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E-Book

Depression

Wissen, was stimmt

AutorDaniel Hell
VerlagVerlag Herder GmbH
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783451807206
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Wird man eine Depression vollständig wieder los? Welche Rolle spielt die Vererbung? Ist Burnout die Vorstufe einer Depression? Die Krankheit hat viele Gesichter; die Informationen über sie sind oft widersprüchlich. Daniel Hell stellt klar, was stimmt - über Ursachen, Verlauf, Therapie und Prophylaxe.

Daniel Hell, Professor für Klinische Psychiatrie und Klinikdirektor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Bei Herder erschien von ihm u.a. 'Aufschwung für die Seele. Wege innerer Befreiung'.

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Leseprobe

2. Das Erscheinungsbild


»Depression ist Traurigkeit«


Der Gefühlsverlust in der Depression


Traurigkeit ist ein Grundgefühl, das alle Menschen kennen. Traurigkeit tritt auf, wenn einem Menschen etwas Wichtiges verloren geht. Das kann bei Kindern schon ein Luftballon oder ein Teddybär sein, bei Erwachsenen ein lieber Mensch, eine berufliche Stellung oder eine Idealvorstellung. Traurigkeit bindet. Sie löst bei andern Mitgefühl und Unterstützung aus. Der traurige Ausdruck oder das ergreifende Weinen ist Hinweis dafür, dass jemand Trost und Hilfe braucht.

Tränen sind Zeichen des Lebens. Traurig zu sein setzt Lebenskraft voraus. Wer so erschöpft und bedrückt ist, dass ihm die Vitalität abhandengekommen ist, kann kaum mehr intensivere Traurigkeit empfinden. Seine Tränen stocken. Seine Mimik erstarrt. Die bindende Botschaft der Traurigkeit geht verloren und verkehrt sich in ihr Gegenteil. Der ermattete Mensch mit eingefrorener Mimik wirkt abgewandt, in sich gekehrt, ja mitunter abweisend.

So wirken auch depressive Menschen, die den Lebensmut verloren haben, auf andere Menschen. Sie erscheinen schwer erreichbar, wie abgekapselt trotz Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Wie kommt es denn dazu, dass die depressive Stimmung so oft mit Traurigkeit verwechselt wird? Dem liegt eine längere Geschichte zugrunde, die hier nur verkürzt dargestellt werden soll.

In der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde der Begriff »Depression« vor allem in Zusammenhang mit der manisch-depressiven Erkrankung gebracht, einer relativ seltenen Störung, bei der betriebsame und euphorische (sog. manische) Zeiten mit schwereren depressiven Phasen abwechseln: Weil die Stimmung episodisch zwischen manisch und depressiv schwankt, nennt man diese Erkrankung heute bipolar affektive Störung. Daneben gab es auch den Ausdruck »depressive Neurose«, worunter Verstimmungen infolge innerer Konflikte verstanden wurden. Als eigenständiger Krankheitsbegriff wurde »Depression« aber zunächst selten gebraucht, am ehesten noch als reaktive Depression bei leichteren depressiven Verstimmungen, die als Begleiterscheinung psychischer und körperlicher Belastungen auftraten. Erst im letzten Drittel des 20. Jh. wurde Depression vermehrt zu einer selbstständigen Krankheitskategorie. Zuerst wurden rein depressive Verläufe von der manisch-depressiven Erkrankung abgegrenzt, also Erkrankungsformen, die revidierend depressiv ohne Manien verlaufen. Dann wurden auch einmalige depressive Episoden, die keine Rückfälle zeigten, als eigenständige Erkrankungen diagnostiziert. Schließlich kamen noch weitere Depressionsverläufe (wie z. B. saisonale Depressionen) hinzu, sodass sich die Depressionsdiagnostik stark ausweitete und verselbstständigte. Dieser Trend verstärkte sich am Ende des 20. Jh. noch durch eine umfassende Reform der diagnostischen Kriterien in der Psychiatrie.

Wurden bis dahin Depressionen nach ihren Ursachen diagnostiziert, also beispielsweise als endogener Prozess wie die manisch-depressive Krankheit oder als neurotischer (bzw. konflikthafter) Prozess wie die depressive Neurose eingeschätzt, so basiert die neue Diagnostik statt auf Ursachen hauptsächlich auf Symptomen wie Bedrücktheit, Interesse- und Freudeverlust oder Antriebsmangel. Damit wurden die früheren Diagnosen »endogene Depression« und »depressive Neurose« hinfällig. Statt dessen diagnostiziert man »depressive Episoden« oder »Dysthymien« als Ausdruck eines bestimmten Symptombildes. Diese symptomorientierte Diagnostik, welche die WHO 1992 in ihrem Diagnosemanual ICD 10 von den Amerikanern übernahm, weitete die Depressionsdiagnostik noch einmal aus. Die Depressionskriterien boten nun auch Platz für freudlose und antriebsarme Missstimmungen, die man zuvor lediglich als unspezifische Begleiterscheinungen psychosozialer oder körperlicher Probleme verstanden hatte. Die Depression wurde zu einer alltäglichen verbreiteten Störung.

Aus diesem historischen Zusammenhang heraus ist es verständlich, dass Traurigkeit und Angst als diejenigen Emotionen, die im Alltag unter Belastung am häufigsten auftreten, mit »Depression« in Zusammenhang gebracht wurden. Depression wurde immer häufiger als eine besonders schwere Form der Traurigkeit verstanden.

