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Unter dem westlichen Himmel

Zen - Leben in unserer Welt

AutorSabine Hübner
VerlagWerner Kristkeitz Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl328 Seiten
ISBN9783932337871
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Der Westliche Himmel aus dem Titel dieses Buchs ist der geistige Bereich, aus dem laut buddhistischer Überlieferung der kommende Buddha erscheinen wird. Er soll im Westen unserer Welt, nämlich bei uns, geboren werden und uns ähnlich sehen. Tatsächlich lebt er bereits in uns allen und möchte nur entdeckt und verwirklicht werden, dies aber mitten im Leben, in unserem uns vertrauten Alltag! Unter diesem Himmel leben wir, und hiervon handelt dieses Buch. Es erzählt von unseren Angelegenheiten des täglichen Daseins, von Kummer und Schmerz, es handelt aber auch von dem Weg heraus aus allem Leid und in die Freude. Es ist ein wahres Lehrbuch der Lebenskunst nicht nur für Zen-Leute, sondern für Menschen aller Art: Sie alle haben das Zeug dazu, sich selbst zu finden und damit den Sinn und die Richtung für ihr Leben - in das wirkliche Glück hinein.

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Leseprobe

Hinführung


Zen – was ist das? Kakua, der erste Japaner, der Zen in China studierte, wurde nach seiner Rückkehr vom Kaiser in Japan eingeladen, alles vorzutragen, was er in China gelernt hatte. Kakua zog eine Flöte aus seiner Robe, blies einen kurzen Ton, verbeugte sich höflich und ging hinaus. [→ 1]

Als Bodhidharma nach China kam und der fromme Kaiser Wu, der zahlreiche Tempel erbaut und Klöster eingerichtet hatte, ihn nach der höchsten Wahrheit fragte, antwortete er: «Leere Weite, nichts ist heilig.» Ihm werden auch die folgenden Zeilen über Zen zugeschrieben: «Eine besondere Überlieferung außerhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Schriftzeichen: Unmittelbar des Menschen Herz zeigen, die eigene Natur schauen und Buddha werden.» [→ 2]

Hier sollte ein Zen-Lehrer aufhören zu reden. Obwohl der Dharma keine Verteidiger braucht und die Wahrheit nur im Dokusan-Raum erhärtet werden kann und nicht in polemischen Schriften, ist es doch immer wieder Aufgabe der Zen-Meister, auch auf intellektueller Ebene zur Klärung beizutragen. Ich weiß, dass das am Ende nicht möglich ist, und möchte mich daher an Śākyamuni Buddha halten, der neunundvierzig Jahre im Land herumgereist ist, um die Wahrheit zu verkünden, und am Ende sagte: «Ich habe NICHTS gesagt.»

 

1. Es gibt keine Lehre über Zen, auch keine buddhistische. Meister Yuansou meint mit Recht: «Es gibt keine Lehre für dich, um daran zu kauen oder sich darüberzuhocken. Wenn du nicht an dich selbst glaubst, nimmst du dein Bündel und machst die Runde vor anderer Leute Häuser, um nach Zen und Dao zu suchen. Du suchst nach Mysterien, nach Wundern, nach Buddhas, nach Zen-Meistern und -Lehrern. Du meinst, das sei Suchen nach dem Höchsten, und du machst es zu deiner Religion, aber das gleicht einem Rennen nach Osten, um etwas zu bekommen, was im Westen liegt.» [→ 3] Man kann daher auch niemand nur äußerlich zum Zen-Lehrer ausbilden oder einfach zum Rōshi ernennen. Wer das Kōan Nr. 6 im Mumonkan passiert hat, weiß, dass nichts gegeben wird. Buddha hält eine Blume hoch. Wer Wirklichkeit in dieser Weise erfahren hat, ist erleuchtet und kann eventuell eine Beauftragung erhalten.

 

2. Zen ist keine Religion. Daher gibt es auch kein christliches Zen und kein buddhistisches Zen. Und so gibt es auch keine buddhistischen Zen-Meister, sondern nur Zen-Meister, die Buddhisten sind, und eben auch Zen-Meister, die Christen sind oder sich gar keiner Konfession zuzählen. Leider gibt es sowohl im Osten wie im Westen Zen-Lehrer, die noch tief in der Konfession stecken. Der fundamentale Unterschied in den Religionen verläuft nicht vertikal zwischen den einzelnen Bekenntnissen, sondern horizontal zwischen der esoterischen und exoterischen Ebene dieser Religionen.

