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Der Bibelraucher

Die knallharte Lebensgeschichte eines Ex-Knackis

AutorWilhelm Buntz
VerlagSCM Hänssler im SCM-Verlag
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783775174145
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Als Jugendlicher fährt er einen Mann tot. Jugendarrest, Gerichtssaal, Bewährung - der gewohnte Lebensrhythmus von Wilhelm Buntz. 1983: In einer Zelle greift Buntz zur Bibel. Er liest eine Seite, reißt sie heraus, rollt sich eine Kippe. So qualmt er sich bis zum Neuen Testament. Da packt ihn der Text. Gott sagt: 'Ich bin treu wie ein liebender Vater.' Ist das möglich? Noch im Knast gibt Buntz diesem Gott eine Chance und merkt schnell: Das Leben mit Gott ist auch knallhart. Knallhart voller Wunder.

Wilhelm Buntz arbeitete bis zur Rente im Oktober 2017 im Blindenheim in Freiburg in der sozialen Betreuung. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Seit Jahren predigt er in Gottesdiensten und bei Veranstaltungen. Mit einem besonderen Herz für junge Menschen lebt er nach dem Motto: 'Wir müssen die Hölle plündern und den Himmel bevölkern.'

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Leseprobe

Bruchsal, 1984


Die Klappe krachte herunter – Holz auf Holz. Es war geschehen. Unumkehrbar. Der Brief, den ich soeben eingeworfen hatte, fiel im Inneren des Briefkastens eine gefühlte Ewigkeit. Und als er dann mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlug, nunmehr ohne jede Chance für mich, ihn auf seiner Reise noch aufzuhalten, da war ich sicher: Ich hatte den größten Fehler meines Lebens gemacht.

Denn der Briefkasten stand – genau wie ich – mitten in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal, hinter hohen Mauern und schwer bewachten Toren. Sobald der Kasten geleert würde, wäre mein Brief auf dem Weg zum Staatsanwalt. Ich war nach vierzehn Jahren Knast meinem Entlassungstermin zum Greifen nah – und doch hatte ich gerade dem Staatsanwalt in säuberlicher Handschrift dargelegt, warum ich eigentlich noch zwanzig Jahre länger sitzen müsste: »Sie können sich sicherlich an mich erinnern«, hatte ich begonnen und war mir sicher: Das tat er. 148 Straftaten hatte ich begangen. Ein Marathonprozess. Von hundert war ich am Ende aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. »Doch ich muss bekennen: Auch bei diesen hundert bin ich schuldig im Sinne der Anklage«, hatte ich geschrieben. Die Worte hallten in meinem Kopf nach. Ich fühlte mich so elend.

Aber ich hatte es tun müssen. Mein neues Leben hatte es von mir verlangt. Zum ersten Mal in meiner bis dahin erbärmlichen Existenz wollte ich wirklich ehrlich sein. Das durchzuziehen, war für mich genauso schrecklich wie es mir guttat. Das sollte ich jedoch erst sechs Wochen später spüren. Die Tage bis dahin waren eine Achterbahnfahrt zwischen Entschlossenheit und Verzweiflung.

Mein Name ist Wilhelm Buntz. Willkommen in meinem Leben!

Ich habe viel Böses getan, manches Dumme, eine Menge Waghalsiges und in meinen späteren Jahren vielleicht auch einiges Gutes. Vor allem aber hat jemand anderes etwas in meinem Leben getan: Gott.

Wer mich heute trifft, der erkennt höchstens noch an meinen Tattoos, dass ich nicht immer der nette Nachbar von nebenan war: 148 sind es, für jede Straftat eines. Doch dieser Wandel ist kaum meine eigene Leistung. Es war die Liebe Gottes, die mich so radikal veränderte: vom zweifachen Mörder mit übelster Kindheit und waschechter Ganovenkarriere hin zu einem, der keiner Fliege etwas zuleide tut.

Der Brief an den Staatsanwalt war eine erste waghalsige Folge dieses Wandels. Denn kurz davor noch hatte ich die Bibel – die Worte dieses Gottes – in der Arrestzelle Seite für Seite zu Zigarettenpapier verarbeitet. In die Arrestzelle kommt man, wenn man als Insasse gegen die Gefängnisregeln verstößt, zum Beispiel sich mit anderen Gefangenen prügelt, beim Dealen erwischt wird oder einen Wärter mit Essen bewirft. All das und viel mehr hatte ich immer wieder getan.

