Sie sind hier
E-Book

Der Limes

Geschichte einer Grenze

AutorEgon Schallmayer
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl136 Seiten
ISBN9783406693328
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,49 EUR
Den Begriff Limes - im Sinne einer militärisch besetzten Grenze - verwendete erstmals der lateinische Autor Tacitus Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. in seinem Werk Germania. Tatsächlich markierte einst der Limes die Ränder des Imperium Romanum. Er erstreckte sich von Britannien aus über Germanien und Raetien weiter bis in die Donauprovinzen, den Osten Kleinasiens, die römisch kontrollierten Gebiete des Orients hinaus bis nach Nordafrika. So verwundert es nicht, dass sich bis heute allenthalben archäologische Reste dieses gewaltigen Bodendenkmals erhalten haben. Im Jahr 2005 wurde der Obergermanisch-Raetische Limes in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz sogar in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Mit Egon Schallmayer erläutert einer der international besten Kenner der Archäologie und Geschichte des Limes in dem vorliegenden Band Entstehung, Entwicklung und Zweck des Limes als Reichsgrenze, informiert über seinen Verlauf, seine Ausbauphasen sowie über Bauwerke und Truppen am Limes und skizziert zudem die Phasen seiner Erforschung.

Professor Dr. phil. Egon Schallmayer war Direktor des Römerkastells Saalburg - Archäologischer Park, Landesarchäologe von Hessen und bekleidete eine Honorarprofessur für Provinzialrömische Archäologie an der Universität zu Köln; er hat zahlreiche archäologische Ausgrabungen am Limes durchgeführt und darüber hinaus einschlägige Veröffentlichungen zur Geschichte des Limes und zur Provinzialrömischen Archäologie vorgelegt.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

I. Einleitung: Grenzen des Römischen Reiches


Die Römer haben – ausgehend von einer kleinen Siedlung an den Ufern des Tiber – ein Imperium aufgebaut, das zu Zeiten seiner größten Ausdehnung neben dem gesamten Mittelmeerraum mit Kleinasien, Palästina, Nordafrika und der iberischen Halbinsel das heutige England, Frankreich, Süddeutschland, Österreich und die Balkanstaaten einschließlich Rumäniens umfasste. Das von Rom über lange Zeit effektiv und einheitlich verwaltete Staatengebilde verband Orient und Okzident in einer Weise, wie dies bis heute nicht mehr erreicht wurde. Erst das gegenwärtige Bemühen der europäischen Staaten, unter Einschluss der Türkei ein vereintes Europa zu schaffen, knüpft an Vorstellungen an, die in der Antike Realität gewonnen hatten. Es nimmt nicht Wunder, dass die grundlegenden Verträge zur Einigung Europas 1957 in der Kapitale des antiken Imperium Romanum, der Ewigen Stadt Rom, geschlossen wurden und als die «Römischen Verträge» das Zusammenwachsen Europas in unseren Tagen eingeleitet haben.

Das riesige Reichsgebiet war in Provinzen eingeteilt, die jeweils von senatorischen oder kaiserlichen Provinzstatthaltern verwaltet wurden. Ein professionell arbeitender Staatsapparat mit Einrichtungen der Militär- und Zivilverwaltung hat über Jahrhunderte hinweg trotz mancher Krisen politische und rechtliche Stabilität aufrechterhalten.

