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Der französische Nietzsche

französische Nietzsche

AutorGiuliano Campioni
VerlagWalter de Gruyter GmbH & Co.KG
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl346 Seiten
ISBN9783110213553
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis99,95 EUR

Campioni investigates Nietzsche’s multifaceted occupation with the French culture of his time, drawing especially upon the philosophical and psychological writings of authors like Bourget, Renan, Féré, Ribot, and Taine. With Stendhal, Nietzsche turns to the analytical French spirit ‒ against the excesses of Wagnerianism and German national self-understanding.



Giuliano Campioni, Università degli Studi di Lecce und Centro Interdipartimentale Colli-Montinari di Studi su Nietzsche a la Cultura Europea, Lecce, Italien.

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Leseprobe
3. Die Krankheit des Willens. (S. 313-314)

Vor allem in seinen letzten Schaffensjahren blickte Nietzsche folglich auf Paris, die „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, das große Laboratorium der Werte und Lebensformen, das zwangsläufig Ausschuss produzierte, der für den „Pychologen“ von größtem Interesse ist. Nietzsche trieb seine antimetaphysischen Forschungen bis zur äußersten Konsequenz. Die neue französische Psychologie, die genau wie die Physiologie den dynamischen Charakter und die Komplexität der Wirklichkeit erfasste, half ihm bei der Überwindung der in der Sprache festgewordenen Mythen. Gegen diese behauptete er die pluralis tische Natur des Ich, die genealogische Konstruktion des Subjekts, und suchte nach einem „neuen Centrum“ (Nachlass 1883–1884, KGW VII/1, 24[28]):

Der Mensch hat, im Gegensatz zum Thier, eine Fülle gegensätzlicher Triebe und Impulse in sich groß gezüchtet: vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde. – Moralen sind der Ausdruck lokal beschränkter Rangordnungen in dieser vielfachen Welt der Triebe: so daß an ihren Widersprüchen der Mensch nicht zu Grunde geht. Also ein Trieb als Herr, sein Gegentrieb geschwächt, verfeinert, als Impuls, der den Reiz für die Thätigkeit des Haupttriebes abgibt. Der höchste Mensch würde die größte Vielheit der Triebe haben, und auch in der relativ größten Stärke, die sich noch ertragen läßt (Nachlass 1884, KGW VII/2, 27[59]).

Entgegen den simplifizierenden Theorien der schicksalbestimmenden Bedeutung von Blut und Rasse erblickte Nietzsche in der Vielgestaltigkeit der zeitgenössischen Welt und in der chaotischen, zwitterhaften Natur des modernen Menschen einen potenziellen Reichtum. Mit einem Ausdruck, der auf die zu jener Zeit viel diskutierte Methode von Claude Bernard verweist, wurden die Studien zur Hypnose, zur Verdoppelung oder Vervielfachung der Persönlichkeit, auf die sich auch Taine im Vorwort zu De l’intelligence berief, als eine Art moralische Vivisektion bezeichnet. Konstruktion und Erhaltung der Person sind ein komplizierter, zerbrechlicher Bau, der immer wieder teilweise einstürzen kann.

Die Bruchstücke bilden das Material für eine neue Konstruktion, die rasch neben die alte tritt: „man soll überhaupt nicht voraussetzen, daß viele Menschen ‚Personen‘ sind. Und dann sind Manche auch mehrere Personen, die Meisten sind keine“ (Nachlass 1887, KGW VIII/2, 10[59]), „die Schwäche des Willens, die Unsicherheit und selbst Mehrheit der ‚Person‘“ (Nachlass 1888, KGW VIII/3, 14[113]). Dank der Hypnose kann ein Aspekt des Seelenlebens zutage gefördert werden, der dem Bewusstsein unbekannt ist. Die Hypnose gewinnt der Seele ihren Reichtum zurück, der durch die Durchsetzung des persönlichen Bewusstseins überschattet wurde, und liefert dem Psychologen ein Werkzeug, um den Physiologen das Unbewusste zu entreißen, ohne wiederum eine geheimnisvolle Größe daraus zu machen.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Vorwort7
Zitierweise17
Siglenverzeichnis19
I. Nietzsche, Descartes und der französische Geist22
1. Der „Handwerker Descartes“ versus Nietzsche „den Edlen und Krieger“22
2. Die „Nothlüge und die veracité du dieu des Descartes“35
3. Der Weg der Erkenntnis41
4. Die Schlachten des Descartes45
5. Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum55
6. Descartes: Vernunft und Revolution61
7. Das Gleichgewicht der klassischen Vernunft und die „moralischen Monstra“68
II. Der „deva“ der Dialogues philosophiques und Nietzsches Übermensch. Renan als „Antipode“.77
1. Der Mythos Jesu von Strauss bis Renan: die Auffassung Wagners und des jungen Nietzsche77
2. Die Kraft der ‚Krise‘: Renan, Burckhardt und Nietzsche88
3. Parfum Renan: „la niaiserie religieuse par excellence“105
4. Nietzsches Philosophie: ein „renanisme exaspéré et sans ‚nuances‘?115
5. Maschinismus und Ideal: der technokratische Traum Renans und die Kritik Nietzsches132
III. Germanische Kultur und romanische Zivilisation in der Sicht von Wagner und Nietzsche149
1. Das ‚Deutschthum‘ des jungen Nietzsche: Wagner und der ‚Bayreuther Sumpf‘149
2. Egoistische Einsamkeit der Künste und italienische Oper. Die Renaissance als Ursprung der romanischen Zivilisation156
3. „Ästhetisiren auf Grundlage einer unmoralischen Welt“: Wagners Kritik an der romanischen Zivilisation163
4. Die Sehnsucht nach der Idylle und die Französische Revolution. Eine tragische „Wiedergeburt“: die Zweideutigkeit der wagnerschen Befreiung168
IV. Der Süden und die Renaissance: „Die Pflanze Mensch wächst hier stärker als anderswo“174
1. Die Renaissance des neuen Erziehers. Philologie und historische Größe174
2. Die Epoche der „individuellen Menschen“. Die erste Lehre Burckhardts185
3. Die Poeten-Philologen und die neuen Lebensformen191
4. Die Renaissance und die „Pflanze Mensch“: Stendhal, Taine und Nietzsche198
5. Napoleon: ‚Der posthume Bruder des Dante und des Michel Angelo‘212
6. „È tutto festo“. Auf der Suche nach dem „monstre gai“225
7. „Cesare Borgia als Papst“ und seine ‚virtù‘. Goethe und der Renaissancemensch233
V. Die Götter und die décadence257
1. Byron in Venedig: die Genesung des ‚höheren Menschen‘257
2. „En ce siècle où les Dieux sont tout éteints …“272
3. „Vox populi, vox Dei“. Die Romantik von Jules Michelet, Victor Hugo und George Sand. Die Helden von Arthur de Gobineau287
4. Der demagogische Cagliostro und der dionysische „Histrio“.304
VI. Die Reise des Herrn Nietzsche nach Cosmopolis319
1. „Der Pariser als das europäische Extrem“319
2. „Anatomistes, physiologistes, je vous retrouve partout!“327
3. Die Krankheit des Willens.340
4. Stile der décadence348
Bibliografie361

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