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E-Book

Der Ritter mit der Web-Adresse. Walisische Panoramen

AutorMichael Bengel
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711751218
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Wales is different. Wer von England kommend nach Wales reist, der erlebt den Unterschied gerade vor dem Hintergrund so offensichtlicher Gemeinsamkeiten. Die Küste im Südwesten mag den Küsten Cornwalls gleichen, doch die Strände sind hier weiter. Das Inland mag an die Hügel Devons erinnern, doch es bleibt mit seinen Millionen Schafen unverwechselbar. More different ist Wales noch im Bewusstsein der Bewohner, genährt aus der Genugtuung einer späten Anerkennung nach Jahrhunderten der Fremdbestimmung. Most different ist Wales indes in seinem zutiefst englischen Grundzug, der Liebe zum Spleen: Wo käme man wohl sonst auf die Idee, durch Schlamm zu schnorcheln, Querfeldein-Wettrennen zwischen Pferden und Menschen zu veranstalten oder ausgerechnet an Klippen das Klettern zu üben! Michael Bengel hat die Auferstehung der Hauptstadt Cardiff an der Tiger Bay beschrieben und das erste Bücherdorf der Welt besucht. Er hat sonderbaren Heiligen wie Dylan Thomas nachgespürt, inmitten von Laura Ashleys Wandverkleidungen geschlafen, das 'Matterhorn von Wales', den Cader Idris, bestiegen und sich bei St. David's rückwärts in den Atlantik fallen lassen. Seither weiss er es endgültig: Wales is different.Wissenswertes und Kurioses aus dem grünsten Teil Großbritanniens.

Michael Bengel lebt als Publizist in Köln. Nach Jahrzehnten als Literaturkritiker, Feuilletonist und Reiseautor für mehrere große deutsche Zeitungen ('Kölner Stadt-Anzeiger', 'Frankfurter Rundschau', 'Stuttgarter Zeitung', 'Nürnberger Nachrichten' u. a.) schreibt er heute vor allem für das Reiseblatt der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung'. 1996 erhielt er den 'Scottish Thistle Award', 1997 den 'KölnLiteraturPreis'. 2006 war er nominiert für den 'Rheinischen Literaturpreis' der Stadt Siegburg. Im Picus Verlag erschienen seine Lesereisen Südengland, Wales und Provence.

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Leseprobe

Kapitel von ewigem Kommen und Gehen


Wandern auf dem Küstenpfad im Süden


Ein Kapitän im Ruhestand ist an der Küste keine seltene Erscheinung. Doch dieser kam von fern, aus Germany, zum Urlaub nach St. David’s. Was ihn bewogen habe, gerade Wales als Aufenthalt zu wählen, wurde er gefragt. Er wolle einmal wenigstens die Bucht bei Tage sehen, war die Antwort. Und als des Rätsels Lösung stellte sich dann Folgendes heraus: Er kannte diesen Küstenstrich, doch anders, als ihn jeder kennt. Als U-Boot-Kapitän war er im Krieg zur Nachtzeit heimlich hier gewesen, um Trinkwasser zu holen. Jetzt war er wieder hier, entspannt, als Freund, zur Friedenszeit. Und Whitesand Bay gefiel ihm wirklich gut.

Nona Rees, mit der wir unterwegs sind auf den Klippen von St. David’s Head, lässt ihre Pointe ein paar Augenblicke wirken. Dann zeigt sie uns den Haken an der Sache: Dieselbe Anekdote wird hier überall erzählt, die ganze walisische Küste entlang, von Cardiff bis nach Conwy, Seemannsgarn des 20. Jahrhunderts aus dem Krieg. Doch sollte man schon deshalb daran zweifeln? Möglich ist der zweifache Besuch gewiss, und vor allem hier leicht vorstellbar: Hier fließt ein Bach ins Meer, und wenig weiter gibt es eine alte, eingefasste Quelle, auf jeder Ordnance-Survey-Karte verzeichnet. Und auch der Krieg ist hier gewesen: Als wir uns dem flechtengrauen Gipfel von Carn Llidi nähern, hunderteinundachtzig Meter hoch, geht der Pfad hinauf durch Farn und Stechginster in eine macadamesierte Piste über: Wir finden Fundamente von Beton, Reste einer Basis aus dem Krieg, wie Nona sagt, zum Schutz und zum Geleit der königlichen U-Boot-Flotte, zur Abwehr jeder fremden sowieso, daneben Hügelgräber aus Granit, im selben Zustand der Erhaltung. Sie können uns vom Krieg erzählen. Und vom Tod im Neolithicum.

