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E-Book

Dem inneren Drachen mit Achtsamkeit begegnen

Selbsthilfe bei Zwängen

AutorAnne Külz
VerlagBeltz
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl217 Seiten
ISBN9783621285605
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR
Zwangsstörungen können das Leben der Betroffenen in extremer Weise einengen und hohen Leidensdruck erzeugen. Dabei fallen die Symptome sehr unterschiedlich aus, reichen vom übersteigerten Putzdrang bis zum zwanghaften Kontrollbedürfnis. Oftmals sind sich Betroffene ihrer Probleme bewusst, können aber »einfach nicht anders«. Der Zwang lässt sich nicht zähmen und wirkt unbesiegbar, wie ein Feuer speiender Drache. Dieser Ratgeber zeigt Menschen mit Zwangsstörungen, wie sie durch gezielte Achtsamkeit ihren Zwängen entgegenwirken können. Das neue Konzept von Anne Külz verhilft Betroffenen zu einer wohlwollenden und vorurteilsfreien Grundhaltung sich selbst gegenüber. Durch angeleitete Achtsamkeitsübungen und Wertearbeit werden Gedankenfallen identifiziert und Hilfestellungen gegeben, wie dem inneren Drachen »Zwang« die Stirn zu bieten ist. Aus dem Inhalt Ein fauchender Drache im Gepäck - Zwänge und ihre Eigenschaften• Werkzeuge gegen den Zwang • Achtsamkeit entdecken - was bedeutet das? • Aus dem Vollen schöpfen - die Brille des Zwangs ablegen • Gedanken über Gedanken - mit Achtsamkeit die eigenen Fallen erkennen • Von was ernährt sich der Zwang? • Exposition - das Gefühl umarmen und dem Zwang die Stirn bieten • Blumen pflanzen - wo will ich hin? • Abschied von Schuld und Perfektion

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Leseprobe

1Ein fauchender Drache im Gepäck: Zwänge und ihre Eigenschaften


1.1Woran erkenne ich Zwänge?


Beispiel

Theresa hasste den Feierabend. Seit etwa einem halben Jahr arbeitete ihre Kollegin nur bis 13 Uhr, und sie musste alleine das Büro verlassen. In guter Verfassung benötigte sie dafür eine Dreiviertelstunde; nicht selten verstrich jedoch die doppelte Zeitspanne, ehe sie sich auf den Heimweg machen konnte. Zu groß war die Angst, Wasserkocher, Fenster, PC oder Deckenlampen nicht hinreichend kontrolliert zu haben. Bereits sechsmal war Theresa sogar von zu Hause zurückgefahren, um sichergehen zu können, dass sie wirklich alles ordnungsgemäß erledigt hatte. Manchmal kam sie sich vor, als hätte sie den Verstand verloren, wenn sie minutenlang auf den Knopf der Kaffeemaschine starrte, oder gewaltsam am Fenstergriff rüttelte, weil sie ihren Augen nicht trauen konnte. Aber das war es nicht: Ihr Verstand wusste sehr wohl, dass die Maschine ausgeschaltet und das Fenster geschlossen war. Dennoch gelang es ihr nicht, dem Kontrollimpuls Widerstand zu leisten. Immer wieder drängten sich ihr innere Bilder ausgeraubter Büroräume oder gar eines brennenden Gebäudes und sterbender Menschen in den Kopf, deren Tod sie in ihrer Fantasie durch eigene Nachlässigkeit zu verantworten hatte.

Felix hatte zwar keine Schwierigkeiten im Umgang mit Elektrogeräten und Fenstern. Er fühlte sich jedoch innerlich dazu getrieben, alle Gegenstände an einem Ort zu zählen. Ergab sich eine Zahl, die durch vier teilbar war, musste er innerlich eine Formel aufsagen, die zum Ausdruck brachte, dass er seine Eltern und Schwester liebte. Andernfalls, so seine Befürchtung, würde diesen Verwandten ein Unglück zustoßen. Gelegentlich fühlte er sich von seinem Zählritual so in Anspruch genommen, dass er sich kaum mehr auf etwas anderes konzentrieren konnte. Dennoch war er sich manchmal nicht sicher, ob er in Gedanken abgeschweift war und sich verzählt hatte. Er musste daher so oft nachzählen, bis er ein Gefühl der Sicherheit empfand. Kürzlich hatte er deswegen nach einem Arzttermin fast zwanzig Minuten unter einem Vorwand mit dem Mantel in der Hand im Wartezimmer verharrt und schließlich seinen Zug verpasst.