Die Außengrenzen des Römischen Reiches wurden gesichert. Dort, wo keine natürlichen Grenzlinien wie etwa Flüsse vorhanden waren, markierten die Römer ihre Reichsgrenze durch die Anlage von limites. Dabei spielte die Grenzmarkierung im völkerrechtlichen Sinne eine besondere Rolle. Durch die Verlegung der römischen Truppen unmittelbar an die Limeslinie besaßen die Grenzeinrichtungen auch einen militärischen Charakter. Dieser bestand aber nicht darin, feindliche Angreifer aus dem barbaricum – dem Land jenseits der römischen Grenze – an dieser Linie mit militärischen Mitteln etwa im Sinne eines Stellungskrieges zu binden und aufzuhalten. Vielmehr betrieben die am Limes stationierten Truppen eine weitreichende Vorfeldaufklärung, die es der römischen Militärverwaltung ermöglichte, potenzielle Angriffe auf das Reich und seine Provinzen bereits im Vorfeld abschätzen und geeignete Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Erst im 3. Jahrhundert n. Chr. brachten Kriegshandlungen an mehreren Fronten das Grenzsystem ins Wanken: Groß angelegte germanische Einfälle führten zu einer Erschütterung in den Nordwest- und Donauprovinzen, die mit der Aufgabe des Obergermanisch-Raetischen Limes verbunden waren, während kriegerische Auseinandersetzungen mit den Persern Gebietsverluste an der Euphratgrenze im Osten mit sich brachten. Rom reagierte mit Änderungen bei der Grenzsicherung, die bereits in die Spätantike verwiesen: Eine neue Grenzlinie entstand mit den militärischen Festungsanlagen an Donau, Iller und Rhein. In England sollten die Kastelle der Saxon Shore an der Nordsee- und Kanalküste die germanischen Invasionsbestrebungen vom Festland abwehren. Entlang der Donau, im Zweistromland und im Norden Afrikas wurden mächtige Verteidigungsbauten errichtet. Diese Neuausrichtung ermöglichte eine tiefere Staffelung der stehenden Heeresverbände im Hinterland der Grenze. Gleichzeitig schuf Rom teilweise stark gepanzerte, flexible Reiterverbände zur Abwehr der auf schnellen Pferden vorgetragenen feindlichen Angriffe. Dieses System entfaltete immerhin bis weit ins 5. Jahrhundert hinein seine Wirkung, ja es wurde im Byzantinischen Reich im Osten fortentwickelt.

Im Wesentlichen dienten die Limeslinien in Britannien, an Rhein und Donau, in den Karpaten, am Euphrat und in Nordafrika als wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Steuerungsinstrument der römischen Provinz- und Zentralverwaltung. Indem es durch die Sperranlagen gelang, Handelsströme und Bevölkerungsbewegungen auf ganz bestimmte Limesdurchgänge zu leiten, schuf sich der römische Staat die Möglichkeit, einerseits den aus den einzelnen Provinzen ausgehenden und in das Reich hineinführenden Handel zu kontrollieren, ordnend einzugreifen und Zölle zu erheben, andererseits den Zuzug ganzer Bevölkerungsgruppen je nach internem Bedarf zu regulieren. Damit stellten die limites in den einzelnen Provinzen aber kein waffenstarrendes und undurchdringliches Grenzsystem dar, wie dies die ältere Forschung vermutet hat, und für das noch der ehemalige «Eiserne Vorhang» mit seinem «Todesstreifen» ein Bild abgeben konnte, sondern eine «Linie der Begegnung», an der Völkerschaften miteinander in Kontakt traten, die auf unterschiedlichen kulturellen und zivilisatorischen Niveaus lebten. Indem das römische Grenzsystem durch seine Funktion als Demarkationslinie dieses Kultur- und Zivilisationsgefälle räumlich eindrücklich dokumentierte, wurde es für die einen, die römischen Provinzbewohner, zu einer Klammer des integrativen staatlichen Selbstverständnisses, für die anderen, den aus den Gebieten jenseits kommenden Völkerschaften und Stämmen, aber zu einer Linie, die zu erreichen und zu überwinden – gerade in Zeiten zunehmender Ressourcenknappheit auf germanischer Seite – als notwendig erstrebenswertes Ziel galt. War sie doch geeignet, Begehrlichkeiten zu wecken, an der besseren Lebenswelt des Imperium Romanum auf welche Art und Weise auch immer teilhaben zu können. Somit schuf wohl gerade das Limessystem eine wesentliche Stimulanz für die Völkerwanderungszeit.