In so einer Arrestzelle gibt es ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, ein Klo – und unendliche Einsamkeit. Es gibt keinen Hofgang, keinen Kontakt mit anderen Gefangenen, keine Arbeit, nichts, was Abwechslung bringen könnte. Gähnende Langeweile. Der einzige Gegenstand, den man mitnehmen darf, ist eine Bibel. Wie gut, dass Bibelseiten so dünn sind. Sie eignen sich hervorragend dafür, Zigarettenpapier daraus zu drehen, um den in den Socken eingeschmuggelten Tabak zu genießen.

Ich war oft in der Arrestzelle – sehr oft. Und entsprechend viel Zeit verbrachte ich mit dem Wort Gottes – wenn auch auf etwas unkonventionelle Art und Weise. Und als sich dann mein Leben verändert hatte – wie, dazu kommen wir noch –, wollte ich den Worten dieses Gottes so genau gehorchen, dass ich meine Schuld, für die es keine Beweise gab, dem Staatsanwalt beichtete. Ich hatte den Brief abschicken müssen. Und trotzdem fühlte ich mich wie der dümmste Häftling aller Zeiten.

Um wirklich zu verstehen, wie ich in diese Situation in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal vor diesem Briefkasten kam, muss ich ein wenig ausholen. Am besten gehen wir ganz an den Anfang. Denn mein Leben hatte von Beginn an keine guten Vorzeichen.

Ulm, 1954


Als meine Mutter erfuhr, dass sie schwanger war, sagte sie in breitestem Schwäbisch zu meinem Vater: »Des Kend will i net.« Sie hatte bereits zwei Mädchen zur Welt gebracht und entschied, sich nach meiner Geburt einfach nicht um mich zu kümmern: kein Füttern, kein Wickeln, kein Trösten. Und das machte sie wahr: Ab dem Moment, als wir vom Betesda-Krankenhaus in Ulm zurück in unsere kleine Dreizimmerwohnung in Wieblingen kamen, legte mich meine Mutter ins Kinderbett und würdigte mich fortan kaum noch eines Blickes.

Mein Vater musste 14 Stunden am Tag bei Magirus-Deutz arbeiten. Er fuhr frühmorgens die zehn Kilometer mit dem Fahrrad hin und spätabends wieder zurück, schlief sofort ein und hetzte am nächsten Morgen sofort wieder auf die Arbeit. So bekam er nicht wirklich mit, wie es mir erging. Ich lag die meiste Zeit des Tages einsam in meinem Bettchen im kleinen Kinderzimmer, das ich mir mit meinen beiden Schwestern teilte. Da ich für meine Mutter nicht existierte, kümmerte sich meine älteste Schwester Bärbel um mich – mehr schlecht als recht natürlich, wie Vierjährige das eben können. Sie guckte sich ab, was meine Mutter mit der einjährigen Monika machte, und tat es ihr an mir gleich. Ich war für sie sicher eine tolle Puppe, mit der sie Mama spielen durfte. Nur dass ich lebendig war und eigentlich andere Bedürfnisse hatte. Meine Mutter stillte mich nicht, also fütterte mich Bärbel mit irgendetwas, was Babys wohl besser nicht bekommen sollten. Sie cremte mich mit irgendetwas ein, was Babyhaut nicht guttut. Und weil sie zwar sah, wie meine Mutter die kleine Monika wickelte, aber von ihr keine Windeln für mich bekam, wickelte sie mich in Zeitungspapier. Ich schrie wie am Spieß – fast durchgehend.

Nach wenigen Wochen hielt meine Mutter das Geschrei nicht mehr aus, schnappte mich und ging zu einem Feld in der Nähe. Dort legte sie mich kurzerhand am Wegrand ab, ließ mich schreien und ging weiter. Ich weiß heute nicht mehr, wie kalt oder warm es war, ob ich etwas anhatte oder nackt war. Das lässt sich auch nicht mehr recherchieren. Meine damals vierjährige Schwester kann sich natürlich nicht mehr daran erinnern, und auch mein Vater wusste es nicht mehr genau, als ich viele, viele Jahre später mit ihm darüber sprach.

