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Der Erste Weltkrieg und die Christenheit

Ein globaler Überblick

AutorMartin Greschat
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl164 Seiten
ISBN9783170234741
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
In allen kriegführenden europäischen Staaten wie auch in den USA herrschte die Überzeugung vor, dass der Erste Weltkrieg als Verteidigungskrieg, als gerechter Krieg geführt wurde, bei dem man Gott auf der eigenen Seite wusste. Diese Überzeugung proklamierten die Europäer auch in ihren Kolonien in Asien und Afrika. Daraus resultierte eine schrittweise Distanzierung der indigenen Bevölkerung von den Kolonialmächten, die Förderung eines eigenen Nationalismus sowie ein wachsendes Selbstbewusstsein der Christen in diesen Gebieten. Im Fokus der Darstellung stehen die offiziellen und offiziösen Verlautbarungen der christlich-kirchlichen Repräsentanten, die dadurch die in der Öffentlichkeit weitgehend akzeptierte Deutungshoheit ausübten. Es zeigte sich jedoch, dass dieser Anspruch zunehmend gebrochen und bestenfalls partiell die Menschen an der Front und in der Heimat überzeugte.

Prof. em. Dr. Martin Greschat lehrte Kirchengeschichte an der Universität Gießen.

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Leseprobe

1 EINLEITUNG


Man hat den Ersten Weltkrieg zu Recht als die „Urkatastrophe Europas“ bezeichnet.1 Doch er griff weit über diesen Kontinent hinaus. Nicht nur die europäischen Mächte bekämpften sich, sondern – um Eric Hobsbawm zu zitieren – es wurden – „und das häufig zum erstenmal – Truppen aus der Welt jenseits der Ozeane in den Kampf und zur Arbeit außerhalb ihrer eigenen Region geschickt“.2 Kanadier kämpften in Frankreich, Australier und Neuseeländer in der Ägäis. „Inder wurden nach Europa und in den Nahen Osten geschickt, chinesische Arbeitsbataillone fanden sich im Westen wieder, Afrikaner kämpften in der französischen Armee.“

Diese Vorgänge haben naturgemäß eine noch andauernde umfassende und intensive Forschung in Gang gesetzt. Dabei lässt sich eine schrittweise Verlagerung des Interesses und der wissenschaftlichen Fragestellungen beobachten: von der Diplomatie- und Militärgeschichte hin zur Sozialgeschichte und Kulturgeschichte mitsamt der Berücksichtigung des Alltags und der Mentalitäten.3 Dabei handelt es sich natürlich um ausgesprochen fließende Übergänge; lediglich von einer stärkeren Konzentration der Forschung auf den einen oder anderen Aspekt kann die Rede sein. Allerdings dominiert nach wie vor die nationale Ausrichtung. Das begrenzt prinzipiell den wissenschaftlichen Erkenntniswert vieler Arbeiten. „Nicht nur eine Aufsplitterung der Geschichtsschreibung über den Weltkrieg ist kontraproduktiv, sondern – mehr noch – die wissenschaftlich überhaupt nicht zu rechtfertigende, national-kulturelle Beschränktheit der Forschung.“4 Es sei dahingestellt, ob sich der internationale Erfolg des historischen Romans „Sturz der Tyrannen“ von Ken Follett auch dem Anspruch verdankt, ein Gesamtpanorama des Weltkriegs im Westen und Osten Europas zu entwerfen. Eingebunden in die Geschichte von drei Familien und gewürzt mit deftigen Sexszenen greift dieses Buch fraglos über viele Darstellungen hinaus durch die Veranschaulichung des internationalen Charakters jener epochalen Katastrophe.5

