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Demokratie und Globalisierung. Analyse einer umstrittenen Beziehung

AutorDennis Giebeler
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl84 Seiten
ISBN9783656948629
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis31,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2015 im Fachbereich Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie, Note: 1,0, Technische Universität Darmstadt (Politikwissenschaft), Sprache: Deutsch, Abstract: Möchte man dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Fukuyama Glauben schenken, nahm die Geschichte 1989 ihr Ende. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung der verhärteten Fronten des Kalten Kriegs konnte sich schließlich ein politischer Systemtyp durchsetzen: Der Kampf zweier konkurrierender Staats- und Gesellschaftsentwürfe fiel deutlich zugunsten demokratischer Prinzipien aus. Sowohl der Faschismus Mitte des 20. Jahrhunderts als auch der Kommunismus erwiesen sich nach Fukuyama als nicht durchsetzungsfähig. Die Entwicklung der darauffolgenden Jahre und Jahrzehnte schien Fukuyama Recht zu geben. Der Demokratie wird ein Siegeszug bescheinigt, der sich bereits bis zu einer 'Dritten Welle' der Demokratisierung ausgeweitet hat. Gestützt wird diese Entwicklung durch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, durch Entwicklungsgelder, Nichtregierungsorganisationen (NROs), Medien und Nationalregierungen. In jüngster Zeit scheint die Demokratieentwicklung enger als je zuvor mit Globalisierungsprozessen verknüpft zu sein. Im Rahmen des Arabischen Frühlings entfalten grenzüberschreitende Kommunikation und Kooperation besonders deutlich ihre Wirkung. Die politischen Umbrüche hin zur Demokratie in vielen arabischen Staaten begrenzen sich längst nicht mehr auf den nationalstaatlichen Rahmen, sondern stehen in Interaktion mit Akteuren weltweit. In starkem Kontrast hierzu stehen Befürchtungen um das Ende der Demokratie. Eine erodierende Steuerbasis, sinkende Wahlbeteiligung, die Ohnmacht politischer Entscheidungsträger angesichts der Komplexität und Unberechenbarkeit der Globalisierung oder die Macht transnationaler Unternehmen werden für eine Krise der Demokratie verantwortlich gemacht. Da sowohl Demokratie als auch Globalisierung von hoher Bedeutung für Gesellschaften und politische Akteure sind, stellt sich die Frage nach deren Beziehung. Grundsätzliches Ziel dieser Arbeit ist es, den hier skizzierten Konflikt der widersprüchlichen Argumente hinsichtlich des Zusammenhangs von Globalisierung und Demokratie näher zu beleuchten. Dazu sollen in den Kapiteln zwei und drei die beiden höchst kontrovers diskutierten Begrifflichkeiten 'Demokratie' und 'Globalisierung' analysiert werden [...]

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Leseprobe

3. Spezifikation des Globalisierungsbegriffs


 

Nachdem der Demokratisierungsbegriff als eine der zwei Komponenten der Fragestellung bearbeitet wurde, soll nun detaillierter auf den Globalisierungsbegriff eingegangen werden. Da sich viele Probleme der wissenschaftlichen Behandlung des Themas analog zu denen des letzten Kapitels bewegen, fallen die folgenden Darstellungen kürzer aus.[90] Zunächst soll der Begriff „Globalisierung“ hinreichend bestimmt werden. Anschließend werden einige der gängigen Operationalisierungsmöglichkeiten aufgezeigt.

 

3.1. Definitionen des Globalisierungsbegriffs


 

Globalisierung scheint allgegenwärtig zu sein. Sie wirkt sich in solch unterschiedlichen Bereichen wie dem Transportwesen, Sport, Kultur, Politik und Wirtschaft aus. Sie führt zu Armut und Reichtum, Offenheit und Verschlossenheit, Veränderung und Stagnation, sowie Zusammenarbeit und Feindseligkeit. Diese Widersprüchlichkeit schlägt sich auch im wissenschaftlichen Verständnis des Begriffes nieder und hinterfragt die Begriffsverwendung.[91] Um die Beantwortung der Fragestellung nicht im Vorhinein in eine bestimmte Richtung zu lenken, greift diese Arbeit auf einen breiten (mehrdimensionalen) Globalisierungsbegriff zurück. Demnach meint Globalisierung „weltweite Verflechtungs-, Austausch- und Abhängigkeitsprozesse“.[92] Je nach Autor, Erkenntnisinteresse und Forschungsdisziplin existieren viele weitere Definitionen, von denen einige repräsentative im Folgenden skizziert werden sollen.

