vielen anderen Metropolen. Mit überraschenden Fakten vermittelt sie dabei neue Eindrücke von den Großstädten, ihrer Geschichte und Archäologie. Und der Band macht deutlich: Das, was wir oberirdisch sehen, ist nur ein Bruchteil dessen, was wirklich existiert!

Leoni Hellmayr studierte Klassische Archäologie und Alte Geschichte an der Universität Freiburg. Heute ist sie als freie Fachjournalistin und Autorin tätig.

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Leseprobe

1.


KOPF AN KOPF


Was haben Paris und Neapel gemeinsam? Beide Metropolen stehen über einem löchrigen Geflecht aus Steinbrüchen. Die Bewohner bezogen das Baumaterial für ihre Städte direkt aus dem Boden unter ihren Füßen. Das war riskant. Regelmäßig brachen Straßen und Häuser ein. Andererseits funktionierte es offenbar. Jedenfalls existieren Paris und Neapel bis heute.

Die Bewohner beider Städte hatten irgendwann denselben Gedanken: Warum die Hohlräume der Steinbrüche ungenutzt lassen? Vor allem für die Gebeine der Menschen, die tausendfach den vielen Epidemien zum Opfer gefallen waren, gab es hier unten ausreichend Platz. Die eine Stadt ließ ihren unterirdischen Friedhof dekorativ einrichten und machte ihn zum beliebten Sonntags-Ausflugsziel. Auch die Einwohner der anderen Stadt wollten den Kontakt zu ihren Toten im Untergrund nicht ganz abbrechen ...

Paris


„Arrête! C’est ici l’empire de la mort“ – Halte an, hier ist das Reich des Todes. Keine einladenden Worte, die da in großen Buchstaben über dem Eingang stehen. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Entweder die Aufschrift ignorieren und hineingehen oder umkehren: zurück über einen schmalen, endlos erscheinenden Pfad und 131 Stufen an die Oberfläche. Alle Besucher entscheiden sich, den Eingang zu betreten. Und eigentlich wundert sich auch niemand über das Schild. Sie sind jetzt, nach 20 Metern Abstieg in die Tiefe und einem längeren unterirdischen Fußmarsch, endlich da angekommen, wo sie hin wollten: in den Katakomben von Paris.

Pfeiler aus aufeinandergestapelten Steinen stützen diesen Steinbruch unter Paris.

Das Reich des Todes wird gleich nach dem Eingang in seiner ganzen Dimension sichtbar: Menschengebeine reihen sich an beiden Seitenwänden des Ganges auf. Leere, schwarze Augenhöhlen der Totenköpfe starren die Besucher an. Weder Gitter noch Glaswand trennen sie voneinander. Die Knochen sind akkurat aufeinandergeschichtet, ab und zu unterbrochen von den dekorativ angeordneten Schädeln, manchmal sogar in Form eines Herzens. Erst nach einer halben Stunde endet der makabre Parcours. Es geht zurück an die Oberfläche.

Was die Besucher gesehen haben, ist lediglich ein kleiner Abschnitt des Totenreichs. Und die Katakomben bilden wiederum nur einen Bruchteil der Pariser Unterwelt: Seit Jahrhunderten steht die Hauptstadt auf einem 300 Kilometer langen Labyrinth aus ehemaligen Steinbrüchen. Während nahezu aller Epochen waren die Pariser fasziniert von dem, was unter ihren Füßen lag. Literaten schrieben über die Steinbrüche und Fotografen hielten die Stollen in Bildern fest. Immer wieder zog es mutige Abenteurer in die verzweigten Gänge. Zumindest, wenn die unterirdischen Räume nicht wieder einmal zu wanken drohten.

Ähnlich wie bei einem Blätterteig schichten sich unter Paris Sedimente aus 250 Millionen Jahren übereinander. Was die Menschen brauchten, um die Stadt zu errichten, fanden sie in bester Qualität direkt unter sich. Die Fundamente des Louvre, des Palais Royal und des Hôtel des Invalides, ja selbst die Stadtmauern und ein großer Teil der Kathedrale Notre Dame wurden aus dem örtlichen Kalkstein errichtet. Das Baumaterial unter Paris war nicht nur bei den Stadtbewohnern äußerst begehrt. Auch weit entfernte Gemeinden wie Étampes und Chartres bestellten hier den Kalkstein für den Bau ihrer Gotteshäuser.

Die meisten Steinbrüche liegen tiefer als die Metro und die Kanalisation. Von diesem riesigen Geflecht fällt flächenmäßig nur ein Bruchteil auf die Katakomben. Die Knochenhäuser sind erst 230 Jahre alt, während die ersten unterirdischen Stollen bereits im 12. Jahrhundert entstanden.

Als viele Jahrhunderte zuvor die Römer sich in dieser Gegend niedergelassen hatten, blieb ihnen das kostbare Baumaterial im Boden nicht lange unbemerkt: Vor allem Kalkstein, aber auch Gips fanden sie in rauen Mengen. Sie gruben die verschiedenen Gesteine aus, um die Provinzstadt Lutetia, so der antike Name von Paris, aufzubauen. Im Gegensatz zu den späteren Förderungen im Mittelalter lagen ihre Baugruben noch unter freiem Himmel. An den Stellen, wo sich der Kalkstein besonders weit oben befand, trugen sie die darüber liegende Bodenschicht ab. Das war eine einfache und kostengünstige Methode. Doch meistens lag die Kalksteinschicht viel tiefer, sodass ein großflächiges Abtragen der oberen Schichten nicht mehr möglich gewesen wäre. Stattdessen ging man dazu über, unterirdische Stollen zu bauen. Auf diese Weise blieb die oberste Bodenschicht auch für die Landwirtschaft weiterhin nutzbar.

