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Der gesunde Adipöse

Das Kontinuum zwischen gesunder und kranker Adipositas – Aspekte der Gesundheitsförderung, Prävention, Diagnostik und Therapie

VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783456754956
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis42,99 EUR
Epidemiologische Studien konnten zeigen, dass übergewichtige und adipöse Personen mit einer guten kardiorespiratorischen Kapazität ein geringeres Risiko für assoziierte Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen aufwiesen als Normalgewichtige mit geringer körperlicher Fitness. Manche adipösen Erwachsenen und Kinder können sogar als „stoffwechselgesund" angesehen werden. Vor diesem Hintergrund scheint die interdisziplinäre Debatte über gesunde oder ungesunde Adipositas, günstige und ungünstige Steuerungen des Ess- und Bewegungsverhaltens höchst aktuell und nötig. Diagnostik, Interventionen und deren Evaluation dürfen sich nicht mehr nur am Gewicht oder gar dem erhofften - und empirisch nicht zu begründenden - Gewichtsverlust orientieren, sondern müssen inter- und intradisziplinar durchgeführt werden. Interdisziplinär bedeutet Implementierung von theoretischen und praktischen Konzepten der Ernährungswissenschaft, Genetik, Medizin, Pädagogik, Physiotherapie, Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaft. Die Komplexität der Planung und des Vorgehens zeigt sich darin, dass die angeführten Disziplinen Fächerbündel darstellen. Intradisziplinär im Bereich der Medizin hieße also etwa Innere Medizin, Orthopädie, Pädiatrie, Chirurgie, Gynäkologie oder im Falle der Psychologie: Klinische und Gesundheitspsychologie, aber auch Sozialpsychologie, um Informationen Gesetzen zu vermitteln, nach denen Menschen im Sinne einer optimalen Gesundheit beeinflussbar sind.

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Leseprobe

[14][15]Einleitung

Elisabeth Ardelt-Gattinger, Susanne Ring-Dimitriou und Daniel Weghuber

Adipositas erreicht weltweit endemische Ausmaße mit steigender Prävalenz. Maßnahmen gegen Adipositas betreffen daher immer mehr Menschen und stellen für die Gesundheitssysteme eine enorme organisatorische und finanzielle Herausforderung dar.

Adipositas, so könnte man dieses Klagen über ständig steigende Adipositasraten unterbrechen, ließ sich lange Zeit und lässt sich auch heute noch als eine gute Botschaft interpretieren. Sie enthält die Information, dass man ausreichend zu essen hat und die dafür nötigen Mittel nicht mit harter, oft lebensverkürzender körperlicher Arbeit verdienen muss. Die Träger dieser Botschaft gehörten zudem in den Urzeiten der Menschheit zu den Siegern, die ausreichend Fett als Energieträger für Hungerzeiten speichern konnten. Möglicherweise stellt heute das Schönheitsideal DÜNN, an dem man bereits normalgewichtige Personen misst und als zu dick befindet, systemtheoretisch gesehen ein sinnvolles Gegengewicht zu unseren Überflussgesellschaften dar, das nun auch in weniger reichen Ländern über Vorbilder aus den Medien übernommen wird. Dieses Ideal führt aber aufgrund rigider energieerhaltender Regelkreise zu Verlust von Hunger und Sättigung, zu übermäßigem Diätieren, zur Zunahme von vorklinischen und klinischen Essstörungen, und es begünstigt die Entstehung von Übergewicht und Adipositas.

Das heißt, dass Adipositas, genetisch mitbedingt, auch gekennzeichnet ist von ungünstigen, teilweise sogar paradoxen kognitiven Steuerungsmechanismen des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens. Adipöse Kinder und Erwachsene weisen zudem zweierlei auf, nämlich sowohl das in manchen Studien genannte Sweet-oder Fat-Craving als auch eine Sucht nach übermäßigem Essen, die mit den übrigen im ICD 10 genannten Abhängigkeiten vergleichbar und von den jeweiligen Nahrungsmitteln meist unabhängig sind.

