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E-Book

Dem Sterben Leben geben

Die Begleitung sterbender und trauernder Menschen als spiritueller Weg

AutorMonika Müller
VerlagGütersloher Verlagshaus
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783641225407
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
»Tiefe, menschliche Einsichten, die jedem offenstehen.« (Monika Müller)
Überarbeitung und inhaltliche Ergänzung des Longsellers.
In der Begleitung sterbender und trauernder Menschen entwickelt sich eine besondere Form der Spiritualität. Der Begleitende begibt sich in einen intensiven persönlichen Prozess. Wenn trennende Grenzen verschwinden, ein gegenseitiges »Sich öffnen« geschieht, werden Erlebnisse möglich, die außerhalb aller Alltagserfahrungen liegen. Monika Müller erzählt und reflektiert eine Vielzahl selbst erlebter Beispiele und spürt dem nach, was trägt, wenn uns »das Unausweichliche« trifft.


Monika Müller, geboren 1947, ist Philosophin und Therapeutin für integrative gestaltorientierte Verfahren. Sie war Leiterin der Ansprechstelle NRW für Palliativversorgung, Hospizarbeit und Angehörigenbegleitung (ALPHA Rheinland), zahlreiche Veröffentlichungen.

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Leseprobe

VOM GEIST DER ERGÄNZUNG

Ich schlief und träumte, dass Leben Freude ist.

Ich erwachte und fühlte, dass Leben Dienen ist.

Ich handelte und verstand, dass Dienen Freude ist.

TAGORE

Das Leben und sich selbst zu würdigen, bildet die Grundvoraussetzung, anderen Menschen, Patienten und Angehörigen, ihre Würde zuzugestehen. Das scheint uns – so sollte man meinen – selbstverständlich, entspricht diese Aussage doch einem Leitgedanken der Hospizarbeit (»In Würde sterben«) und vor allem auch Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Doch entspricht sie auch der Wirklichkeit? Entspricht sie den manches Mal zu Tage kommenden Gefühlen in unserem Alltag, wenn wir mit verletzter oder verlorener Würde konfrontiert werden? Hospizarbeit, Palliativmedizin und Trauerbeistand bedeuten eine tägliche Konfrontation mit vermeintlich zerbrechendem oder zerbrochenem Leben. Menschen, die auf ihr Sterben zugehen, verlieren nach und nach das, was ihnen wichtig und selbstverständlich war, manchmal entfremden sie sich selbst und dem, was ihre Würde auszumachen schien.

Eine einst gefeierte Schauspielerin des Staatstheaters muss sich durch einen Hirntumor von ihrem einst so ausdrucksstarken, schmalen Gesicht verabschieden, dann verliert sie auch noch die Fähigkeit ihrer anmutigen Bewegungen, zum Schluss stehen ihr keine Worte mehr zur Verfügung, ihr Leid auszudrücken.

Ein angesehener Politiker erleidet durch eine Knochenmetastasierung unaushaltbare Schmerzen und muss erleben, wie er nach und nach Kontrolle und Beherrschung verliert und zu einem wimmernden Bündel Mensch wird.

Eine Familie wird Zeuge des unaufhaltsamen Verfalls ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter, einst dominierender Mittelpunkt, heute gebrochen, auf Betreuung angewiesen und verloren in ihrer eigenen, anderen verschlossenen Angst und Wirklichkeit.

Ein an Aids erkrankter Priester hat im letzten Stadium seines Lebens den Kontakt zu seinem Beruf, zu seinem Namen und zu sich selbst verloren. Tief in seinem von der Krankheit zerstörten Geist dämmern noch alte Bilder von Sakramentenspendung und Ritualen. Das Personal des Altenheimes, in welchem er mangels besserer Möglichkeiten betreut und gepflegt wird, findet ihn mehrmals bei obskuren Feiern, in denen er Kerzen anzündet, Kirchenlieder singt und nicht vorhandene Besucher zur »Exkrementenverehrung« aufruft.