Die Zeit steht nicht still auf den westlichsten Klippen von Wales. Wie sollte sie auch? Man braucht sich nur die Kinderspiele zu betrachten auf dem Strand von Whitesand Bay, die neonbunten Surfer, wie sie auf die Wellen lauern, oder gar die schlecht getarnten Caravans auf halber Höhe in der Bucht, die nur in mattem Grün geduldet werden, weil alles Küstenland hier Nationalpark ist, der kleinste auf der ganzen Insel, und der einzige, der nur die Küstenlinie umfasst, hundertsiebzig Meilen insgesamt, davon eine malerischer als die andere: Die abgegriffene Vokabel von der Zeit, die stillsteht, ist leicht als Unbedachtheit schwärmerischer Heimattümelei durchschaut. Doch was man lernen kann auf diesen Klippen im zerrenden Wind, das ist, dass auch die Zeit nicht alles kann. Vergangen heißt nicht: aus dem Sinn. Die dramatischen Auffaltungen des Erdaltertums sind beim Wandern ebenso vor Augen wie der Niedergang der Schifffahrt in den Häfen und die Missionen der Heiligen, die Raubzüge der Wikinger so unvergessen wie die Pilgerzüge nach St. David’s, von denen zwei vor Gott genauso viel wogen wie einmal eine Fahrt nach Rom. Und in der dunkelroten Sandsteinwand der Kathedrale verknüpft sich christliche Geschichte mit der geologischen Beschaffenheit der Bucht von Caerbwidi, aus der der Stein stammt: für den Bau wie heute für die Restaurierung. Hier, wo das erdgeschichtlich älteste Gestein noch vorzufinden ist, Zeuge jener Vorzeiträume, die als Kambrium, Präkambrium benannt sind nach dem lateinischen Namen für Wales, Cambria, Cymru auf Walisisch: Hier lässt sich jeder Klippenrand entziffern wie ein Palimpsest, ein altes, abgeschabtes, abermals genutztes Pergament. Und immer wieder liest man darauf auch vom Meer, besonders hier, am Kreuzungspunkt uralter Handelswege: von Nord nach Süd entlang der Westküste Europas, von West nach Ost, von Irland bis zum Bristol Channel.

Nona Rees war einmal Führerin im Pembrokeshire Coast National Park. Jetzt ist sie eine rüstige ältere Dame, retired, aber nicht zurückgezogen. Weit eher aufgeräumt und voller Geschichten, die immerfort vor Ort erzählt sein wollen. Auf halber Höhe über Whitesand Bay schon lässt sie uns im Aufstieg innehalten und weist hinunter auf das schöne Bild der Bucht, den weiten Strand und Ramsay Island, das Meer, das daliegt wie ein fein gerillter Spiegel, glänzend vor der Sonne des Nachmittags, zwei Bischöfe und ihr Gefolge, wie hier eine Handvoll kleiner Felseninseln heißt, South Bishop schön mit Leuchtturm, zuletzt die Badebucht Porthmelgan unter uns, von Badenden nur hie und da besetzt. Weiter draußen dann vor Solva noch Smalls Lighthouse, ursprünglich in Holz gebaut von einem Geigenbauer, nach 1885 dann in kornischem Granit, ein Leuchtturm, der Geschichte schrieb, als einer der Männer der Doppelbesatzung an Tuberkulose starb und der andere so lange mit dem Toten aushielt, bis er im Kopf nicht mehr ganz richtig war. Seither taten jeweils drei den Dienst an Großbritanniens Küsten, den heute die Computer tun. Was hier erzählt wird, handelt von der See, und der Untergrund der meisten Seestücke ist dunkel.

Dort unten, sagt Nona mit Blick auf die bay, war nicht schon immer Meer. Früher war dort Land, eine feste Verbindung mit Irland, dichter Wald, zerteilt nur durch zwei Flüsse. Das »Mabinogion« erzählt davon, eine Sammlung mythologischer Erzählungen aus Wales, niedergeschrieben vermutlich im 11. Jahrhundert, überliefert in zwei Handschriften des 14., doch zweifellos weit älter als ihr schriftsprachlicher Niederschlag. Da ist von Culwch die Rede, einem Neffen König Arthurs, und von dem Rieseneber Twrch Trwyth, den jener durch die Wälder jagen sollte wie einst Herakles den nemäischen Löwen. Hier unten soll die Hetzjagd stattgefunden haben. Also in der Phantasie, ist man geneigt zu sagen. Doch wenn der Sturm im Winter, wie es immer wieder einmal vorkommt, ein Stück vom Whitesand Bay davonspült, legt er wieder Reste eines alten Waldes frei, Stücke von fossilem Holz: »Eisenhart«, sagt Nona, »wenn man sie langsam trocknen lässt«. So liegt hier bei St. David’s Evidenz auf mancher Fensterbank. Und die geschützten Hafenbuchten wie die von Solva, Porthclais oder Porthgain sind aus »versunkenen Flüssen« entstanden, als die Eiszeitgletscher schmolzen und der Wasserspiegel stieg. Vorher also war hier Land, die beiden benachbarten Flüsse Alun und Solfach flossen, wie man annimmt, westwärts, und die Cardigan Bay und die St. Bride’s Bay, in welche unser Kap hineinragt wie ein Keil aus Urgestein, sind erst in historischer Zeit, im 6. Jahrhundert, der Irischen See anheim gefallen.

