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Der schöne Schein der Wahrheit

Politiker, Journalisten und der Umgang mit den Med

AutorWolf von Lojewski
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl255 Seiten
ISBN9783838732336
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis5,99 EUR
Politiker machen Fehler, die Medien nicht. Sie liegen immer im Trend, denn der Trend sind sie selbst.' Eine beängstigende Aussage. Aber trifft sie wirklich zu? Kritisch und selbstkritisch blickt der 'Künstler der Nachricht', einst selbst ein einflussreicher Mitspieler in der Medienarena, auf das tägliche Menü der Krisen und Katastrophen und auf die Welt des schönen Scheins, die insbesondere das Fernsehen Abend für Abend in unsere Wohnstuben zaubert. Denn auch wenn der seriöse Journalist sich berufen fühlt, nichts als die Wahrheit zu berichten, eines ist klar: Bereits die Auswahl der Nachrichten unterliegt Trends, und der Wettbewerb, schneller zu sein als die Konkurrenz und keine Sensation zu verpassen, verführt zu Klischees und Kompromissen. Das Ringen zwischen Politik und Medien, zwischen seriöser Berichterstattung und dem Sog der Unterhaltung - Wolf von Lojewski weiß, wovon er spricht. Aufschlussreiche Erlebnisse und Anekdoten aus seinem reichen Journalistenleben und seine scharfen Beobachtungen fügen sich zu einer brillanten Analyse, die zum Nachdenken über die Grenzen der Politik und die Medien als Machtfaktor anregt.

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Leseprobe

Der schönste Beruf der Welt


Fliegen, fliegen, fliegen… Die Nacht war kurz. Wie spät mag es jetzt wohl am Zielort in Adelaide sein? Die Außentemperatur beträgt laut Bordcomputer minus vierzig Grad. Die vierstrahlige Maschine schwebt in zehn Kilometern Höhe nach Südosten. Auf dem kleinen Bildschirm vor mir leuchtet eine Weltkarte in Grün, Blau und rötlichem Braun. Ein kleines Flugzeugsymbol ruckelt sanft Stück für Stück vorwärts. Die indische Hauptstadt Delhi haben wir links liegen lassen und steuern jetzt auf den Golf von Bengalen zu. Das rötliche Braun muss der Himalaya sein. Etwa acht Stunden sind wir schon unterwegs, und wir haben noch nicht einmal die Hälfte der Strecke nach Australien hinter uns.

Die chinesische Stewardess gibt sich alle Mühe, ihre Gäste mit Namen anzusprechen. Bei meinem ist das eine besondere Herausforderung. Wir haben es geübt, und nun kommt sie in regelmäßigen Abständen vorbei, um ihre Fortschritte überprüfen zu lassen. All die verknautschten, im Halbschlaf versunkenen Gesichter um uns herum blinzeln erheitert unter ihren Decken hervor, dankbar für jede Abwechslung auf der langen Reise.

Australien! Die ersten Reisenden waren britische Strafgefangene, die man am anderen Ende der Welt ans Ufer kippte, um die Gefängniskosten zu sparen. Vier Monate dauerte die Überfahrt, und von denen, die das wilde Geschaukel eingepfercht im engen Bauch des Schiffes überlebten, war mit Gewissheit anzunehmen, dass sie niemals wiederkehren würden. Die ersten Nicht-Engländer, die sich im frühen 19. Jahrhundert freiwillig auf die lange Reise machten, kamen aus Brandenburg und Schlesien und weigerten sich, ihrem König in Glaubensfragen zu folgen. Auch für sie war es ein Abschied für immer.

Gemessen am Reisekomfort jener Zeit ist das sanfte Geschaukel durch eine milchige Wolkenlandschaft heute ein Genuss. Wir leben in einer rasend modernen, von Unsicherheit und Ängsten geprägten und dennoch überaus spannenden Zeit. Und die interessanteste Art, diese Welt zu erleben, ist für mich zweifellos der Journalistenberuf.

