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E-Book

Gegen Demokratie

Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen

AutorJason Brennan
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl464 Seiten
ISBN9783843715539
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR

Jason Brennan erhebt eine provokante Forderung: Die Demokratie soll endlich nach ihren Ergebnissen beurteilt werden. Und die sind keineswegs überzeugend. Demokratie führt oft dazu, dass lautstarke Meinungsmacher den Bürgern ihre fatalen Entscheidungen aufzwingen. Zumal die Mehrheit der Wähler uninformiert ist, grundlegende ökonomische und politische Zusammenhänge nicht begreift, aber dennoch maßgeblich Einfluss auf die Politik ausübt. Der renommierte Philosoph stellt fest: Das Wahlrecht sollte kein universales Menschenrecht sein, sondern nur verantwortungsvollen, informierten Menschen mit politischen Kompetenzen zustehen. Mit Verve und prägnanten Beispielen zeigt er, dass eine gemäßigte Epistokratie – eine Herrschaft der Wissenden – die sinnvollere Regierungsform im 21. Jahrhundert ist.



Jason Brennan, Philosoph, Politologe und Autor mehrerer Bücher, ist Professor für Strategie, Wirtschaft, Ethik und Staatswissenschaft an der Georgetown University. Seine Forschungsschwerpunkte sind Demokratietheorie, Wahlrechtsethik und politische Philosophie.

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KAPITEL 2


UNWISSENDE, IRRATIONALE, SCHLECHT INFORMIERTE NATIONALISTEN

Ein normaler Mensch überquert die Straße erst, wenn er sicher ist, dass ihn kein Auto erfassen kann. Er hat gute Gründe, nach links und rechts zu schauen, und er hat gute Gründe, sich eine vernünftige Vorstellung davon zu machen, ob es sicher ist, auf die andere Seite zu wechseln. Wenn er etwas sieht, das aussieht wie ein heranbrausender Lkw, wird er nicht wagen, mit dem Gedanken zu spielen, dass es nur eine optische Täuschung ist. Denn sollte er sich irren, wäre das sein Tod.

Nehmen wir nun an, derselbe Mensch schickte sich an, seinen Wahlzettel in die Urne zu stecken. Was geschieht, wenn er zum Beispiel einer Verschwörungstheorie aufgesessen ist oder sich im guten Glauben für die falsche Partei entscheidet? Nun, es geschieht nicht viel. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzige Stimme den Ausschlag gibt, ist verschwindend gering. Eine einzelne Stimme für den schlechtesten möglichen Kandidaten führt zum selben Ergebnis wie eine einzelne Stimme für den besten möglichen Kandidaten. Nicht wählen zu gehen, führt zum selben Ergebnis wie die Beteiligung an der Wahl. Eine auf soliden politischen Kenntnissen beruhende Entscheidung eines Wählers führt zum selben Ergebnis wie eine schlecht informierte, falsch informierte oder irrationale Entscheidung. Eine einzelne Stimme, die nach gründlicher Überlegung abgegeben wird, führt zum selben Ergebnis wie eine Stimme, über die ein Münzwurf entschieden hat.

Das Problem ist, dass das für jeden von uns gilt. Die Menschen sind normalerweise gut über die Verkehrsregeln informiert und verhalten sich auf der Straße vernünftig – obwohl ich Ihnen als früherer Schadenssachbearbeiter versichern kann, dass ihr Verhalten keineswegs perfekt ist –, weil Irrationalität im Straßenverkehr bestraft wird.1 Aber wie wir sehen werden, sind die Menschen in politischen Fragen zumeist schlecht informiert und irrational. Ein möglicher Grund dafür ist, dass sich Wissen und Vernunft beim Wählen nicht auszahlen und dass Unwissenheit und Unvernunft nicht bestraft werden.

Wenn wir, das Wahlvolk, nichts von Politik verstehen, wenn wir uns Phantasievorstellungen und Täuschungen hingeben oder die Fakten ignorieren, sterben Menschen. Wir führen unnötige Kriege. Wir halten an falschen Maßnahmen fest, die dafür sorgen, dass Menschen weiter in Armut leben müssen. Das Problem ist, dass wir als Wahlvolk in unserer Gesamtheit nicht entscheiden, ob wir uns über die Politik informieren oder rational darüber urteilen wollen. Stattdessen entscheidet der einzelne Wähler abhängig von seinen individuellen Anreizen.

In diesem Kapitel werden wir uns zunächst mit dem Phänomen der politischen Unwissenheit beschäftigen. Wir werden sehen, wie wenig die meisten Bürger einschließlich der meisten Wähler über Politik wissen. Anschließend werden wir uns mit der Frage beschäftigen, warum sie so wenig wissen. Als Nächstes werde ich einen kurzen Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse der politischen Psychologie geben, die sich mit der Frage befasst, wie die Menschen politische Informationen verarbeiten. Wie sich herausstellt, verarbeiten die meisten Leute diese Informationen voreingenommen und irrational.

In Kapitel 1 habe ich erklärt, dass viele Bürger in Demokratien Hobbits und die übrigen überwiegend Hooligans sind. Die Kennzeichen des Hobbits sind Unwissen und Apathie, während sich der Hooligan durch Voreingenommenheit und Fanatismus auszeichnet. Am Ende dieses Kapitels werde ich erklären, warum wir annehmen dürfen, dass die Bürgerschaft je zur Hälfte aus Hobbits und Hooligans besteht.

WAS DIE BÜRGER NICHT WISSEN


Wenn es um Politik geht, wissen einige Menschen viel, die meisten wissen nichts, und viele wissen weniger als nichts.