Zwänge gezielt untersuchen. Um dem Zwangsdrachen effektiv begegnen zu können, ist es zunächst sinnvoll, ihn von allen Seiten genauer unter die Lupe zu nehmen. Wenn Sie mit Zwängen und ihren Eigenschaften schon sehr vertraut sind, können Sie die folgenden Seiten auch überspringen. Möglicherweise entdecken Sie jedoch auch noch wichtige Informationen.

1.2Aufdringliche Gedanken und Rituale sind normal


Die meisten Menschen kennen das: Befürchtungen, die durch den Kopf spuken, auch wenn wir im Grunde wissen, dass die Ängste übertrieben, möglicherweise sogar absurd sind. Einigen von uns sind solche unrealistischen Gedanken aus der Kindheit vertraut. Sie äußern sich wie warnende Stimmen im Kopf:

  • »Tritt nicht auf Bodenritzen, sonst passiert etwas Schlimmes!«
  • »Sieh dich nicht um, wenn du die Kellertreppe hochsteigst, sonst lockst du ein Monster aus dem Dunkeln!«

Magisches Denken. Nicht selten tauchen derartige Gedanken auch im Erwachsenenalter noch auf: Manche Menschen kennen den Anspruch, am Tag eines Bewerbungsgesprächs ein ganz bestimmtes Kleid anziehen oder einen Talismann unter dem Hemd tragen zu müssen, um einen Misserfolg zu verhindern. Mit Abstand betrachtet können wir häufig erkennen, dass diese Gedanken nicht sehr realistisch sind. In der Regel schränken derartige Vorstellungen – auch »magisches Denken« genannt – den Alltag jedoch nicht wesentlich ein. Sie sind wie kleine Versuche, das Leben in wichtigen Situationen eine Spur kontrollierbarer zu machen. Wir können uns mit einem Augenzwinkern dabei zusehen.

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Fast alle Menschen haben täglich absurde, sinnlose, aufdringliche oder gelegentlich gewaltsame Gedanken, die durch ihren Kopf spuken.

Das ist bei mehr als 60.000 Gedanken pro Tag auch nicht erstaunlich.

Ähnlich ist es mit harmlosen Ritualen: Wir inspizieren vielleicht vor einer Urlaubsreise genauer als nötig die Kerzen am Adventskranz oder rekonstruieren in Gedanken auf der Fahrt einige Male, ob wir das Badezimmerfenster tatsächlich geschlossen haben. Möglicherweise zählen wir während des Zähneputzens immer bis zu einer bestimmten Zahl, weil das ein sicheres Gefühl hinterlässt.

Bei manchen Menschen prägen diese aufdringlichen Gedanken und Rituale den Alltag jedoch massiv, weil sie ständig im Kopf herumspuken oder viel Zeit in Anspruch nehmen. Wie Theresa und Martin fühlen sich etwa 2 Prozent aller Menschen im Laufe ihres Lebens durch übertriebene oder gar absurde Vorstellungen und Befürchtungen im Alltag deutlich beeinträchtigt. Sie leiden unter ihren Zwangsgedanken.

Bei näherem Hinsehen empfinden sie diese Dinge in ihrem Kopf selbst als unangemessen. Dennoch lösen die Gedanken eine so starke Anspannung aus, dass die Betroffenen sich zu ganz bestimmten Verhaltensweisen getrieben fühlen, um Sicherheit zu gewinnen.

!

Beruhigende Verhaltensweisen als Reaktion auf Zwangsgedanken bezeichnet man als Zwangs. Das sind systematische, oft stereotype Handlungsabfolgen, die zumeist immer wieder in der gleichen Weise ablaufen.

