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Der Vampir als literarische Figur der Romantik

AutorRebecca Tille
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl89 Seiten
ISBN9783656106203
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen, Note: 2,0, Friedrich-Schiller-Universität Jena (Institut für germanistische Literaturwissenschaft), Sprache: Deutsch, Abstract: 'Es ist Nacht. Eine dunkle Gestalt, nur schemenhaft zu erkennen, schleicht sich im Dunkeln unbemerkt an einen Menschen heran. Im Mondlicht kann man nur die spitzen, scharfen Zähne erkennen...' Unweigerlich handelt es sich hierbei um die Schilderung eines Vampirangriffs. Doch woher stammt diese? Sie könnte aus einer Erzählung eines antiken Geschichtenerzählers aus Homers Zeiten entnommen oder von einem Romanautor des 19. Jahrhunderts verfasst worden sein oder aber gleichfalls aus einem Kinofilm des letzten Sommers hervorgehen. Es treffen viele Möglichkeiten zu, welche die Annahme verstärken, dass das Motiv des Vampirs die Jahrhunderte überdauert hat. Die Gestalt des blutsaugenden Wiedergängers hat sich zu einem beliebten literarischen Motiv entwickelt. Als angsteinflößendes Monster, erotisches Ungeheuer oder auch bleiche Gestalt, die seine Opfer zähnefletschend verfolgt, wandelt es durch zahlreiche Filme, Gruselgeschichten, Lieder, Comics, Werbungen oder PC-Spiele. Doch worin fundiert sich eine solche Faszination des Vampirmythos? Die Gesellschaft nimmt den Urglauben des Wiedergängers als gegeben hin, doch stellt sich dabei die Frage, was ein Vampir überhaupt ist und wie sich der Glaube an solche Wesen erst entwickeln konnte.

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Leseprobe

2.            Der Vampir als Phänomen des Volksglaubens


 


2.1 Definition und Etymologie des Vampirs


 


In der Volkskunde galt ein wiederkehrender Toter, der nachts aus seinem Grabe stieg und den Lebenden das Blut aussog, als Vampir. Sie waren als Blutsauger bekannt, da sie Blut benötigten, um ihr halbtotes Leben fortführen zu können. Der „Saft des Lebens“ – das Blut – besaß angeblich besondere Eigenschaften, wodurch er zum Objekt der Begierde wurde, denn mit ihm konnten die Vampire sich das Prinzip des Lebens einverleiben und damit die Endgültigkeit ihres Todes unterlaufen. Des Weiteren wurden sie auch als „Wiedergänger“[9] oder „Nachzehrer“[10] bezeichnet. Während die Wiedergänger als dem Grabe entstiegene Gespenster Angst und Schrecken verbreiteten, blieben die Nachzehrer in ihrem Grab und verzehrten dort ihr Totengewandt und nagten ihren Körper an. Diese beiden Klassen von Untoten galten als böswillig und als Auslöser von Krankheiten und Tod. Der Vampir bildete als Blutsauger eine Abart der Wiedergänger.[11]

 

Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens besagt, dass der Nachzehrer es vermochte, andere Menschen auf gewisse Weise nach sich in den Tod zu ziehen. Wenn der Vampirangriff erfolgreich war, so waren seine Opfer mit der Vampirkrankheit angesteckt und ebenfalls zu einem Dasein zwischen Leben und Tod verdammt. Ein Nachzehrer konnte daran erkannt werden, dass bei ihm keine Totenstarre einsetzte und seine Augen sowie sein Mund, bei welchem die Lippen noch rot waren, geöffnet blieben.[12]

 

