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E-Book

Unter dem blauen Himmel Roms

Neue Streifzüge durch die Ewige Stadt

AutorMarco Lodoli
VerlagInsel Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783458744733
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Marco Lodoli führt Sie in ein Rom jenseits der Touristenführer, eine Stadt in der Stadt, die unzählige magische Momente bereithält. In zartem Morgenlicht und tiefster Nacht, in strömendem Regen und Sonnenschein flaniert Lodoli durch seine Geburtsstadt und entdeckt bisher Unentdecktes. Er erklärt, was es mit Berninis kleinem Elefanten auf sich hat, erzählt von »sprechenden Statuen« und einem Olivenbaum, auf dem drei weitere Bäume wachsen, und stößt auf allerlei Kostbarkeiten bei einem Streifzug durch die quirligen Marktstände von Val Melaina.
In stimmungsvollen Texten, »lang genug, um für einen Moment in der Ewigkeit zu verweilen«, erweist Marco Lodoli seiner Heimatstadt eine Hommage und bezaubert den Leser mit seiner Begeisterung. Denn auch wenn er Rom wie kein Zweiter kennt: Lodoli gerät stets aufs Neue ins Staunen über die Bewohner und die einzigartige Atmosphäre der Ewigen Stadt.

<p>Marco Lodoli, 1956 in Rom geboren, arbeitet dort als Schriftsteller, Journalist und Lehrer. Seine Feuilletons erscheinen regelm&auml;&szlig;ig in der italienischen Tageszeitung <em>La Repubblica</em>.</p>

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Leseprobe

Unter dem blauen
Himmel Roms


 

Unsere Inseln können Bilder sein, Bäume, kleine Plätze, Orte, an denen die Schönheit Zuflucht findet, aber auch Augenblicke, gewisse Viertelstunden, verborgen im Getriebe des Tages, Minuten, die aufgelesen werden wie kostbare Steine.

Unsere Epoche neigt sich unaufhaltsam der Nacht zu, die Jugend ist darauf eingestellt, um elf Uhr abends auszugehen, Verabredungen werden für zwei Uhr früh getroffen, für drei Uhr und für noch später, wenn die Zeiger längst vom Ziffernblatt gefallen sind. Ich aber glaube, dass Rom sein Bestes am frühen Morgen gibt.

Aus vielerlei Gründen stehe ich früh auf und gehe hinunter in die Straßen des Viertels: Es ist beinahe niemand unterwegs. Aber mit diesen wenigen versteht man sich anhand eines Blicks: Wir sind die, die das Bedürfnis nach einem Beginn verspüren, die, die eine halbe Stunde Ruhe genießen wollen, ein Stückchen geschenkter Zeit. Kein Lokal hat geöffnet, es gibt keine Schlangen vor den Verkehrsampeln, es gibt nichts zu tun, außer Gehen und die frische Luft einatmen, die sich langsam erwärmt und schmutzig wird.

Witwen mit Hund, Zeitungsverkäufer, den Zigarettenstummel im Mund, Arbeiter, bereit für die Baustelle, Liebende, die aus irgendeinem Haus geschlüpft sind, und dann der Verrückte, der kreist und kreist und wie eine zerbrochene Schallplatte wiederholt: »Ich hab die doch gern gehabt, wirklich gern.« Und dann der Mann, der die Milch bringt, der Pensionist, der nie schläft, der Fanatische, der in Unterhemd und kurzer Hose läuft und schwitzt, der Typ, der schon um sechs Uhr morgens mit der ganzen Welt zerfallen ist, der Junge, der auf seinem Moped singt, und noch viele andere, alle aber bemerkenswert.

Niemand hat sich vom Chaos der Nacht verwirren lassen, niemand ist gekleidet, als würde er ausgehen: Jeder ist nur er selbst, eine Blase aus Licht, die am frühen Morgen umherstreift. Jeder ist früh aus dem Haus gegangen, weil er etwas ganz besonders Wichtiges zu sagen hat oder weil er in der Nacht einen Biss des Todes verspürte und deshalb Leben atmen will.

