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Der Buddhismus in der westlichen Gesellschaft

AutorRalf Bub
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl144 Seiten
ISBN9783638532242
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Magisterarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Soziologie - Religion, Note: 1,7, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Soziologisches Institut), 231 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Mit der vorliegenden Arbeit will ich mich einem Thema widmen, welches von der europäischen Soziologie bis dato praktisch nicht behandelt wurde. Während der Buddhismus im Westen kulturell enorm einflussreich ist und viele Anhänger gewinnt, dreht sich der religionssoziologische Diskurs vorwiegend um Säkularisierung, New Age und Fundamentalismus. Ungeachtet des weiter ansteigenden Interesses an der Weltreligion aus Indien und ihrer institutionellen Verankerung in allen europäischen und westlich geprägten Gesellschaften hat man in der Soziologie keine Anstrengungen unternommen, dieses Phänomen in seiner ganzen Bandbreite darzustellen und soziologisch zu erklären. Somit wage ich mich mit meinen zentralen Thesen in unbekanntes Terrain vor, da sie von keiner soziologischen Koryphäe in der Weise formuliert oder gar erschöpfend behandelt wurden. Allein Max WEBER hat einen bedeutenden Beitrag zur Soziologie des Buddhismus geleistet - allerdings nicht des hier behandelten westlichen Buddhismus - und wird meine Argumentation, u.a. mit seiner Charakterisierung des Buddhismus als einer Soteriologie (griech. Heilslehre) für intellektuell Geschulte, unterstützend begleiten. Mein Interesse an dem Thema wurde durch die eigene buddhistische Praxis, den Austausch mit Buddhisten aus mehreren westlichen Ländern und den Besuch diverser internationaler Meditationskurse geweckt. Als praktizierender Buddhist bin ich gewissermaßen selbst Teil des zu untersuchenden Phänomens, was sowohl Vorteile als auch potentielle Fallstricke mit sich bringt. So kann die eigene Überzeugung zu einer eingeengten und für die buddhistische Lehre voreingenommenen Sichtweise führen. Dem will ich durch zwei konzeptuelle Absicherungen entgegenwirken, die im Folgenden kurz dargestellt werden. Für die Arbeit soll die Perspektive desmethodologischen Agnostizismusgrundlegend sein. D.h. religiöse Inhalte werden als für den Menschen relevant und gegeben anerkannt, ohne dass eine Aussage über ihren Wahrheitsgehalt gemacht wird und gemacht werden kann. [...]

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Leseprobe

2. Die idealtypische Trägerschicht des Buddhismus


 

2.1 Zwei idealtypische historische Situationen


 

Für die Untersuchung der reinen Attraktivität der Lehre einer Religion für Menschen aus bestimmten sozialen Schichten eignen sich insbesondere jene historische Situationen, in denen noch keine Tradierung der jeweiligen Religion stattgefunden hat, und sich keine historischen Anpassungsvorgänge an das zeitweilige soziokulturelle Umfeld vollzogen haben. WEBER beschreibt beispielsweise, dass der Buddhismus während der Herrschaft des buddhistischen König A?okas zur „Domestikation der Massen“ mit massenreligiösen Elementen angereichert wurde und so an Attraktivität für die „kleinen Leute“ gewann, welche er in seiner „reinen Form“ nicht auszuüben vermochte.[101] Des Weiteren attestiert er dem Mah?y?na-Buddhismus, dass er den Buddha vergottet, und den Bodhisattva als lebenden Heiland zum Gegenstand der Hagiolatrie, d.h. der Verehrung und Anbetung, erhoben habe, um den „Heilsinteressen der Laien“ entgegenzukommen.[102] Den eindeutigen historischen Bruch, von dem WEBER spricht, hat es nach TAMBIAH in der Art nicht gegeben, da „volkstümliche“ Elemente wie das Rezitieren von Gesängen und Pilgerfahrten zu heiligen Stätten auch schon zu Buddhas Zeiten Teil der religiösen Praxis gewesen sein sollen.[103] Bei der Ausbreitung des Buddhismus in Asien kam es allerdings in unterschiedlichen Ausprägungen, auch durch die Aneignung lokaler schamanischer und magischer Elemente, immer wieder zur Dominanz volksreligiöser Züge, die in u.a. in Form von Heiland-Vorstellungen schon zu A?okas Zeiten an Bedeutung gewannen, und zur weiten Verbreitung des Buddhismus in den Bevölkerungen beitrug.[104]