Menschen verlieren im Sterbevorgang vieles, was ihr Leben ausmachte. Rollen, Funktionen werden gegenstandslos und verlieren ihre Gültigkeit. Während des Sterbens fallen kontinuierlich Teile des Selbstbildes ab, die Bedeutung von Arbeit und Sexualität, die Rolle des Chefs, des Familienvorstandes, von Elternsein, Freund, Ehegatte werden in Frage gestellt. Je mehr wir uns im Leben mit unseren Rollen identifiziert haben, umso weniger Möglichkeiten hatten wir, uns mit dem zu verbinden, was hinter den Rollen liegt. Wenn die Zeit fortschreitet und sich unsere Möglichkeiten, uns in Rollen darzustellen, verringern, wird unser Handlungsraum immer enger und unsere Freiheit wird immer kleiner. Der Zaun unserer Selbstdefinitionen, den wir um uns herum aufgebaut haben, wird enger und beschneidet uns immer mehr. Zurück bleiben wir dann als auf das Allerwesentlichste reduzierte Existenzen, manchmal sogar ohne Selbstwahrnehmung und die äußeren Insignien unseres Menschseins.

Wer solche Geschichten, wie oben erzählt, erlebt oder auch nur hört, ist in seinen ethischen Kapazitäten in der Tat einer höchsten Belastungsprobe ausgesetzt. Wenn das Wort würdig (mhdt: wirdec) etymologisch »der Ehrung wert« bedeutet, stellt sich bei diesen Darstellungen durchaus die Frage, ob hier von Ehre gesprochen werden kann, eine Ehrung statthaft ist. Der Anschein von Zerbrochenheit dieser Lebensschicksale erzeugt eine Vorstellung, die auch religiöse Menschen an der Idee der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott Anfragen stellen lässt, wenn nicht gar verzweifeln lässt. Aber gerade hier haben wir unsere Bewährungsprobe zu bestehen.

Ehrung heißt, einem Menschen Ansehen zu geben, dies geschieht im wörtlichen Sinne, indem wir nicht verlegen oder ablehnend den Kopf wenden. In der Tat wird dies uns in manchen Fällen größere Überwindung kosten, denn unsere spontane Emotionalität fühlt sich irritiert oder abgestoßen. Deutlich wie nirgendwo sehen wir hier, dass der Mensch nicht immer von sich aus oder auch nicht auf Dauer das göttliche Antlitz hat, sondern, dass wir es zu sehen und zu ergänzen aufgerufen sind.4

Der Geist der Ergänzung ersetzt dieses Defizit und verbindet den Menschen mit dem, was hinter seinem Rollen- und Funktionsbewusstsein liegt und verloren gegangen zu sein scheint.

Bei einem Besuch eines New Yorker Krankenhauses lernten wir den anglikanischen Krankenhausseelsorger kennen, Father John, einen jungen, attraktiven durchtrainierten Mann, der auch außerhalb seines Berufes Leben und Lebensqualität zu kennen schien. Er berichtete gut gelaunt von seinem Alltag in der Klinik, seinen Patienten und den Fragestellungen, mit denen er zu tun hatte. Dann führte er uns durch die Klinik. In einer Abteilung gab es Menschen mit sehr offensichtlichen, ins Auge springenden mehrfachen Behinderungen. Wir waren verlegen und erschrocken, bemühten uns, unser Entsetzen hinter interessierten Fragen nach Herkunft der Anomalien und ihren Behandlungsmöglichkeiten zu verbergen und die Patienten dabei nicht unverhohlen anzustarren. Im Weiterplaudern nahm Father John einen kleinen, sehr entstellten Jungen mit spastisch verrenkten Gliedern und speichelndem Mund auf den Arm, fuhr ihm zärtlich durch das Haar, hielt ihn zu uns hoch und sagte: »Isn’t he beautiful?« Der Junge hatte sehr schöne braune Augen, aber Father John sagte nicht etwa: »Hat er nicht schöne Augen?« oder »Sieht er nicht trotzdem lieb aus?«, nein, er sagte schlicht: »Isn’t he beautiful?«.