 

Einige Autoren kritisieren die Verwendung des Globalisierungsbegriffs im Allgemeinen. Gründe hierfür sind der inflationäre Gebrauch des Wortes, die historische Relativierung der mit ihm verbundenen Entwicklungen oder Kritik an der Verwendung des Ausdrucks „global“. Schirm verweist beispielsweise darauf, dass nach wie vor ein Großteil von Konsum und Produktion auf nationaler Ebene stattfinden und sich viele grenzübergreifende wirtschaftliche Aktivitäten in OECD-Staaten abspielen. Demnach ist Globalisierung vielmehr als „OECDisierung plus“ zu verstehen.[93] Ein weiterer Kritiker ist Zürn, der es bevorzugt von „gesellschaftlicher Denationalisierung“ zu sprechen und Zweifel am Neuigkeitswert der Globalisierung hegt.[94]

 

Diejenigen Autoren, die die Verwendung des Begriffs oder die Existenz des Phänomens als solchem anerkennen, sind uneins über den Fokus, der auf bestimmte Aspekte gelegt werden sollte. Aufgrund der Datenverfügbarkeit und empirischen Implikationen herrscht dabei ein deutlicher „Auswahlbias“ zugunsten ökonomischer Blickwinkel.[95] Birnbaum etwa sieht Globalisierung als „das Anwachsen der Mobilität des Kapitals, was es ermöglicht, Waren, Ideen und Personen mit geringem Aufwand fortzubewegen“.[96] Schirm versteht darunter den „zunehmende[n] Anteil grenzüberschreitender privatwirtschaftlicher Aktivitäten an der gesamten Wirtschaftsleistung von Ländern“.[97] Beck geht über diese Sichtweise hinaus:

 

„Globalisierung […] meint nicht nur (wirtschaftliche) Internationalisierung, Verdichtung oder transnationale Verflechtungen und Netzwerke. Sie eröffnet viel weitgehender ein sozialräumliches, sozusagen ´dreidimensionales´ Gesellschaftsbild, das nicht lokal, nicht national und nicht territorial fixiert ist“.[98]

 

Weitere Autoren wie Forndran[99] erschließen dagegen besonders die politische Dimension von Globalisierung: „Unter Globalisierung sollen […] nationale Grenzen überschreitende Prozesse verstanden werden, die durch aktives Handeln und/oder passive Betroffenheit weltweit die unterschiedlichsten Akteure und Politikfelder berühren.“ Neben diesen eindimensional orientierten Definitionen bedienen sich einige Autoren breiter Definitionen, die für Pluralität und Multidimensionalität stehen. Held sieht Globalisierung auf diese Weise: „Globalization is neither a singular condition nor a linear process. Rather, it is best thought of as a multi-dimensional phenomenon involving domains of activity and interaction that include the economic, political, technological, military, legal, cultural and environmental“.[100]

 

Da mit diesen Ansichten verschiedener Autoren nur ein Bruchteil der Fülle unterschiedlicher Definitionen angedeutet werden kann, sollen nun einige grundlegende Streitpunkte aufgeführt werden.[101]

 