Im krassen Gegensatz zu dieser Auffassung steht die eingangs dargestellte alte ärztliche Erfahrung, dass Menschen mit besonders schwerem Stimmungstief nur noch selten in der Lage sind zu weinen. Für viele Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – über lange Wochen ein schweres Gemütstief durchmachen, ist es deshalb eine Erlösung, wenn sie wieder in Tränen ausbrechen können.

Zwar gibt es von dieser Regel Ausnahmen. Die Grundbefindlichkeit depressiver Menschen ist aber nicht Traurigkeit, sondern Bedrücktheit und Niedergeschlagenheit. Auch wenn der depressiven Schwere und Freudlosigkeit immer wieder traurige Elemente beigemischt sind, so ist diese verbliebene Emotionalität nicht Ausdruck der Störung, sondern Überrest gesunder Aktivität – gleichsam eine Art Gemütsinsel im depressiven Vakuum. Es gilt, sie nicht zu bekämpfen, sondern als vitales Zeichen eher zu schützen.

Schwer depressive Menschen fühlen sich oft dem Tode näher als dem Leben. Ihre Lebensdynamik ist wie angehalten. Sie erleben ihre Gefühle gedämpft oder wie abgestorben, auch wenn sie innerlich quälend unruhig sein mögen.

Diese Herabgestimmtheit des Erlebens und die Empfindung, keinen Elan bzw. keinen Antrieb zu haben, nimmt die heute geltende Krankheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf, um depressive Episoden in drei Leitsymptomen zu definieren (vgl. Abb. 1). An erster Stelle steht die depressive oder gedrückte Stimmung, wie sich auch das Wort Depression vom lateinischen Begriff »deprimere« – niederdrücken – ableitet. Als Zweites kommen Interesseverlust bzw. Freudlosigkeit hinzu, als Drittes Antriebsverminderung bzw. erhöhte Ermüdbarkeit.

Abb. 1: Diagnostische Leitlinien der depressiven Episode (nach WHO) Leitsymptome:

  1. Depressive Stimmung: die meiste Zeit des Tages, fast jeden Tag, mindestens während zwei Wochen
  2. Verlust von Interesse und Freude
  3. Verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit

Zusatzsymptome:

  1. Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
  2. Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  3. Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit (Selbstvorwürfe)
  4. Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  5. Suizidgedanken, suizidales Verhalten, erfolgte Selbstverletzung
  6. Schlafstörungen
  7. Verminderter Appetit

Der Kern der depressiven Episode ist also viel stärker durch ein kummervolles Innehalten charakterisiert als durch ergreifende und bewegende Traurigkeit. Auch die weiteren (z. T. fakultativen) Symptome, die nach der WHO das Krankheitsbild abrunden, verstärken den Eindruck von Aktivitätsverlust und Kümmernis (vgl. Abb. 1). Es sind: vermindertes Selbstvertrauen, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit sowie pessimistische Zukunftsperspektiven. Diese Zusatzsymptome tragen dazu bei, dass die Motivation zu handeln im depressiven Zustand weiter sinkt. Auch Schlaf- und Appetitstörungen vergrößern die Antriebsschwäche und Erschöpfung.

Das Vollbild depressiver Bedrücktheit führt zu Lebensüberdruss und Hoffnungslosigkeit. Todeswünsche und Suizidgedanken können die Folgen sein. Sie machen deutlich, dass schwere Depressionen keineswegs harmlos sind. Bis zu 15 Prozent der schwer erkrankten (und meist mehrfach hospitalisierten) depressiven Menschen nehmen sich das Leben. Bei leichteren, ambulant behandelten Depressionskranken ist der Prozentsatz allerdings viel geringer (vgl. dazu den Abschnitt »Depressionen sind tödlich«).

Eigentliches depressives Leiden verändert in tiefgehender Weise den ganzen Menschen: die Gefühle, das Denken und Verhalten sowie die körperlichen Funktionen bis hin zum Stoffwechsel. Die Fähigkeit zum Erleben von Freude erlischt, das Denken wird kreisend, grüblerisch und selbstanklagend. Zahlreiche Betroffene leiden trotz Erschöpfung unter einer permanenten, qualvollen inneren Erregung mit der Unfähigkeit, sich zu entspannen. Unter Umständen treten Wahngedanken oder Sinnestäuschungen – sog. psychotische Symptome – hinzu. Solche schwerst depressiven Menschen sind z.B. der festen Überzeugung zu verarmen, innerlich abzusterben, am Unglück der Welt schuld zu sein, oder sie vernehmen Stimmen, die ihnen ihre angebliche Wertlosigkeit einreden. Diese Schwerkranken bilden aber nur eine kleine Untergruppe in der Gesamtheit depressiver Menschen. Sie stellen die Ausnahme dar, an denen sich das depressive Geschehen besonders deutlich manifestiert.

Bei den meisten depressiven Menschen sind die geschilderten Symptome weniger stark ausgeprägt. Konsequenterweise ist ihr Krankheitsbild auch nicht so auffällig. Das heißt aber nicht, dass sie am depressiven Ausgebremstwerden nicht leiden. Auch leichtere und mittelschwere Krankheitsformen können einen Menschen unsäglich quälen, insbesondere, wenn die Betroffenen sich keine längere Pause leisten können (etwa Mütter mit kleinen Kindern) oder sich aus Pflichtbewusstsein oder Idealvorstellungen gegen die depressive Blockade erfolglos zur Wehr setzen.

Das Leiden eines Menschen ist nicht nur von der Depressionstiefe abhängig. Auch Lebenssituationen und persönliche Einstellungen spielen eine Rolle. In keinem Fall darf aber depressive Not heruntergespielt werden. So entspricht es ärztlicher Erfahrung,...

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