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Den Sport gestalten: Carl Diems Leben (1882-1962). Band 4: Bundesrepublik

AutorFrank Becker
VerlagUVRR Universitätsverlag Rhein-Ruhr
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl251 Seiten
ISBN9783940251770
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,00 EUR
Den Sport gestalten – das war die Lebensaufgabe, die Carl Diem sich stellte. Als aktiver Sportler und Sportjournalist, als Funktionär und Organisator, als Pädagoge und Wissenschaftler begleitete er den deutschen Sport von seinen Anfängen vor dem Ersten Weltkrieg bis zu jener Kulturbedeutung, die er auch in der Gegenwart noch besitzt.

In Diems Leben, das mit dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und den Anfangsjahren der Bundesrepublik vier ganz unterschiedliche Phasen deutscher Geschichte durchlief, spiegeln sich die entscheidenden Etappen der Sportentwicklung in diesem Land. Aber auch der internationale Sport kommt in den Blick, dem Diem durch die Olympische Bewegung und vielfältige Aktivitäten im Ausland verbunden war.

Ein besonderes Augenmerk widmet diese erste wissenschaftliche, vierbändige Biografie über den ‚Vater des deutschen Sports’ der Frage, wie das Verhalten Diems in der NS-Zeit zu erklären und zu beurteilen ist.

„In der Vergangenheit sind Diems Person und Verhalten in der Hitze der (geschichts-) politischen Auseinandersetzungen oft in sehr polemischer Weise charakterisiert worden. Die zugespitzte These wurde dabei manches Mal wichtiger genommen als der konkrete Beleg. Dagegen will die vorliegende Arbeit der Maxime folgen, auf Pointierung und Spekulation zu verzichten, das heißt möglichst sach- und quellennah vorzugehen.“ (Band 3, Vorwort, S. 7)

Der Autor

Frank Becker ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster. Er hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts verfasst. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt er u. a. 2000 den Werner-Hahlweg-Preis und 2002 den Nachwuchs-Forschungspreis der Universität Münster.

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Leseprobe

1. Nach dem Zusammenbruch (S. 13-14)

Als Bürger der Hauptstadt erlebte Diem den Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ mit besonderer Wucht. War Berlin schon in den Jahren zuvor immer wieder Ziel verheerender Luftangriffe gewesen, so brachten die Kämpfe, die der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee vorangingen, weitere Verwüstungen. Wer die Kampfhandlungen überlebte, sah sich nach der Kapitulation mit marodierenden Sowjetsoldaten und einer desolaten Versorgungslage konfrontiert. Das Fehlen von Nahrungsmitteln, Medikamenten und oft auch von fließendem Wasser wirkte sich in der Millionenstadt noch gravierender aus als in anderen Teilen Deutschlands. Was der deutschen Bevölkerung 1918 erspart geblieben war: die vollständige Eroberung und Besetzung des Landes, fand 1945 mit allen Begleiterscheinungen statt, die ein ‚totaler Krieg‘ in der Mitte des 20. Jahrhunderts heraufzuführen vermochte.

Für Diem bestand eine besondere Härte noch darin, von einem Teil seiner Familie getrennt zu sein. Ruth von Rütz, die Erzieherin, war mit den beiden jüngeren Kindern von Ankershagen aus nach Westen geflohen. Weil jeglicher Telefon- oder Briefverkehr daniederlag, war es den Eltern lange Zeit nicht möglich, den Verbleib von Carl-Jürgen und Karin zu klären.1 So bestimmte der Kampf um das eigene Überleben und um das Wohl der beiden älteren Töchter im Frühjahr und Sommer 1945 den Alltag der Eheleute. Sie machten ähnliche Erfahrungen wie zahllose Menschen im östlichen Teil Deutschlands in diesem Zeitraum. An die Seite von Hunger, mangelnder Hygiene und Krankheit trat bei den Frauen und Mädchen die Angst vor der Vergewaltigung: Sowjetische Soldaten drangen in die Häuser ein, um nach potenziellen Opfern zu suchen, wer sich auf die Straße wagte, um lebensnotwendige Besorgungen zu machen, war stets in Gefahr, angegriffen zu werden.

Die Diems behalfen sich mit den üblichen Tricks: Liselott grimassierte wie eine Schwachsinnige, wenn Rotarmisten sie ins Visier nahmen, oder verblüffte diese durch ihr beherztes Auftreten2, der dreizehnjährigen Irminhilt wurde eine Puppe in den Arm gedrückt, um sie jünger erscheinen zu lassen, und Gudrun, vierzehn Jahre alt, gab man durch Kurzhaarschnitt und Hosen das Aussehen eines Jungen.3 So blieb den weiblichen Angehörigen der Familie Diem das Schlimmste erspart. Das Haus am Falterweg, das im Krieg zwar mehrfach beschädigt, aber nicht zerstört worden war, bot der Familie immerhin ein Dach über dem Kopf, auch wenn Einquartierungen von Ausgebombten dafür sorgten, dass sich viele Menschen auf engstem Raum zusammendrängten.

Vorübergehend mussten die Eigentümer das Haus sogar verlassen, um es für die Besatzer freizugeben, nach kurzer Zeit stellte sich aber schon heraus, dass dies nur eine Finte der Sowjetsoldaten war, die in Ruhe plündern wollten.5 Einen gewissen Bonus brachte Diem nach eigenem Bekunden bei den Rotarmisten ein, dass er durch die Bibliothek in seinem Haus und die Sportgeräte im Garten als ‚Professor für Physicultura‘ identifiziert wurde.6 Zu Diems privater Bibliothek gesellten sich im Übrigen bald noch die Bestände aus der vormaligen Hochschule für Leibesübungen, bevor die Gebäude für eine Truppenbelegung frei geräumt wurden, erhielt Diem die Erlaubnis, alle Bücher zu entnehmen, die ihm gehörten. Mit der Schubkarre schaffte er sie in endlosen Wanderungen von Charlottenburg in den Eichkamp.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort8
Vorwort zu Band IV12
1. Nach dem Zusammenbruch14
2. Neuanfang im Westen: Die Gründung der Sporthochschule Köln36
3. Die Sportverwaltung der Bundesrepublik entsteht82
4. Die Fünfzigerjahre – Idealismus in der pädagogischen Provinz124
5. Die Internationale Olympische Akademie174
6. Ausklang204
7. Quellen- und Literaturverzeichnis228

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