An vielen Stellen entlang der Außengrenzen des ehemaligen Römischen Reiches haben sich die Überreste der verschiedenen Limeslinien erhalten. Sie sind zu einem herausragenden Forschungsobjekt der Provinzialrömischen Archäologie geworden. Besondere Bedeutung für die Herausbildung dieses Wissenschaftszweiges in der Archäologie erhielt die Limesforschung in Deutschland. Hier grenzte der römische Limes in der Antike die Provinzen Obergermanien (Germania superior) mit der Hauptstadt Mogontiacum/Mainz und Rätien (Raetia) mit der Hauptstadt Augusta Vindelicum/Augsburg gegen das «freie Germanien», die Germania magna, ab. In der Forschung erhielt das größte Bodendenkmal auf deutschem Boden deshalb den Namen «Der Obergermanisch-Raetische Limes».

1. Zum Verständnis des Begriffs «limes»


Wenn wir die Bedeutung des lateinischen Wortes limes zu erklären suchen, stoßen wir zunächst auf einen Begriff, der im Zusammenhang mit der Erschließung eines Raumes und der Einteilung eines Geländes steht. limes, limitis m. (maskulinum) – entstanden aus der Zusammensetzung von limus «quer» mit einem Verbalnomen -it «gehend» – bedeutet einen Weg, eine Bahn, die etwas durchquert, z.B. die Feldflur, den Wald, den Himmel, das Meer, die Masse der Feinde usw. Im weitesten Sinne steht limes für jede Art von gebahntem Weg oder breiter offener Bahn, wodurch je nach Kontext auch eine engere oder weitere räumliche Auslegung der Wortbedeutung vorgenommen werden kann. Bei den römischen Landvermessern Frontinus oder Hyginus bezeichnet limes in der Landwirtschaft den Grenzweg zwischen zwei Grundstücken, d.h. eine Besitzgrenze, die durch Grenzsteine (termini) markiert sein konnte.

Im militärischen Sinne stellt limes eine Bahn dar, die zur Erschließung strategisch wichtiger Gebiete von römischer Seite aus in Feindesland, d.h., sowohl in offene Landschaften als auch besonders in Wälder und Gebirgsgegenden vorgetrieben wird. In diesem Sinne lassen sich bereits die großartigen Straßenbauten des republikanischen Rom, die in einem militärpolitischen Kontext zu sehen sind, als limites bezeichnen. So diente z.B. die seit 312 v. Chr. ausgebaute via Appia nicht nur als Gräberstraße in der Nähe der urbs aeterna, sondern auch als Mittel zur Eroberung neuer Territorien. Ihre Streckenführung folgt dem Fortgang der Eroberung Süditaliens durch Rom in den Samnitenkriegen und den Kämpfen mit Pyrrhus im vierten und dritten vorchristlichen Jahrhundert.

Auch bei der Eroberung der Provinzen außerhalb des italischen Mutterlandes sind die Römer nach dem Schema der Schaffung von militärbewehrten Straßen vorgegangen, die wie Schneisen (limites) in das neu eroberte Land hineinreichen. So entstanden Kolonien und Militärlager entlang der großen Traversalen in Gallien, etwa der die Narbonensis mit Aquitanien (Toulouse) und der Atlantikküste (Bordeaux) verbindenden viae Narbone Tolosam et Burgidalam oder auch entlang der dem Rhonetal von Arles nach Lyon folgenden linken Uferstraße und ebenso entlang des von der letztgenannten, im Herzen Galliens gelegenen Stadt, über Trier nach Köln bzw. Mainz an den Rhein führenden Fernweges. Der jeweilige Straßenverlauf dürfte letztlich wohl auch auf militärstrategische Erfahrungen in verkehrstopographischer Hinsicht zurückgehen, die Caesar während des Gallischen Krieges (58–51 v. Chr.) sammeln konnte. Während unter Augustus das Voralpenland mittels der von den Alpenpässen nach Norden führenden...

