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E-Book

Der Teufel

Die Macht des Bösen

AutorUte Leimgruber
VerlagButzon & Bercker GmbH
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl206 Seiten
ISBN9783766641243
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Wer oder was ist der Teufel? Der gehörnte Satan, mit Bocksbeinen und langem Schwanz? Gibt es ihn überhaupt als Gestalt oder ist er nicht vielmehr ein Symbol für das Böse an sich, das in seiner Alltäglichkeit und in seiner Ungeheuerlichkeit aus unserem Leben nicht wegzudenken ist? Eines ist gewiss: Das Böse ist etwas, mit dem sich jeder Mensch auseinandersetzen muss. Bibel und kirchliche Tradition präsentieren den Teufel als jenen, der zum Bösen verführt - er ist der Diabolos, wörtlich: der Durcheinanderwerfer. Doch was heißt das genau? Wie gehen wir heute mit der Tradition vom Teufel um? Und ist die Rede vom Teufel überhaupt noch zeitgemäß?

Ute Leimgruber, Dr. theol., geboren 1974, verheiratet, zwei Kinder; seit 2003 wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Hochschule Fulda; zahlreiche Veröffentlichungen zur Situation der Frauenorden

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Leseprobe

II. Lichtträger und Satanssturz – Der Teufel in der Bibel


1. Jahwe und das Böse im Alten Testament

Das Alte Testament bietet die Basis für die Teufelsvorstellungen des Christentums – doch wäre nichts fataler, als die alttestamentlichen Texte als Vorlage für eine einfache Erklärung zu verwenden. Die alttestamentlichen Texte präsentieren verschiedene Figuren, die für das Böse stehen. Ein Beispiel ist das Buch der Weisheit; hier wird die Schlange der Paradieseserzählung mit dem Teufel identifiziert:

„… durch den Neid des Teufels [Schlange] kam der Tod in die Welt“ (Weisheit 2,24).

Die Schlange bzw. der Teufel wird charakterisiert als das todbringende Böse; mit Merkmalen, die spätere Traditionen auch anderen Bildern vom Bösen verliehen haben: Das Böse existiert außerhalb des Menschen, es ist dem Menschen vorgegeben und es ist von Gott geschaffen.

Das Volk Israel erfuhr sich im Laufe seiner politischen und sozialen Geschichte immer wieder als massiv bedroht, und so entstand in der Prophetie die Vorstellung einer widergöttlichen Figur. Diese war ursprünglich Gottes gutes Geschöpf, wandte sich aber irgendwann gegen ihn. Die Folgen dieses Aufstands gegen Gott drückte man aus in einem mythischen Bild, das übrigens auch in anderen Zusammenhängen gebraucht wurde: ein Sturz aus der Höhe. Eine Stelle im Prophetenbuch Jesaja schildert, wie der Sohn der Morgenröte, Helal, wegen Hochmuts in den Abgrund gestürzt wird:

„Ach, du bist vom Himmel gefallen, du strahlender Sohn der Morgenröte … In die Unterwelt wirst du hinabgeworfen, in die unterste Tiefe“ (Jesaja 14,12 – 15).

Der gefallene Helal wird mit dem Morgenstern identifiziert. Der Morgenstern aber hieß in der Antike auch Luzifer. Nun assoziieren der heutige Leser und die heutige Leserin mit Luzifer sofort den Teufel. Doch dauerte es einige Jahrhunderte, bis Luzifer-Helal, der gestürzte Sohn der Morgenröte, mit dem gestürzten Engel der christlichen Teufelsüberlieferung gleichgesetzt wurde. Bemerkenswert ist, dass in frühchristlicher Zeit – also noch vor dieser Gleichsetzung – Christus mit Luzifer, dem Morgenstern, verglichen wurde; Luzifer war sogar ein beliebter Taufname. Erst im Laufe der ersten nachchristlichen Zeit wurde Jesaja 14,12 – 15 mit einer Stelle aus dem Lukasevangelium (10,18) verknüpft, wo Jesus sagt, er sah Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen (ausführlich dazu im Abschnitt über das Neue Testament). Dieser Satan galt bald als gestürzter Engel – und Luzifer wurde zur Bezeichnung des Teufels.

