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Der Finsternis entgegen

Die wahre Geschichte der Vera Atkins und ihrer mutigen Agentinnen im Zweiten Weltkrieg

AutorArne Molfenter, Rüdiger Strempel
VerlagDUMONT Buchverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783832188870
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Sabotage, Subversion und Spionage: 39 Agentinnen zogen für England in den Kampf gegen Hitler-Deutschland und riskierten bei tollkühnen Aktionen ihr Leben. Schillernde Frauen wie die schüchterne indische Prinzessin Noor Inayat Khan, die hübsche Parfumverkäuferin Violette Szabo oder die polnische Gräfin Krystyna Skarbek, die auf Langlaufskiern die Hohe Tatra durchquerte. Und es war eine Frau, die die Einsätze dieser unbeugsamen Frauen plante und leitete. Ihr Name ist Vera Atkins. Sie war die treibende Kraft hinter der Operation. Die Autoren erzählen die tragischen und abenteuerlichen Geschichten dieser mutigen Frauen, die Ian Fleming zu seinen James-Bond-Romanen inspirierten.

Arne Molfenter, geboren in Leonberg, hat die deutsche Journalistenschule besucht und in München, Berlin und Mailand Politik und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er war Redakteur, Reporter und Korrespondent, u. a. für den BBC World Service, die ARD und DIE ZEIT, und arbeitet jetzt für die Vereinten Nationen in Brüssel und Bonn. Gemeinsam mit Rüdiger Strempel veröffentlichte er 2014 die Biografie >Über die weiße Linie< bei DuMont. Rüdiger Strempel, geboren in Deggendorf, wuchs in fünf Städten auf vier Kontinenten auf. Er studierte Jura, Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn und Speyer und ist seit über einem Jahrzehnt in verschiedenen Funktionen für die Vereinten Nationen tätig. Außerdem arbeitet er als freier Journalist und Übersetzer. Er leitet derzeit das Trialterale Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven.

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Leseprobe

1

EINE ENGLÄNDERIN AUS MITTELEUROPA

London,
Februar 1941

Das Leben, so wie Vera Atkins es bisher geführt hatte, ging an diesem Morgen zu Ende. Da war ein kurzes Klappern im Flur, dann ein paar eilige Schritte. Vera Atkins fuhr jäh aus dem Schlaf. Jemand lief schnellen Fußes am Haus entlang, draußen miaute eine Nachbarskatze. Noch schlaftrunken stand sie auf und ging in den Flur, um nachzusehen. Sofort ärgerte sie sich über sich selbst. Erstens hatte sie viel zu lange geschlafen. Zweitens merkte sie, dass es nur der Briefträger gewesen war, der die Post in den Briefschlitz der Haustür geworfen hatte. Ihre Mutter war schon fort. Atkins war 33 Jahre alt, und noch immer lebte sie bei ihr im Londoner Stadtteil Chelsea. Sie sah auf den Boden vor der Tür, ein einzelner Brief lag auf der abgewetzten braunen Fußmatte. Der Umschlag war »klein und völlig unscheinbar«, wie sich Vera Atkins später an diesen Wintertag erinnern würde.1 Sie sah auf das Kuvert: »Inter Services Research Bureau, Baker Street 64« stand darauf. Was für ein merkwürdiger Absender, dachte sie. Irgendeine Regierungsbehörde in Whitehall. Sie war völlig ahnungslos, was das zu bedeuten hatte.

Sie ging in die Küche und zündete sich eine Zigarette der Marke »Senior Service« an, einem Laster und einer Marke, der sie bis zu ihrem Lebensende treu blieb. Dann öffnete sie den Brief. Hektisch überflog sie die ersten Zeilen. Sie war zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen worden. Merkwürdig war daran allerdings, dass sie sich bei diesem Büro nie beworben hatte. Doch ihre Neugier war geweckt, und so begann Vera Atkins’ Eintritt in die neueste und geheimste Behörde in Großbritannien, die erst wenige Monate zuvor, im Juli 1940, geschaffen worden war: Hinter dem ominösen Namen verbarg sich in Wahrheit die »Special Operations Executive«, kurz SOE. Schon bald wurde es zu ihrer Aufgabe, 400 Männer und Frauen als Agenten auszubilden, sie in den Einsatz zu schicken und nach dem Krieg das Schicksal derjenigen aufzuklären, die aus ihren Einsätzen nicht mehr zurückgekehrt waren. Um diese Rätsel zu lösen, nahm sie vieles in Kauf und wurde bei ihren Kollegen und Gegnern auch wegen ihrer erbarmungslosen Verhörmethoden berühmt.

