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Der letzte Mann, der alles wusste

Das Leben des exzentrischen Genies Athanasius Kircher

AutorJohn Glassie
VerlagBerlin Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl352 Seiten
ISBN9783827076793
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Kirchers Neugier kannte keine Grenzen: Er war Erfinder, Biologe, Ägyptologe, Mediziner, Astronom, Musikwissenschaftler, Archäologe, Geograph und Autor von über vierzig umfangreichen wissenschaftlichen Werken. Zur Überprüfung seiner Vulkanismus-Theorie ließ er sich in den Krater des Vesuv abseilen, und er war der Erste, der Krankheiten wie die Pest auf Mikroorganismen zurückführte. Sein Museum Kircherianum in Rom ist eine barocke Wunderkammer, die sprechende Statuen, einen Vorläufer des Filmprojektors, den Schwanz einer Meerjungfrau, einen Stein des Turms von Babel und ein 'Perpetuum Mobile' enthielt. In ganz Europa eine Koryphäe, verkehrte Kircher mit Päpsten und korrespondierte mit den großen Meistern des Barock. Doch mit den Vorboten der Aufklärung begann sein Stern zu sinken ... Hochunterhaltsam erzählt John Glassie vom kühnen Leben eines fehlbaren Genies. Seine unbezähmbare Neugier und sein Streben nach Ruhm ließen Kircher zur Verkörperung des Wissensstands seiner Zeit werden und machten ihn, wie die Stanford-Professorin Paula Findlen formulierte, zum 'letzten Mann, der alles wusste'.

John Glassie, 1961 geboren, wuchs in Washington, D.C., auf und studierte Literatur an der Johns Hopkins University in Baltimore. Er war Redakteur beim New York Times Magazine und schreibt über Literatur, Kunst und Wissenschaft für renommierte Blätter wie die New York Times und Newsday. Zudem unterrichtet er Kreatives Schreiben am New Yorker Pratt Institute. John Glassie lebt in Brooklyn, New York.

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Leseprobe

2

Unvermeidliche Hindernisse

Athanasius Kirchers eigentliche Initiation in die Gesellschaft Jesu fand mitten in einer Herbstnacht des Jahres 1618 statt, als man ihn unter seiner warmen, wahrscheinlich ziemlich rauen Decke hervorholte. Bei Kerzen- oder Lampenlicht erläuterte ein Pater die Meditation, mit der sich der angehende Jesuit beschäftigen sollte. Es war die erste vieler Übungen, die ihm während der folgenden vier Wochen täglich aufgetragen wurden. Zwar war ihm klar, dass man ihn nun durch die Exerzitien des Ignatius von Loyola führen würde, denen sich bis heute alle Novizen unterziehen, doch was genau er zu erwarten hatte, wusste er wohl nicht. Vom Ordensgründer in Jahren strenger Kontemplation entworfen und verfeinert, sollten die Übungen die komplexen Formen des Eigennutzes, von denen die Lebensführung normalerweise bestimmt wird, und die bösen Triebe auslöschen, um die Hinwendung zu Gott zu fördern. Für die Novizen war das wie eine soldatische Grundausbildung, bei der bestehende Denkmuster und Annahmen zerstört wurden, um an ihrer Stelle den Wunsch zu wecken, aus freien Stücken Hingabe und Gehorsam zu wählen.

Die erste Meditation begann um Mitternacht, wie Ignatius von Loyola es vorgeschrieben hatte. Dabei sollten die Novizen über die »Schwere und Bosheit der Sünde« nachdenken und Gott um die einem Sünder angemessene »Beschämung und Verwirrung« bitten. Den Tag über meditierten sie über die Verdorbenheit, die jeder Sünde, die sie je begangen hatten, zu eigen war, und eine Stunde vor dem Abendessen wies man sie an, sich mit allen Sinnen die Hölle vorzustellen. Sie sollten die »großen Gluten« sehen und die »Seelen wie in feurigen Leibern«, sie sollten mit eigenen Ohren »Gejammer, Geheul, Schreie, Lästerungen« hören, sollten »Rauch, Schwefel, Auswurf und Faulendes« riechen. Sie sollten »Bitteres schmecken, etwa Tränen, Traurigkeit und den Wurm des Gewissens«, und sollten spüren, »wie die Gluten die Seelen berühren und verbrennen«.