Alle Religionen haben eine exoterische Seite, das heißt, sie haben Bekenntnisse, Heilige Schriften, Rituale und Zeremonien. Die meisten Gläubigen bewegen sich auf dieser Ebene. Aber alle Religionen kennen auch einen spirituellen Weg, der über die Konfession hinaus führt in die Erfahrung dessen, was die Lehren nur beschreiben können. Im Hinduismus ist es der Weg des Rāja-Yoga, Kriyā-Yoga oder Patañjali, im Buddhismus sind es Zen und Vipassanā, im Islam gibt es den Sufismus, im Judentum die Kabbala und im Christentum die Wege der Mystik.

Die Erfahrung der Gottheit, Satori, Unio Mystica – dies ist nur jenseits aller kognitiven Vorstellungen zu erreichen. Dieser Endzustand ist das reine Sosein im Hier und Jetzt und nicht ein abgehobener oder zukünftiger Zustand. Es gibt eine «Sophia perennis», eine ewige Weisheit, die heute erst von wenigen gelebt wird, die aber eines Tages als das wahre Ziel einer jeden Religion erkannt werden wird. Die Menschen der Zukunft werden «Erwachte» sein. Das tritt aber nur ein, wenn Zen und alle esoterischen Wege sich aus der Umklammerung der Konfessionen befreien. Zen spielt dabei eine wichtige Rolle, weil klar ist, dass Śākyamuni eher vor der Religion warnte, als sie zu praktizieren.

Zen ist zwar eng mit der buddhistischen Religion verbunden, aber es transzendiert diese und jede Religion. Zen und jeder esoterische Weg, sei es Yoga, Vipassanā, Kontemplation, führen über die Konfession einer Religion hinaus, das heißt, sie führen auch aus einem vordergründigen Religionsverständnis heraus, wie es die religiösen Lehrbücher verkünden.

 

3. Und ein Drittes scheint mir von Bedeutung: Zen sollte im Westen den monastischen Charakter verlieren. Niemand braucht sich die Haare scheren zu lassen oder ein buddhistisches Mönchsgewand anzuziehen, um Zazen zu machen. Man muss auch nicht alle Rituale, die im Lauf der Zeit in den Zen-Klöstern gewachsen sind, übernehmen. Der Hang zu äußeren Formen ist eine Anfängerkrankheit aller Konvertiten. Zen wird sich im Westen in seiner äußeren Struktur verändern, wie es sich verändert hat, als es dem daoistischen China begegnete. Sein Wesen wird sich nicht verfälschen lassen, auch nicht von Christen und Buddhisten. Der Dharma braucht keine Verteidiger.

Mein langer Aufenthalt in Japan und mein langes Zen-Studium unter meinem Meister haben mich erkennen lassen, dass sich die religiösen Vorstellungen meiner buddhistischen Freunde wandelten, wenn sie Zazen übten, wie auch die religiösen Vorstellungen meiner christlichen Freunde. Dem Anhänger des Amida-Buddhismus stand die gleiche Wandlung auf dem Zen-Weg bevor wie dem Christen, der eine personale Gottesvorstellung hatte. «Töte Buddha und die großen Vorfahren, wenn sie dir begegnen», heißt ein geflügeltes Zen-Wort. «Ich bitte Gott, dass er mich Gottes quitt mache», formuliert Meister Eckehart und meint das Gleiche. Buddhismus ist in Asien genau so Volksreligion mit ganz verschiedenen konfessionellen Strukturen wie das Christentum im Abendland. Wer den Zen-Weg wirklich bis zur Erfahrung geht, dessen religiöse Überzeugung hat sich so gewandelt, dass sie ihm nicht mehr Hindernis sein wird. Er hat es auch nicht nötig, aus einer Konfession auszusteigen, aber er wird sie neu interpretieren.

4. Man darf nie die äußere, konfessionelle Seite einer Religion mit dem spirituellen Erfahrungsweg einer anderen Religion vergleichen, also nicht Christentum mit Zen, sondern nur Mystik mit Zen.