Die von rezenten Forschungen unberührten, bisweilen archaisch anmutenden Schuldzuweisungen von «Fraß, Völlerei und Faulheit» bedingen, dass Adipöse heute zu einer der am meisten diskriminierten Gruppen geworden sind – mit stark negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität. Insbesondere bei Kindern [16]ist diese schlechter als etwa bei Krebspatient/innen. Die allgegenwärtige Abwertung des «Fetten», sein Anders-Sein, macht es schwierig, sich in Schwimmbädern, auf Spielplätzen und an anderen Sportstätten zu zeigen. Das wiederum führt bei vielen zum Rückzug. Langeweile begünstigt Essen auch zwischen den Mahlzeiten. Was bleibt, ist speziell bei Kindern und Jugendlichen ein von geringer körperlicher Aktivität geprägtes Freizeitverhalten wie Computerspielen und ein hoher TV-Konsum, der wiederum mit dem Schönheitsideal DÜNN konfrontiert. Es dreht sich die Spirale von Rat- und Hilflosigkeit angesichts des steigenden Körpergewichts. Die Motivation und die Hoffnungen auf starke Gewichtsabnahme sind extrem hoch; durch Werbung und leichtfertige Aussagen von Berater/-innen aller Disziplinen werden sie gestützt; die Realität ist, was eine grundlegende Umstellung des Lebensstils anbetrifft, eine ganz andere.

Bisherige Präventions- und konservative Therapiemaßnahmen bei adipösen Menschen jeden Alters erwiesen sich nur kurzfristig als erfolgreich für Gewichtsabnahmen; in Bezug auf eine langfristige Gewichtsreduktion (länger als 48 Monate) werden sie übereinstimmend als sehr begrenzt effektiv bezeichnet.

Angesichts dieser Tatsachen wiegt die Stigmatisierung noch schwerer und ist noch ungerechter. Es erschien daher als die Lösung schlechthin, dass Adipositas auf der Grundlage der internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme unter den «Endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00–E90)» aufgeführt ist und sich immer häufiger – und exkulpierend – als schwere chronische Krankheit mit progressivem Verlauf bezeichnen ließ.

Die Tatsache, dass es aber auch Adipöse gibt, die in einzelnen Bereichen (z. B. Fitness, gesunde Ernährung oder klinische Kerngrößen) Normalgewichtigen überlegen sind, widerspricht der eindeutigen Zuordnung «krank». Epidemiologische Studien konnten zeigen, dass übergewichtige und adipöse Personen mit einer guten kardiorespiratorischen Kapazität ein geringeres Risiko für assoziierte Herzkreislauf- und Stoffwechselerkrankungen aufwiesen als Normalgewichtige mit geringer körperlicher Fitness. Manche adipösen Erwachsenen und Kinder können sogar als «stoffwechselgesund» gelten. Auch wenn es sich eher um die Ausnahme von der Regel handelt, ist die Unterscheidung zwischen «gesund» und «krank» im Einzelfall wichtig, da erstens die Statistik im Einzelfall lügt und demotiviert und zweitens außer Frage steht, dass nicht nur Gewichtsveränderung, sondern noch andere interdisziplinäre Variablen die Gesundheit positiv beeinflussen oder schädigen können. Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen wurde daher bereits 2001 explizit das neue Paradigma der «Health@any Size» formuliert.

Dies führte aber in den Jahren danach nicht dazu, dass in der Behandlung adipöser Menschen die Zentrierung auf den Gewichtsverlust relativiert worden [17]wäre. In den Evaluationen scheinen bis heute Änderungen des Body-Mass-Index (BMI) als zentrales und häufig einziges Maß auf. Mögliche erfolgreiche Veränderungen von medizinischen Komorbiditäten werden seltener berichtet, jene von psychosozialen Faktoren sowie des Ess- und Bewegungsverhaltens wurden bisher in wenigen Studien – etwa in der Swedish Obesity Study SOS oder der Kieler Obesity Prevention Study KOPS – konsequent thematisiert und operationalisiert.

Vor diesem Hintergrund scheint die interdisziplinäre Debatte über gesunde oder ungesunde Adipositas, günstige und ungünstige Steuerungen des Ess- und Bewegungsverhaltens höchst aktuell und nötig.

