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Der Mythos von der Weisheit Ägyptens in der französischen Literatur der Moderne

AutorMichael Bernsen
VerlagV&R Unipress
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl204 Seiten
ISBN9783862348671
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis50,00 EUR

Die Frage nach den Gründungsmythen Europas ist im Zeitalter der Globalisierung besonders virulent. Will man ein europäisches Netzwerk schaffen, muss man sich auf die europäischen Dimensionen der nationalen Kulturen besinnen und ihre für den Kontinent Identität stiftenden Potenziale verfolgen. Ein Gründungsmythos Europas ist der von der Weisheit Ägyptens. Seit der Aufklärung wird er intensiv propagiert und den anderen gründungsmythischen Säulen des Kontinents, Hebraismus und Hellenismus, gegenübergestellt. In der französischen Literatur der sogenannten klassischen Moderne spielt dieser Mythos dank der Expedition Napoleons nach Ägypten und der Entzifferung der Hieroglyphen eine große Rolle. Am Beispiel der zahlreichen Erinnerungsbilder Ägyptens kann man beobachten, wie die bekanntesten Autoren der Moderne, darunter Nerval, Baudelaire, Gautier, Mallarmé, solche mythischen Bilder als fiktive Projektionen ausweisen, jedoch deren Anspruch, Sinn und Legitimation zu stiften, nicht aufgeben.



Prof. Dr. Michael Bernsen hat den Lehrstuhl für Vergleichende Romanistische Literaturwissenschaft / Mediävistik an der Universität Bonn inne.

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Leseprobe
7. Théophile Gautiers Roman de la momie und die Ästhetik der Mumifizierung (S. 139-140)

Einer der einflussreichsten Autoren der Moderne ist Th¤ophile Gautier. Gautier ist nicht allein aufgrund der von ihm begründeten ästhetischen Theorie des ›l’art pour l’art‹ bedeutend. Er ist zugleich einer der zentralen Literatur- und Kunstkritiker der Zeit. Ägypten spielt in den literarischen Werken Gautiers eine herausragende Rolle. Im Zentrum der Beschäftigung des Autors mit der ägyptischen Kultur steht die Geschichte der Tahoser im Roman de la momie von 1857, der Tochter eines Hohen Priesters, die den Pharaonenthron besteigt.

Diesem Roman gehen zwei Erzählungen voraus: Une nuit de Cl¤op?tre (1838), die von der Liebesnacht der Herrscherin mit ihrem Sklaven Me?amoun handelt, sowie Un pied de momie (1840), die Geschichte von einemMumienfuß, dessen Besitzer im Traum die Eignerin dieses Fußes, die Prinzessin Hermonthis, erscheint.

Ägypten ist aber auch Thema der Lyrik Gautiers, insbesondere in dem Gedicht Le Sphinx aus der Sammlung La Com¤die de la mort von 1838, in dem der Autor mythensynkretistisch eine Sphinxstatue als Mischwesen aus Isis und dem antikenMonster beschreibt. In dem GedichtNostalgies d’Ob¤lisques der Sammlung Emaux et cam¤es (1852) erzählt der 1836 nach Paris auf die Place de la Concorde verbrachte Obelisk seinem ›Bruder‹ in Luxor, wie er nunmehr aller geheimnisvollen historischen Tiefe entrissen und aller religiösen Bedeutung enthoben in einem Land ohne echten Totenkult und ohne Krypten in Langeweile sein Dasein fristet433.

Von den Autoren der Moderne, die sich mit der Kultur Ägyptens befasst haben, ist Th¤ophile Gautier derjenige, der besonders intensiv auf die Erkenntnisse der Ägyptenreisenden sowie der Wissenschaften, insbesondere der Archäologen und der Ägyptologen, zurückgreift. Besonders vertraut ist dem Autor die Histoire des usages funºbres et des s¤pultures des peuples anciens seines Freundes Ernest Feydeau von 1856, mit dem er sich regelmäßig brieflich austauscht. In der Widmung des Ägyptenromans Le Roman de la momie (1857) wird Feydeau die Rolle des Stofflieferanten zugewiesen,während Gautier für sich beansprucht, die fiktive Geschichte beigetragen zu haben:

[…] en m’ouvrant votre ¤rudition et votre bibliothºque, vous m’avez fait croire que j’¤tais savant et que je connaissais assez l’antique Ãgypte pour la d¤crire; sur vos pas je me suis promen¤ dans les temples, dans les palais, dans les hypog¤es, dans la cit¤ vivante et dans la cit¤ morte […] L’histoire est de vous, le roman est de moi; je n’ai eu qu’? r¤unir par mon style, comme par un ciment de mosa?que, les pierres pr¤cieuses que vous m’apportiez.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt8
1. Einleitung10
2. Der gründungsmythische Charakter der Erinnerung an Ägypten und der Orientalismus16
3. Erinnerungsbilder Ägyptens und die französische Literatur der Moderne24
4. Die Suche nach einer neuen Hieroglyphe in der französischen Literatur der Moderne44
5. Der europäische Gründungsmythos von der Weisheit Ägyptens und die Dichtung Gérard de Nervals68
5.1. Der Voyage en Orient als Versuch einer Initiation in die großen Mysterien68
5.2. Das Sonett El Desdichado und die Auslotung gründungsmythischer Dimensionen europäischer Identität79
5.3. Die Geschichtsphilosophie des Gedichts Horus99
6. Gustave Flauberts antimythische Betrachtung Ägyptens104
6.1. Die Tentation de saint Antoine und Ägypten107
6.2. Flauberts Reise nach Ägypten116
6.3. Die literarische Umsetzung der Ägyptenerfahrungen im Roman Salammbô129
7. Théophile Gautiers Roman de la momie und die Ästhetik der Mumifizierung140
8. Erinnerungsbilder Ägyptens bei Charles Baudelaire und die vergebliche Suche nach den Tiefendimensionen des modernen Subjekts156
9. Stéphane Mallarmés Erinnerungsbilder Ägyptens in seinem literarischen Denkmal für Charles Baudelaire166
10. Schlussbemerkung186
11. Abbildungsverzeichnis188
12. Bibliographie190

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