Die Hinwendung zur Kulturgeschichte in einem weit gespannten Sinn kann selbstverständlich nicht auf die Ergebnisse anderer historischer Ansätze verzichten. Es geht vielmehr darum, individuelle und kollektive Stellungnahmen aus der Welt und Wirklichkeit zu eruieren, die man erlebt und erleidet. Natürlich gehören dazu mentale Voraussetzungen vielfältiger Art, sowohl in sozialer, wirtschaftlicher, geistiger und nicht zuletzt religiöser Hinsicht. Unübersehbar vollzieht sich hier sodann ein Prozess der Orientierung an gesellschaftlich vorausgesetzten Werten und Ordnungen wie auch der Kritik, der Reibung daran. Dieser Gesichtspunkt erscheint mir im Blick auf die im Krieg propagierten Leitbilder einerseits und andererseits die Frage nach ihrer anhaltenden oder auch abnehmenden Überzeugungskraft besonders wichtig. Bei alledem handelt es sich also um die Würdigung „der subjektiven Erfahrungen, der Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, der verhaltensleitenden Formen symbolischer Verständigung und der Formen, in denen sich das Bedürfnis nach Wissen um Sinn und Ordnung der Wirklichkeit artikuliert“.6 Ob man angesichts der Tatsache, dass sämtliche Traditionen, Ideale und Werte dann im Weltkrieg in einen totalen Krieg eingeschmolzen wurden, von einer eigenen „Kriegskultur“ reden sollte, sei dahingestellt.7 Unstrittig bilden Fragen der Kulturgeschichte allerdings ein internationales Forschungsdesign.

Dazu gehört wesentlich der Bereich der Religionen. „Die Schlüsselkategorien der Kulturgeschichte heißen ‚Sinn‘ und ‚Bedeutung‘, und Religionen sind Prototypen der Ausprägung und Vermittlung von Sinn und Bedeutung.“8 Zu Recht ist hier von Religionen die Rede. Denn obwohl den kirchlich-konfessionellen Deutungen und Weisungen in sämtlichen kriegführenden Staaten ein zentrales öffentliches Gewicht zukam, genügten diese Antworten offenkundig nicht. Trotzdem blieben die staatlich und kirchlich propagierten Leitbilder während des gesamten Krieges erstaunlich stabil. Es genügt nicht, dafür allein auf die Wirkung der in der Tat massiven Propaganda im Lager der Mittelmächte wie auch der Entente zu verweisen. Diese erzielte ihre Erfolge nur, weil sie tiefer liegende Empfindungen und Überzeugungen anzusprechen vermochte. In diesen Kontext gehört auch die erstaunliche, über Nationen und Konfessionen hinausreichende Ähnlichkeit der von den Kirchen vorgetragenen Deutungsmuster. Von alledem wird ausführlich zu berichten sein.

Religion begegnet niemals „pur“, also losgelöst von den Werten, Erfahrungen und Zielsetzungen ihres gesellschaftspolitischen Umfelds. Das gilt unverkennbar auch für das Christentum und seine großen Konfessionen. Diese wurden somit von Menschen entsprechend ihrer sozialen Schichtung, ihrer geistigen und geistlichen Voraussetzungen erfasst und integriert. Der Soldat trug mithin, wie angedeutet, außer seiner Ausrüstung zusätzlich „weitere, unsichtbare Ressourcen mit sich, die er sich bereits lange vor dem Krieg angeeignet hatte: das gesellschaftliche Wissen seiner Zeit. Es besteht zum größten Teil aus Routinewissen, welches hilft, das alltägliche Leben zu meistern; hinzu kommen Vorurteile, Urteile und Wertmaßstäbe, die auch für die ‚großen‘ Fragen des Lebens Orientierung bieten und selbst einschneidenden Erlebnissen ihre Stelle im Erfahrungshaushalt zuweisen sollen“.9 Grosse Schwierigkeiten hatten diese Menschen allerdings durchweg, das, was sie erlebten und erlitten, in Worte zu kleiden. Immer wieder lässt sich beobachten, dass in ihren Berichten und Briefen von der Front patriotische oder nationalistische Stereotypen begegnen, oft auch christliche, kirchliche und konfessionelle. Solche Worte und Wendungen lagen bereit, standen legitimierend für unterschiedliche Situationen zur Verfügung. Das ist nicht zuletzt der Grund, weshalb wir insgesamt so wenig über die genauen Reaktionen der großen Mehrheit der Soldaten auch auf die kirchlichen Aktivitäten und die christliche Verkündigung wissen.