 

Mit der Tradierung des Buddhismus in den asiatischen Gesellschaften, und seiner zumeist damit verbundenen hegemonialen Stellung im jeweiligen soziokulturellen Umfeld, ging die allgemeine Tendenz einher, dass für die Aufnahme regelmäßiger buddhistischer Praxis das „reine“ Interesse an der spirituellen Entwicklung mit dem Endziel der Erleuchtung kaum eine oder keine Rolle mehr spielte und genuin soziale und wirtschaftliche Gründe die Oberhand erlangten. So kamen Feldforschungen in Sri Lanka, Burma und Thailand aus den letzten fünf Jahrzehnten zu dem Ergebnis, dass v.a. Angehörige der unterprivilegierten Schichten ein Leben als buddhistischer Mönch wählen, um in den Genuss eines höheren Lebensstandards und bedeutender gesellschaftlicher Anerkennung zu gelangen.[105] Nach der Klassifizierung sozialen Handelns durch Max WEBER kann ein derart motivierter Einstieg in die buddhistische Praxis als zweckrationales Handeln kategorisiert werden.[106] Die zumindest dem Anschein nach betriebene buddhistische Praxis ist so ein reines Mittel, um konkrete weltliche Zwecke und individuelle Vorteile zu erwirken. 

 

Wie in der heutigen Situation im Westen, in welcher die meisten Konvertierten in erster Generation auf einen von volksreligiösen Zügen befreiten und auf die Kernelemente wie vor allem die Meditation fokussierten Buddhismus treffen, richtete sich die von Buddha gelehrte Form der buddhistischen Lehre zu seiner Zeit an ein „neues“, vom Buddhismus bis dato unbeeinflusstes Publikum.[107] Mit der Ankunft des Dharma im Westen liegt nun meiner Meinung nach eine mit der Zeit Buddhas vergleichbare historische Konstellation vor, in welcher die buddhistische Lehre „bottom-up“, d.h. aufgrund genuinen Interesses, in einem neue gesellschaftlichen Umfeld von vielen Anhängern praktiziert wird, und sie darüber hinaus nicht von ihr widersprechenden oder zumindest nicht mit ihrem zentralen, eigenverantwortlichen Erlösungsstreben im Kontrast stehenden Elementen bestimmt wird.[108]

 

Im Kontrast zur heutigen Situation in den asiatischen Ländern verfügen buddhistische Institutionen im Westen nicht über soziale Pfründe, die eine Konversion aus wirtschaftlichen Gründen lohnenswert machen. Der Aufbau der zumeist für Laien konzipierten Zentren basiert praktisch allein auf ehrenamtlicher Arbeit, wodurch sozioökonomische Vorteile nicht gegeben sind. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der westlichen Buddhisten, entsprechend der Umfrage von COLEMAN weniger als 2 %, wuchsen in buddhistischen Familien auf.[109] Was darauf schließen lässt, dass persönliche Motivation und Wertrationalität eine große und Tradition oder Gewohnheit eine geringe Rolle spielen.[110] Auch der Distinktionsgewinn ist als Motiv für den Übertritt zum Buddhismus als eher gering einzuschätzen, da der noch weitgehend fremdartigen Religion von der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern nicht der tiefe Respekt und Glaube entgegengebracht wird, wie dies in Asien der Fall ist.[111] Ein mit der dortigen Situation vergleichbares, auf Wertschätzung und materieller Unterstützung basierendes Verhältnis zwischen der Laien-Bevölkerung und den ordinierten Mönchen ist im Westen ebenfalls nicht gegeben, wo der Gang ins Kloster auch aus diesen Gründen eine Seltenheit ist. Wenn nun ein Zusammenhang in der Art besteht, dass der auf Selbsterlösung abzielende buddhistische Weg mit seinen spezifischen Charakteristika vornehmlich bestimmte idealtypische Schichten anspricht, dann sollten diese Trägerschichten unter den beiden  historischen Umständen nahezu identisch sein.

