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Deutungsmuster sozialer Ungleichheit

Wahrnehmung und Legitimation gesellschaftlicher Privilegierung und Benachteiligung

AutorPatrick Sachweh
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl329 Seiten
ISBN9783593408415
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis33,99 EUR
Patrick Sachweh fragt, wie soziale Ungleichheit von Menschen in privilegierten und benachteiligten Lagen wahrgenommen und gerechtfertigt wird. Welche Deutungsmuster liegen der Interpretation und der Verarbeitung eigener Ungleichheitserfahrungen zugrunde? Seine Interviews zeigen, dass Ungleichheit oft als unvermeidbar wahrgenommen wird und dass sich über Klassengrenzen hinweg die Deutungsmuster ähneln.

Patrick Sachweh, Dr. rer. pol., arbeitet am MPI für Gesellschaftsforschung in Köln.

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Leseprobe
3.1.3 "Klassenbewusstsein" - Soziale Ungleichheit, kollektive Identitäten und politisches Verhalten (S. 54-55)

Neben den Ansichten zu Ausmaß, Akzeptanz und Rechtfertigung sozialer Ungleichheiten ist von Bedeutung, welche abgrenzbaren sozial ungleich gestellten Gruppen die Menschen innerhalb einer Gesellschaft identifizieren und inwieweit sie sich als Mitglied solcher Gruppen mit je eigenen Interessen und einer distinkten Identität wahrnehmen. Welche angenommenen Beziehungen bestehen zwischen diesen Gruppen?

Welche Folgen haben diese Wahrnehmungen und Einschätzungen für die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen? Insoweit es in den Forschungsarbeiten zu diesen Fragen um Gruppierungen geht, mit deren Hilfe gemeinhin die Ungleichheitsstruktur einer Gesellschaft beschrieben wird (etwa "Klassen" oder "Schichten"), kann man diese Studien im weitesten Sinne unter den Oberbegriff "Klassenbewusstsein" fassen. Im Unterschied zu einer engen, an Marx anschließenden Auslegung des Konzepts (Lukacs 1961, ferner Wright 1997)33 wird der Begriff heute vor allem in der angelsächsischen Literatur als ein "generic term that includes several different subjective perceptions of the class system" (Rothman 2005: 207) verwendet.

Entsprechend heterogen sind auch die Untersuchungsgegenstände, die sich von Fragen der subjektiven Schichteinstufung (zum Beispiel Gurin u.a. 1980, Noll 1999, Rössel 2005: 57ff.) über die Wahrnehmung der Beziehungen verschiedener Gruppen oder Schichten einer Gesellschaft zueinander bis hin zu Versuchen der standardisierten Erhebung eines "Klassenbewusstseins", zum Teil in expliziter Anlehnung an neomarxistische Klassenkonzepte (zum Beispiel Erbslöh u.a. 1988, Wright 1997), erstrecken.

Aufgrund dieser Heterogenität der Untersuchungsgegenstände ist es ratsam, zunächst einige begriffliche Differenzierungen vorzunehmen. Im Anschluß an Stuber (2006: 287) kann man vorab zwischen Klassenbewusstsein ("class consciousness") und Klassenbewusstheit ("class awareness") unterscheiden. Während es bei Ersterem in weitestem Sinne um Fragen nach der subjektiven Bedeutung von Klassen (beispielsweise in Form einer subjektiven Identifikation oder spezifischer Interessen) geht, beschreibt Letzteres die Tendenz, die Gesellschaft in zwei oder mehrere Klassen untergliedert zu sehen.

Empirisch zeigt Stuber anhand qualitativer Interviews mit US-amerikanischen Studenten, dass die Existenz von Klassen von den meisten ihrer Befragten anerkannt wird, auch wenn sich das Vokabular, das zu ihrer Identifizierung verwendet wird, über verschiedenen Gruppen hinweg unterscheidet. Während Studenten aus der oberen Mittelklasse zunächst angeben, sich keiner Unterschiede oder Ungleichheiten zwischen Klassen bewusst zu sein, äußern Studenten aus der Arbeiterklasse viel eher, Klassenunterschiede ausmachen zu können (ebd.: 294ff.). Auch für die deutsche Gesellschaft erscheinen die Konzepte der sozialen Klassen und Schichten den Menschen nach wie vor als angemessene Kategorien zur Beschreibung der Gesellschaftsstruktur und der eigenen Position darin.