 

Es gibt Treppen, die jeder Römer erklimmen muss, und dabei beziehe ich mich nicht auf die in Regina Coeli, früher die Darbietung wahrhaftiger Romanità für jeden Spitzbuben. Besser ist es, andere Stufen hinaufzusteigen, gute fünfhundertfünfundfünfzig: die, die uns in die Spitze der Kuppel von Sankt Peter bringen.

Dazu muss man ein paar Warteschlangen in Kauf nehmen, einen Metalldetektor passieren, Geduld haben, fünf Euro zahlen, und dann beginnt der Aufstieg. Er ist beschwerlich, aber die Beine halten mit; problematisch kann es für den werden, der unter Klaustrophobie leidet, weil die Treppe nach einem geräumigen und leichten Anfang eng wird und sich dreht, und uns jeder rechte Winkel und jeder festsitzende Gedanke verlassen.

Es gibt eine wunderbare Zwischenrast vor der letzten Steigung: Plötzlich finden wir uns mit dem Ausblick auf die Basilika, im schmalen Innenraum des Tambour, zwischen den funkelnden Mosaiken des Cavalier d'Arpino*. Die Gläubigen, die Neugierigen, die Touristen unten sind winzige Ameisen, verloren auf dem farbigen Marmor. Es ist, als wäre man mitten in einem Traum, dem täglichen Leben entzogen, den üblichen Erklärungen. Hier sind wir im vergoldeten Himmel der Renaissance, in einem künstlichen Paradies. Aber wir müssen weiter, die Treppe erwartet uns, bringt uns höher hinauf.

Schritt für Schritt wird der Raum kleiner, wir spüren die Atemnot von dem, der uns folgt und die Bedenken dessen, der fürchtet, nicht in der Spitze anzukommen: Es scheint uns, als würde man das Pochen eines jeden Herzens hören. Die Schnecke des heiligen Andreas – so heißt diese Wendeltreppe – steigt und dreht sich so sehr dabei, dass uns der Kopf darüber schwindlig wird. Um den letzten ganz ganz engen, ganz ganz steilen Treppenabschnitt zu schaffen, muss man sich an einem Seil festhalten. Noch eine Anstrengung, ein Muskelziehen, ein Schubs und noch ein Schrei in diesem schwindelerregenden Uterus, und wir sind im Licht, wie neugeboren in verblüffender Höhe, auf dem Gipfel der Stadt, auf dem Gipfel der Welt.

Und alles liegt vor unseren Augen, Rom leuchtet in der Märzsonne, und für eine Minute erscheint uns das Leben wundervoll.

 

Der Petersplatz ist voller Symbolik: elliptisch wie das Universum, gebildet durch zwei Halbkreise, die eine Einladung zum Umarmen andeuten, geschmückt durch einhundertvierzig Heiligenstatuen, die zwischen Erde und Himmel schweben, als zeigten sie die nötige Vermittlerrolle der Kirche an, mit diesen Säulen, die sich bei jedem Schritt und jedem Blick ins Leere öffnen und wieder schließen, wie ein steinerner Wald, in dem die Vernunft sich verliert und wiederfindet.

Die Arbeit daran dauerte von 1656 bis 1667, von Papst Alexander VII. heftig herbeigesehnt, von Bernini* entworfen und wieder verworfen, dem es zunächst nicht gelang, die perfekte Form zu finden, sich der zu breiten und zu schweren Fassade von Maderno* anzunähern und die Basilika mit der religiösen angstvollen Unruhe der Pilger zu verbinden. Zuerst dachte er an ein großes Trapez, dann an einen Kreis, schlussendlich fand er die Lösung in diesem architektonischen Wunderwerk, Resultat außerordentlich raffinierter Kalkulationen, von erzwungenem Gleichgewicht, von Konvergenzen und Divergenzen, bis zur Begrenzung durch den bewegendsten leeren Raum der Weltgeschichte.

Wie oft bin ich in der Nacht über diesen intimen und windverblasenen Platz gegangen, auch um dem ewigen Gesang des Brunnenwassers zu lauschen, wobei ich die Punkte auf dem Boden suchte, die alles begrenzen und wieder zusammensetzen, als wären sie Antworten auf die innere Verwirrtheit. Schon als kleiner Junge fühlte ich, wie sich dieser Platz von den anderen unterscheidet, als wolle er sich auf geheimnisvolle Weise mit dem Dunkel des Himmels verbinden.