Die Vorstellung und Realität eines Kontinuums von kranken und gesunden Anteilen, günstigen und ungünstigen Verhaltensweisen, an deren jeweiligen Endpunkten der in Bezug auf eine oder mehrere Disziplinen «gesunde» oder «kranke» adipöse Mensch steht, sollte die optimale Grundlage für Interventionen bilden.

Diagnostik, Interventionen und deren Evaluation dürfen sich nicht mehr nur am Gewicht oder gar dem erhofften – und empirisch nicht zu begründenden – Gewichtsverlust orientieren, sondern müssen inter- und intradisziplinär durchgeführt werden. «Interdisziplinär» bedeutet Implementierung von theoretischen und praktischen Konzepten der Ernährungswissenschaft, Genetik, Medizin, Pädagogik, Physiotherapie, Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaft. Die Komplexität der Planung und des Vorgehens zeigt sich darin, dass die angeführten Disziplinen Fächerbündel darstellen. «Intradisziplinär» im Bereich der Medizin hieße also etwa Innere Medizin, Orthopädie, Pädiatrie, Chirurgie, Gynäkologie oder im Falle der Psychologie: Klinische und Gesundheitspsychologie, aber auch Sozialpsychologie, um Informationen entsprechend den empirisch belegten Gesetzen zu vermitteln, nach denen Menschen im Sinne einer optimalen Gesundheitskommunikation beeinflussbar sind.

Die Interventionen (Prävention, Gesundheitsförderung und letztlich auch Therapie) bleiben freilich auch mit interdisziplinärer Herangehensweise für große Gruppen der Gesellschaft schwierig. Hinzu kommt das Problem der Lebensstilerkrankungen: Menschen verfangen sich selbst möglicherweise in den pathogenen Einflüssen der Überflussgesellschaft. Misserfolge treffen vor allem sozial und materiell benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Die an sich einfache Formel zur Bekämpfung von Adipositas «weniger und anders essen und sich ausreichend bewegen» geht in einer an hochkalorischen, billigen Lebensmitteln reichen und bewegungsarmen Überflussgesellschaft nicht auf. Nur sehr begünstigte Gruppen können es sich leisten, gesunde und (!) speziell für Kinder attraktive Lebensmittel zu kaufen bzw. diese so zu verarbeiten, dass sie eine Alternative zu [18]den hunderten fetten und süßen Angeboten in den Regalen darstellen. Nur sie haben genügend echte (nicht mit dringender Hausarbeit gefüllte) Freizeit und können sich ansprechende, motivierende Bewegungsräume schaffen oder verfügbare aufsuchen.

Daher sind auch auf der Basis des «Health@any Size» bzw. des «gesunden Adipösen» die Dynamiken von Prävention und Gesundheitsförderung bei Adipositas umfassender zu beschreiben und ihre Ziele neu zu überdenken.

Eine solide Grundlage bietet das schon länger verfolgte breite Konzept der New Public Health. Das Konzept ist konform mit der Gesundheitsdefinition der WHO und fokussiert auf körperliche, psychische sowie soziale Bedingungen und Auswirkungen in einem systemisch gesehenen Zusammenhang. Es wird damit der Tatsache gerecht, dass sich gerade die vielfältigen Ätiologiefaktoren, Folgen und Komorbiditäten von Adipositas sowohl aus der Mikro-, Meso- und Makroebene der Gesellschaft ableiten als auch diese betreffen. Als Beispiel für Entstehung und Aufrechterhaltung auf der Makroebene der Gesellschaft sei die mangelhafte Kennzeichnung von Nahrungsmitteln genannt oder das Fehlen von sicheren und attraktiven Bewegungsräumen, für jene der Mesoebene ungesunde Schulbuffets und Kürzungen im Bereich des Unterrichtsfachs Bewegung & Sport und für jene auf der Mikro- oder Individualebene Genetik und ungünstige kognitive Steuerungsmechanismen des Ess- und Bewegungsverhaltens.

Die Differenziertheit und Breite von New Public Health spiegelt sich auch in den Prinzipien der Forschungen wieder, die den Gesundheitswissenschaften...

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