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E-Book

Der Hooligan

Fußballfan, Punker, Neonazi - eine wahre Geschichte aus Berlin-Koepenick

AutorDamaris Kofmehl
Verlagfontis
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783038485766
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Jan wächst in Ost-Berlin, in der ehemaligen DDR, auf. Schon als Vierzehnjähriger sorgt er mit seinem Irokesenschnitt für Aufsehen. Gleichzeitig lernt er ein paar Hooligans kennen und beginnt, sich nach den Fußballspielen mit den gegnerischen Fans zu prügeln. Die Kämpfe werden immer brutaler, und schon bald sind Jan und seine Freunde als die berüchtigtsten und verrücktesten Hooligans der ganzen Umgebung verschrien. Jan lässt keine Straßenschlacht aus und fürchtet sich nicht davor, mit zwanzig Hools gegen einen Mob von zweihundert anzutreten. Mit fünfzehn Jahren landet Jan wegen staatsfeindlicher Liedtexte in einer Jugendstrafanstalt, die seinen Hass gegen den Staat noch mehr schürt. Mit achtzehn versucht er, in den Westen zu flüchten, und landet im Stasi-Knast, wo er die ganze Härte des Systems erneut zu spüren bekommt. Am 9. November 1989 erlebt Jan live mit, wie die Mauer fällt. In der Hooliganszene herrschen jetzt beinahe kriegsähnliche Zustände. Die Polizei ist nicht mehr Herr der Lage. Und langsam verliert auch Jan die Kontrolle über sein Leben. Er schließt sich der Neonazi-Szene an und rutscht immer tiefer in den Sumpf aus Gewalt und Alkohol. Unaufhaltsam bahnt sich eine Katastrophe an. Doch Jan steckt schon zu tief drin, um auszusteigen. Ein anderer muss für ihn die Notbremse ziehen, ehe es zu spät ist ...

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Leseprobe

1.  Das Verhör

 

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein übermütiges Teenager-Leben wie das meine eine derart dramatische Wende nehmen könnte. Es geschah kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag. Ich war bei einem meiner Punk-Freunde in Berlin-Mitte zu Besuch gewesen und kam nach Hause, ohne auch nur das Geringste von dem zu ahnen, was mir bevorstand. Ein Liedchen trällernd, stürmte ich die Treppe zu unserer bescheidenen Wohnung hoch. Meine Mutter erwartete mich mit verschränkten Armen in der Küche. In ihrem strengen Gesicht lag ein Ausdruck der Empörung und Besorgnis zugleich.

«Jan», sagte sie nervös, «die Stasi war hier.»

Das Wort ließ mich innerlich erschauern. Wenn es etwas gab, wovor sich jeder DDR-Bürger fürchtete, dann vor den Beamten der Staatssicherheit mit ihren grauen Klappkärtchen und Schirmmützen. Davor hatte jeder Angst. Wie angewurzelt blieb ich stehen, starrte meine Mutter mit großen schwarzen Kulleraugen entsetzt an und war für ein paar Sekunden sprachlos. Jan und sprachlos, das wollte etwas heißen.

«Die ... die Stasi war hier?», wiederholte ich.

«Allerdings», sagte sie, und ihre Brust wölbte sich beim Sprechen auf und nieder. «Die Suppe, mein Sohn, die wirst du schön alleine auslöffeln!»

«Was ... was wollten sie denn?», fragte ich vorsichtig.

Meine Mutter begann rot anzulaufen. «Was sie wollten? Du fragst mich im Ernst, was sie wollten, Jan? Kannst du dir das nicht denken, mein Junge?! Die Hausdurchsuchung war deinetwegen. Deinetwegen waren sie hier, hörst du? Sie fragten, ob du im Besitz einer Sprühdose wärst.»

«Einer Sprühdose? Wozu sollte ich eine Sprühdose haben?»

