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Auf der Fährte des Teufels

Zu Fuß durch Sierra Leone und Liberia

AutorTim Butcher
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl384 Seiten
ISBN9783492964746
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Selbstherrliche Diktatoren, gnadenlose Machtkämpfe, drohende Bürgerkriege: Als junger Kriegsreporter berichtete Tim Butcher über die verheerenden Zustände in Sierra Leone und Liberia. Zehn Jahre später kehrt er zurück in die von archaischen Ritualen und Rohstoffkonflikten gezeichneten Staaten und lotet aus, ob es einen Ausweg aus der Spirale von Armut und Gewalt geben kann. Er legt 300 Kilometer auf Dschungelpfaden zurück, von Freetown bis nach Monrovia, einer Route, die 75 Jahre vor ihm der britische Schriftsteller Graham Greene bereist hat, und begibt sich damit auf einen lebensgefährlichen Fußmarsch mit ungewissem Ausgang.

Tim Butcher, Jahrgang 1967, ist seit 1990 Journalist beim englischen 'Daily Telegraph'. Er arbeitete für die Zeitung als Kriegsberichtserstatter und war einige Jahre Afrikakorrespondent. Sein erstes Buch 'Blood River' war ein internationaler Bestseller.

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Leseprobe

Kapitel 1


Ein Steinchen
in meinem Schuh


Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wann ich meine erste Todesdrohung erhielt. In den 13 Jahren als Kriegsberichterstatter hatte ich etliche Reibereien mit autoritären Regimen erlebt. Die angolanische Regierung hatte sich gegen mich gewandt, weil ich über Korruption in ihren Reihen berichtet hatte, und mir mitgeteilt, ich würde nie mehr ein Einreisevisum in ihr Land erhalten. Die offizielle Regierungszeitung Simbabwes hatte mich namentlich auf ihrer Titelseite denunziert. Und die Tochter von Radovan Karadzic, des bosnisch-serbischen Warlords, hatte einmal versucht, meine Pressezulassung zu annullieren, nachdem ich sie als überspannt bezeichnet hatte.

Der Anruf aber, den ich eines Tages in meiner Wohnung in Südafrika erhielt, war viel ernster als alle vorherigen Misshelligkeiten. In der Leitung war ein befreundeter Diplomat der britischen High Commission in Pretoria mit einer Nachricht aus Liberia, das damals von Charles Taylor regiert wurde, einem der übelsten Kriegstreiber Afrikas. Das war im Juli 2003, und Taylors Regime lag in den letzten Zügen, denn feindliche Rebellen hatten den größten Teil des Landes besetzt und waren dabei, die Hauptstadt Monrovia anzugreifen. Trotzdem fand seine Regierung noch Zeit, sich ernsthaft mit ausländischen Korrespondenten anzulegen.

»Tim, du solltest wissen, dass unser Vertreter in Monrovia von den dortigen Machthabern eine Drohung gegen dich aufgeschnappt hat«, erklärte mein Freund.

»Was für eine Drohung?«, fragte ich.

»Die schlimmstmögliche«, kam die diplomatisch formulierte, aber unmissverständliche Antwort. Mir war klar, dass es zumindest in absehbarer Zeit zu gefährlich sein würde, wieder nach Liberia zu reisen.

Einige Wochen zuvor war ich nach Monrovia geflogen, um für den Daily Telegraph über das Vordringen der Rebellen zu berichten. Ich war damals der Afrikakorrespondent der Zeitung. Obwohl Taylors Regime immer wieder ernsthafte Rückschläge erlitten hatte, seit es sich in den 1990er-Jahren an die Macht gekämpft hatte, stand fest, dass der Angriff in der Regenzeit 2003 der Anfang vom Ende war.

