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Der Panama-Hut

oder Was einen guten Therapeuten ausmacht

AutorIrvin D. Yalom
Verlagbtb
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783641119768
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Schlüsselmomente der Psychoanalyse - humorvoll und lehrreich in Szene gesetzt
Wie sieht es aus, das richtige Verhältnis zwischen Therapeut und Klient? Welche Abgründe gilt es zu verbergen, welche offen zu legen? Was ist von Patiententräumen zu halten, in denen der Therapeut eine entscheidende Rolle spielt? Irvin D. Yalom, Amerikas angesehenster und wortgewaltigster Psychotherapeut, zieht die Bilanz seines über fünfzigjährigen Berufslebens und beschert seinen Lesern ungewohnte Einblicke in das Leben eines Therapeuten - ein lehrreiches und mit zahlreichen Anekdoten gewürztes Lesevergnügen.


Irvin D. Yalom wurde 1931 als Sohn russischer Einwanderer in Washington, D.C. geboren. Er gilt als einer der einflussreichsten Psychoanalytiker in den USA und ist vielfach ausgezeichnet. Seine Fachbücher gelten als Klassiker. Seine Romane wurden international zu Bestsellern und zeigen, dass die Psychoanalyse Stoff für die schönsten und aufregendsten Geschichten bietet, wenn man sie nur zu erzählen weiß.

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Leseprobe

17. Suchen Sie nach Hier-und-Jetzt-Entsprechungen


Was sollte der Therapeut tun, wenn ein Patient ein Thema zur Sprache bringt, bei dem es um die verunglückte Interaktion mit einem anderen Menschen geht? Im Allgemeinen erkunden Therapeuten die Situation gründlich und versuchen, dem Patienten dabei zu helfen, dass er seine eigene Rolle bei der Interaktion versteht; sie erforschen die unbewussten Motive des Patienten, schätzen die Motive der anderen Person ein und suchen nach Mustern, das heißt, ähnlichen Situationen, die der Patient früher schon herbeigeführt hat. Diese altehrwürdige Strategie hat ihre Grenzen: Nicht nur wird die Therapie intellektualisiert, sondern sie beruht auch allzu oft auf ungenauen Daten auf Grund von Verzerrungen durch den Patienten.

Das Hier und Jetzt bietet eine viel bessere Vorgehensweise. Die generelle Strategie besteht darin, eine Hier-und-Jetzt-Entsprechung für die dysfunktionale Interaktion zu finden. Sobald dies geschehen ist, wird die Arbeit wesentlich präziser und unmittelbarer. Einige Beispiele:

Keith und der dauerhafte Groll. Keith, ein Langzeit-Patient und praktizierender Psychotherapeut, berichtete von einer äußerst gehässigen Auseinandersetzung mit seinem volljährigen Sohn. Der Sohn hatte zum ersten Mal beschlossen, die Vorbereitungen für den alljährlichen Angel- und Camping-Ausflug der Familie zu übernehmen. Obgleich Keith sich freute, dass sein Sohn sich so erwachsen verhielt, und ihm selbst eine Last abgenommen wurde, konnte er die Kontrolle nicht abgeben, und als er versuchte, die Pläne seines Sohnes umzustoßen, indem er energisch auf einem etwas früheren Datum und einem anderen Ausflugsziel bestand, explodierte sein Sohn und nannte den Vater aufdringlich und herrschsüchtig. Keith war am Boden zerstört und absolut davon überzeugt, dass er sich die Liebe und den Respekt seines Sohnes auf Dauer verscherzt hatte.

Was sind meine Aufgaben in dieser Situation? Eine langfristige Aufgabe, der wir uns später zuwenden würden, war die, Keiths Unfähigkeit, die Kontrolle abzugeben, zu ergründen. Eine dringlichere Aufgabe bestand darin, unmittelbaren Trost zu spenden und Keith dabei zu unterstützen, sein Gleichgewicht wieder zu finden. Ich versuchte, Keith zu einer Perspektive zu verhelfen, aus der er erkennen konnte, dass dieser unglückliche Vorfall nur ein flüchtiger Moment vor einem Hintergrund lebenslanger liebevoller Interaktionen mit seinem Sohn war. Es wäre ineffizient gewesen, wenn ich diese einzelne Episode sowie Keiths Beziehung zu seinem Sohn endlos und tief schürfend analysiert hätte, da ich diesen Sohn nicht kenne und über seine wahren Gefühle nur Mutmaßungen hätte anstellen können. Weitaus besser wäre es, so dachte ich, eine Hier-und-Jetzt-Entsprechung des beunruhigenden Vorfalls auszumachen und zu bearbeiten.