Im Weltkrieg dominierte nicht nur die Verbindung und Verschmelzung von Christentum und Nationalismus, sie feierte regelrechte Triumphe. Diese Feststellung gilt für sämtliche kriegführende Staaten und in gewisser Weise sogar für die Neutralen. Dabei erscheint die Beobachtung wesentlich, dass dieser bald alles beherrschende Nationalismus sich mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielsetzungen vereinen ließ, genauer: sie sich einzuverleiben vermochte. So konnte er nicht zuletzt aufgrund der Verbindung mit religiösen, christlichen und speziell konfessionellen Elementen emotional anziehen und motivieren, weithin ausstrahlen und vielfältige Erwartungen, Sehnsüchte sowie Initiativen miteinander koordinieren. Diese Fähigkeit trug sicherlich erheblich zur Anziehungskraft und Breitenwirkung des Nationalismus im Weltkrieg bei. Wieder genügt der Hinweis auf die massive Propaganda nicht, um dieses Phänomen zu erklären. Viel wesentlicher erscheint die Beobachtung, in welchem Ausmaß es gelang, diesen Nationalismus mit anderen Werten und Idealen aufzuladen. Anschaulich demonstriert der Brief eines deutschen Soldaten von der Front diesen Zusammenhang. Zu Weihnachten 1915 schrieb er: „Gestern Christfeier in der Kirche mit Kerzenschein und trauten deutschen Weihnachtsliedern. Text: Seid männlich, seid stark [1. Kor. 16,13] – Es war eine ergreifende, unvergessliche Feier. Nachher Weihnachtsfeier im Zuge, kurze Ansprache: Heimat, Haus, Vater, Mutter, Weib und Kind, Ernst der Zeit, Feind. Aber keine weichliche Stimmung. Klar das Auge, fest das Herz. Wenn Weihnacht einkehrt, wenn der Sternenhimmel über Dir leuchtet, Du deutscher Mann, Hand am Eisenschwert und den Finger am Abzugbügel! Alle Augen waren feucht geworden, so standen wir im ärmlichen Raum um den Baum und sangen doch mit feuchtem Blick und fester Stimme: Stille Nacht, heilige Nacht – wer könnte das je vergessen.“10 Christentum und Frömmigkeit, Vaterland und Nation, Soldatentum und Männlichkeit, Frau und Familie: Hier griff vieles ineinander. Es lässt sich denken, dass strukturell ähnliche Zeugnisse sich von Soldaten aus vielen anderen Ländern beibringen ließen.

Es lässt sich insgesamt schwer feststellen, in welchem Ausmaß die offiziellen kirchlichen Verlautbarungen, Deutungen und Weisungen die Menschen an der Front, aber ebenso auch in der Heimat erreichten. Was die Kirchen verkündeten, wurde in der Regel nicht zurückgewiesen, galt jedoch als ergänzungsbedürftig.11 Faktisch traten andere religiöse Formen in den Vordergrund, die man als „Volksglaube“, kirchlich als „Aberglaube“ zu bezeichnen pflegt.

International lässt sich belegen, dass „weit besser als kirchlich sanktionierte Glaubensformen […] der Glaube an die Kraft von Amuletten und Ritualen die psychischen Grundbedürfnisse der Kriegsteilnehmer“ erfüllte.12 Weder das bekannte naturwissenschaftliche Weltbild noch die Sinngebung des Nationalismus und der Kirchen sowie deren Verurteilung des Aberglaubens vermochten die Fülle und Vielfalt ursprünglichen religiösen Verlangens abzuwehren. Solche Praktiken reichten von Stoßgebeten und religiösen Riten über die Verwendung von Bibelversen bis zur Verwendung der Bibel insgesamt als Amuletten, zu allerlei Zauberformeln, magischen Handlungen – wie etwa dem Salben der Waffen – bis zum Glauben an Träume und Wunder und schließlich speziellen privaten religiösen Verrichtungen mystischen Charakters.13 Hier ereignete sich das Gegenteil der „Entzauberung“ der Welt, vielmehr deren Resakralisierung, mit unverkennbaren Anzeichen einer Modernisierung von Magie und „Aberglauben“.14 Insofern ist es...

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