Vera Atkins in der Uniform eines Squadron Officer (Majorin) der WAAF, 1946. [1]

Mitteleuropa, England, Südafrika,
1874  1918

Sie trug die grau-blaue Uniform einer britischen Luftwaffenoffizierin. Sie sprach das sorgfältig artikulierte präzise Englisch der britischen Oberschicht. Sie führte einen britisch klingenden Namen: Vera Atkins. Doch sie besaß lange keinen britischen Pass und für manche ihrer Kollegen war sie einfach die Angehörige eines Feindstaates.

Wer aber war Vera Atkins wirklich? Wofür hielt sie sich selber? Auf diese Fragen gibt es keine einfache Antwort. Die Geschichte ihrer Familie ist sinnbildhaft für diejenige Mitteleuropas im ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert. Ein Teil der Welt, in dem Veränderung zu den Konstanten zählte und Vielfalt eine Gemeinsamkeit darstellte. In dem Volksgruppen und Religionen miteinander rangen, oft aber auch miteinander oder zumindest nebeneinander lebten und ein kosmopolitisches, mobiles und vielsprachiges Großbürgertum sich eines komfortablen Lebens zwischen Kapitalismus und Kultur erfreute.

Geboren wurde sie am 15. Juni 1908 in der Domneasca-Straße 135 im rumänischen Gala?i (deutsch: Galatz) – nicht als Vera Atkins, sondern als Vera May Rosenberg.2 Ihr Vater, Maximilian Rosenberg, genannt Max, entstammte einer gut situierten deutschen Kaufmannsfamilie. Die Mutter, Hilda, war eine in Südafrika geborene Britin, deren Familie über ein beträchtliches Vermögen verfügte. Beide Eltern waren jüdischen Glaubens.

Max Rosenberg wurde 1874 als ältestes der fünf Kinder Simeon Rosenbergs, eines wohlhabenden Kasseler Landwirts und Holzhändlers geboren. Die Familie war in Kassel alteingesessen. Die fünf Kinder, Max, seine Brüder Siegfried, Arthur und Paul sowie die Schwester Bertha, genossen eine »idyllische Kindheit« zwischen Eidechsen am familieneigenen Teich und Gänserennen an sonnigen Sonntagen.3 Während die drei jüngeren Brüder in das Import-Export-Geschäft des Vaters einstiegen, absolvierte Max ein Architekturstudium in Hamburg. Nach der Hamburger Choleraepidemie von 1892 wanderte der junge Architekt nach Kapstadt aus. Dort nahm ihn bald der wohlhabende englische Kaufmann Henry Atkins unter seine Fittiche.

Dessen Familie stammte ursprünglich aus Homel im sogenannten »Ansiedlungsrayon«, dem Gebiet im Westen des Russischen Reiches, auf das seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts das Wohnrecht der jüdischen Bevölkerung beschränkt war. Im Gefolge zunehmender Judenpogrome Ende der 1870er-Jahre verließ die damals Etkins (vielleicht auch Etkin oder Etkind)4 genannte Familie die unweit von Tschernobyl gelegene Stadt im heutigen Weißrussland und wanderte über Odessa und London nach Kapstadt aus. Im südafrikanischen Kimberley brachte es Henry Atkins mit dem Verkauf von Grubenhölzern zu einigem Vermögen, siedelte nach einem erneuten Abstecher nach London, wo seine erste Tochter Hilda zur Welt kam, erneut nach Kapstadt um und erlebte einen steilen gesellschaftlichen Aufstieg. Der Familienname wurde in das englischer klingende Atkins geändert. Henry, inzwischen mit dem Diamantenmillionär, glühenden britischen Imperialisten und späteren Premierminister der Kapkolonie Cecil Rhodes befreundet, verwischte seine osteuropäischen Ursprünge und gab sich als echter Brite. Neben anderen Vorteilen ermöglichte ihm dies die Mitgliedschaft in der Gemeinde der vornehmen Kapstädter Garden-Synagoge, die ausschließlich Juden britischen und deutschen Ursprungs gewährt wurde.5 Unterdessen wuchs das Vermögen der Familie, erwirtschaftet unter anderem mit dem Export von Straußenfedern – einem zu jener Zeit unentbehrlichen, vielfach verwendeten Accessoire der eleganten Damenmode. Auch mit Immobilien, Diamanten sowie australischem Dosenfleisch und anderen Nahrungsmitteln für die im zweiten Burenkrieg von 1899  1902 kämpfenden britischen Truppen handelte das Unternehmen.6