Vielleicht wissen Sie aus Schilderungen anderer oder aus eigener Erfahrung bereits, dass Wähler nicht viel wissen. Aber wenn Sie nicht mit den Statistiken vertraut sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie den Wählern zu viel Wissen zugestehen. Würden Sie aufgefordert, schlecht informierte Wähler zu nennen, so kämen Ihnen vermutlich die unwissendsten Personen aus Ihrem Familien- und Bekanntenkreis in den Sinn. Aber da Sie dieses Buch lesen, darf ich annehmen, dass Sie ein Studium abgeschlossen haben oder bald abschließen werden. Selbst wenn Sie kein besonders anspruchsvolles Studium absolviert haben, zählen Sie und Ihre Studienkollegen trotzdem zur intellektuellen Elite Ihres Landes. Sie, Ihre Freunde, Ihre Verwandten und Ihre Bekannten gehören wahrscheinlich in Ihrem Land zu den 10 Prozent der Bürger mit dem höchsten Informationsstand.

In den vierziger und fünfziger Jahren begannen Forscher der Columbia University und der University of Michigan zu erfassen, was die amerikanischen Durchschnittsbürger über Politik wussten und nicht wussten. Die Resultate waren niederschmetternd.

Der Politikwissenschaftler Philip Converse fasst die Erkenntnisse so zusammen: »Die beiden grundlegenden Erkenntnisse über die Verteilung der politischen Information unter den Wählern der Gegenwart sind, dass das durchschnittliche Informationsniveau niedrig und die Varianz hoch ist.«2 Somin, der Autor von Democracy and Political Ignorance, erklärt: »Das Ausmaß der Unwissenheit der meisten Wähler ist für viele, die nicht mit der Forschung vertraut sind, schockierend.«3 In seiner umfassenden Untersuchung der empirischen Literatur zum Wissen von Wählern gelangt Somin zu dem Schluss, dass mindestens 35 Prozent der Wähler »Unwissende« sind.4 (Ich betone hier, dass sich die Zahl nur auf Wähler bezieht, denn nicht alle Bürger gehen wählen, und Personen, die nicht von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, wissen im Normalfall weniger als Personen, die wählen gehen.) Der Politikwissenschaftler Larry Bartels erklärt, dass »das politische Unwissen des amerikanischen Wählers zu den am besten dokumentierten Phänomenen in der zeitgenössischen Politik zählt«.5 Der politische Theoretiker Jeffrey Friedman fügt hinzu: »Die Allgemeinheit ist sehr viel unwissender, als den Gelehrten und Journalisten bewusst ist.«6 Der Politikwissenschaftler John Ferejohn ist ähnlicher Meinung: »Nichts fällt dem Studierenden der öffentlichen Meinung und der Demokratie deutlicher ins Auge als der Mangel an politischen Kenntnissen, den die meisten Menschen an den Tag legen.«7

Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, wie wenig die Wähler wissen. Aber da das bereits andere getan haben, werde ich mich hier darauf beschränken, einige Beispiele aus den Vereinigten Staaten anzuführen:

Die meisten amerikanischen Bürger wissen im Wahljahr nicht, wer in ihrem Wahlbezirk für den Kongress kandidiert.8

Die Mehrheit der Bürger weiß nicht, welche Partei den Kongress (Repräsentantenhaus und Senat) kontrolliert.9

Unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2004 wussten fast 70 Prozent der US-Bürger nicht, dass der Kongress beschlossen hatte, die öffentliche Hand solle im Rahmen der staatlichen Krankenversicherung Medicare die Kosten rezeptpflichtiger Medikamente übernehmen, obwohl dadurch die Ausgaben des Bundeshaushalts deutlich erhöht wurden und obwohl seit dem Beginn von Präsident Lyndon B. Johnsons Krieg gegen die Armut keine derart weitreichende staatliche Leistung mehr eingeführt worden war.10

Bei den Halbzeitwahlen zum Kongress im Jahr 2010 wussten nur 34 Prozent der Wähler, dass das Troubled-Asset-Relief-Programm zur Stabilisierung des Finanzsektors nicht unter Barack Obama, sondern unter George W. Bush beschlossen worden war. Nur 39 Prozent wussten, dass die Verteidigungsausgaben der größte Posten im Bundeshaushalt waren.11

Die Amerikaner überschätzen die staatlichen Ausgaben für die Auslandshilfe deutlich und glauben, das Haushaltsdefizit könne deutlich verringert werden, indem man die Auslandshilfe kürze.12

Im Jahr 1964 wusste nur eine Minderheit der Bürger, dass die Sowjetunion kein Mitglied der NATO war – jenes Bündnisses, das zur Verteidigung gegen die Sowjetunion gegründet worden war.13 Man bedenke, dass diese Umfrage kurze Zeit nach der Kubakrise durchgeführt wurde, die beinahe zu einem (Atom-) Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion geführt hätte.

73 Prozent der Amerikaner wissen nicht, worum es im Kalten Krieg ging.14

Die meisten Amerikaner haben nicht einmal eine ungefähre Vorstellung davon, wie viel Geld die Sozialversicherung kostet oder welcher Anteil des Bundeshaushalts für diesen Posten reserviert ist.15

40 Prozent der Amerikaner wissen nicht, gegen welche Länder die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg kämpften.16

Im Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2000 wusste etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner, dass Al Gore liberaler als George W. Bush war, aber diese Bürger wussten anscheinend nicht, was das Wort liberal bedeutet. 57 Prozent der Bürger wussten, dass sich Gore...

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