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E-Book

Der Briefschreiber Goethe

AutorAlbrecht Schöne
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl539 Seiten
ISBN9783406676048
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Albrecht Schöne erforscht in diesem Buch einen hochbedeutenden Bereich unserer Literatur ganz neu. Er widmet sich Goethe als Briefschreiber und versteht dessen Briefe auch als sprachliche Kunstwerke. Voller Entdeckungen, frei von Wissenschaftsjargon, glänzend geschrieben und spannend zu lesen, wendet sich das Werk an alle, die sich für Goethe, für Literatur und Sprache oder überhaupt für das Briefschreiben interessieren. Ein einführender Essay charakterisiert die europäische Briefkultur, auf deren Höhepunkt Goethes Briefwerk entsteht. An dieser Stelle wird deutlich, dass mit den ungeheuren Gewinnen der digitalen Kulturrevolution auch große Verluste verbunden sind. Neun exemplarisch gehaltene Fallstudien befassen sich dann mit je einem Brief - sie beginnen mit dem ersten Schreiben des 14-Jährigen und enden mit dem Brief des 82-Jährigen wenige Tage vor seinem Tod. Schöne behandelt zudem die Postverhältnisse der Goethezeit und ihre Bedeutung für die Eigenarten dieses Briefschreibens; untersucht die Herstellungsweisen solcher zumeist diktierten, danach durchkorrigierten Texte; und überblickt schließlich anhand der Anredeformen (die nicht nur zwischen Du und Sie wechseln) Goethes gesamte Korrespondenz und bringt neue, auch lebensgeschichtlich überraschende Einsichten ans Licht.

Albrecht Schöne ist emeritierter Professor der Göttinger Georg-August-Universität. Er war der erste deutsche Präsident des Internationalen Germanistenverbandes (1980 -1985) und ist, neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen, Träger des Ordens Pour le mérite für Wissenschaften und Künste.

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Leseprobe

I


»ein kleiner, eingewickelter, seltsamer Knabe«


An Ludwig Ysenburg von Buri, 23. Mai 1764


Daß Kleidungsstücke für den Eigenbedarf wohlhabender Leute gleich im eigenen Hause angefertigt werden, von eigenem Personal, liegt durchaus nicht im Interesse des professionellen Handwerks. Bei industrieller Massenherstellung, abnehmender Zahl von Hausangestellten und deren schwindenden Schneiderkünsten ist das auch schon lange nicht mehr üblich. Im Jahr 1778 aber sahen die zünftigen Schneidermeister in Frankfurt am Main noch Grund genug, sich über schneidernde Hausbedienstete zu beschweren.

Sie schrieben in einer Eingabe an den Rat der Stadt,[1] man annonciere jetzt »fast in allen hiesigen Intelligenz-Blättern: ›Es wird ein Bedienter gesucht, seiner Proffesiion ein Schneider.‹ Zehen vor Einen melden sich – der Anständigste wird gewählt, arbeitet alsdann vor seinen Herrn, Frau, Kinder, Kutscher, Mamsell und Hofmeister nicht ausgenommen – die Verwandte der Herrschaft machen sich den geschickten Johann auch zu Nutz – der sonst ins Haus gearbeitet habende Schneider-Meister hingegen wird nicht mehr gefordert, ohne daß Er weiß warum, bis Er den Monsieur Johann mit gantzen Stücken Sammt, Seiden, Treßen, Catun beladen, in den Cram-Läden und in der Juden-Gaß ein- und auslaufen und Gros und Klein seiner verlornen Kundschafft neu gekleidet, sich aber auf einmal um ein schönes Theil seiner bürgerlichen Nahrung gesprengt siehet.«

Goethe
Ölgemälde von unbekannter Hand. Wohl 1765, kurz vor dem Aufbruch nach Leipzig (Freies Deutsches Hochstift Frankfurt a. M.)