Doch was steht hinter der Vorstellung, Luzifer/Satan sei ein gestürzter Engel? Der sogenannte Engelssturz war in der damaligen Vorstellungswelt allgemein bekannt. Als einstiger Lichtträger (= lat. Lucifer) begnügte sich der erste der Engel nicht mit der Gottähnlichkeit, sondern strebte nach der Gleichheit mit Gott. Er stellte die Eigenliebe über die Liebe zu Gott. Die Folge war der gewaltsame Sturz aus dem Himmel in die Hölle, die Umpolung zum Herrn der Finsternis. Er wurde zum Anführer der hässlichen, böswilligen Teufel und Dämonen, also der Gegenwelt zu den guten und schönen Engeln.

Dieser Mythos wurde jedoch in außerkanonischen jüdischen Schriften niedergeschrieben (zum Beispiel Henochbuch 6,1 – 7; 10,4 – 6), d. h. in Texten, die nicht in den Kanon der Bibel Eingang gefunden haben. Diese Schriften waren häufig dennoch von großem Einfluss auf das Denken ihrer Zeit. Auch wenn der Engelssturz nicht direkt Eingang in die Bibel gefunden hat, so spielen Texte sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments darauf an.

Eine andere Stelle im Alten Testament, wo der Satan eine wichtige Rolle spielt, ist das Buch Ijob. Dort erscheint der Satan unter den „Söhnen Gottes“, er ist der „Widersacher“ (so auch die Bedeutung des hebräischen Wortes Satan), der mit Gott beinahe auf Augenhöhe kommuniziert. Es gelingt ihm sogar, Gott zu einer Wette zu überreden – dazu gleich noch mehr. In anderen Fällen im ersten Teil der Bibel ist nicht so klar wie bei Ijob, ob etwas von Gott oder von Satan ausgeht. So wird zum Beispiel die Anstachelung Davids zu einer Volkszählung das eine Mal dem Gott Jahwe zugeschrieben (2 Samuel 24,1), das andere Mal aber dem Satan (1 Chronik 21,1).

Wer ist also dieser Satan und wie sind die verschiedenen Überlieferungen vom „Bösen“ im Alten Testament zu verstehen?

Die Vorstellung vom „Bösen“ wurde nicht unverändert durch die Zeiten hinweg tradiert. So wie sich das Gottesbild gewandelt und entfaltet hat, veränderte sich auch die Interpretation der Welt und des Kosmos. Das Alte Testament entstand über einen langen Zeitraum, von ca. 1000 v. Chr. bis fast 100 v. Chr.; die meisten Bücher stammen aus der Zeit des sogenannten Babylonischen Exils (586 – 538 v. Chr.). Der alttestamentliche Gott steht in engem Zusammenhang mit dem Ergehen seines Volkes, das im Verlauf der Geschichte gute und schlechte Erfahrungen mit seinem Gottesglauben zu vereinbaren hatte. Der Kern des alttestamentlichen Jahweglaubens ist die Aussage über Gottes Einmaligkeit, Einzigkeit und Heiligkeit:

„Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig“ (Deuteronomium 6,4).

Gott hatte die Welt erschaffen und er hatte gesehen, „dass es gut war“ (Genesis 1). Und genau dies unterscheidet die jüdische Genesis von den anderen Kosmologien ihrer Zeit: Sie vereint Ordnung und Chaos, sie harmonisiert Licht und Finsternis. Und so stößt man auch wiederholt auf die Aussage, Gott selbst veranlasse das Böse. In zahllosen Textstellen versetzt Jahwe den Menschen durch Katastrophen, Hungersnöte oder Krankheiten in Furcht und Schrecken. Für Israel galt der Glaube, Gott verhänge Prüfungen oder Gericht über sein Volk:

„Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel,
ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil.
Ich bin der Herr, der das alles vollbringt“ (Jesaja 45,7).