Erstens beziehen sich Meinungsverschiedenheiten darauf, ob sich Globalisierung historisch bereits früh zeigte (bspw. im Römischen Reich) oder ein neuartiges Phänomen ist. Zweitens entzündet sich Streit an der Frage, wer oder was für dieses Phänomen verantwortlich ist. Hier lassen sich monokausale (reduktive) und multikausale (non-reduktive) Herangehensweisen unterscheiden. Es werden demnach entweder vor allem ein Grund, wie die Kräfte des Marktes, oder mehrere Gründe für das Phänomen der Globalisierung verantwortlich gemacht. Diese Zuschreibung ist auch abhängig davon, ob – drittens – ein weiter[102] oder enger Globalisierungsbegriff zugrunde gelegt wird (s. o.). Viertens herrscht Uneinigkeit über die Steuerbarkeit von Globalisierung. Während die einen ihren Verlauf im Sinne einer stetigen linearen Entwicklung für unvermeidlich halten, sehen andere eine dialektische Entwicklung mit Widersprüchen, Unvorhersehbarkeit und Phasen abnehmender Globalisierung. Dies wirkt sich auch auf einen fünften Streitpunkt aus: Ist Globalisierung wünschenswert und sollte sie gefördert werden? Oder sollten vielmehr die negativen Folgen in den Fokus genommen und vermindert werden? Während in einer ersten Welle der Globalisierungsforschung eine starke Polarisierung zwischen negativen und positiven Sichtweisen auf die Auswirkungen der Globalisierung vorherrschte, ist die Forschung über eine stärkere Empirieorientierung (Welle 2) schließlich zu sektoralen und ländervergleichenden Untersuchungen wohlfahrtsstaatlicher und regulativer Politik gelangt (Welle 3).[103] Grundlage hierfür waren und sind Fortschritte in der Messung von Globalisierung, die im Folgenden dargestellt werden.

 

3.2. Operationalisierung des Globalisierungsbegriffs


 

Die Vielfältigkeit hinter dem Globalisierungsbegriff wirkt sich auch auf den Versuch aus, diesen einer Messung zugänglich zu machen. Neben der Vielfalt der Definitionen werden solche Messungen durch die Datenlage, messtechnische Details und Einschätzungen des Forschers (s. o.) geprägt, was zu sehr unterschiedlichen Messergebnissen führen kann. Dennoch sind solche Messungen sinnvoll, um die Entwicklung von Globalisierung über die Zeit, über Staaten hinweg und über verschiedene Bereiche beschreiben zu können. Auch die Prüfung von Kausalzusammenhängen, beispielsweise durch Regressionsanalysen, wird durch eine numerische Darstellung des Phänomens ermöglicht. Dieses Kapitel soll daher einige Messansätze vorstellen und sich dabei – soweit möglich – an dem zuvor bestimmten weiten Globalisierungsbegriff orientieren. Prägend für diese Ansätze sind in neuerer Zeit vor allem die Arbeiten von Dreher, Gaston und Martens,[104] weshalb auf diese an vielen Stellen zurückgegriffen werden soll.

 

Die Autoren kritisieren, dass viele Analysen zu eng vorgenommen, Variablen ausgelassen werden und somit eine Verzerrung in Kauf genommen wird. Sie vertreten daher die Ansicht, dass in ein Regressionsmodell alle globalisierungsrelevanten Variablen aufgenommen werden sollten, statt sich lediglich der gängigen ökonomischen Variablen zu bedienen. Ein Grund hierfür ist, dass ökonomische Globalisierung von anderen Bereichen beeinflusst wird und umgekehrt. Beispielsweise könnte ökonomische Globalisierung zu erhöhter Ungleichheit führen, während politische Globalisierung sie senkt.[105] Daneben spielen der internationale Waren- und Dienstleistungsverkehr, neue Kommunikationstechnologien, globale Medien, die weltweite Bewegung von Kapital, Informationen und Menschen, neue Institutionen, internationaler kultureller Austausch, Migration und viele weitere Themen eine Rolle. Die Autoren versuchen diese vielfältigen Themenbereiche über ihren KOF[106] Index zugänglich zu machen und definieren Globalisierung entsprechend breit. Sie betonen dabei, dass Globalisierung zur Schaffung von Netzwerken und Verknüpfungen zwischen Akteuren über Kontinente hinweg beiträgt, von Strömen (bspw. von Informationen und Gütern) geprägt ist und entgrenzend oder integrierend wirkt.[107]

 

Nach den Autoren wirkt sich diese Entwicklung in ökonomischer, sozialer und politischer Weise aus. Dementsprechend bilden sie drei Subindizes, die zu einem Gesamtglobalisierungsindex mit Werten von 1 (minimales Maß an Globalisierung) bis 100 (maximales Maß an Globalisierung) aggregiert werden können. Diese Subindizes wiederum setzen sich aus einer Reihe gewichteter Variablen zusammen. So fließen in den Index der ökonomischen Globalisierung beispielsweise ausländische Direktinvestitionen, Handelsströme und Zölle ein. Soziale Globalisierung umfasst persönliche Kontakte (z. B. telefonisch), Informationsströme (u. a....

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