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Cover1
Titel2
Zum Buch3
Über den Autor3
Impressum4
Inhalt5
Vorwort6
I. Einleitung: Grenzen des Römischen Reiches8
1. Zum Verständnis des Begriffs «limes»11
2. Der Limes als Reichsgrenze: Entstehungsgründe und Grenzpolitik16
II. Der Obergermanisch-Raetische Limes – die einstige römische Reichsgrenze im heutigen Deutschland33
1. Forschungsgeschichte36
2. Limesgeschichte43
3. Ausbauphasen73
III. Die Anlagen am Limes82
1. Der Patrouillenweg83
2. Wachttürme aus Holz und Stein84
3. Die Palisade, Wall und Graben90
4. Limesdurchgänge: Wirtschaftsaustausch und Grenzverkehr92
IV. Truppen und Truppenlager am Limes94
1. Die Legionen95
2. Die Hilfstruppen (auxilia)105
V. Das Limeshinterland127
VI. Ausblick: Die Grenzen des Römischen Reiches – Wirkungen132
Literaturhinweise133
Register135
Karten137

Weitere E-Books zum Thema: Frühgeschichte - prähistorische Archäologie

Die Adria entlang von Görz bis Bar

E-Book Die Adria entlang von Görz bis Bar
Geschichte und Geschichten von der Österreichischen Riviera Format: ePUB

Wer die zauberhafte Welt der östlichen Adria liebt, wer sich für die Geschichte der ehemals österreichisch-ungarischen Küstenregion von Görz bis Bar interessiert, wer sich die schönsten und…

Das Reich der Zaren

E-Book Das Reich der Zaren
Aufstieg, Glanz und Untergang Format: ePUB

Zarin Katharina alias Sophia von Anhalt-Zerbst erhielt als einzige Herrscherin der Geschichte den Beinamen ?die Große?. Unter der Regentschaft der temperamentvollen deutschen Fürstentochter erlebte…

Die griechische Göttin Artemis

E-Book Die griechische Göttin Artemis
Format: ePUB/PDF

Studienarbeit aus dem Jahr 2003 im Fachbereich Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike, Note: 2+, Universität Potsdam (Historisches Institut), Veranstaltung: Griechische Religion,…

Weitere Zeitschriften

Arzneimittel Zeitung

Arzneimittel Zeitung

Die Arneimittel Zeitung ist die Zeitung für Entscheider und Mitarbeiter in der Pharmabranche. Sie informiert branchenspezifisch über Gesundheits- und Arzneimittelpolitik, über Unternehmen und ...

arznei-telegramm

arznei-telegramm

Das arznei-telegramm® informiert bereits im 50. Jahrgang Ärzte, Apotheker und andere Heilberufe über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln. Das arznei-telegramm®  ist neutral und ...

bank und markt

bank und markt

Zeitschrift für Banking - die führende Fachzeitschrift für den Markt und Wettbewerb der Finanzdienstleister, erscheint seit 1972 monatlich. Leitthemen Absatz und Akquise im Multichannel ...

CAREkonkret

CAREkonkret

Die Wochenzeitung für Entscheider in der Pflege CAREkonkret ist die Wochenzeitung für Entscheider in der Pflege. Ambulant wie stationär. Sie fasst topaktuelle Informationen und Hintergründe ...

Computerwoche

Computerwoche

Die COMPUTERWOCHE berichtet schnell und detailliert über alle Belange der Informations- und Kommunikationstechnik in Unternehmen – über Trends, neue Technologien, Produkte und Märkte. IT-Manager ...

Courier

Courier

The Bayer CropScience Magazine for Modern AgriculturePflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und generell am Thema Interessierten, mit umfassender ...

e-commerce magazin

e-commerce magazin

PFLICHTLEKTÜRE – Seit zwei Jahrzehnten begleitet das e-commerce magazin das sich ständig ändernde Geschäftsfeld des Online- handels. Um den Durchblick zu behalten, teilen hier renommierte ...

EineWelt

EineWelt

Eine Anregung der Gossner Mission zum verbesserten Schutz indigener Völker hat Bundespräsident Horst Köhler aufgegriffen: Er hat auf Anregung des Missionswerkes eine Anfrage an die Bundesregierung ...