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E-Book

Auf den Spuren Dschingis Khans

Drei Jahre zu Pferd von Asien nach Europa

AutorTim Cope
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl384 Seiten
ISBN9783492973014
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Eine Reise von außergewöhnlichen Dimensionen: Der australische Abenteurer Tim Cope durchreitet drei Jahre lang das einstige Reich des legendären Mongolenherrschers. Er durchquert glühend heiße Wüsten und hart gefrorene Steppen, überwindet schroffe Gebirgsketten und sturmgepeitschte Ebenen. Man stielt ihm die Pferde und entführt seinen Hund - den er mit Eiern und Wodka wiederbelebt. Doch vor allem nimmt man ihn auf in Jurten und Lehmhütten, als wäre er selbst ein mongolischer Nomade, dem die Gastfreundschaft seines Volkes gebührt. Ein großes Abenteuer-Epos, das uns eintauchen lässt ins jahrhundertealte Leben im Rhythmus der asiatischen Wildnis.

Tim Cope, geboren 1978 im australischen Gippsland, Victoria, ist Reisender aus Leidenschaft. Über seinen Ritt auf den Spuren Dschingis Khans entstand eine sechsteilige Reisedokumentation, die auf den legendären Bergfilmfestivals von Banff, Vancouver und Graz ausgezeichnet wurde. Cope ist Fellow der Royal Geographical Society.

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Leseprobe

MONGOLEI

Mongolische Träume

Zehn Minuten zuvor hatten wir uns noch über unsere Sättel gebeugt und uns gegen den peitschenden Regen und Hagel gestemmt, jetzt war die Nachmittagssonne zurückgekehrt, und der Wind war eingeschlafen. Ich schob die Kapuze meiner Jacke zurück und nahm nach und nach wieder Geräusche und Klänge wahr, die der Sturm übertönt hatte. Ganz in der Nähe hörte ich das Rasseln von Zaumzeug, als mein Packpferd eine Fliege abschüttelte. Um uns herum hallten die schrillen Lieder unsichtbarer Vögel. Meine nassen Lederüberhosen wurden langsam wärmer, und der Geschmack von getrocknetem Quark, bekannt als aaruul, wurde bitter in meinem Mund. Vor mir saß meine Freundin Kathrin erstaunlich ruhig auf ihrem kleinen kastanienbraunen Wallach. Unter mir schaukelte mein Sattel – während sich die Hufe meines Pferdes in den weichen Untergrund pressten – in einem Rhythmus so gleichmäßig wie ein Herzschlag.

In einem so offenen und weiten Land wie der Mongolei brauchte es, wie mir zunehmend bewusst wurde, nur wenig, um meine Aufmerksamkeit von dem, was mich umgab, auf die Ferne zu lenken. Kaum drehte ich mich in meinem Sattel ein kleines bisschen, schon richtete sich mein Blick auf die Regenwolken, die uns noch Minuten zuvor durchweicht hatten, jetzt aber über das Land links von uns segelten. Vom Wind wie ein riesiger Spinnaker aufgeblasen, überquerten sie die Ebene, um die wir herumritten, und zogen weiter zu entfernten Hochländern, wobei sie flüchtig die Erde befleckten und en passant Nomadenlager vernichteten.

In meiner Kindheit hatte ich oft Wolken wie diese beobachtet und sie um die Freiheit beneidet, mit der sie umherziehen konnten. Hier jedoch war das Land so endlos weit wie der Himmel. Über den makellosen grünen Teppich früher Sommergräser waren zahllose Pferde-, Schaf- und Ziegenherden verstreut, die sich wie Wolkenschatten bewegten und veränderten. Für die Nomaden, die sie hüteten, schien kein Ort tabu zu sein. Ihre weißen, als gers bekannten Jurten standen auf Anhöhen, an leise rauschenden Flüssen und in den Spalten entfernter Hänge. Reiter trieben ihre Herden voran, durchquerten offenes Gelände und liefen in ihren Lagern umher. Kein einziger Baum, kein Strauch, kein Zaun, keine Straße war zu sehen, und die höchsten Gipfel in der Ferne wirkten wie geschleift, was den Eindruck einer Welt ohne Grenzen noch verstärkte.

