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Der wilde Kontinent

Meine Reise durch Argentinien, Brasilien und Venezuela

AutorRobert Jacobi
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783492977203
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Robert Jacobi durchmisst Südamerika von Argentinien über Brasilien bis hinauf nach Venezuela. Erneut ist er allein unterwegs, mit schmalem Budget, ohne Flugetappen, offen für überraschende Begegnungen, spontane Eingebungen und mit einem wachen Blick für die kleinen Vorzeichen der großen sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen auf einem Kontinent im Aufbruch. Die Hauptstationen seiner über 10000Kilometer umspannenden Reise: die argentinische Pampa, Buenos Aires, der brasilianische Pantanal- das größte Naturreservat Südamerikas-, Rio de Janeiro im Olympiataumel, der Rio Branco und die sagenhaften Tafelberge und Goldgräberstädte Venezuelas. Aufregender lässt sich Südamerikas wilde Vielfalt nicht entdecken!
Robert Jacobi twittert 100 Tage lang je einen Satz und ein Foto aus seinem Buch »Der wilde Kontinent«: http://twitter.com/WilderKontinent

Robert Jacobi, 30, hat die Deutsche Journalistenschule absolviert und Fotografie in Harvard/USA studiert. Seit seiner Jugend reist Jacobi, wann immer er Zeit dafür findet. Dabei helfen ihm fünf Sprachen, die er fließend beherrscht. Für die Süddeutsche Zeitung und das SZ-Magazin arbeitete er mehrere Jahre lang als Autor und Korrespondent. In dieser Zeit berichtete er über Weltwirtschaftsgipfel, die Terroranschläge in New York und arbeitslose Jugendliche in Ostdeutschland. Über seine Reise entlang der Panamericana berichtete er online für die Süddeutsche Zeitung. Für seine Reportagen und Leitartikel erhielt er den Alexander-Rhomberg-Preis der Gesellschaft für deutsche Sprache, den Georg-von-Holtzbrinck-Preis und den deutsch-amerikanischen Arthur F. Burns-Journalistenpreis. Im Herbst 2008 erschien bei MALIK NATIONAL GEOGRAPHIC seine Reiseerzählung »Amerika der Länge nach«.

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Leseprobe

I Tief im Süden


Die Kulisse wirkte übernatürlich schön, als ich vom Gipfel um mich blickte. Schneebedeckte Berge türmten sich bis zum Horizont, viele von ihnen niemals bezwungen. Nur in Richtung Südwesten öffnete sich eine Schneise, durch die sich die Straße hinab nach Ushuaia schlängelte. Den ganzen Tag über war uns kein anderer Mensch begegnet.

»Wie wundervoll es heute ist«, freute sich Luis Turi, der Bergführer, mit dem ich gerade den Gletschergipfel des Cerro Alvear erreicht hatte, eines der höchsten Berge im argentinischen Teil Feuerlands. »Ich bin schon oft aufgestiegen, aber so gut war die Sicht selten. Trotzdem sollten wir nicht zu lange bleiben, dort hinten zieht schlechtes Wetter auf. Das kann jeden Augenblick hier sein.«

Luis ist einer der bekanntesten Bergsteiger der Insel. Nachdem er in den Anden so gut wie alle bekannten Gipfel bezwungen hatte, eröffnete er an der Hauptstraße in Ushuaia eine Bergschule. Kürzlich leitete er im Auftrag des spanischen Fernsehens eine Expedition ins indische Hochgebirge. »Die Natur ist beeindruckend dort, aber ich kann nicht verstehen, dass man als Tourist dorthin will, die Armut ist schrecklich«, berichtete er.

Bei unserem Aufstieg hatten wir uns über Weltpolitik und die Lage in Argentinien unterhalten. Manchmal blieb mir vor Anstrengung fast die Luft weg, und ich kam kaum mehr dazu, mich umzusehen und die Natur zu bewundern. »Wir sind eigentlich ein sehr reiches Land, aber unsere Politiker sind so unfähig, dass sie uns immer wieder zugrunde richten«, seufzte Luis. »Von der großen Krise haben wir uns immer noch nicht erholt.«

Wenn Argentinier von der großen Krise sprechen, meinen sie damit nicht die weltweite Finanzkrise, sondern den Zusammenbruch ihrer Wirtschaft kurz nach der Jahrtausendwende. Die künstlich aufgepumpte Landeswährung wurde abgewertet, jahrzehntelang ersparte Guthaben lösten sich in Luft auf. In den Städten brachen Unruhen aus. Bis heute ist Argentinien ein internationaler Großschuldner, der nur zögerlich zurückzahlt.