In Theresas Fall äußerte sich das beispielsweise, indem sie innerlich langsam bis zehn zählen musste, ehe sie den Blick von der Kaffeemaschine wenden durfte. Hatte sie sich dann zur Tür gedreht, musste sie noch genau dreimal einen Blick über ihre Schulter werfen und leise »aus-aus-aus« wiederholen, ehe sie die Küche verlassen durfte.

Manchmal pressen die Zwänge auch den ganzen Tagesablauf in ein enges Korsett aus Ritualen oder engen den Handlungsspielraum stark ein.

Beispiel

Martin hatte unerträgliche Ängste vor einer HIV-Infektion. Auch wenn er sich vielfach bei der Aidsberatungsstelle über tatsächliche Übertragungswege informiert hatte, fürchtete er, andere Menschen durch zufällig »aufgeschnappte« Virenreste an seinen Kleidungsstücken zu infizieren. Bereits nach kleinen Besorgungen in der Stadt musste er sich an der Wohnungstür bis auf die Unterwäsche entkleiden und alle Kleidungsstücke ausführlich ausschütteln. Danach trug er sie entlang eines bestimmten Weges in der Wohnung, seiner »Dreckschleuse«, zur Waschmaschine. Nach einem halbstündigen Händewaschritual durfte er sich neu einkleiden und die »halb kontaminierten« Bereiche seiner Wohnung, das Wohn- und Esszimmer wieder betreten. Das Schlafzimmer durfte er jedoch erst am Abend benutzen, nachdem er zuvor etwa zwei Stunden geduscht hatte. Martin konnte schon seit mehreren Jahren seiner Tätigkeit als Bankbeamter nicht mehr nachgehen. Lange Zeit hatte er versucht, seine Erkrankung zu verheimlichen. Schließlich hatte er jedoch sein Arbeitspensum nicht mehr erfüllen können, da er sich alle zehn Minuten zu aufwendigen Händewaschritualen in der Toilette gezwungen sah.

1.3Kennzeichen einer


Definition

An die Diagnose Zwangsstörung ist zu denken, wenn der Alltag von den Befürchtungen und Ritualen beeinträchtigt ist. Es gelingt nicht mehr, soziale Kontakte zu pflegen, dem Beruf in gewohnter Weise nachzugehen oder Zeit für Hobbys und Entspannung zu haben.

Kriterien. Das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen (kurz: DSM), das zur Einordnung psychischer Erkrankungen dient und mittlerweile in fünfter Auflage vorliegt (DSM-5), sieht die Symptome oder als wichtige Kriterien für das Vorliegen einer Zwangsstörung an.

Als drittes Kriterium ist der tägliche Zeitaufwand für die und Befürchtungen von Bedeutung: Nach DSM-5 sollte die Diagnose einer Zwangsstörung auch in Erwägung gezogen werden, wenn Zwangsgedanken und –handlungen mehr als eine Stunde pro Tag für sich beanspruchen.

Der Drache als Symbol für Zwang. Ein Patient stellte seinen Zwang einmal als fauchenden Drachen dar, der ihn um ein Vielfaches überragte und mit seinen scharfen Krallen stets im Griff behielt. Zwänge können sich tatsächlich wie tyrannische Drachen gebaren, indem sie im Denken und Handeln der Betroffenen ein strenges Regiment führen. Um genauer zu verstehen, auf welche Weise sie ihr Unwesen treiben, lohnt es sich, Zwangsgedanken und -handlungen einmal näher unter die Lupe zu nehmen.




Abbildung 1.1

Der Drache als Symbol für Zwang

1.4Merkmale von Zwangsgedanken


Formen des Zwangs. Zwangsgedanken können in Form von Vorstellungen, Ideen, Bildern oder n auftreten, die sich gegen den eigenen Willen in den Kopf drängen und starke Angst oder Unbehagen auslösen.

Nach der von der Weltgesundheitsorganisation verabschiedeten internationalen Klassifikation von Krankheiten, genannt ICD 10, müssen sich diese Gedanken nicht nur immer wiederholen, sondern auch als unangenehm erlebt werden. Schwärmerische Gedanken an eine andere Person im Zustand der Verliebtheit wären somit keine Zwangsgedanken, auch wenn sie den ganzen Alltag durchdringen können.

Betroffene...

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