Die Meditationen und Gebete des ersten Tags wurden eine Woche lang täglich wiederholt. Die Novizen verbrachten diese Zeit schweigend und für sich, mit Ausnahme der gemeinsamen Andacht und der Gespräche mit dem Pater, der die Exerzitien leitete. Sie verhüllten ihre Augen; Türen und Fensterläden wurden geschlossen, um kein Licht hereinzulassen. Nachdem die jungen Männer sich so eindringlich vorgestellt hatten, was sie in der Hölle erwartete, wollten sie künftig oft von sich aus Buße für ihre Sünden tun, indem sie auf Wärme, Nahrung oder Schlaf verzichteten und ihren Körper züchtigten, indem sie ein härenes Gewand trugen oder sich geißelten. »Der Schmerz soll im Fleisch spürbar sein und nicht in die Knochen eindringen«, hatte Ignatius von Loyola in diesem Zusammenhang geraten. »Deshalb scheint es, dass es angebrachter ist, sich mit dünnen Stricken weh zu tun, die von außen Schmerz zufügen.«

In der zweiten Woche verbrachten die Novizen viele Stunden des Tages damit, sich mit ihrem Geist und ihren Sinnen dem Leben und den guten Taten Christi zu widmen. In der dritten Woche ging es um das Leiden und Sterben Jesu und in der letzten Woche um seine Auferstehung, die ebenso mit Freude und Dankbarkeit empfunden wurde wie das Sonnenlicht, das durch die wieder geöffneten Fenster fiel. Im Laufe dieses Prozesses waren die Novizen aufgefordert, ihre eigene Lebensführung und ihr Verhalten an dem Handeln Jesu zu messen und über das Leben nachzudenken, das Gott für sie vorsah. Alle anderen Stimmen, Einflüsse und Impulse sollten beseitigt werden. Den Ruf Gottes von dem trügerischen Ruf des bösen Feindes – also des Teufels – zu unterscheiden war schwierig, zumal die Versuchung durch den Bösen oft »unter dem Schein des Guten« erfolgte.

Entscheidend war es laut Ignatius, sich von dem zu befreien, was er »ungeordnete Anhänglichkeiten« an Dinge wie Bequemlichkeit, Erfolg und Ruhm nannte. Dazu bedurfte es einer besonderen Form der Demut, die erreicht sei, »wenn ich nicht will noch mehr danach verlange, Reichtum als Armut zu haben, Ehre als Unehre zu wollen, ein langes Leben zu wünschen als ein kurzes, wenn der Dienst für Gott unseren Herrn und das Heil meiner Seele gleich ist«. Die höchste Form der Demut aber wird erreicht, »je mehr [ich] mit dem armen Christus Armut will und erwähle als Reichtum, Schmähungen mit dem davon erfüllten Christus mehr als Ehren« und nicht mehr wünsche, »als nichtig und töricht um Christi willen angesehen zu werden, der als Erster dafür gehalten wurde, denn als weise und klug in dieser Welt«.

Wir wissen nicht, ob der erst sechzehnjährige Athanasius Kircher in diesen Tagen tatsächlich den Ruf Gottes in sich vernahm, ob er ihn zu vernehmen glaubte oder ob die intensive Zeit der Meditation und des Fastens bestimmte psychische und körperliche Symptome wie Euphorie oder Benommenheit verursachte, die als Ausdruck einer spirituellen Offenbarung missdeutet werden konnten. Unzweifelhaft ist jedoch, dass die Exerzitien eine große Wirkung auf ihn hatten. Um die Erlösung im Himmel zu erlangen, was sein sehnlichster Wunsch war – ein durchaus eigennütziger Wunsch, den aber selbst Ignatius von Loyola nicht verurteilte –, musste er auf Erden demütig werden. Bald war er offenbar stolz darauf, mehr Demut zu zeigen als alle anderen Novizen.