 

Die beiden Gesellschaftsformationen unterscheiden sich in der wirtschaftlichen, politischen, soziokulturellen und technischen Dimension in vielerlei Hinsicht, doch ermöglichen gewisse grundlegend ähnliche Rahmenbedingungen den Vergleich zwischen idealtypischen Schichten auf den zentralen Dimensionen von Bildung und Reichtum.[112] Zu Buddhas Lebzeiten hatte sich eine neue Ganges-Kultur aus der alten dörflichen Ackerbaukultur entwickelt, die durch eine bedeutende Urbanisierung, Staatenbildung, einen weiträumigen über Märkte abgewickelten Handel und den Einsatz neuer Techniken und Kommunikationsmedien (Schriftverkehr und Geld) charakterisiert werden kann.[113] Ähnlich wie die Industrialisierung und Verstädterung im Westen, haben diese Prozesse zu bedeutendem Wohlstand geführt, die Ausbildung einer regen pluralistischen geistigen Kultur und die Stratifizierung der Gesellschaft befördert.[114] Viele Weltanschauungen und Philosophien vom Determinismus bis zum Materialismus wurden in Sekten praktiziert und in Parks und Hainen am Rande der Städte öffentlich diskutiert, „resulting in a remarkable richness and vigour in thought, rarely surpassed in the centuries to come“.[115]

 

Ähnlich wie in den letzten Jahrzehnten im Westen die Neuen Religiösen Bewegungen entstanden sind, die, vom kirchlich geprägten Christentum enttäuscht, sich wieder auf die Suche nach genuinen spirituellen Erfahrungen begeben haben, entwickelten sich im Indien des 7. und 6. Jh. v. Chr. viele geistige Strömungen, welche sich vom orthodoxen und stark ritualisierten Brahmanentum absetzten.[116] Dessen Einfluss war zu Buddhas Zeit weit weniger umfangreich und spürbar, als im stark hinduistisch geprägten, späteren indischen Mittelalter. Dieser Umstand und die generell in Indien verbreitete religiöse Toleranz ermöglichte das in der Geschichte selten vorkommende Auftreten einer wirklich pluralistischen Kultur. Wenn sich eine tatsächlich friedfertige und nicht aktiv in der Bevölkerung missionierende Religion wie der Buddhismus in einem neuen gesellschaftlichen Umfeld ohne die tatkräftige Unterstützung durch die weltlichen Machthaber etablieren will, wird sie auf einen praktizierten Pluralismus und eine solche Offenheit im Denken angewiesen sein. Wie kann und konnte die breite Etablierung des Buddhismus unter diesen gegebenen Umständen erfolgen? Um den Sachverhalt zu erhellen, erscheint mir, wie schon angedeutet, folgende Frage lohnenswert: Welche idealtypischen Schichten könnten sich von der buddhistischen Lehre angezogen fühlen und sich besonders für die Ausübung derselben eignen? Um darauf eine Antwort zu finden, will ich einige theoretische Überlegungen anstellen, welche schließlich an empirischen Daten überprüft werden sollen.

 

2.2 Die These


 

Die These lautet, dass der relative Reichtum einer breiteren Bevölkerungsschicht und eine mit einer hohen Bildung einhergehende Atmosphäre der geistigen Offenheit maßgeblich die Grundlage zum Erfolg des Buddhismus in den beiden Gesellschaftsformationen gelegt haben. Tatsächlich praktiziert wurde und wird er von Teilen der rezeptiven Bevölkerungsschichten, da er auf glaubwürdige und attraktive Weise den Wunsch nach dauerhaftem Glück und dem Vermeiden von Leid zu erfüllen scheint. Die Glaubwürdigkeit ist vor allem ein Resultat seines erfahrungsbasierten und dogmenfreien Charakters, sowie der historisch „weißen Weste“. Der Mittlere Weg zwischen strenger Askese und Hedonismus und...

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