Die Beschwerdeführenden meinten, es müsse »der Schneider von Laquay abgesondert werden«, wenn »feyerig gehende Gesellen« sich in den Bürgerhäusern als Bediente verdingten, und erbaten deshalb eine Magistratsverfügung, nach der jeder »Obgerügte Pursche« eidlich angeloben müßte, er wolle »weder vor seine noch andere Herrschafften und Angehörige, Kinder und Haußgenoßen und Gesinde, neue oder sonst beträchtliche Schneider-Arbeit verfertigen«, widrigenfalls er »zur Schantz-Arbeit verdammt oder gar aus der Stadt geschafft« werden solle. Der Antrag wurde durch Ratsbeschluß abgelehnt – vermutlich, weil die meisten Ratsmitglieder selber doch Hausbediente als Schneider beschäftigten; ein seit langem eingerissenes »Unwesen« und der daraus »hervorquellende in die Länge unausstehliche Handwercks-Schaden« wurden damit sanktioniert.[2]

Als der sechzehnjährige Goethe im Herbst 1765 zum Studium in Leipzig eintraf, war er vom Elternhaus her »etwas wunderlich equipiert auf die Akademie gelangt.« Denn auch der Kaiserliche Rat, dem »nichts mehr Vergnügen machte, als zwei Fliegen mit Einer Klappe zu schlagen«, fand es »am vorteilhaftesten, Schneider zu Bedienten zu haben, welche die Stunden gut anwenden mußten, indem sie nicht allein ihre Livreien, sondern auch die Kleider für Vater und Kinder zu fertigen, nicht weniger alles Flickwerk zu besorgen hatten.« Weniger noch als den selbständig arbeitenden Meistern der Zunft und deren Gesellen mochte es diesen hauseigenen Schneiderburschen gegen die Standesehre gehen, wenn sie in ihrer Produktion auf modische Fassons und Accessoires verzichteten und sich den Wünschen des Hausherrn am Großen Hirschgraben fügten, der diesbezüglich »eine Vorliebe für gewissen alten Zuschnitt und Verzierungen trug«.[3]

Im konservativen Frankfurt ging das noch an, im modisch-galanten Leipzig nicht mehr. Nicht erst in ›Auerbachs Keller‹ sagte man: »Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute« (›Faust‹, 2172). Der als »ein kleiner, eingewickelter, seltsamer Knabe« dort ankam – so hat Goethe zehn Jahre später sich selbst beschrieben[4], wurde also rasch eines Besseren belehrt: »es währte nicht lange, so überzeugten mich meine Freundinnen, erst durch leichte Neckereien, dann durch vernünftige Vorstellungen, daß ich wie aus einer fremden Welt herein geschneit aussehe. So viel Verdruß ich auch hierüber empfand, sah ich doch Anfangs nicht, wie ich mir helfen sollte. Als aber Herr von Masuren, der so beliebte poetische Dorfjunker, einst auf dem [Leipziger] Theater in einer ähnlichen Kleidung auftrat, und mehr wegen seiner äußeren als inneren Abgeschmacktheit herzlich belacht wurde, faßte ich Mut und wagte, meine sämtliche Garderobe gegen eine neumodische, dem Ort gemäße, auf einmal umzutauschen«.[5]

