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E-Book

Der Prinzregent, die Schöne und das Bier. Münchner Umtriebe

AutorWolfgang Görl
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711751256
Altersgruppe16 – 
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
München gefällt sich in der Pose der glamourösen Schönen, der nördlichsten Stadt Italiens. Entsprechend ausgeprägt ist der Hang zur Selbstinszenierung: Man liebt den schönen Schein, den die antikisierenden Bauten Klenzes aus dem 19. Jahrhundert ebenso ausstrahlen wie die Kostümierung der modischen Jeunesse dorée in den jeweils angesagten Locations. Daneben aber behauptet sich ein eher konservativer Geist, dem die beinahe dörfliche Behäbigkeit der Prinzregentenzeit um 1900 als immer währendes Daseinsmuster gilt. Wolfgang Görl, gebürtiger Münchner, spürt in seinen Reportagen mit Vorliebe jenen Menschen nach, die nicht in den Klatschspalten der Boulevardpresse erscheinen. Er setzt sich an die Stammtische des Hofbräuhauses, die es allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz noch immer reichlich gibt, und er besucht Kneipen, in denen die Schwabinger Revoluzzer der sechziger Jahre auf die alten Zeiten trinken oder die Giesinger Underdogs Fasching feiern. Er blickt aber auch hinter die Kulissen des berühmten Rathausglockenspiels, ergründet das legendenumwobene Wesen der Münchner Oktoberfestwirte und begibt sich in die Unterwelt der Wittelsbacher Fürstengrüfte. Doch München ist auch Hightech-Metropole, und wo wäre das sichtbarer als in den BMW-Werkhallen, in denen die Bänder Tag und Nacht laufen? Beinahe überall zeigt sich, dass die Stadt seit je in einem merkwürdigen Zwiespalt verharrt: Mal will sie an der Spitze des Fortschritts sein, mal verbleibt sie trotzig im Althergebrachten - wie es gerade kommt.

Wolfgang Görl, geboren 1954 in München und aufgewachsen im Vorort Gräfelfing, hat seine ersten Erfahrungen mit der bayerischen Landeshauptstadt bei den samstäglichen Einkaufsfahrten der Eltern gemacht. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität begann er als Lokalredakteur der 'Süddeutschen Zeitung' in Starnberg und wechselte später in die Münchner Zentrale der 'SZ'. Dort ist er als Reporter, Kolumnist und 'Streiflicht'-Autor tätig. Im Picus Verlag erschien seine Lesereise

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Leseprobe

Der Himmel der Trinker und Denker


Der Welt berühmtestes Wirtshaus steht immer noch in München und macht derzeit von sich reden, weil es einen neuen Wirt bekommt


Die Metzger haben ganze Arbeit geleistet. Sechs tote Ferkel hängen kopfunter am Haken, und Gerda Sperger bemüht sich um würdige Worte des Abschieds. »Die Armen«, seufzt sie mit weiner­lichem Tremolo, so dass die Ironie unüberhörbar ist. Nicht fern die Stunde, in der die armen Schweine im computergestützten Hochleistungsofen schmoren, bis sie knusprig genug sind, um vor einheimischen Gästen, aber auch vor Russen, Italienern und Chinesen bestehen zu können. Während also Frau Sperger durch die Katakomben des Hofbräuhauses führt, vorbei an stahlglänzenden Biertanks, Kartoffel- und Weißkrautdepots, trudeln eine Treppe höher, im Brauerstüberl, einem Nebenraum der Schwemme, nach und nach ein paar ältere Männer ein, deren Gesichtern anzusehen ist, dass sie einiges durchgemacht haben im Leben. Später werden sie vom Krieg reden, von den Hungerlöhnen in den Fünfzigern, von Krankheiten und Gebrechen und von der Resi, die so lange in der Klinik war; aber sie werden gelassen bleiben, kein Jammern, kein Lamento, das Bier wird schmecken und die Weißwürscht – das ist ihr Tag, der Höhepunkt der Woche, und überhaupt, was soll’s: Das Schlimmste hat man ja hinter sich. »Uns geht’s eigentlich gut«, sagt der Ludwig, der wie fast alle am Tisch darauf besteht, nur einen Vornamen zu haben.