Indem Father John dem kleinen behinderten Jungen seine Schönheit zusprach, diente er ihm und öffnete ihn und uns der Erfahrung von Ganzheit.5 Er reparierte nicht etwa sein beschädigtes Ansehen, indem er es auszugleichen versuchte durch Erzählungen, was dieser Junge noch tun kann, oder uns abzulenken trachtete. Reparatur geht von der Vorstellung des Kaputten aus, wir reparieren kaputte Autos, zerbrochene Gegenstände, defekte Schaltungen, schadhafte, fehlerhafte, mangelhafte Dinge. Für jemanden, der etwas repariert, ist dieses Etwas entzwei, es muss ausgebessert, instand gesetzt, wieder gutgemacht werden. Reparieren ist ein Urteil, das trennt und Distanz schafft, denn es bezeichnet mit der Sichtweise des Entzweigegangenen das Differenzieren, Unterscheiden, Absondern. Der Diener der Ganzheit dagegen geht davon aus, dass das, was er er-gänzt, ebenso wie er selber zum Heilen, Unversehrten, Vollkommenen gehört. Es gibt verschiedene Anschauungen in Bezug auf bedrohtes Leben und damit verbundene Begleitmöglichkeiten: Wer das Leben oder eine Existenz als schwach ansieht, der hilft, wer das Leben oder eine Existenz als zerbrochen ansieht, der repariert, wer das Leben oder eine Existenz als ganz ansieht, der dient. Jemand, der einem anderen dient, ist bereit, sich von etwas Größerem in Dienst nehmen und gebrauchen zu lassen. Reparieren tun wir vieles im Leben, dienen nur einem, der Ganzheit.

Eine wundergute kleine Geschichte erzählte mir neulich mein Tierarzt.

Nachdem ihn seine Hündin mit einem robusten Wurf von sechs Labradorjungen überrascht hatte, brachte er in seiner Praxis ein Schild an: Welpen zu verkaufen. Solche Schilder haben es in sich, dass sie besonders Kinder magisch anziehen, und bald erschien auch ein kleiner Junge von ungefähr sieben Jahren. »Für wie viel wollen Sie die Welpen verkaufen?«, fragte er. Der Arzt antwortete: »Nun, für irgendwas zwischen 100 und 200 Euro!« Der kleine Junge förderte nach einem Griff in die Tasche etwas Wechselgeld zu Tage. »Darf ich sie mir trotzdem einmal ansehen?« Der Arzt lächelte und führte den Jungen in seinen Hof. Dort wuselten sechs Hundebabys, kleine braune Fellbälle, um Lana, die stolze, mehrfach prämierte Mutter. Einer der kleinen Welpen fiel immer wieder hin, war deutlich unterlegen bei dem Versuch, das Gesäuge der Mutter zu erreichen. Er wurde von seinen Geschwistern zur Seite geschoben und im wahrsten Sinne des Wortes übergangen. Der Junge zeigte auf genau diesen kleinen Hund und fragte: »Was fehlt ihm?« Der Arzt erklärte, dass dies eine traurige Sache sei. In einer Untersuchung habe er festgestellt, dass dieses Tier eine nicht richtig ausgebildete Hüftpfanne habe und dass er, wenn er am Leben bliebe, wohl sehr stark hinken würde. Der Junge wurde sehr aufgebracht und sagte, dass er genau diesen Hund kaufen wolle. »Nein, nein«, sagte der Arzt, »für den kleinen Kerl kann ich kein Geld nehmen. Wenn du ihn wirklich haben willst und das mit deinen Eltern besprochen hast, dann gebe ich ihn dir so.« Der Junge reagierte sehr aufgebracht. Er schaute dem Tierarzt direkt in die Augen und wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den behinderten Welpen. »Ich möchte nicht, dass Sie ihn mir einfach so geben. Dieser Hund ist genauso viel wert wie die anderen. Ich bezahle den vollen Preis. Ich gebe Ihnen heute meine 5 Euro als Anzahlung, und dann werde ich Ihnen jeden Monat mein Taschengeld bringen, bis er abbezahlt ist.« Der Arzt versuchte es noch einmal: »Du musst ihn wirklich nicht abbezahlen. Deine Anzahlung reicht mir. Ich müsste ihn ja sonst einschläfern, denn er wird nie richtig laufen und springen können, weißt du.« Da beugte sich der kleine Junge hinab und rollte sein Hosenbein hoch, um ein dünnes Bein in einer Metallschiene...

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