Aber was war die Hier-und-Jetzt-Entsprechung? Da ist gutes Zuhören vonnöten. Zufällig hatte ich vor kurzem einen Patienten an Keith überwiesen, der nach zwei Sitzungen bei ihm nicht mehr gekommen war. Keith war sehr besorgt, weil er einen Patienten verloren hatte, und regte sich lange darüber auf, bevor er es mir in unserer letzten Stunde »beichtete«. Er war überzeugt davon, dass ich ihn hart verurteilen würde, dass ich ihm sein Versagen nicht verzeihen und nie wieder einen Patienten an ihn überweisen würde. Beachten Sie die symbolische Äquivalenz dieser zwei Ereignisse – in beiden Fällen nahm Keith an, dass ihn eine einzige Tat in den Augen eines Menschen, den er schätzte, auf ewig verdammen würde.

Ich entschied mich, wegen ihrer größeren Unmittelbarkeit und Überprüfbarkeit der Hier-und-Jetzt-Episode nachzugehen. Schließlich war ich selbst der Gegenstand von Keiths Ängsten und konnte auf meine Gefühle zurückgreifen, statt mich auf Vermutungen über die Gefühle seines Sohnes beschränken zu müssen. Ich sagte ihm, dass er mich völlig falsch deute, dass ich keine Zweifel an seiner Sensibilität und Einfühlsamkeit habe und mir sicher sei, dass er hervorragende Arbeit leistete. Es sei undenkbar für mich, meine langjährigen Erfahrungen mit ihm nur wegen eines einzigen Vorfalls zu ignorieren, und ich würde auch künftig Patienten an ihn überweisen. Ich bin überzeugt davon, dass dieses therapeutische Anknüpfen am Hier und Jetzt viel wirkungsvoller war, als es eine »Da-und-Dort«-Untersuchung der Krise mit seinem Sohn gewesen wäre, und dass er sich an unsere Sitzung noch lange erinnern wird, während er eine intellektuelle Analyse des Vorfalls mit seinem Sohn bald vergessen hätte.

Alice und die Plumpheit. Alice, eine 60-jährige Witwe auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Ehemann, beklagte sich über eine Reihe gescheiterter Beziehungen mit Männern, die oft ohne Erklärung aus ihrem Leben verschwanden. In unserem dritten Therapie-Monat unternahm sie eine Kreuzfahrt mit Morris, ihrem neuesten Verehrer, der seinen Ärger darüber äußerte, dass sie ständig feilschte, sich schamlos vordrängte und in Ausflugsbussen auf die besten Plätze zuspurtete. Nach der Reise verschwand Morris und reagierte nicht mehr auf ihre Anrufe.

Statt mich an eine Analyse ihrer Beziehung zu Morris zu machen, wandte ich mich meiner eigenen Beziehung zu Alice zu. Mir war bewusst, dass ich sie ebenfalls beenden wollte und erfreulichen Fantasien nachhing, in denen sie verkündete, sie habe beschlossen, nicht mehr zu kommen. Obgleich sie unverfroren (und erfolgreich) ein außerordentlich niedriges Therapiehonorar ausgehandelt hatte, beschwerte sie sich immer wieder, wie ungerecht es sei, dass sie so viel bezahlen müsse. Sie versäumte es nie, eine Bemerkung über das Honorar zu machen, ob ich es mir denn zum Beispiel an dem betreffenden Tag verdient hätte, oder warum ich nicht bereit sei, ihr einen zusätzlichen Senioren-Rabatt einzuräumen. Außerdem überzog sie dauernd die Zeit, indem sie kurz vor Schluss der Stunde wichtige Themen anschnitt oder mir etwas zu lesen gab (»in Ihrer Freizeit«, wie sie es formulierte) – ihr Traumtagebuch, Artikel über Witwenschaft, Tagebuch-Therapie oder die Trugschlüsse Freuds. Insgesamt fehlte ihr jedes Taktgefühl, und sie verwandelte unsere Beziehung, ebenso wie sie es bei Morris getan hatte, in etwas Plumpes. Ich wusste, dass diese Hier-und-Jetzt-Realität unser Ansatzpunkt war, und die sachte Erforschung dessen, wie sich ihre Beziehung zu mir entwickelt hatte, erwies sich als so hilfreich, dass Monate später einige sehr erstaunte ältere Herren ihren Anruf mit der Bitte um Entschuldigung erhielten.