»Hast du denn auch Geld verloren?«, fragte ich Luis.

»Nicht so viel, ich hatte damals ja kaum etwas, weil ich noch jung war. Aber eine Katastrophe war es trotzdem. Meine Familie hat viel eingebüßt. Nur die Reichen haben ihr Geld rechtzeitig ins Ausland gebracht.«

Nach einem längeren Aufstieg durch knorrigen Südbuchenwald erreichten wir eine Talsenke. Der Gipfel über uns war noch von einer Wolke eingehüllt. Die dünnen, niedrigen Bäume waren fast alle verdorrt oder umgestürzt. Ein kleiner Fluss hatte sich gebildet, aus dem kahle Äste herausragten und der sich weiter unten zu einem See staute.

»Was ist denn hier passiert?«, fragte ich.

»Das waren Biber«, erklärte Luis und deutete auf die Wände aus totem Holz, die am Ufer übereinandergeschichtet lagen.

»Wie meinst du das? Sieht eher aus, als wäre hier eine Lawine runtergekommen.«

»Nein, es waren wirklich Biber. Die sind in Feuerland eine echte Plage. Kanadische Siedler haben sie vor fünfzig Jahren eingeführt, weil sie mit den Fellen Geld verdienen wollten. Aber die Tiere haben bei uns keine natürlichen Feinde, beißen die Wälder kaputt und verändern die Landschaft.«

Ich suchte die Dämme nach Bibern ab, doch ausgerechnet heute schienen sie sich einen Tag freigenommen zu haben.

»Das Problem ist, dass unsere Bäume extrem langsam wachsen, weil das Klima so kalt und der Boden ziemlich nährstoffarm ist. Das macht die Wälder sehr wertvoll. Der Schaden ist enorm. Nicht ganz so groß wie der, den amerikanische Holzfirmen anrichten, aber immerhin.«

Luis wusste so ziemlich alles über die Natur auf Feuerland. »Es gibt nur drei Arten von Bäumen hier, die beiden sommergrünen Nire und Lenga, dazu der immergrüne Guindo.« Fünf Minuten stöberte Luis im Wald zwischen Büschen, Pilzen und Kletterpflanzen, dann hatte er mir von jeder der drei Südbuchenarten ein kleines Blatt gepflückt. »Als Erinnerung für dich.«

Erfreut steckte ich die Blätter ein. Es hatte eine Weile gedauert, bis Luis und ich miteinander warm geworden waren. Während der Jeepfahrt von Ushuaia am frühen Morgen erschien er mir wortkarg und mürrisch. Er versuchte gar nicht erst zu verbergen, dass er, zwei Tage nach Heiligabend, lieber ausgeschlafen hätte, als in die Berge zu gehen. In Argentinien wird die Heilige Nacht typischerweise erst ruhig in der Familie gefeiert, aber ab Mitternacht dann gerne sehr feucht und fröhlich in größeren Runden bis zum frühen Morgen.

»Ich war bis nach Sonnenaufgang mit Freunden in der Stadt unterwegs«, erzählte Luis, der für einen Argentinier recht groß und kräftig war. »Ich habe eine Frau und zwei Kinder, aber sie leben in Mendoza, da komme ich auch her. Jetzt im Sommer kommen die Touristen, und ich muss hierbleiben, um Geld zu verdienen. Früher war ich Elektriker, der Beruf war nicht so abwechslungsreich, aber familienfreundlicher.«

Schon kurz nach dem großen Biberdamm erreichten wir die Baumgrenze auf rund siebenhundert Höhenmetern. Wir stiegen über ein Geröllfeld, dann erreichten wir den Gletscher und legten Steigeisen an. Auf weniger als tausend Höhenmetern beginnt in diesen Breitengraden das ewige Eis. Luis packte das Seil aus, und wir setzten unsere Helme auf.

»Und, läuft dein Geschäft gut?«, fragte ich Luis.

»Ehrlich gesagt, nicht so sehr«, räumte er ein. »Ich dachte ursprünglich, dass mehr Bergsteiger hierherkommen würden. Aber vielen geht es nur um die Höhe, da können wir nicht mithalten. Oder sie ziehen gleich zu den berühmten Klettergipfeln weiter nördlich in Patagonien, dem Cerro Torre oder dem Fitzroy. Dabei ist es hier wunderbar ruhig, und man muss nicht tagelang aufsteigen, um schwieriges Gelände zu erreichen.