Athanasius widmete sich hingebungsvoll seinen geistlichen Studien und dem Gemeinschaftsleben. Nach Abschluss des zweijährigen Noviziats legte er die ersten Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab. Anschließend begannen die dreijährigen philosophischen Studien. Dabei gab er sich anfangs betont bescheiden. »Weil ich nun von Gott mit so viel Wohltaten überhäuft worden war«, schreibt er in seinen Erinnerungen, »getraute ich mich nicht, Proben von meinen Fähigkeiten zu geben. Ich fürchtete, durch etwaiges Wohlgefallen an eitlem Ruhm den Zufluss neuer göttlicher Gnaden zu vermindern.« Ein zusätzlicher Vorteil dieses Verhaltens war die Geringschätzung, die Athanasius auf sich zog und die ihn laut Ignatius von Loyola Christus ähnlicher werden ließ. »Und wirklich brachten meine Schweigsamkeit und die Verhehlung meiner guten Anlagen sowohl meine Lehrer als meine Mitschüler auf die Meinung, ich sei schwachsinnig und unfähig, Philosophie zu studieren«, heißt es in den Erinnerungen weiter. »Ich freute mich aber und jubelte darüber, dass ich aus Liebe zu Christus von allen für dumm und schwachsinnig gehalten wurde.«

Wenn man Kirchers Erzählung Glauben schenkt, so verfolgte er sein spirituelles Leben nicht nur mit größerem Ernst als seine Mitstudenten, sondern besaß etwas, das Demut nötig machte – seine mittlerweile, wie er schreibt, deutlich gewachsenen Talente. Es muss ein Akt der Selbstbeherrschung gewesen sein, wenn ein Mann, der später so gern redete und schrieb, sich dem Schweigen verpflichtete, während er in Logik ausgebildet wurde. Schließlich ging es dabei ein ganzes Jahr lang um Disputation und mündliches Argumentieren. Da er sein Verhalten beibehielt, als im nächsten Jahr die Physik – damals die Lehre der Naturerscheinungen – an der Reihe war, muss er im Unterricht zumindest sehr aufmerksam gewesen sein; schließlich hat er sich einen Großteil seines späteren Lebens mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftigt.

Für die vom Humanismus geprägten Jesuiten bestand kein Widerspruch zwischen der Religion und der Erforschung der Natur. Ein größeres Verständnis des physischen Kosmos führte nach ihrer Ansicht zu einer größeren Wertschätzung der wunderschönen, komplexen Schöpfung Gottes. Daraus ergab sich eine größere Liebe zu Gott, da man von alters her glaubte, alles im irdischen Reich sei durch eine große Wesenskette – durch Korrespondenzen und Affinitäten – mit dem himmlischen Reich verbunden.

Jahrhundertelang war Thomas von Aquin die kirchliche Autorität zu Fragen der »Physik« gewesen. Er wiederum bezog sich auf Aristoteles, für den das Universum vollkommen und unveränderlich gewesen war. Alle Dinge besaßen nicht nur Substanz und Form, sondern auch einen Zweck, eine Endursache oder Natur. Die Endursache oder Natur einer Eichel, lautet ein berühmtes Beispiel, war es, ein Eichbaum zu werden. Entsprechend war es die Natur aus Erde bestehender Dinge wie der Steine, in Richtung des Mittelpunkts der Erde hinabzufallen. Das Wasser suchte sich seinen Ort auf der Erdoberfläche, die Luft suchte sich ihren Ort über der Erde, und das Feuer suchte sich den seinen über der Luft. Alles, was sich nicht gemäß seiner Form, seiner Substanz und seiner mutmaßlichen Natur verhielt, musste eine andere Natur oder verborgene Eigenschaften besitzen.

Die Erde selbst ruhte im Zentrum des Kosmos, und alles jenseits des irdischen Bereichs bestand aus dem fünften Element, genannt Quintessenz oder Äther. Die vollkommenen Körper der Sonne, des Mondes und der Planeten sowie der Fixsterne befanden sich in einem System aus wiederum vollkommenen Sphären, die mithilfe bestimmter Kräfte kreisförmig um die Erde geführt wurden. Die Endursache dieser Sphären aber bestand darin, vom göttlichen Verstand als Gegenstand der Liebe bewegt zu werden.

Laut Aristoteles verabscheute die Natur jegliches Vakuum. Die Geschwindigkeit, mit der ein Gegenstand herabfiel, verhielt sich umgekehrt proportional zur Dichte des Mediums, durch das er fiel – je geringer dessen Dichte, desto schneller fiel der Gegenstand. Eine völlige Leere, also ein Vakuum, konnte daher nicht existieren, ohne dass etwas mit unbegrenzter Geschwindigkeit hindurchgefallen wäre. Auch die Unendlichkeit konnte nicht existieren, unter anderem deshalb, weil jedes Unendliche aus Dingen hätte bestehen müssen, die selbst endlich, mit den Sinnen wahrnehmbar und daher auch messbar gewesen...

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