Es war nicht leicht gewesen, nach Monrovia zu kommen. Die notorisch unzuverlässigen Fluglinien Westafrikas weigerten sich in Unruhezeiten, in Liberia zu landen, daher gab es kaum Flüge, seit das Stadtzentrum von Monrovia von Rebellen bedroht war. Als ich in Ghana zu meinem gebuchten Flug aufkreuzte, überraschte es mich kaum, als ich erfuhr, dass er gestrichen war. Während ich mir am Nachmittag die Zeit vertrieb, entdeckte ich in einer örtlichen Zeitung einen Artikel, der davon berichtete, dass das gesamte Personal von Ghana Airways kürzlich an einer dreistündigen Gebetsandacht teilgenommen und um Gottes Hilfe gebeten habe, den Flugverkehr am Laufen zu halten.

Ich war nicht sicher, ob es an den Gebeten lag, jedenfalls brachte mich Ghana Airways in einer Feuerpause schließlich doch auf den internationalen Flughafen in Robertsfield, einst eine der betriebsamsten und strategisch überaus wichtigen Verkehrsdrehscheiben Afrikas. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte der Planungsstab der NASA aufgrund der Stabilität der damals uneingeschränkt proamerikanischen Regierung und der Lage unter der äquatorialen Raumschiffflugbahn dafür gesorgt, dass die Landebahn in Robertsfield als möglicher Notlandeplatz für die Space Shuttle ausgebaut wurde. Liberia und sein internationaler Flughafen hatten also eine Unterstützerrolle bei einem der großen Technologieprojekte des 20. Jahrhunderts gespielt.

Das Mitwirken der NASA war Teil einer bewährten Verbindung zwischen den Vereinigten Staaten und Liberia, einer Eltern-Stiefkind-Beziehung, die eng, aber nicht ohne gelegentliche Spannungen war. Ein bilateraler Vertrag hatte der amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg die Nutzung von Robertsfield gestattet, was auch dazu geführt hatte, dass ein Ort dort einen ganz besonderen Namen bekommen hatte. »Smell-No-Taste« liegt direkt neben dem Flugplatz und war gegründet worden, um die liberianischen Arbeiter zu beherbergen, die in den 1940er-Jahren dorthin migriert waren, um die Anlagen zur Unterstützung der amerikanischen Kriegsführung aufzubauen. Amerikanische Luftwaffenangehörige verschmähten das landesübliche Essen, also ließen sie alles Nötige einfliegen, so auch unzählige Steaks zum Grillen. Der Grillgeruch und die Tatsache, dass die Amerikaner ihr Essen nicht mit den einheimischen Arbeitern teilen wollten, begründeten den Ortsnamen.

Der vorherrschende Geruch bei meinem Eintreffen in Liberia war der der Zersetzung. Er kam von den zwischen den Geschosshülsen verwesenden Leichen auf Bushrod Island, der dem Zentrum von Monrovia nächsten Stelle, die von den Rebellen damals erreicht worden war. Und er kam vom Abwasser aus geborstenen Abflussrohren, die vor der berüchtigt intensiven Regenzeit in Liberia kapituliert hatten. Doch vor allem haftete er auch Taylors Regime an, dessen letzte Monate an der Macht wie das bluttriefende Finale eines Gangsterfilms waren.

Weil Monrovia so viele Jahre durch den Konflikt gelähmt war, glich es einer Zombiestadt, einem Ort der lebenden Toten. Autos waren eine Seltenheit, und der Handel war zum Erliegen gekommen, daher war die Bevölkerung dazu verurteilt, auf den matschigen, vergammelten Straßen in einer Tretmühle des Überlebens herumzugeistern. Einige durchsuchten den Abfall nach noch Verwertbarem, andere sammelten Regenwasser in alten Flaschen, manche lebten unter den Toten in einer zwischen den Grabsteinen auf einem Friedhof im Stadtzentrum errichteten Hüttensiedlung. Die Stromversorgung war zusammengebrochen, daher trugen die Verwaltungssekretärinnen ihre mechanischen Schreibmaschinen aus düsteren Amtsstuben auf den löchrigen Gehsteig, wo die Beamten Schlange standen, um Briefe zu diktieren. Wenn die Schreibkader bei einem Wolkenbruch fluchtartig Deckung suchten, wirbelten Schreibmaschinenbänder und Durchschlagpapiere auf. In der Regenzeit hingen dunkle Wolken bedrohlich über den grün und braunrot gefärbten Häuserzeilen – grün vom tropischen Buschwerk, das verlassene Gebäude überwucherte, und braunrot von rostenden Eisenträgern.