Techniker, Chemiker und Mediziner dringen bei ihren Forschungen in immer intimere Bereiche der Schöpfung vor, um die Baupläne des Lebens und des Universums zu entschlüsseln. Und Journalisten und Politiker müssen versuchen, mit dem schwindelerregend Neuen in der Welt Schritt zu halten, den Nutzen zu erkennen, die Gefahren abzuwägen. Beide verbindet das Talent, von allem etwas, aber von wenigem viel zu verstehen. Und während der Politiker herausgefordert ist, für all die faszinierenden oder auch gefährlichen Entdeckungen der Wissenschaft Weichen zu stellen, Entscheidungen zu treffen, sie zu fördern oder zu verbieten, so ist es Auftrag des Journalisten, hier eine Art Übersetzer zu sein, ein Experte, dessen Horizont im Einzelfall begrenzt sein mag, der aber das Prinzipielle an einer Sache so weit überschauen sollte, dass es ihm gelingt, bei seinem Publikum Neugier, Interesse oder auch Zweifel zu wecken.

Langstreckenflüge sind immer dazu angetan, Gedanken über das Große und Ganze anzustellen. Man sieht vielleicht noch einen Film, liest, klappert auf dem Laptop herum, döst, trinkt und isst alles Mögliche durcheinander, um schließlich müde und philosophisch gestimmt in den Sessel zu sinken. In solchem Schweben über Meeren und Kontinenten, kilometerhoch über den Eiswüsten von Grönland, packte mich gar einmal das Verlangen, einen Roman zu schreiben: über große Ideale und bittere Enttäuschung, über Schicksale und Krisen, an denen der Journalist vorüberzieht, angelockt vom Glück oder Unglück anderer, persönlich nur für kurze Zeit hineingezogen, mehr Zuschauer und professioneller Betrachter als persönlich Beteiligter am Leben… Jeder Reiz und jeder Gedanke werden schon bald vom nächsten überdeckt. Man ist immer unterwegs, immer auf dem Sprung und jederzeit bereit, vor ein Publikum zu treten – ein Medium, das Signale auffängt und weitergibt in der Hoffnung, dass sie irgendjemand versteht.

Nun also unterwegs nach Australien. Immer schon wollte ich einmal dorthin. Stopover in Singapur, der Drehscheibe zwischen den Kontinenten. Jedes Mal, wenn man als Reisender in den kleinen Stadtstaat kommt, gibt es ein paar Wolkenkratzer mehr. Wo einst zu Kolonialzeiten abenteuerliche Kulisse war, ist es heute sauber und ordentlich. Alle Spuren früherer Sünde und Exotik sind zubetoniert und weggescheuert. Straßenüber- und unterführungen sind mit Palmen und tropischen Blumen bepflanzt, nirgendwo gibt es Abfall oder Schmierereien. Rauchern wird man hier nicht mehr begegnen, Kaugummi gibt es in den Läden nicht mehr zu kaufen. Wer böswillig die Straße verschmutzt, muss mit einer behördlich verordneten Prügelstrafe rechnen, auf Drogenhandel steht die Todesstrafe.

Singapur brodelt von jungen Menschen – strebsam, höflich, einkaufswütig. Die Orchard Road, die zu Somerset Maughams und Rudyard Kiplings Zeiten tatsächlich noch ein Obstgarten gewesen sein mag, ist heute eine Schlucht aus Shopping-Arkaden. Der Europäer läuft durch diese geschäftige Kulisse wie der Zauberlehrling, der darüber staunt, mit welcher Wucht Asien den Pulsschlag der Wirtschaft erhöht. Lernen, arbeiten, einkaufen – das ist der Takt des Lebens.

Zurück zum Flughafen, einsteigen in die Düsen- und Zeitmaschine, Tür zu und noch mal sieben Stunden Schaukeln und Gleiten. Dann wird die Klappe sich wieder öffnen, und wir sind endlich am Ziel…

Beim Blick aus dem Fenster sieht der Flugreisende Wasser. Und plötzlich eine Küste und üppiges Grün, aber nur für ein paar Augenblicke. Dann leuchtet es von unten steingrau und rot. Eine menschliche Siedlung ist nirgends auszumachen. Keine Wolken mehr, jedenfalls nicht zwischen März und Oktober. Nur Sonne, blauer Himmel und darunter dieses unendliche Rot und Grau. Etwa fünfzehn Mal so groß wie Deutschland ist der Kontinent, und dennoch leben bei uns viermal mehr Menschen als in ganz Australien.