Mildred und der Mangel an Präsenz. Mildred war als Kind sexuell missbraucht worden und hatte solche Schwierigkeiten im sexuellen Umgang mit ihrem Mann, dass die Ehe in Gefahr war. Sobald er sie berührte, durchlebte sie die traumatischen Ereignisse aus ihrer Vergangenheit erneut. Dieses Muster erschwerte es sehr, an der Beziehung zu ihrem Mann zu arbeiten, denn das erforderte zunächst eine Befreiung von ihrer Vergangenheit – eine beängstigende Aufgabe.

Als ich die Hier-und-Jetzt-Beziehung zwischen uns beiden überprüfte, erkannte ich viele Ähnlichkeiten in der Art und Weise, wie sie mit mir und mit ihrem Mann umging. Ich fühlte mich bei den Sitzungen oft ignoriert. Obgleich sie eine fesselnde Geschichtenerzählerin war und die Fähigkeit besaß, mich ausgiebig zu unterhalten, fand ich es schwierig, »bei« ihr zu sein – das heißt, mich ihr verbunden zu fühlen oder eine gegenseitige Nähe zu entwickeln. Sie redete drauflos, stellte mir nie Fragen über mich, sie schien wenig Interesse oder Neugier zu verspüren, wie ich die Sitzung wahrnahm, sie war nie »da«, um sich irgendwie zu mir zu verhalten. Als ich mehr und mehr darauf bestand, wir sollten uns auf das »Dazwischen« unserer Beziehung und das Maß ihrer Abwesenheit konzentrieren, und ihr sagte, wie ausgeschlossen ich mich von ihr fühlte, begann Mildred allmählich zu erkennen, wie sehr sie auch ihren Ehemann ausschloss, und eines Tages fing sie eine Sitzung so an: »Aus irgendeinem Grund, ich weiß nicht, warum, habe ich gerade eine große Entdeckung gemacht; ich schaue meinem Mann nie in die Augen, wenn wir miteinander schlafen.«

Albert und die heruntergeschluckte Wut. Albert, der über eine Stunde bis zu meiner Praxis brauchte, verspürte oft Panik, wenn er das Gefühl hatte, er sei ausgenutzt worden. Er wusste, dass er voller Wut war, fand jedoch keine Möglichkeit, sie auszudrücken. In einer Sitzung beschrieb er eine frustrierende Begegnung mit seiner Freundin, die ihn seiner Meinung nach offenkundig herumschubste, aber er war wie gelähmt aus Angst vor einer Auseinandersetzung. Die Sitzung kam mir wie eine Wiederholung vor; wir hatten schon häufig beträchtliche Zeit darauf verwandt, dasselbe Material zu erörtern, und mir schien immer, dass ich ihm wenig Hilfe hatte bieten können. Ich spürte seine Enttäuschung über mich – er hatte einfließen lassen, dass er auch schon mit vielen Freunden gesprochen hätte, die sich alle genauso wie ich mit dem Thema befasst und ihm letztlich geraten hätten, die Freundin abzuschreiben und die Beziehung abzubrechen. Ich versuchte, für ihn zu sprechen:

»Albert, schauen wir mal, ob ich erraten kann, wie Sie diese Sitzung erleben. Sie haben eine Stunde Anfahrt und zahlen mir viel Geld. Trotzdem scheinen wir uns im Kreis zu drehen. Sie haben das Gefühl, ich gebe Ihnen nichts, das Ihnen nützt. Ich sage dasselbe wie Ihre Freunde, und von denen kriegen Sie es umsonst. Sie müssen enttäuscht von mir sein, sich sogar betrogen fühlen, wütend auf mich sein, weil ich Ihnen so wenig gebe.«

Er schenkte mir ein spärliches Lächeln und räumte ein, dass ich ziemlich nah dran sei. Ich bat ihn, es in eigenen Worten zu wiederholen. Das tat er mit einiger Beklommenheit, und ich...

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