Aber wie auch immer: Da lag ich nun am Feldrand und brüllte mir die Seele aus dem Leib. Frau Hornung, unsere Nachbarin, war mit ihren Kindern und dem Hund spazieren, als sie Babyschreie hörte und mich armes Bündel fand. Wie lange ich dort lag, weiß keiner, vielleicht waren es ein paar Minuten, vielleicht auch mehrere Stunden. Frau Hornung wusste natürlich sofort, wer ich war, nahm mich mit zu sich nach Hause und rief die Polizei. Die brachte mich ins Betesda-Krankenhaus.

Die Schwestern dort müssen einen ziemlichen Schreck bekommen haben. Ich war völlig unterernährt, mein Bauch total aufgebläht. Sicherlich von der falschen Ernährung durch meine Schwester, die ja überhaupt nichts dafür konnte und mir nur etwas Gutes tun wollte. Mein ganzer Körper war mit Ausschlag übersät – vermutlich von irgendwelchen Salben, mit denen meine Schwester mich eingerieben hatte, vielleicht hatte sie mich auch fleißig mit Mehl eingepudert. Ich war so krank, dass ich mehr als ein halbes Jahr in der Klinik behandelt werden musste.

Als mein Vater auf der Arbeit einen Anruf vom Krankenhaus bekam, mich so sah und hörte, was passiert war, fuhr er wutentbrannt nach Hause und warf meine Mutter aus der Wohnung. Kurze Zeit später reichte er die Scheidung ein. Mein Vater war ein ziemlich harter Kerl und sehr gewalttätig. Wäre sie noch einmal ins Haus zurückgekehrt, hätte mein Vater sie vermutlich umgebracht.

Die Zeit im Krankenhaus war für mich äußerlich gesehen eine Wohltat. Ich wurde körperlich aufgepäppelt, richtig ernährt und gepflegt. Man kümmerte sich um meine körperlichen Bedürfnisse, aber das, was ein kleines Baby ebenfalls so dringend braucht, nämlich Nähe, Liebe und Zärtlichkeit, bekam ich kaum. Die Schwestern und Ärzte guckten zwar regelmäßig nach mir, aber wie das eben damals so war: sauber und satt genügte. Für mehr hatte niemand die Kapazität. Mein Vater konnte mich nur ab und zu besuchen – schließlich hatte er neben der anstrengenden Arbeit jetzt auch noch zwei Kinder zu Hause zu versorgen. Tagsüber passte eine Helferin vom Jugendamt auf meine Schwestern auf, doch nachts war er zuständig.

Eines Tages wurde mein Vater vom Krankenhaus angerufen, er solle bitte vorbeikommen, er müsse sich etwas ansehen. Mein Vater trat in das Zimmer, in dem mein Bettchen stand, und erschrak zutiefst. Ich lag auf der Matratze, starrte nach oben, und über das Gesicht lief mir Blut. Im ersten Moment dachte mein Vater, Mutter sei hier gewesen und hätte mich wieder misshandelt. Aber dann hieß ihn die Schwester abwarten und beobachten. Nach einiger Zeit drehte ich mich, klammerte mich mit meinen kleinen Patschhändchen an das Gitter und fing an, meinen Kopf an das Holz zu schlagen – immer wieder. Die eigentlich weißen Gitter waren an dieser Stelle blutverschmiert. Ich wollte wohl etwas spüren – irgendetwas, wenn mich schon niemand in den Arm nahm und liebkoste. Heute würde man mein Verhalten wohl unter Hospitalismus verbuchen und jeder könnte das bei meinen Umständen nachvollziehen (und würde mir entsprechend helfen).

Damals jedoch fragten die Ärzte meinen Vater nur: »Haben Sie noch weitere Kinder, Herr Buntz? Denn es wäre besser, sie hätten keine weiteren. Mit diesem Kind sind Sie ausgelastet – es wird Sie Ihr ganzes Leben lang auf Trab halten. Es ist geistig behindert, es wird...

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