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E-Book

Der blockierte Riese

Psycho-Analyse der katholischen Kirche

AutorDr. Manfred Lütz
VerlagPattloch Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783629320001
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Für unkonventionelle Atheisten und für Christen, die das Jammern satt haben. Ist die katholische Kirche noch zu retten? Der aus Presse, Funk und Fernsehen bekannte Psychotherapeut Manfred Lütz hat seine aufregende These bereits 20.000 begeisterten Zuhörern vorgetragen: In ihrem Alltag spiegelt die Kirche das Verhaltensrepertoire einer typischen Alkoholikerfamilie wieder. Ihre Depression ist hausgemacht. Sie ist gelähmt durch eine gewaltige Selbstblockade. Der Autor lüftet Geheimnisse dieser rätselhaften Institution, deckt ihre versteckten Ressourcen auf und stellt der Kirche als Therapeut eine optimistische Zukunftsprognose. Das Buch ist witzig und zugleich seriös geschrieben. Es bietet eine Einführung in modernste Psychotherapie am Beispiel eines außergewöhnlichen Patienten - der katholischen Kirche. Es wurde geschrieben für psychotherapeutisch interessierte unkonventionelle Atheisten mit einer Schwäche für exotische Fälle und für Christen, die das Jammern satt haben. Das Buch liefert eine provozierende Gesellschaftsanalyse. Es gewährt Einblicke in die Organisationsberatung und ist nebenbei ein unterhaltsamer Spaziergang durch die zweitausendjährige spannende Krankengeschichte des Patienten. Diese weltumspannende Religionsgemeinschaft ist die älteste noch bestehende Großinstitution der Welt. Doch nimmt man auch bei ihr keine Bewegungen mehr wahr, sie wirkt blockiert und starr, reagiert sogar auf Schmerzreize nicht mehr. Vieles spricht dafür, daß sie zumindest ein kranker Riese ist. Erleben wir derzeit die Götterdämmerung dieses Riesen oder ist er gar tot? Durch ungewöhnliche Beleuchtungstechniken werden wichtige Geheimnisse dieser rätselhaften Einrichtung gelüftet und lehrreiche Überlebensstrategien aufgefunden. Der Autor kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Theologe und Kabarettist. Seit 1997 ist er Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln. Er publizierte zahlreiche Bestseller, darunter 2002 'Lebenslust - Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult' und 2007 'Gott - Eine kleine Geschichte des Größten', für das er den internationalen Literaturpreis Corine erhielt. Mit 'Irre! Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen' führte er 2009 wochenlang die Bestsellerlisten an. 2012 erschien 'Bluff - Die Fälschung der Welt', das ebenfalls zum Erfolg wurde.

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Leseprobe

3. Viktor Frankl – Wie man ein KZ überlebt


Viktor Frankl, der Begründer der so genannten Logotherapie, hatte früh der therapeutischen Engführung auf die Warum-Frage widersprochen. Er hatte die Wozu-Frage in den Vordergrund gestellt und damit die Frage nach dem Sinn. Wenn der Sinn dabei auch mitunter zu emphatisch beschworen wird, was die von ihm grundsätzlich durchaus respektierte Grenze zwischen Psychotherapie und Religion verschwimmen lässt, so haben seine originellen Ideen die heutige systemische Therapie doch vielfältig befruchtet. Frankl lenkte den Blick darauf, dass selbst ein Symptom in einem bestimmten Zusammenhang einen Sinn haben kann und dass es nicht weiterführt, in diesem Symptom stets bloß ein Defizit zu beklagen. Wie jemand selbst der verzweifelten und menschenverachtenden Situation im Konzentrationslager noch so etwas wie »Sinn« abgewinnen kann, das hat der Jude Viktor Frankl als KZ-Häftling in Auschwitz und in drei anderen Lagern selbst erlebt und in seinem erschütternden Buch »Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager«[45] eindrucksvoll beschrieben: In den erniedrigendsten Situationen stellte er sich vor, dass er über diese gegenwärtigen Erlebnisse zukünftig in der Wiener Volkshochschule einen Vortrag halten würde. Damit gab er diesem scheinbar jeden Sinns spottenden Zustand aus eigener Kraft Sinn und bewahrte sich in tiefster Erniedrigung das Bewusstsein seiner unverlierbaren Würde. Er begab sich selbst in eine geistige Distanz von der Situation, der er körperlich nicht entfliehen konnte. Schillers lyrischer Jubel: »Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd er in Ketten geboren …«,[46] wurde hier in der Prosa eines realen Lebens bewahrheitet. Auch der Humor, mit dem Frankl in der Therapie arbeitete, ermutigte zur Selbstdistanzierung, zu einer neuen Perspektive, die manches Elend in einem anderen nützlicheren Licht erscheinen ließ. Mehr ein genialer Erfinder als ein ruhiger Forscher, ersann Frankl viele Interventionsformen, die insbesondere systemische Therapeuten eifrig nutzen. So die »paradoxe Intervention«,[47] in der ausgerechnet das beklagte Symptom verordnet wird, darauf bauend, dass ein absichtlich »getanes« Symptom etwas ganz anderes ist als ein passiv erlittenes. Was man »tut«, kann man ändern, was man bloß erleidet, kann man nur ertragen. Wer wie Mara Selvini Palazzoli sogar im Defizit, in der Magersucht, Sinn zu sehen vermag, der wird überhaupt den Blick auf die Kräfte, die »Ressourcen«, des Patienten richten. Auf solche Weise wird er die Hoffnung auf die damit zu gestaltende Zukunft wecken, anstatt die Aufmerksamkeit immer wieder starr auf die defizitäre und nicht mehr zu ändernde Vergangenheit zu lenken. Sinn lebt aus einem Kontext, der andere Menschen stets mit im Blick hat. Schon ein weiterer früher Dissident der Psychoanalyse, Alfred Adler, hatte Familienkonstellationen für bedeutsam gehalten. So konnte die systemische Therapie bis in technische Details hinein aus einem reichen Reservoir an wichtigen therapeutischen Ideen und Erfahrungen schöpfen.