Ab dem 12. Jahrhundert schufteten Steinbrucharbeiter in ständiger Finsternis. Es waren vor allem Immigranten aus den ärmeren Provinzen, die trotz der schlechten Bezahlung diesen gefährlichen Beruf ausübten. An hölzernen Förderrädern über den senkrechten Schächten zogen die Arbeiter unermüdlich tonnenschwere Steinblöcke aus der Tiefe empor. Mit gelblichem Staub am ganzen Körper und auf ihrer zerlumpten Bekleidung machten sie, wenn sie sich an der Oberfläche zeigten, einen eher unheimlichen Eindruck. Die Pariser Gesellschaft beäugte die Steinbrucharbeiter argwöhnisch, beschrieb sie als dreckig, abgezehrt und verwahrlost. Auch Alexandre Dumas schildert in seinem Werk „Les Mille et un Fantômes“ schaurigfasziniert das Leben der Steinbrucharbeiter: Durch die Dunkelheit ihres Arbeitsplatzes hätten diese Menschen die Instinkte von Nachttieren, seien schweigsam und wild.

Der Beruf war nicht nur gering geschätzt und schlecht bezahlt, sondern auch anstrengend und sehr gefährlich. Regelmäßig ereigneten sich Unfälle, oft mit tödlichen Folgen. Stützende Balken in den Stollen drohten einzubrechen und auf die Arbeiter zu fallen. Manchmal riss das Kabel eines oberirdischen Förderrades, das daraufhin ungebremst weiterdrehte. Die Männer, die sich zu nah daran aufhielten, wurden dann wie von einer riesigen Schleuder in die Luft katapultiert.

In den Vororten von Paris gruben sich die Arbeiter zunächst seitlich in die Hügel vor. Später bauten sie senkrechte Schächte in den Boden, weil sich dadurch die Stollen besser belüften ließen. Jahrhundertelang wurde der Steinabbau auf diese Weise extensiv betrieben. Es gab so viele Förderräder in der Gegend um Paris, dass verschiedene Künstler die auffallenden Maschinen in ihren Gemälden verewigten. Kalkstein als Baumaterial, Gips für Geschirr, Kies für die Glasherstellung, Mergel und Lehm für Ziegel und Backsteine – im Boden gab es kaum etwas, für das die Stadtbewohner nicht irgendeine Verwendung fanden.

In den Katakomben von Paris.

War der Stollen komplett ausgebeutet, geriet er zumeist bald in Vergessenheit. Währenddessen veränderte sich die Oberfläche der Stadt. Paris dehnte sich aus. Die Stadtmauern mussten mehrmals erweitert werden, die Vororte wandelten sich zu neuen Bezirken der Großstadt. Stollensysteme, die einst außerhalb von Paris lagen, befanden sich plötzlich direkt unter den Straßen und Häusern der Hauptstadt. So haben heute das fünfte, sechste sowie das zwölfte bis 16. Arrondissement eines gemeinsam: In ihrem Untergrund liegen Kalksteinbrüche. Die Arrondissements 18, 19 und 20 sind dagegen von 65 Hektar großen Gipsstollen unterhöhlt. Eine Gesamtfläche von 2350 Hektar durchlöchert die Unterwelt von Paris und den benachbarten Départements Hauts-de-Seine und Val-de-Marne.

Damit die Steinbrüche nicht einstürzten, ließen die Arbeiter zunächst massive, natürliche Pfeiler aus Kalkstein stehen, mit denen die Stollen stabilisiert wurden. Um aber auch auf dieses Material nicht mehr verzichten zu müssen, ersetzten sie ab Anfang des 16. Jahrhunderts die Pfeiler mit kleineren, aufeinandergestapelten Steinen, die bis zur Decke reichten. Zwischen diesen Pfeilern wurden Trockenmauern hochgezogen und die leeren Räume mit Steinen und Schutt aufgefüllt. Diese Technik stabilisierte die Stollen jedoch nur mittelmäßig. Jedenfalls stürzte der Boden von Paris weiterhin regelmäßig ein.

Ein solcher „Fontis“ entsteht immer auf dieselbe Weise: An der Decke der Stollen bilden sich Risse. Erst fallen nur kleine, dann größere Erdbrocken herab. Ein glockenförmiger Durchbruch wächst langsam nach oben. Es kann Jahre, manchmal auch Jahrhunderte dauern. Früher oder später aber erreicht der Durchbruch die Oberfläche. Die Gebäude über dem Fontis verlieren irgendwann ihren Halt.

Vor allem im 18. Jahrhundert brach der Boden unter Paris regelmäßig auf. Mal stürzte ein Haus ein, dann eine Häuserreihe. Sogar ganze Straßen versanken von einem Moment auf den anderen im Erdboden. Panik breitete sich in der Bevölkerung aus. Die Stadt musste handeln. Im Jahr 1777 gründete sie den „Service de l’Inspection des Carrières“. Der Architekt Charles-Axel Guillaumot wurde zum Generalinspekteur ernannt und stand an der Spitze dieser Behörde. Die Stadt erteilte ihm einen klaren Auftrag: den Untergrund von Straßen und öffentlichen Gebäuden zu stabilisieren, und zwar sofort. Um die Stollen unter...

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