Der Volksglaube unterschied zwischen dem lebenden Vampir, der nach seinem Tod zu einem gefürchteten Blutsauger mutierte und dem vampirischen Gespenst, das von dem Leichnam ausging, um sich das Blut der Lebenden zu holen. Wenn der Verdacht bestand, dass ein Vampir umherging, so wurde der verdächtigte Leichnam ausgegraben und untersucht. Konnten keinerlei Verwesungsmerkmale festgestellt werden, sondern Auffälligkeiten wie rosige Haut oder Blut am Mund, so wurde die Leiche, um weiterem Unheil entgegenzuwirken, geköpft, mit einem Holzpflock in die Brust gepfählt oder verbrannt. Alte Berichte sprechen von einem großen Blutfluss der Leichname während der Vampirexekution oder gar einem Röcheln, als der Pfahl durch das Herz geschlagen wurde.[13]

 

Historische Schriften besagen außerdem, dass der Vampir in verschiedenen Gestalten erscheinen konnte. Neben den Möglichkeiten als Mensch, Wolf, Ziege, Pferd, Frosch, Hund, Katze, Schlange oder Schmetterling in Erscheinung zu treten, war die bekannteste Variante, die der Fledermaus. Eine Fledermausart aus Südamerika ist sogar unter dem Namen des Vampyrs bekannt. Diese Art ist allerdings ungefährlich, ernährt sie sich doch allein von Insekten und Früchten.[14]

 

Die Bezeichnung Vampir für einen blutsaugenden Toten trat in Deutschland zum ersten Mal 1732 in medizinischen und philosophischen Abhandlungen auf, die sich mit Fällen von Vampirismus auf dem Balkan beschäftigten.[15] In Schlesien und Preußen kannte man neben Blutsauger auch die Bezeichnungen Gierrach, Gierhals und Unbegier. Johann Christoph Harenberg hegt in seinem 1733 erschienenen Buch Vernünftige und christliche Gedancken über die Vampirs die Vermutung, dass sich das Wort Vampir aus dem griechischen vam für «Blut» und dem altdeutschen piren für «begierig nach einer Sache trachten» zusammensetzt. Michael Ranft polemisiert in seinem Traktat Von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern von 1734 gegen diese unhaltbare etymologische Erklärung, da sie das Wort aus zwei unterschiedlichen Sprachen herzuleiten versucht. Stefan Hock schreibt in seinem Werk Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der Literatur, das Wort Vampir käme vom Serbischen вампир, kann allerdings keine Wortbedeutung angeben. Eine eindeutig etymologische Herkunft des Wortes Vampir lässt sich demnach nicht nachweisen. Die serbische Bevölkerung gebrauchte es für den Blutsauger und diese Bedeutung soll ihm auch in dieser Arbeit zugemessen werden.[16]

 

Es ist wichtig zwischen den Vampiren, wie sie im Volksglauben existieren, und Vampiren, die sich in der Literatur und im Film als blutsaugende Gestalten entwickelt haben, zu unterscheiden. Es herrschte nicht immer ein einheitlicher Vampir-Typus und wie oben festgehalten, unterscheidet selbst der Volksglaube nicht immer klar zwischen den verschiedenen Arten von Untoten.

 

 


Abb. 1: Lamia.

Quelle: Harris, Tom: How Vampires Work.

 

2.2 Vorläufer und verwandte Phänomene


 


Der Ursprung des Vampirglaubens lässt sich bis in die antike Welt zurückverfolgen. Die griechisch-römische Zivilisation kannte zwar noch nicht die aus ihren Gräbern zurückkehrenden Toten, wohl aber die blutsaugenden Nachtgeister Lamien (siehe Abbildung 1) und Empusen, welche ihre menschlichen Opfer im Schlaf verfolgten und töteten. Sie besaßen die Fähigkeit, dem Menschen, dem sie nachstellten, Dinge vorzugaukeln, welche gar nicht existierten und ihre Gestalt so zu ändern, dass sie wie Menschen aussahen. In ihrer Vorgehensweise sind sie jedoch zu unterscheiden. Während die Empuse verführerisch ist und mit ihrer Beute spielt, ist die Lamia hingegen meist weniger sensibel und holt sich sofort, was sie benötigt. Die Empusen stellten vornehmlich jungen Männern nach, indem sie sich in schöne Frauen verwandelten, jene verführten und ihnen beim Geschlechtsakt die Lebenskraft raubten, wodurch diese anschließend erkrankten und starben. Sie töteten Männer aber auch sofort und fraßen ihnen das Fleisch von den Knochen.[17]