Dass diese neuen Sichtweisen in der Luft lagen, zeigt die Tatsache, dass schon vor Mara Selvini Palazzoli in den Vereinigten Staaten ähnliche Überlegungen angestellt wurden. Zwar hatte die Mailänder Therapeutin die theoretischen Arbeiten dieser so genannten Palo-Alto-Gruppe rezipiert. Der Weg beider Richtungen ist aber durchaus eigenständig. Gregory Bateson hatte dort in Kalifornien schon in den vierziger Jahren originelle Ideen entwickelt. Von 1952 bis 1962 war er Mitbegründer des Mental Research Institute in Palo Alto, dem sich später so bekannte Forscher wie Paul Watzlawick anschlossen. Neben einigen der schon genannten Ideen – vor allem genialen Anwendungen der paradoxen Intervention und der »Symptomverschreibung« – hatte sich diese Gruppe mit moderner Kommunikationstheorie befasst und dabei auch mathematische Modelle berücksichtigt. Bateson bezog sich schon früh auf die »Principia mathematica« von A.N. Whitehead und B. Russell. Das 1910 bis 1913 entstandene mathematische Grundlagenwerk übersetzte er, insbesondere was die so genannte logische Typenlehre betrifft, in Kommunikationstheorie.[48] Er untersuchte »komplementäre Beziehungen« – wie Eltern-Kinder-Beziehungen –, bei denen die Grenzen der Subsysteme zu beachten sind, um das zu vermeiden, was man später »Parentifizierung« genannt hat, also die Überforderung von Kindern, indem man sie in die Elternrolle drängt. Auf der anderen Seite beschrieb er »symmetrische Beziehungen« – z.B. konkurrierende Beziehungen der Kinder untereinander –, in denen symmetrische Eskalationen vorkommen, die sich tendenziell unbegrenzt steigern können, wenn man nicht in so genannten Lösungen zweiter Ordnung die logische Ebene wechselt. Ein Beispiel dafür war die Prohibition, wo die Eskalation der polizeilichen Kontrolle nicht zur Lösung des Problems führte, sondern nur zur Eskalation der kriminellen Subtilität und insgesamt zu einer ungeahnten Steigerung des kriminellen Potenzials. Im therapeutischen Bereich beschrieb Bateson die »Double-Bind-Beziehung«, die durch gleichzeitige Verwendung widersprüchlicher Beziehungsmuster zu Störungen führen kann. Solche Beziehungsfallen zeigen sich bei einer bestimmten Form feindseliger Fürsorglichkeit, etwa dann, wenn eine Mutter Doppelbotschaften sendet, ihr Kind einerseits nonverbal ablehnt und verärgert aggressiv behandelt, andererseits aber verbal dem Kind erklärt, all das geschehe aus ganz besonderer Liebe.