In der rhetorischen und epistolographischen Theorie ist ein wirkungsbezogen-kunstgerechter Sprachgebrauch unter dem Aspekt der Angemessenheit (πέπον, aptum/decorum) von altersher durch die Kleidermetapher veranschaulicht, also mit »Zuschnitt und Verzierungen« der Erzeugnisse des Schneiderhandwerks gleichgesetzt worden.[6] Wenn Justus-Georg Schottel 1663 noch »einem jeden seine anständige Kleidung/und wollautende gebürende Rede zugeeignet« sehen möchte,[7] wird als soziale Funktion dieser Sprach- und Kleiderordnung das weit ins 18. Jahrhundert hineinwirkende Bemühen um Sicherung der Ständegrenzen erkennbar. Wenn aber Kaspar Stieler 1680 erklärt, es gehe »mit der heutigen Redensart/wie mit den Kleidermoden/und wollen die alte Schweitzerhosen und spitzige Spanische Hüte nicht mehr gelten«,[8] dann ist, im Rahmen dieser Ständeordnung, für die Bestimmung des Angemessenen bereits der Aspekt des Modischen als Kriterium eines höfisch orientierten Sozialprestiges ins Spiel getreten. Ganz in gleicher Weise koppelt nun das Leipziger Lustspiel, bei dem der »Herr von Masuren« oben »auf dem Theater in einer ähnlichen Kleidung auftrat« wie der kleine Frankfurter unten im Zuschauerraum, den Sprach- und Kleidungsstil einer komischen Figur. Denn das altmodisch-abgeschmackte zeremonielle Betragen dieses Dorfjunkers, der in hoffnungsloser Konkurrenz mit einem zum Hofadel gehörigen Nebenbuhler um das Fräulein Henriette v. Altholz wirbt, bestimmt auch seinen Sprachgebrauch. Sie »habe im ganzen Hoffmanns Waldau [dem wegen seines Schwulstes in Verruf geratenen spätbarocken Dichter] so was schönes nicht gelesen«, erklärt die Baronin-Mutter, als eine vom Herrn von Masuren verfaßte gestelzte Versepistel vorgetragen wird, und – an Henriette gewendet: »Ich möchte wohl wissen, ob deine Poeten bey Hofe so was schönes ersinnen können.« Henriette darauf: »Nein gewiß, ihr Geschmack ist viel zu natürlich, als daß sie so sehr künsteln sollten.«[9]

Er habe bald empfinden müssen, heißt es in ›Dichtung und Wahrheit‹ über Goethes Leipziger Erfahrungen, »daß die Gesellschaft gar manches an mir auszusetzen hatte, und ich, nachdem ich mich ihrem Sinne gemäß gekleidet, ihr nun auch nach dem Munde reden sollte«.[10] Tatsächlich zeigen sich – b e v o r ihn Leipzig auf neue Weise sozialisiert – Kleidungsstil und Sprachgebrauch auch des »kleinen, eingewickelten, seltsamen Knaben«, die in Frankfurt hausgeschneiderte Garderobe nämlich und sein Frankfurter Briefstil, auf bemerkenswert gleiche Weise durch jene »Vorliebe für gewissen alten Zuschnitt und Verzierungen« bestimmt. Den ersten in Prosa verfaßten Brief, der von ihm überliefert ist,[11] hat Goethe, vierzehnjährig, an den sechzehnjährigen Ludwig Ysenburg von Buri geschrieben, der damals auf dem Gut seines Vaters, dem zwischen Frankfurt und Offenbach gelegenen Neuhof, lebte und als ›Argon‹ einer 1759 begründeten ›Gesellschaft derer Arcadier zu Phylandria‹ vorstand. Ein kleines literarisches Kränzchen war das, zu dem sich ein paar junge Leute aus hessischem Adel und gehobenem Bürgertum zusammengefunden hatten.[12] Sie gaben sich Schäfernamen und führten bei ihren vierteljährlichen Zusammenkünften an wechselnden Orten Schäferspiele auf,[13] nahmen im übrigen aber pastorale Lizenzen und arkadische Freiheiten durchaus nicht in Anspruch, sondern gefielen sich in dem sehr förmlichen Zeremoniell eines tugendbeflissenen Geheimbundes (– »allein die Persohn muss das 13. Jahr erreicht haben und die gehörige tüchtigkeit haben«![14]). Goethes erster Brief war ein Gesuch um Aufnahme in diesen Kreis.

Wohlgebohrner,
Insonders Hochzuehrender Herr,


 

Ew. Wohlgebhrn werden Sich wundern, wenn ein unbekannter

  4

sich unterstehet, bey Ihnen eine Bitte vorzubringen. Doch billig

 

solten Sie mit allen Denjenigen, die ihre Verdienste kennen, nicht

  6

erstaunen. Da Sie wohl wissen können, daß ihre Eigenschafften

 

selbst auch noch in fernern Ländern als wo ich wohne die Ge-

  8

müther...

Blick ins Buch

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