Zehn Uhr morgens im Hofbräuhaus, eigentlich noch zu früh für ein Bier. Gerda Sperger sitzt, in der Zeitung blätternd, vor einer Tasse Kaffee, und würde sie zur Seite blicken, hin zur Durchreiche, könnte sie beobachten, wie die Köche schnipseln, schneiden und die Öfen füllen. Sie ist die Chefin hier, sie hat das Kommando. Das Haus, über das sie verfügt, kennt man in Rio ebenso wie in Moskau, Tokio oder Shanghai. Es heißt, es sei das berühmteste Wirtshaus der Welt, Inbegriff Münch­ner Daseins, Weihestätte des Bieres und der dazugehörigen Gemütlichkeit, besungen in diversen heimatlichen Hymnen und von so globaler Bedeutung, dass soeben eine originalgetreue Kopie an der Paradise Road in Las Vegas entstanden ist. Wer einer solchen Institution vorsteht, der müsste, so meint man, einherschreiten wie der König der Biere, irgendwie majestätisch, zumal im Wort »Hofbräuhaus« das monarchische Prinzip Res­pekt gebietend mitschwingt. Andererseits wäre allzu viel an Pomp & Circumstances dem Ruf einer Wirtschaft abträglich, auf deren Speisekarte bodenständige Gerichte wie Schweinshaxn mit Reiberknödel zu 9,90 Euro stehen oder die hausgemachte HB-Bratwurst mit Kraut und Kartoffelpüree, die in der klein gedruckten Übersetzung unter sausage »Hofbräuhaus style« with sauerkraut and mashed potatoes firmiert.

Was nun Gerda Sperger betrifft, so ist sie eindeutig eine Wirtin, die ihren Gästen auf Augenhöhe begegnet, das heißt, sie setzt sich gern einmal zu ihnen und wird mit jener Art von Hallo begrüßt, die man guten Bekannten bei solcher Gelegenheit zukommen lässt. Gehüllt in Trachtenjanker und grünen Rock, hat sie nach der Kaffeepause am Stammtisch der Gärtner Platz genommen, jener grauhaariger Herren, die jeden Dienstagmorgen zu Bier und Plauderei das Hofbräuhaus besuchen. Ob’s wahr sei, wollen die Männer wissen, dass sie demnächst aufhöre. »Ja, am 1. November ist Schluss.« Allgemeines Bedauern, lange Gesichter. Wer schon ein Bier vor sich hat, nimmt einen tiefen Schluck. »Schad«, sagt einer, und ein zweiter stellt die Gretchenfrage: »Und wer kommt dann?« »Mei«, sagt sie. »Des hängt von der Brauerei ab.«

Die HB-Brauerei. Ein Staatsbetrieb. Gegründet 1589 von Herzog Wilhelm V. zur kostengünstigen Versorgung der sechshundert Hofleute mit Bier. Heute ein Regieunternehmen des bayerischen Finanzministeriums. Vielleicht deshalb die skeptischen Blicke am Stammtisch. So als wollten sie sagen: Das kann ja heiter werden. Andererseits hat die Gärtnerrunde schon einige Wirtswechsel mitgemacht, und immer ist es irgendwie weitergegangen. Aber diesmal ist es besonders dramatisch: Wenn Gerda Sperger im Herbst ihren Posten räumt, wird sie vierundzwanzig Jahre im Amt gewesen sein – so lang wie kein Wirt seit 1897, dem Jahr, in dem das Haus am Platzl, so wie es heute dasteht, eingeweiht wurde. 1980 hatte sie angefangen. Sie und ihr Mann Michael. Die beiden traten die Nachfolge von Hans Glanegger an. Ein paar Monate hatten sie Zeit gehabt, die Sache vorzubereiten, dann »kriegst du über Nacht eine Tonne Schlüssel, und es geht los«.

Da war sie auf einmal Wirtin im Hofbräuhaus, Gerda Sperger aus Deuerling bei Regensburg, Tochter eines Beamten, Arzthelferin. Nach der Hoch­zeit ist sie mit ihrem Mann nach München gezogen, wo sie bald die Gaststätte »Gartenstadt« in Harlaching übernommen haben. Michael Sperger entstammte einer Wirtsfamilie, er hatte Metzger gelernt und kannte sich aus in der Gastronomiebranche. Die nächste Station war der »Ayinger Hof« in Neuperlach. Wieder Arbeit von früh bis spät, kein Ruhetag, dazu vier Kinder. Einmal sind sie in den Urlaub gefahren, nach Cervo, Italien. »Vierzehn Tage waren ausgmacht, nach zehn Tagen hat der Michel gsagt, jetzt fahr ma hoam.«

So einer war Michael Sperger. Hatte es nicht aushalten können ohne den Betrieb. Als er den Zuschlag fürs Hofbräuhaus erhielt, bezog die Familie für einige Jahre die Wirtswohnung unterm Dach. Kein sehr bequemes Quartier, es war hellhörig, und nachts drang jeder Laut ans Ohr, wenn unten die Putzkommandos rumorten. Gerda Sperger wirkte im Hintergrund, während ihr Mann die gesellschaftlichen Verpflichtungen erledigte. Prominente Gäste begrüßen zum Beispiel: Gorba­tschow war hier, Leonard Bernstein oder der Gouverneur von Arkansas, ein gewisser Bill Clinton. Dann der Schicksalsschlag vor vier Jahren. Michael Sperger starb an Krebs.