Die neue Sichtweise ermöglichte es, Störungen und vor allem Erstarrungen der Beziehungsmuster besser wahrzunehmen. Die präzise Beachtung der Art solcher Beziehungen und der unterschiedlichen Rollen führte dann therapeutisch zu passgenauen Interventionen. Wenn nur noch »mehr desselben« gemacht wird, um eine Veränderung mit aller Macht geradezu zu erzwingen, dann gerät man gewöhnlich nur noch tiefer in die Sackgasse. Demgegenüber ging es den neuartigen »systemischen« Interventionen um eine Veränderung von solchen Veränderungen, bei denen sich alles nur zum Schlimmeren verändert. Das führte dann oft zu ganz unerwarteten Lösungen. Dabei kam es nicht darauf an, eine möglichst komplizierte Lösung auszudenken, sondern vielmehr darauf, dass ein Unterschied gemacht wurde, »der einen Unterschied macht«, der mithin in der Lage war, die Konstellation zu ändern, und der auf diese Weise »passte«.

Um solche Interventionen präzise zu konstruieren, reichte es aber nicht mehr, nur in der Situation als Therapeut befangen zu bleiben. Die Distanzierung von der Situation, die Viktor Frankl innerlich vollzogen hatte, um der entsetzlichen Lage im KZ noch eine nützliche Perspektive abzugewinnen, wurde von Mara Selvini Palazzoli in die alltägliche Behandlungssituation übertragen. Sie führte eine Einwegscheibe ein, die vom Therapie-Zimmer aus wie ein Spiegel aussah, hinter der aber, wie die zu therapierenden Personen natürlich wussten, ein Therapeutenteam den Ablauf der Sitzung genau verfolgen konnte. Die Sitzung selbst wurde vor dem Spiegel von ein oder zwei Therapeuten geleitet. Aus einer solchen Metaposition hinter der Scheibe heraus konnte das Team dann mit den Therapeuten in einer Unterbrechung am Ende der Sitzung eine der berühmten Mailänder Interventionen konstruieren, die dem Patienten bzw. der zu therapierenden Gruppe, meistens einer Familie, am Ende der Sitzung mitgeteilt wurde. Die Unbefangenheit der Situation hinter der Scheibe[49] ermöglichte es diesem Team, auch nonverbale Verhaltensweisen von Familienmitgliedern sorgfältig wahrzunehmen, die den Therapeuten im Raum, die in die Interaktionen der Familie direkt involviert waren, entgehen mussten. Da war zum Beispiel der Junge, der in der ganzen Familiensitzung nichts sagte, zu dem aber an den wichtigen Stellen der Sitzung alle Familienmitglieder verstohlen hinblickten. Er hatte durch seine nonverbalen Kommentare eine Schlüsselrolle in jener Familie. Jede Intervention am Ende der Sitzung hatte das zu berücksichtigen. Wie schon beim oben zitierten Magersuchtfall war im Übrigen bei systemischer Betrachtung gar nicht sicher auszumachen, wer denn nun eigentlich der Patient im klassischen Sinne sei. Denn das neue Denken ging zwar davon aus, dass bei irgendeinem Familienmitglied die Symptomatik sichtbar wurde. In Wirklichkeit verstand man diese Symptomatik aber als eine Störung der Kommunikation in der Gesamtfamilie, die an einer Stelle deutlich wurde. Daher sprach man nur noch vom »Indexpatienten« und ging letztlich davon aus, dass die Gesamtfamilie »krank« sei. Hinweise darauf gab es vor allem dann, wenn deutlich wurde, dass die »Heilung« des »Indexpatienten« zum Ausbruch der gleichen oder einer anderen Störung bei einem anderen Familienmitglied führte.

Die Mailänder Richtung verfolgte diese Fährte allzu sehr. »Genogramme« machten eine Symptomgeschichte oder eine Geschichte gestörter Kommunikationen über Generationen hinweg augenfällig. So gelangte man nun oftmals noch über die in der klassischen Psychoanalyse gängige Pathologiesicht der Individualgeschichte hinaus zur Pathologisierung ganzer Familiengeschichten. Das schmälert nicht das Verdienst der Mailänder, war aber dann Grund für unterschiedliche Weiterentwicklungen in dieser Gruppe.

Demgegenüber war der Hauptstrom der systemischen Therapie, wie er insbesondere in den Vereinigten Staaten, namentlich in Palo Alto, vorherrschte, entschieden ressourcenorientiert. Man würdigte und stärkte vor allem die Kräfte des Patienten. Das hieß selbstverständlich nicht, dass man Defizite leugnete. Man hielt...

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