«Weil irgend so ein Spaßvogel in Köpenick ‹DDR gleich KZ› an eine Mauer gesprüht hat! Und die glauben natürlich, du wärst das gewesen!»

«Ich?!»

«Ja, du! Wer sonst würde so etwas Irrsinniges wagen, außer meinem Jan? Dir fällt ja nie was Besseres ein, als zu provozieren, provozieren und wieder provozieren!»

«Aber ... das war ich nicht, Mutter!», sagte ich wahrheitsgetreu. «Ich hab nichts an die Mauer gesprüht. Ehrenwort. So was würde ich nie tun! Ich bin doch nicht geisteskrank.»

«Nicht geisteskrank?!», rief meine Mutter und fasste sich an den Kopf. «Und was ist mit der Wand in deinem Zimmer? Welcher Geisteskranke ist dafür verantwortlich?»

Ach, du meine Güte, dachte ich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf. Sollten sie am Ende ...

«Dein ganzes Zimmer haben sie durchwühlt!», bestätigte sie meine Befürchtung. «Die Sprühdose war längst vergessen. Dafür haben sie alles fotografiert! Dein ganzes Zimmer haben sie abgelichtet! Verstehst du?!»

Ich glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das kann nicht wahr sein, dachte ich. Das darf nicht wahr sein.

Die Stimme meiner Mutter bebte. «Ich hab dir immer gesagt: Lass den Unfug mit deinen bunten Haaren. Ich hab’s dir immer gesagt. Warum tust du mir das an? Ich muss darunter leiden. Deinetwegen werde ich noch Berufsverbot kriegen! Alles geschieht deinetwegen. Weil du dich querstellst. Weil du den Mund immer so voll nimmst. Was machst du bloß? Warum machst du das bloß, Jan?!» Ihre Hände zitterten leicht. «Du sollst morgen pünktlich um acht auf dem Polizeipräsidium erscheinen», fügte sie etwas leiser hinzu. «Sie haben gesagt, wenn du dich nicht meldest, dann würden sie dich schon finden.»

Ich schluckte. Natürlich würden sie mich finden. Die brauchten sich keine Sorgen zu machen, dass jemand aus der DDR abhaut, weil man eh nicht aus dem Land rauskam. Und wenn sie jemanden finden wollten, dann fanden sie ihn auch. Dem Staat entkam niemand. Erst recht nicht jemand wie ich. Ich spürte einen Klumpen in meinem Hals, der rasch größer wurde. «Was ... was haben sie denn alles fotografiert?»

«Alles haben sie fotografiert!», krächzte meine Mutter. «Alles, Jan. Alles! Sie haben alles auf den Kopf gestellt. Mensch, Jan. Sie haben alles gefunden und mitgenommen. Alles!»

«Nein», murmelte ich und sank völlig benommen auf einen Stuhl. «Nein ...»

Es kam mir vor, als würde mein ganzes unbeschwertes Leben wie eine schillernde Seifenblase vor meinen Augen zerplatzen. Ich hatte schon eine Menge Mist gebaut mit meinen fast fünfzehn Jahren, keine Frage. Ich war nicht gerade das, was man sich unter einem braven Teenager vorstellt. Auffallen war mein Elixier. Ich war ein Punker, hatte knallbunte Haare, die ich mir mit Seife und Rasierschaum stachelmäßig hochstylte. Zusammen mit meinen Freunden zogen wir in zerrissenen Klamotten durch die Gegend und genossen es, die artigen DDR-Bürger mit unserem krassen Auftreten und unseren sarkastischen Sprüchen zu schockieren. Wir sahen uns nicht nur als Spießerschreck, sondern als echte Staatsfeinde. Ja, Staatsfeinde. Wie konnte ich bloß so naiv sein und denken, dass es immer so weitergehen würde? Ich war erledigt. Ich saß so tief in der Tinte, wie man nur drinsitzen kann.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich wünschte mir einfach nur, ich würde am nächsten Morgen aufwachen und feststellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. Aber es war kein böser Traum. Die handgeschriebene Vorladung «zur Klärung eines Sachverhaltes», wie es immer so hieß, lag auch am nächsten Morgen noch auf meinem Schreibpult, bedrohlich und gnadenlos. Es gab kein Entrinnen, keine Möglichkeit, die Konfrontation wenigstens um ein paar Tage hinauszuzögern. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als da hinzugehen. Pünktlich um acht Uhr betrat ich das Polizeipräsidium in Berlin-Mitte, an einem grauen, trüben Herbstmorgen im Jahr 1985, kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag. Dieser Tag sollte mein Leben für immer verändern.