Ein Besuch im ausgeplünderten Nationalmuseum in einem dreistöckigen, schuppenartigen Gebäude, in dem sich im 19. Jahrhundert das erste liberianische Parlament konstituiert hatte, brachte mich in Gefahr, als ich eine Treppe hochsteigen wollte. Nach Jahren des Verfalls aufgrund des durch das löchrige Dach strömenden Regens zerbröselten die Stufen unter meinem Tritt zu nichts, und nur ein paar winzige Querbalken bewahrten mich davor, auf den Boden zu krachen. Ich machte auf Zehenspitzen kehrt, hielt die Luft an, als würde mich das leichter machen, und huschte wieder nach unten. Jahrelang hatte der Krieg Monrovia zugesetzt, doch in der Regenzeit 2003 waren die Auswirkungen am unmittelbarsten spürbar, als jeder Schulhof von entsetzten Menschen auf der Flucht vor den vordringenden Rebellen gestürmt wurde, als Kontrollpunkte von schlotternden Kindersoldaten, die noch keine Teens waren, bemannt wurden – wenn das überhaupt der passende Ausdruck ist –, und als gelegentlich Detonationen von Granaten zu hören waren, die über eine Frontlinie, nur einen Spaziergang vom Stadtzentrum entfernt, abgeschossen wurden.

Aus all dem Verhau stachen zwei Gebäude hervor, weil sie so auffällig sauber waren. Vor dem ersten standen bullige amerikanische Transporter, die mit getönten Scheiben und glänzender schwarzer Lackierung bedrohlich aufgemöbelt wirkten. In einer Stadt voller arthritisch aussehender Autos, die gepanschtes Benzin, das am Straßenrand in Plastikflaschen verhökert wurde, verbrannten, fielen diese muskelprotzigen Spritschlucker genauso auf wie das großspurige Auftreten der für Taylor kämpfenden Paramilitärs, die sich ihrer bedienten. Es waren mörderische, gewissenlose Halsabschneider, deren Grausamkeit zunahm, je näher die gegnerischen Kräfte dem Stadtzentrum kamen. Einige Jahre später kam es durch Taylors Sohn Chuckie zu einem Novum in der amerikanischen Rechtsgeschichte, da er als Besitzer eines amerikanischen Passes der erste US-Bürger wurde, der für Verbrechen verurteilt wurde, die er außerhalb des Geltungsbereichs des amerikanischen Rechts begangen hatte. Tatort der von ihm befohlenen und selbst durchgeführten Folterungen war Monrovia, als sein Vater sich noch an die Macht klammerte und Chuckie eine von etlichen paramilitärischen Gruppen anführte.

Das andere schmucke Gebäude, frisch gestrichen und dank eigenem Generator mit Strom versorgt, war die Firmenzentrale von LoneStar, der einzigen damals noch arbeitenden Mobilfunkgesellschaft. Aus mir unerfindlichen Gründen standen die Router für die LoneStar-Nummern in Monaco, also war eine Nummer in Monte Carlo zu wählen, damit in Monrovia ein Handy klingelte. Die Gesellschaft, profitabel und in Geld schwimmend, war in den Händen der Taylor-Familie und ihrer Kumpane. Da die Rebellen Taylors traditionelle illegale Einkommensquellen aus dem Diamantenschmuggel und heimlicher Abholzung hatten versiegen lassen, war die Telefonfirma sein letzter Goldesel.

Ich brannte darauf, über die letzten Züge von Taylors Regime zu berichten, also begab ich mich in strömendem Regen ins Mamba Point Hotel, eine rare Zuflucht für Monrovia-Besucher während des Krieges, wo ich 80 Pfund pro Nacht für ein Zimmer mit ungewaschenen Laken und Moskitos hinlegen musste, die wie Sturzkampfbomber dröhnten. Vom düsteren Hotelrestaurant aus...

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