Ein Nachteil ist vielleicht das brüchige Schiefergestein.« Er deutete hinüber auf den spitz zulaufenden, zackigen Monte Oliva, der von jeder Straßenecke in Ushuaia aus zu sehen ist. »Da stürzen immer wieder Kletterer ab. Man kommt nur im Winter gut hoch, wenn Schnee und Eis die Felsen zusammenhalten.«

»Hat deine Familie nicht manchmal Angst um dich?«

»Doch. Und ich vermisse sie sehr. Ein paar Jahre noch, dann mache ich die Bergschule dicht und kehre heim.«

 

Luis sollte mit seiner Warnung vor schlechtem Wetter recht behalten. Im Westen, über den chilenischen Gipfeln der Darwin-Kordillere, türmten sich die ersten Wolken. Auf Feuerland, das hatte ich schnell gelernt, wechseln sich Sonnenschein, Schneestürme und Regen oft binnen weniger Minuten ab. Gerade in den Bergen muss man deshalb vorsichtig sein. Auch war es trotz der Sonne nicht gerade warm auf dem kuppelförmigen Gipfel.

Wir entschlossen uns, rasch abzusteigen, und schon wenige Minuten später setzte ein Graupelschauer ein, gefolgt von dünnen Schneeflocken. Kalter Wind schnitt durch meine Jacke. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei, und die Sonne begleitete unsere letzten Schritte hinab ins Tal. Ich schaute nicht auf den Boden vor mir. Auf einmal sank ich bis fast zum Knie im feuchten Untergrund ein, meine Schuhe sogen sich mit Wasser voll.

Da ich nicht mehr zurück nach Ushuaia wollte, sondern meine Reise Richtung Norden fortsetzen, hatte ich mein ganzes Gepäck in Luis’ Jeep deponiert. Zwar dämmert es auf Feuerland um diese Jahreszeit erst eine Stunde vor Mitternacht, aber es war zu spät, um noch zu reisen. Auch fühlte ich mich viel zu erschöpft und wünschte nichts sehnlicher als ein Dach über dem Kopf, um mich aufzuwärmen.

»Ein Freund von mir hat hier in der Nähe eine Hütte. Im Moment ist er nicht da. Wenn du möchtest, kannst du dort übernachten«, bot Luis mir an, ganz so, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Ich bringe dich gern hin.« Das Angebot war zu verlockend.

Eine Stunde später machte ich mir ein kleines Feuer vor der Holzhütte, deren schräge Wellblechdächer fast bis zum Boden reichten, um den heftigen Winden standzuhalten. Ich blickte zurück auf den Cerro Alvear, ein kleiner Fluss versorgte mich mit bergfrischem Trinkwasser, und eine Wildgans mit ihren braunen, zerzausten Jungen leistete mir Gesellschaft. Ich überlegte, es mir in meinem kleinen Reich für einige Tage einzurichten, doch mein Weg war noch weit. Nachdem das Feuer erloschen war, schlief ich auf einer alten, durchgelegenen Couch ein.

 

Nachts wachte ich auf, meine Glieder schmerzten. Ich betrachtete das dicht mit Sternen übersäte Firmament, sinnierte vor mich hin und fragte mich, was mich hierhin, ans Ende der Welt, gebracht hatte. Seit der Rückkehr von meiner letzten großen Reise von Alaska bis nach Patagonien waren drei Jahre vergangen. Schon lange hatte ich gewusst, dass ich irgendwann wieder zurückkehren und meine Erkundungstour fortsetzen würde.

Die Länder entlang der Andenkette, an der Pazifikküste, hatte ich schon ausgiebig bereist. Diesmal wollte ich mich auf der Atlantikseite des südamerikanischen Kontinents bewegen, von Argentinien über Uruguay nach Brasilien, durch Amazonien und schließlich hinauf nach Venezuela, vom südlichsten Punkt bis zum nördlichen Ende des Kontinents. Rund vier Monate hatte ich bis zu meinem Heimflug von Caracas eingeplant, mehr als zehntausend Kilometer würde ich zurücklegen. Erneut war ich alleine unterwegs, mit meinem großen schwarzen Rucksack, meiner Kamera, einem schmalen Budget und grenzenloser Neugier. Nur in Brasilien sollte mich Sandra, meine Lebensgefährtin, für ein paar Wochen begleiten. Die übrige Zeit war ich auf zufällige Begegnungen mit Einheimischen oder anderen Reisenden angewiesen, wenn...

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