Ich wurde in ein kleines Büro geführt. Mir gegenüber saß ein Kriminalpolizist, ein Vertreter dieses Staates, ein großer Mann mit stechenden Augen und aschgrauem Haar mit Seitenscheitel. Er hackte energisch auf der Tastatur seiner Schreibmaschine herum und war sichtlich erbost. Er war so wütend, dass ich glaubte, der Kragen seiner hässlichen engen Uniform müsste gleich platzen. Er warf mir einen einzigen Blick voller Abscheu zu, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, und kaum hatte ich mich gesetzt, schrie er mich auch schon an:

«WAS BILDEST DU DIR EIGENTLICH EIN?!!!»

Ich duckte mich wie ein Schaf, wenn der Wolf kommt. So hatte noch nie jemand mit mir gesprochen, nicht einmal meine Mutter, und die konnte manchmal ganz schön aufbrausend sein. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, in welcher Gefahr ich mich befand. Mein Leben hatte sich bisher immer nur um Partys, Punkkonzerte und vor allem um meinen über alles geliebten Fußballclub BFC gedreht. Schule war Nebensache. Provokation und Spaß, so war unsere Devise. Wo auch immer es etwas zu feiern oder zu stänkern gab, war ich, Jan, mittendrin und sorgte mit meinen ausgeflippten Ideen für reichlich Unterhaltung. Alle waren Freunde. Wir pfiffen auf den Staat und das ganze sozialistische System. Klar bewegten wir uns immer am Rande des Gesetzes. Klar hatte ich es oft übertreten. Aber irgendwie war ich immer mit einem blauen Auge davongekommen. Doch jetzt saß ich vor einem, der dieses Gesetz in seiner ganzen Härte vertrat. Und ich spürte seinen Hass. Oh ja, ich spürte seinen Hass, als hätte der Staat selbst sich in Fleisch und Blut verwandelt und würde mir gegenübersitzen. Ich hatte Angst, furchtbare Angst. Und ich hätte mir beinahe in die Hosen gemacht, als dieser Stasi-Beamte sich vorbeugte und knirschte:

«Jetzt hast du Ärger, Bürschchen. Jetzt hast du richtig Ärger!» Die Haare fielen ihm ins Gesicht, er warf sie sich mit einer hektischen Handbewegung zurück und hackte weiter auf die Schreibmaschine ein.

«Name!»

«Jan», hauchte ich schuldbewusst, «Jan Günther.»

«Alter?»

«Vierzehn», murmelte ich, während ich auf dem Stuhl immer tiefer rutschte.

«Erste Frage», fuhr der Polizist fort und fixierte mich erneut mit eisernem Blick. «Was hat dir der Staat getan, dass du ihn so kränkst?»

Ich wusste nicht genau, was ich darauf antworten sollte. «Na ja, eigentlich wollte ich nur ein bisschen Kritik ...»

Der Mann ließ mich nicht zu Ende reden. «WAS WOLLTEST DU?!!!», brüllte er. Seine Augen sprühten Feuer.

«Ja, also», eierte ich herum, «ich ... ich bin unzufrieden hier.»

«Der Herr ist unzufrieden?!»

Der Beamte erhob sich abrupt von...

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