 

Auch die Lamien waren gespenstische Frauen, die schöne Jünglinge und ebenso Kinder mit Hilfe ihres Blendwerkes anlockten, um ihnen das Blut auszusaugen und ihr Fleisch zu genießen:

 

Schon einzelne Motive der Sage von Lamia, jener Geliebten des Zeus, die durch die eifersüchtige Hera dem Wahnsinn verfiel, ihre Kinder tötete und vor Kummer häßlich wurde und schließlich in schlaflosen Nächten anderen Müttern die Kinder raubte, weisen deutlich genug auf den alten Vampirglauben hin. In nachklassischer Zeit vermischen sich die Lamien mit den Vampiren der slawischen Einwanderer.[18]

 

Jedoch unterscheiden sich die Lamien und Empusen von der slawischen Ausprägung des Blutsaugers insofern, als ihnen das entscheidende Kriterium des Wiedergängers fehlt: Sie sind nicht als Phantom eines bestimmten Verstorbenen konkret identifizierbar, sondern existieren als abstrakte gesichtslose Spuk- und Fabelwesen,[19] wie beispielsweise in der Walpurgisnacht im II. Teil des Fausts von Johann Wolfgang von Goethe.[20]

 

2.3 Die Historie des Vampirmythos


 


 

Abb. 2: Eine der ersten Vampirdarstellungen auf einem babylonischen Zylindersiegel.

Quelle: Bunson, Matthew: Das Buch der Vampire. Von Dracula, Untoten und anderen Fürsten der Finsternis. 2001. S. 161.

 

2.3.1 Der Ursprung des Vampirglaubens


 


Der Glaube an wiederkehrende Tote und Blutsauger war seit der Frühzeit der Menschen in allen Kulturkreisen bekannt. Die älteste Darstellung solcher Wesen ließ sich bereits auf babylonischen Zylindersiegeln aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. finden (siehe Abbildung 2). Und sogar die alten Mythen der Inder, Chinesen, Juden, Araber und Römer enthielten schon vampirähnliche Wesen. Die auffallendste Parallele war jedoch in Afrika anzutreffen. Dort wurde der Glaube vertreten, dass Zauberer nach ihrem Tod zu Blutsaugern werden und anschließend Tieren und Menschen das Blut aussaugten sowie Leute im Schlaf durch Aufhocken quälten.[21]

 

Die Vorstellung von blut- und fleischverzehrenden Ungeheuern war genauso stark verbreitet wie die Angst vor einer möglichen Rückkehr der Toten in das Reich der Lebenden. In vielen Gebieten Europas fürchtete sich die Bevölkerung vor Wiedergängern, die ihre Opfer heimsuchten. Bereits Ende des 12. Jahrhunderts ließen sich in England vereinzelt Fälle von Revenants[22] nachweisen, während derartige Wesen in Deutschland erst im Jahre 1337 auftraten. Dokumente dieser Zeit berichten von Verstorbenen, die einige Zeit nach ihrer Bestattung aus ihren Gräbern stiegen, einzelne Bewohner des Dorfes beim Namen riefen und somit den Tod der genannten Person herbeiführten. In Schlesien soll als Variante des Wiedergängers besonders der Nachzehrer vertreten gewesen sein. Er zog seine Verwandten ins Grab, indem er unter lautem Kauen und Schmatzen im Sarg sein Leichentuch und Teile seines Körpers vertilgte. Da diesen Untoten jedoch die charakteristische Eigenschaft des Blutraubens fehlt, können sie bloß als Verwandte oder Vorläufer des Vampirs eingestuft werden. Erst im Volksgauben der Balkanländer, die als politisches und religiöses Grenzgebiet zwischen...

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