Als ich die Zügel umklammerte und den Blick wieder auf die frisch geschnittene Mähne meines Reitpferdes Bor richtete, wanderten meine Gedanken hin und her zwischen dieser überschaubaren Realität und den Herausforderungen einer komplexeren Welt, die immer mehr in den Hintergrund trat.

In den vergangenen zwölf Monaten hatte ich mich in meiner Wohnung im dritten Stock mit Blick über die Vororte von Melbourne, Australien, auf diese Reise vorbereitet. Theoretisch schien es kein großes Problem zu sein, zu Pferd die Eurasische Steppe zu durchqueren und dabei von der Mongolei bis nach Ungarn 9600 Kilometer zurückzulegen – unabhängig von der motorisierten Welt und von Straßen könnte ich ungehindert umherziehen und würde als Treibstoff einzig Gras und Wasser brauchen. Einer meiner Freunde hatte mir sogar gesagt: »Steig auf dein Pferd, richte es nach Westen, und wenn die Leute anfangen, Französisch zu sprechen, dann weißt du, dass du zu weit geritten bist.«

In Wirklichkeit gab es viele Dinge, die ich planen musste. Ich wusste zum Beispiel, dass es – um Visa zu bekommen und mit Tieren Grenzen zu überqueren – bürokratische Hürden zu überwinden galt und dass die richtige Ausrüstung darüber entscheiden könnte, ob meine Reise 200 oder nur zwei Tage dauern würde. Zu Beginn meiner Planungen begriff ich noch nicht, welch gewaltige Reise ich mir vorgenommen hatte. Meine Erfahrung als Reiter bestand darin, dass ich zwei Jahrzehnte zuvor im Alter von sieben Jahren zehn Minuten auf dem Rücken eines Pferdes gesessen hatte. Damals hatte das Pferd mich abgeworfen, und ich war mit einem gebrochenen Arm im Krankenhaus gelandet. Ich hatte noch immer große Angst vor diesen kraftvollen Geschöpfen und konnte mir nicht wirklich vorstellen, jemals ein passabler Reiter zu werden – ein Gefühl, das meine Mutter Anne teilte, die ein bisschen verwirrt war, als ich die Idee meiner Reise zum ersten Mal erwähnte.

Trotz aller Unsicherheiten hatte ich meine Planung vorangetrieben und fühlte mich im Frühjahr 2004 relativ gut vorbereitet. Unter der Führung des Gründers der Long Riders’ Guild, CuChullaine O’Reilly, hatte ich die Regeln des Reisens mit Pferden studiert und sorgfältig meine Ausrüstung zusammengestellt. Ich hatte auch den Kontakt mit Botschaften, Visaagenturen und Menschen hergestellt, die mir ihre Hilfe vor Ort versprochen hatten.

Doch nicht alle Vorbereitungen waren nach Plan verlaufen. So war es mir nicht gelungen, genügend Geld für mein Zielbudget von zehn Dollar pro Tag aufzutreiben (für eine Reise, für die ich achtzehn Monate veranschlagte), und die Zusicherungen, dass ich Dauervisa erhalten würde, waren im besten Fall vage. Außerdem hatte ich seit Beginn meiner Planungen nicht so viel Reiterfahrung gesammelt wie erhofft. Abgesehen von jenem lang zurückliegenden verhängnisvollen Ritt hatte ich – dank der Familie Baird, die so freundlich war, den nervösen Novizen mitzunehmen – an einem fünftägigen Packpferde-Trip durch die Australischen Alpen im Südosten Australiens und einem dreitägigen Crashkurs mit Pferdetrainern und einem Fachtierarzt für Pferde in Western Australia teilgenommen. Zugleich war ich überzeugt, dass angesichts der unvorstellbaren Schwierigkeiten der vor mir liegenden Reise nicht einmal weitere vierzig Jahre des Planens ausreichen würden. Außerdem: Welche besseren Lehrer könnte ich wohl haben als die Nomaden der Steppe, zu denen ich mich bald gesellen würde?