Den übermüdeten, aber nun doch erwartungsfroh einschwebenden Europäer beschleicht die Frage: Was hat Gott, als er die Welt erschuf, für Pläne mit Australien gehabt? Sind ihm gegen Ende der Schöpfung die Materialien ausgegangen und nur noch Wüste und Eukalyptussträucher übrig geblieben, die irgendwo zu entsorgen waren? Oder wollte er vielleicht ein abstraktes Kunstwerk schaffen? Australien ist so völlig anders als der Rest der Welt: üppig blühend an den Rändern und innen von bizarrer Schönheit, trocken, heiß und leer.

Beim Landeanflug auf Adelaide im Süden kommt mir der Häuserbrei dort unten wie eine Stadt in Amerika vor. Der Empfang ist freundlich, der Passbeamte kennt meine Daten schon aus dem Internet, die Sonne strahlt, der Taxifahrer ist als Kind aus Griechenland gekommen und erzählt voller Stolz, dass seine Landsleute hier in Adelaide die größte Einwanderergruppe stellen. Die zweitgrößte seien die Deutschen. Und der nächste gebürtige Grieche, der mir über den Weg läuft, erklärt mir das Lebensgefühl in seiner neuen Heimat so: »Wenn du arbeitest, lebst du hier wie ein König. Und wenn du nicht arbeitest auch!«

Ganz so ist es natürlich nicht. Wer einmal – und sei es nur kurz – seine Nase in das »wahre« Australien steckt, der entdeckt dort freies, aber auch hartes und gefährliches Leben. Er wird »Städte« kennen lernen, die zehn, höchstens zwanzig Einwohner haben, und die nächste Siedlung ist etwa zweihundert Kilometer entfernt. Zentrum solcher Inseln der Zivilisation ist jeweils der Pub. T-Shirts, Mützen und Büstenhalter zieren diese Kneipen. Und Tausende von Visitenkarten, die Zeugnis ablegen: »Auch ich war in Mataranka oder William Creek!«

Die großen Highways sollte man hier tunlichst nicht verlassen. An jedem Tresen in jedem Pub kursieren Geschichten von Touristen, die irgendwo auf staubiger Piste eine Panne hatten, und niemand kam vorbei. Als man sie fand, lagen sie verdurstet unter irgendwelchen Büschen. Die Hitze im Outback kann gnadenlos sein, die Einsamkeit geradezu außerirdisch, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge sind überwältigend. Man kann auch mit dem Zug quer durch das Buschland und die Wüsten reisen, in zwei Tagen und zwei Nächten von Süd- nach Nordaustralien oder umgekehrt.

Du schaust aus dem Fenster, und draußen immer das gleiche Bild: Wüste, Büsche, Termitenhügel… Du fängst an zu grübeln über Geborgenheit und Abenteuerlust, über Zivilisation und Natur, über die Weite des Universums und über dich selbst. Schon in der Schule wurde uns eingetrichtert, dass die Erde eine Kugel sei. So theoretisch im Klassenraum nimmt man das ja noch gutmütig hin. Doch hier, am anderen Ende der Welt, erfordert es einen festen Glauben an die kosmischen Gesetze, um sich vorzustellen, dass die Lieben daheim in Europa in diesem Augenblick verkehrt herum an der Decke hängen. Offenbar fordern unsere Instinkte eine klare Orientierung, wo oben und wo unten ist, und suchen einen festen Halt.

Spätestens an dieser Stelle wird dem Journalisten wieder einmal bewusst, wie interessant, wie schön sein Beruf ist, wie vollgepackt mit Eindrücken und Erlebnissen, die eigentlich für mehrere Leben reichen. Vielleicht sollte man ja nicht zu sehr über einen Planeten ins Schwärmen geraten, der so viel Unrecht und Grausamkeit, Gleichgültigkeit und zerstörerische Kraft unter seinen Bewohnern duldet. Der Journalist kommt immer wieder in Situationen, in denen er solch düstere Gedanken unterdrücken oder beiseite schieben muss. Er will sich einreden und unverdrossen daran glauben, dass jeder Missstand zu beseitigen sei, wenn es ihm oder einem seiner Kollegen wieder einmal gelingen sollte, einen Skandal...

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