Es gibt allerlei Legenden, die sich um das Hofbräuhaus ranken, wobei die Ludwig Thoma zu verdankende Geschichte vom Engel Aloisius, der als Überbringer der göttlichen Ratschläge im Hofbräuhaus versumpft, gewiss die populärste ist. Während eine literarische Verbeugung wie diese dem Wirt nur recht sein kann, ist eine andere HB-Mär Quell steten Ärgers: Irgendwie gilt es als ausgemacht, dass lediglich Touristen das Hofbräuhaus besuchen und Einheimische sich höchstens dann in die Trinkstätte am Platzl verirren, wenn sie einem Gast die Attraktionen der Stadt vorführen. Aber woher kommen die zweitausend Stammgäste? Man braucht nur die Adressen zu studieren: Die meisten wohnen in München. Und was ist mit den gut hundert Stammtischen? Oft gibt schon der Name die Antwort: »Alte Münchner«, »Rentnertreff Residenztheater«, »Wanderverein Schwabing«, »Polizeirevier 11«.

Unter dem bunten Gewölbe der Schwemme sitzen Männer (vereinzelt auch Frauen), die schon als Lehrlinge hier waren und es als Rentner nicht lassen können. Einer irrt an diesem Morgen mit feuchten Augen durch den Saal, setzt sich mal dahin, mal dorthin, um all den Zechern den Tod eines Spezls zu vermelden. Noch keine siebzig war er, erzählt die Hausdame Stilla Weiß, die seit zweiundvierzig Jahren im Haus arbeitet. »Er hat hier geheiratet, war zwei-, dreimal die Woche an seinem Stammplatz, und jetzt findet auch sein Leichenschmaus hier statt.«

Der Sepp, achtzig Jahre ist er alt, lebt im Altenheim in Moosach, und jeden Dienstagmorgen macht er sich auf zum Stammtisch der Gärtner. Wie fast alle in der Runde hat er einst in der städtischen Gärtnerei gearbeitet, das war ein einigermaßen sicherer Job, nur leider waren die Löhne karg. Aber für ein, zwei Halbe im Hofbräuhaus reicht’s allemal, und außerdem trifft man hier die ehemaligen Kollegen. Man erfährt was Neues, redet über alte Zeiten, politisiert ein wenig, und überhaupt: »Oiwei kannst ned dahoam sei, sonst geht ma da Frau auf d’Nerven.«

Nur heute ist alles etwas anders am Tisch. Ein Fremder sitzt da. Der Reporter. So etwas irritiert. Stammtische sind komplexe Gebilde, quasi außerstaatliche Territorien, auf denen eigene Gesetze herrschen. Undenkbar beispielsweise, dort einfach Platz zu nehmen. Das Recht, an einem Stammtisch zu sitzen, muss erworben werden, was in ungünstigen Fällen Jahre dauert. Bei den Gärtnern ist das nicht anders, weshalb dem Reporter erst mal Skepsis entgegenschlägt. »Ihr schreibt’s ja doch nur an Schmarrn«, sagt einer, und es dauert etwas, bis die Herren sich mit der Störung ihres gewohnten Unter-sich-Seins abgefunden haben und ihre Schätze preisgeben.

Die auffälligste Preziose ist die Stammtischstandarte, eine hölzerne Skulptur, die der Franz angefertigt hat, der früher in der Stadtgärtnerei als Schreiner tätig war. Sie besteht aus allerlei Miniaturwerkzeugen, die die Handwerke symbolisieren, aber der Clou ist der kleine Hobel am Rande. In seinem Inneren lagert Schnupftabak. Ob man einen möchte, fragt Franz – ein Angebot, das man nicht ablehnen sollte. Danach gewinnt die Unterhaltung an Fahrt, die Männer können endlich über die Dinge sprechen, »die man dahoam mit die Weiber ned beredn ko«. Politik etwa. »Die Gesundheitsreform is unausgegoren«, sagt einer, und auch die Rentenfrage bleibt nicht ausgespart. »Jetzt, wo ma a bissl was kriegt hätten, ziehen sie’s uns ab.

Später erzählt der Sepp, wie es früher war im Hofbräuhaus. Fünfziger Jahre, der Wirt hieß Franz Trimborn. »Da is viel grauft worden.« Einmal saß in der Schwemme ein Amerikaner, der, vom Bier überwältigt, eingeschlafen war. »Drei Ordner haben den packt, der eine links, der andre rechts, und der dritte hat ihn mit einem Arschtritt nausschmissn.« Damals pflegte man noch ein rus­tikales Verständnis von Gastfreundschaft.

Vorbei die Zeiten. Wer heute die Schwemme...

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