Der alttestamentliche Gott ist alleine zuständig für die Geschicke auf der Erde; genau darin bleibt er ambivalent: Er ist machtvoll gütig, er hat aber auch eine Schattenseite – und diese Schattenseite ist die Hintergrundfolie für den hebräischen Satan. Denn der Glauben an einen ambivalenten Gott machte im Laufe der Zeit dem Bekenntnis Platz, dass Gott vollkommen gut sei. Nun stand man aber vor dem Dilemma des Bösen in seiner schärfsten Form: Die Existenz des Bösen musste mit der Existenz eines allmächtigen, erhabenen und ausschließlich guten Gottes in Einklang gebracht werden. Jahwe war heilig und transzendent – wie sollte er da Urheber des Bösen sein? An dieser Stelle trat eine neue Figur auf: Satan. Er ist nun der Urheber feindselig empfundenen Verhaltens, er ist der Widersacher Israels. Satan handelt als Anstifter zur Sünde – allerdings ohne eigene Machtbefugnis, sondern in Abhängigkeit von Gott. Wenn nun also christlich geprägte Leserinnen und Leser beim alttestamentlichen Satan gleich an den volkstümlichen Teufel denken, so hält dies einer kritischen Lektüre nicht wirklich stand. Der Satan ist der Widersacher – und als solcher erfüllt er lediglich seine Aufgabe. Im Hofstaat Gottes übt er die Funktion eines Anklägers aus, der diejenigen, die die Ordnung Gottes stören, vor dessen Gericht zerrt.

Am deutlichsten wird dies in der Ijobgeschichte: Hier ist er als eine Art Staatsanwalt unterwegs. Er behauptet, es sei ja klar, dass Ijob Gott unentwegt lobe, schließlich sei dieser vom Herrn mit wunderbaren Kindern, einer großen Menge Vieh und mit Reichtum gesegnet worden. Erst im Unglück werde sich Ijobs Gottesliebe erweisen, der Herr solle den Ijob doch auf die Probe stellen. Und Gott lässt sich darauf ein, indem er dem Ijob alles nimmt: seinen Reichtum und alle seine Kinder. Als das nicht fruchtet und Ijob noch immer ein Loblied singt, geht es an Ijobs Gesundheit. Gott überzieht ihn mit einem fürchterlichen Ausschlag – und die Freunde Ijobs schütteln unverständig den Kopf über seinen gottesfürchtigen Starrsinn, denn noch immer singt er das Lob Gottes. Erst da gibt sich der Satan geschlagen – und Gott gibt dem Ijob seine Kinder, seine Gesundheit und seinen Reichtum zurück. Dem Satan ist es sichtlich unangenehm, Ijob nicht überführen zu können und die Wette zu verlieren.

Wichtig im Blick auf die Entwicklung des Teufelsglaubens ist, dass Satan nicht aus eigener Machtfülle handelt, sondern weil Gott sich seiner bedient. Satan ist quasi das ausführende Organ. Das wahrhaft Unerklärliche, Schicksalhafte, das den Menschen trifft, fällt auf Gott zurück. Und doch ist Satan schon eine eigenständige Person – schließlich ist er es, der den Herrn zu dieser unheilvollen und grausamen Wette überredet –, er tut zwar nichts ohne Gottes Zustimmung, aber es kündigt sich bereits eine Gegnerschaft zwischen dem Satan und dem Herrn an.

2. Die Apokalyptik der Zeitenwende

Im Laufe der Zeit bekam Satan und mit ihm das Böse einen immer größeren Raum und immer mehr Eigenständigkeit zugestanden, sodass er irgendwann zum Inbegriff des Bösen wurde. Spätestens zur Zeit des Neuen Testaments sah die Überlieferung Satan als Prinzip des Bösen, als Verführer zum Bösen. Doch wie kam es dazu? Hierzu bedarf es eines Einblicks in jüdische apokalyptische Traditionen der Zeitenwende.

Seit Palästina in das Reich Alexanders d. Gr. eingegliedert worden war (331 v. Chr.), sah man sich direkt mit der hellenistischen Weltanschauung konfrontiert, mit griechischer Sprache, mit griechischer Religion, mit griechischer Kunst usw. Zunächst führte man die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur mit geistigen Waffen, doch unter dem Seleukidenkönig Antiochos IV. Epiphanes (175 – 164 v. Chr.) kam es zu einer blutigen Religionsverfolgung. Nicht wenige Juden fielen vom...

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