Austausch fand an dieser großen Wegkreuzung immer statt, und statt scharfer Grenzen gab es Übergänge: zwischen Wales und Irland ebenso wie zwischen Sagen, Heiligenlegenden und Geschichte: St. David, Sohn einer Nichte König Arthurs, kam aus Irland und wurde der Patron von Wales, ein asketischer Gründer des Glaubens, der sich bald den Namen »Dewi Ddyfrwr« erwarb: David Wassertrinker. Und der Waliser Patrick, der in dieser Bucht ein Kloster hatte gründen wollen, ging nach Irland, weil ein Engel ihm verhieß, der Ort sei David vorbehalten. So war es jener, der das Kloster bauen ließ, ins Tal geduckt aus Demut wie aus Vorsicht. Doch dreimal plünderten die Wikinger St. David’s und töteten zwei Bischöfe dabei, 1073, 1080, 1091. Nicht einmal half ein Engel. So lernten sie, sich selbst zu helfen: Als 1797 die Franzosen im nahen Fishguard aus den Schiffen stürmten, um die erste Invasion seit 1066 zu beginnen, holten sich die Männer von St. David’s das Blei vom Dach der Kathedrale und gossen Kugeln daraus gegen den Feind. Drei Tage später war die »letzte Invasion«, wie sie noch immer heißt, vorüber, die Franzosen gaben auf.

Fast jeder Stein bewahrt hier seine eigene Geschichte, und Nona, scheint es, kennt sie alle. Als wir nach Norden schauen können, taucht bei Strumble Head mit seinem weißen Leuchtturm tief am Klippensaum das Schnellboot auf, das bretterhart im Wasser liegt und bei den Leuten lieblos »Vomit Comet« heißt. Dass die Reisezeit von Fishguard nach Rosslare halbiert wird, ist aber jedem recht. Und Strumble Head mit seinem Leuchtturm verwirrt an diesem Küstenstrich der ungezählten Heiligen regelmäßig die Besucher: Dann fragen sie sich durch zum lighthouse von St. Rumble! Dass man von diesem Heiligen noch nichts gehört hat, ist kein Argument: Das ist nicht anders mit St. Caradoc, St. Teilo und St. Non.

Als wir die Höhe auf St. David’s Head erreichen, sind wir in der Steinzeit angelangt. Wir stehen vor dem Felseninneren des alten Hügelgrabs, das in naivem Glauben Arthur nachgesagt wird, »Coetan Arthur«, anderer Erzählung folgend auch St. David. Doch das tonnenschwere flache Steingebilde von zwölf Fuß Länge, das nur an einer Seite noch auf einer weiteren Steinplatte ruht, ist weitaus älter als die beiden populären Streiter Gottes. Es wird datiert auf rund 3500 vor Christus.

Bis in christliche Zeiten hinein war St. David’s Head bewohnt, die Heiligen des 6. Jahrhunderts müssen also hier gepredigt haben. Was wir mit dem Auge an menschlichen Behausungen und an Befestigungsanlagen nicht gleich erkennen, das lässt Nona durch Erzählen aus dem dürren Heideboden wachsen: Sechs runde Hütten aus der Bronzezeit, durch Fundamente glaubhaft nachgewiesen, gedeckt mit jenem hellen Ried, das noch heute in der feuchten Mulde vor Carnllidi wächst; davor, zum Land hin, ein System von Mauern, den eisenzeitlichen Warrior’s Dyke, Clawdd-y-Milwyr, die innere Umwallung zehn Fuß stark und einstmals gut und gerne fünfzehn hoch, die Trockenmauer obenauf verstärkt mit angespitzten Palisaden. Und auch die Feldumfriedungen, die gut erkennbar an der Hügelflanke liegen, sind mindestens zweitausend Jahre alt.

Es waren Viehzüchter und Ackerbauern, die zuletzt hier lebten. Leider muss man für die Funde der Ausgrabungen von 1898 bis nach Tenby ins Museum. Der...

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