Bei allen großen Mystikern der Menschheit finden sich vergleichbare Hinweise auf die unaussprechbare Wirklichkeit, wenn auch in anderen Bildern und in anderer Sprache. Ob man die Erfahrungsberichte eines Parmenides liest, der fast ein griechischer Zeitgenosse Śākyamunis war, oder Plotinus (um 350 n. Chr.), der sich keiner Religion zuzählte, oder Eckehart, der fast ein Zeitgenosse Dōgen-Zenjis hätte sein können, immer kann man die gleiche zeitlose Botschaft erkennen. Einige wenige Beispiele mögen das belegen.

Der Sufi Idries Shah dichtet: «Bis Schule und Minarett zerbröckeln, wird dies unser heiliges Werk nicht vollendet sein. Bis Glaube zur Verwerfung, Verwerfung zu Glaube wird, gibt es keinen wahren Muslim.»

Kabīr, der eine muselmanische Mutter hatte, aber von einem Brahmanen erzogen wurde und schließlich jenseits von beiden Religionen stand, dichtet:

 

O, der du Mir dienst, wo suchest du Mich?
Siehe, Ich bin bei dir.
Ich bin weder im Tempel noch in der Moschee,
weder in der Kaaba noch auf dem Kailash.
Weder bin Ich in Riten und Zeremonien
noch in Yoga oder Entsagung.
Wenn du ein wahrhaft Suchender bist,
wirst du Mich sogleich sehen,
Mir begegnen im gleichen Augenblick.
Kabīr sagt:
O Sadhu!
Gott ist der Atem
allen Atems. [→ 4]

 

Aus den Formulierungen vieler Mystiker, die Christen waren, höre ich die gleiche Botschaft. Obwohl die theistischen Mystiker immer wieder von «Glaube» und «Gott» sprechen, meinen sie eine Wirklichkeit, die nur hinter diesen Worten zu finden ist.

Dionysius, ein Mönch aus dem 4. Jahrhundert, schreibt: «Die erste Ursache von allem ist weder Sein noch Leben. Denn sie ist es ja gewesen, die Sein und Leben erst erschaffen. Die erste Ursache ist auch nicht Begriff oder Vernunft. Denn sie ist es ja gewesen, die Begriffe und Vernunft erschaffen. Nichts in dieser Welt ist die erste Ursache. Denn alles in dieser Welt ist ja von ihr erschaffen. Und dennoch ist sie keineswegs ohne Macht: Denn sie hat doch alles erschaffen, alles ins Sein gerufen, was ist. Und Schöpfung, Ruf ins Sein, braucht eine Macht, damit auch wirklich etwas entsteht. Und dennoch ist diese erste Ursache auch keine Macht. Denn sie ist es ja gewesen, welche die Macht erst erschaffen hat.»

Man kann durchaus einer Konfession angehören und auch ihre Rituale praktizieren. Man kann auch ihre Lehre vertreten, aber sie wird dann aus der Erfahrung heraus interpretiert.

 

Zum Schluss möchte ich noch einen bedeutenden zeitgenössischen Zen-Meister der Rinzai-Richtung, Shibayama Zenkei, zu Wort kommen lassen: «Man muss Zen unabhängig von der Zen-Schule des Buddhismus verstehen. Zen gehört weder einschließlich noch ausschließlich zu der buddhistischen Zen-Schule. Ich halte Zen für die universale Wahrheit, die wahres Wissen und Frieden in das Leben der Menschen in der Welt bringt. Jede Religion und Kultur sollte Nutzen ziehen aus dem, was Zen an geistigem Wert anzubieten vermag.» [→ 5]

Aus diesem Zitat spricht echte Zen-Freiheit, die ich manchem Polemiker wünschen würde.

 

Der wirklich religiöse Mensch ist nicht durch seine Konfession charakterisiert. Ein wirklich religiöser Mensch übersteigt sein Glaubensbekenntnis. Religion ist die Erfahrung des Göttlichen, der Leerheit, des Absoluten im Hier und Jetzt, im Sosein des Augenblicks. Religion ist die unmittelbare Wahrnehmung des Geschehens....

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