Und heute gleicht der Petersplatz noch viel mehr einer majestätischen Erwartung, einer ziellosen Umlaufbahn, dem Maul eines Vulkans, der das erhellende Feuer erwartet. Überall reihum sind die Kameras von tausenden Berichterstattern postiert, sie scharen die Journalisten aus der ganzen Welt um sich, suchen nach einer Nachricht, einem Detail, einer Geschichte, die man erzählen kann. Und der Platz schweigt, bevölkert und doch ganz still, umgeben vom Säulengang Berninis und weit aufgestoßen für eine Frage, die noch keine menschlichen Antworten findet.

 

Für einige Minuten das zersprengte Leben der Plätze verlassen, den Blick nach oben richten, wo sich alles zu einem einzigen Blick vereint und jedes kleinste Detail nur Element eines ausgedehnten Landschaftsbildes zu sein scheint: Manchmal dient auch diese Askese dazu, die Vorstellung wiederzufinden, in der alles einen Platz und einen Sinn hat.

Der höchste Punkt Roms ist natürlich das Belvedere in der Spitze der Kuppel von Sankt Peter, aber nur wenige wissen, welches der zweithöchste Gipfel der Stadt ist: Es handelt sich um den Turm der Villa Maraini, Sitz des Istituto Svizzero, das sich in der Via Ludovisi befindet. Ein Gebäude, einem riesigen Schloss aus Spielkarten ähnlich; es wurde zwischen 1903 und 1905 vom Schweizer Architekten Otto Maraini* errichtet, der dem Stil dieser Zeit, halb Renaissance und halb Märchen, folgte.

Sein Bruder Emilio Maraini*, ein Industrieller, der Zucker aus dem Extrakt roter Rüben produzierte, hatte diese Liegenschaft kurz zuvor erstanden. Sie fungierte als eine Art Lagerplatz, wo man den Erdaushub der vielen Baustellen der Gegend ablud, ein kleiner künstlicher Hügel, der Saison um Saison höher wurde: Maraini hatte die Idee, die Villa auf dem Gipfel des Hügels zu errichten. Er wollte sie groß, verzaubert, mit einem Turm von sechsundzwanzig Metern Höhe, von dem aus er die ganze Stadt bewundern konnte. 1946 widmete die Witwe Marainis das Gebäude der Kultur, es sollte zu einem Treffpunkt für den intellektuellen und künstlerischen Austausch zwischen der Schweiz und Italien werden.

Hier habe ich Marco Tirelli* kennengelernt, den großen römischen Maler: Seine Eltern hatten im Institut gearbeitet, und so wuchs er zwischen den Ateliers der Künstler auf. Wir waren beide zwanzig, und von Zeit zu Zeit stiegen wir auf den Turm, um die Welt zu betrachten und darüber zu sprechen, was wir tun würden, um auf Leinwänden und auf Buchseiten, auf einem Gemälde, in einem Gedicht, den unendlichen Variantenreichtum und die unendliche Verwirrung des Lebens festzuhalten.

Wenn man jung ist, hilft das Aufsteigen manchmal, um mit etwas klareren Gedanken herunterzukommen.

 

Und inzwischen hat der Frühling begonnen: eiskalt, voll Sorgen und doch immer auch voll der Hoffnungen, also lasst ihn uns feiern, lasst uns zum spektakulärsten Baum in Rom aufbrechen.

In der Stadt gab es einen drastischen Baumschnitt: Viele Bäume sehen aus wie arme Krüppel, halb die Arme zum Himmel, halb zur Erde gereckt, andere sind alt, andere wiederum wurden abgesägt, weil sie umzufallen drohten. Das scheint kein guter Moment für den grünen Stadtbewohner, aber der Baum des Judas*, der auf den Hängen des Palatin in der Via San Gregorio hochragt, bleibt ein einzigartiger Außenseiter.

Noch ist er kahl und seine nackten Zweige dehnen sich aus, wobei sie die Erde berühren: Er scheint ein pflanzlicher Polyp, der halb in der Luft schwebt, aber bald wird er von hunderten Blüten in einem flammenden Rosa bedeckt sein, beinahe schon violett, und als Hintergrund für tausende Fotografien herhalten, von den Touristen...

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