Als ich meine Flugtickets gebucht und meine Wohnung gekündigt hatte, gab es kein Zurück mehr. Das mir bekannte Leben fiel auseinander, und mir blieb nur noch, mich von meiner Familie zu verabschieden. Nachdem ich von Jon, einem meiner Brüder, Abschied genommen hatte, ließ ich mich, gegen die Wand in meiner leeren Wohnung gelehnt, zu Boden gleiten und weinte. Als das älteste von vier einander sehr nahestehenden Geschwistern zu einer so langen Reise aufzubrechen, fühlte sich an, als würde ich Bindungen durchtrennen, und der Gedanke, wie sehr wir uns voneinander entfremden könnten, machte mir Angst. Schließlich stand ich auf dem Flughafen von Melbourne. Meine Mutter umarmte mich, und je länger ich in ihren Armen verweilte, desto deutlicher wurde mir, dass ich als Sohn etwas tat, das an Verantwortungslosigkeit grenzte.

Nachdem ich in Peking gelandet und von dort mit dem Zug nach Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei, gefahren war, hatte ich ein paar Wochen damit verbracht, das mongolische Außenministerium davon zu überzeugen, mir eine Visaverlängerung zu gewähren, was mir beinahe misslungen wäre. Außerdem beschaffte ich mir zusätzliche Ausrüstungsgegenstände und suchte nach den Pferden, die mein Transportmittel, meine Lastenträger und meine Reisebegleiter sein würden.

Ein junger, Englisch sprechender Mongole namens Gansukh Baatarsuren hatte mich zum Haus einer Nomadenfamilie rund 290 Kilometer südwestlich von Ulan-Bator gebracht, wo er mir »Heldenpferde« zu finden versprach. Die Sache erwies sich als schwierig. Im Allgemeinen waren die Nomaden der – in meinem Fall berechtigten – Überzeugung, dass Weiße nicht reiten konnten, und als sie herausfanden, dass der potenzielle Käufer ein Ausländer war, zogen mehrere von ihnen frühere Verkaufsangebote zurück. Niemand wollte dafür verantwortlich sein, einen Ausländer wie mich einer Gefahr auszusetzen, ganz zu schweigen eine schlechte Behandlung seiner wertvollen Pferde zu riskieren.

Schließlich war mir ein Zufall zu Hilfe gekommen – es hatte eine Parlamentswahl gegeben, für die Nomaden eine Gelegenheit, um von allen Ecken und Enden der Steppe herbeizureiten und unter Leute zu kommen. Gansukh war zu einem Wahllokal gegangen und hatte kundgetan, dass er drei gute Pferde suche. Am nächsten Tag verhandelte er, während ich mich in einer Jurte versteckte, in meinem Namen mit Verkäufern. Auf diese Weise gelang es mir, zwei Wallache zu kaufen. Den dritten erstand ich von einer Nomadenfamilie, bei der wir wohnten.

Vor nur sechs Tagen war ich mit meiner kleinen Karawane aufgebrochen und hatte, weitgehend zu Fuß, die erste unsichere Etappe zurückgelegt. Und ich hatte mich mit Kathrin getroffen, die mich in den ersten zwei Monaten meiner Reise begleiten wollte.

Als ich jetzt wieder hochschaute und zwischen den Ohren meines Pferdes hindurch die Steppe betrachtete, spürte ich, wie die Steifheit in meinen Gliedern nachließ. Vielleicht war dies lediglich der Wirkung der airag zu verdanken – fermentierter Stutenmilch, von der Nomaden Kathrin und mir beim Mittagessen eine ganze Schüssel serviert hatten –, doch zum ersten Mal, seit ich in einen Sattel gestiegen war, überkam mich ein Gefühl der Leichtigkeit. Die Zügel in der Hand, den Kompass eingestellt und den Rucksack umgeschnallt, dachte ich nur eins: dass vor mir bis zur Donau 9600 Kilometer dieses offenen Landes lagen und dass jenseits dieses weiten Horizonts keine Menschenseele wusste, dass ich kam.

Als die Sonne sich dem Horizont näherte und die Hitze nachließ, tränkte ich die Pferde und wählte einen Lagerplatz auf halber Höhe eines Hangs mit Blick über das Land, durch das wir geritten waren. Anschließend legte ich den Pferden Fußfesseln an und kettete sie in der Nähe des Zeltes...

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