Max Rosenberg wurde nicht nur zum Protegé von Henry Atkins, sondern auch dessen Schwiegersohn. 1902 heiratete er in London dessen Tochter Hilda. Der erste Sohn des jungen Paares, Ralph, wurde 1905 in Südafrika geboren. Während der Burenkrieg der Familie Atkins jedoch einen weiteren finanziellen Aufschwung beschert hatte, brachte er Max Rosenberg kein Glück. Im Gefolge des Krieges fielen die Grundstückspreise und der erfolgreiche Bau- und Immobilienunternehmer sah sein Vermögen dahinschmelzen. Die Rettung wartete in Europa. Während Max sein Glück am Kap gesucht hatte, hatten die jüngeren Rosenberg-Brüder einen florierenden Handel mit Holz aus der Bukowina und aus Rumänien aufgezogen. Die Bukowina, das Buchenland im Südosten Mitteleuropas, gehörte bis 1918 zum Habsburgerreich. Der jüngste Bruder verblieb in Kassel und führte den deutschen Zweig des Geschäftes, während Siegfried und Arthur sich vom Donaudelta aus um die Verschiffung des über die Donau herangeführten, qualitativ sehr hochwertigen Holzes nach Rotterdam kümmerten, wohin es über das Schwarze Meer und das Mittelmeer gelangte. Max stieg in dieses lukrative Geschäft ein und siedelte nach Gala?i um.

Die westmoldawische Hafenstadt am linken Ufer der unteren Donau war ein klug gewählter Standort. In seinem 1891/92 erschienenen, mehrbändigen Werk Die Seehäfen des Weltverkehrs schrieb der Österreicher Alexander Dorn: »Die vorteilhafte Lage von Galatz (…) charakterisirt die Stadt sowohl in militärischer als commercieller Hinsicht zum Schlüsselpunkt der unteren Donau.«7 Der größte Binnenhafen Rumäniens und letzte Hafen vor dem Donaudelta war dementsprechend nicht nur Marinestützpunkt, sondern auch ein geschäftiger Umschlagplatz für den Handel, vor allem mit Getreide und Holz, der nicht zuletzt über das Schwarze Meer abgewickelt wurde. Zeitweilig war Gala?i sogar Freihafen. Es gab regelmäßige Schiffsverbindungen, und die Stadt wurde bereits lange vor Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts an das Eisenbahnnetz angebunden. Zudem war die Stadt multikulturell und relativ international. In den Gassen der Stadt drängten sich Rumänen, Österreicher, Ungarn, Russen, Griechen, Armenier und Angehörige diverser anderer Nationalitäten. Und es gab eine florierende jüdische Gemeinde. Zwischen 1900 und 1912 stieg die Bevölkerung der Stadt von 62 678 auf 71 641.8 Die jüdische Gemeinde zählte um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert etwa 20 000 Seelen und unterhielt in der Stadt 18 Synagogen und eine Jeschiwa, eine höhere Talmudschule.9 Bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hatten einige ausländische Staaten hier konsularische Vertretungen eingerichtet. In Gala?i kamen 1856 die Delegationen der beteiligten Mächte zur ersten Donaukonferenz zusammen, und die Donaukommission nahm hier ihren Sitz. Das aus einer Ober- und einer Unterstadt bestehende Gala?i war zudem nicht unattraktiv: »Der äussere Anblick von der Flussseite ist recht malerisch; denn die unregelmässig zwischen grünen Gärten verteilthen, von Thürmen und Kuppeln überragten Gruppen luftig gebauter weisser Häuser, die am Ufer sich zu verdichten scheinen, geben dem Stadtbilde viel Bewegung und Reiz.«10

Die von Linden umstandene einstöckige Villa der Rosenbergs, das...

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