So sind beispielsweise 94 Prozent der von Geißler und Weber-Menges (2006: 106) befragten Industriearbeiter und -angestellten der Ansicht, dass es auch in der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft noch Klassen und Schichten gibt, wenngleich diese überzeugung bei höheren und mittleren Angestellten und Meistern etwas weniger stark ausgeprägt ist. Weit verbreitet ist eine Vorstellung von der Einteilung der Bevölkerung in drei Schichten nach dem Muster "Oben-Mitte-Unten", wobei auffällig ist, dass mit steigendem sozioökonomischem Status der Befragten auch die Anzahl gradueller Abstufungen innerhalb und zwischen verschiedenen Schichten zunimmt (ebd.: 111ff.). Dies erinnert in Teilen an überlegungen und Befunde von Popitz u.a. (1967) und Dahrendorf (1965), die darauf hinweisen, dass Arbeiter die Gesellschaft als Dichotomie sehen, wohingegen Angestellte ein Bild von der Gesellschaft als Hierarchie haben."
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort10
1 Einleitung: Die Wahrnehmung und Legitimation sozialer Ungleichheit als Problem und Forschungsgegenstand12
2 Soziale Ungleichheit und Ungleichheitslegitimation17
2.1 Ungleichheit und Ungleichheitslegitimation in Deutschland17
2.2 Soziale Ungleichheit: Dimensionen und Strukturkategorien22
2.2.1 Zum Begriff sozialer Ungleichheit23
2.2.2 Dimensionen und Strukturkategorien sozialer Ungleichheit26
3 Soziale Ungleichheit in der gesellschaftlichen Wahrnehmung32
3.1 Wahrnehmung, Akzeptanz und Legitimation sozialer Ungleichheit im Blick der empirischen Forschung32
3.1.1 Wahrnehmung und Akzeptanz sozialer Ungleichheit33
3.1.2 Soziale Gerechtigkeit – Rechtfertigung und Legitimation sozialer Ungleichheit41
3.1.3 »Klassenbewusstsein« – Soziale Ungleichheit, kollektive Identitäten und politisches Verhalten55
3.2 Erträge und Defizite der bisherigen Forschung63
4 Kulturelle Deutungsmuster sozialer Ungleichheit77
4.1 Soziale Deutungsmuster77
4.1.1 Theoretische Bezugspunkte: Kollektive Repräsentationen und kulturelle Repertoires77
4.1.2 Grundlegende Bedeutungsgehalte des Deutungsmusterkonzepts80
4.1.3 Deutungsmuster, kollektiver Sinn und individuelles Bewusstsein84
4.1.4 Zwischenbilanz: Soziale Deutungsmuster als kulturelle Repertoires88
4.2 Kulturelle Deutungsmuster sozialer Ungleichheit und Ungleichheitslegitimation90
4.3 Zur sozialstrukturellen Differenzierung von Deutungsmustern101
5 Anlage der empirischen Untersuchung112
5.1 Methodische Vorgehensweise: Das diskursive Interview112
5.2 Stichprobe und Datenbasis120
5.3 Auswertung126
5.4 Reichweite und Grenzen der empirischen Daten131
6 Eine ungleiche Welt? – Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit132
6.1 Ungleichheit wovon? Dimensionen sozialer Ungleichheit in der sozialen Wahrnehmung132
6.2 Ungleichheit zwischen wem? Wahrgenommene Ungleichheitsstrukturen151
6.3 Zusammenfassung: Die »Topologie« sozialer Ungleichheit in Deutschland161
7 »Leute wie wir…« – Symbolische Grenzziehungen und kollektive Identifikation164
7.1 Symbolische Grenzziehungen und alltagsweltliche Abgrenzungsmuster164
7.2 »Leute, die es nach oben geschafft haben, da hab’ ich sehr viel Respekt…« – Sozioökonomische Grenzziehungen167
7.3 »Das wäre das Entscheidende, was man ausgibt, Theater, Konzerte, nicht unbedingt die BILD-Zeitung kauft…« – Kulturelle Grenzziehungen175
7.4 »Denen geht’s eben gut, aber die nehmen ja eigentlich auch nicht wahr, dass es anderen Leuten schlechter geht…« – Moralische Grenzziehungen181
7.5 Zusammenfassung: Symbolische Grenzziehungen, kollektive Identifikation und die Strukturierung sozialer Ungleichheit193
8 Unvermeidliche Ungleichheiten? – Gründe und Ursachen sozialer Ungleichheit198
8.1 Konkurrierende Deutungsmuster von Ungleichheitsursachen198
8.2 »Natürlich ist das nicht gerecht, das ist tierisch ungerecht. Aber es ist ganz einfach so« – Deutungsmuster der Unvermeidbarkeit sozialer Ungleichheit200
8.3 »Ich denke, es wird einem ein bisschen mit in die Wiege gelegt…« – Deutungsmuster der Herkunftsbedingtheit sozialer Ungleichheit213
8.4 »Also so viel Arbeit ist einfach auch nicht da« – Deutungsmuster der Systembedingtheit sozialer Ungleichheit226
8.5 Zusammenfassung: Alltagsweltliche Erklärungsmuster sozialer Ungleichheit231
9 Jenseits von Gerechtigkeit? – Rechtfertigung und Legitimation sozialer Ungleichheit233
9.1 Gerechtigkeitssemantiken und Ungleichheitslegitimation233
9.1.1 »Es gibt verschiedene Gruppen in der Gesellschaft, die werden wir nicht abschaffen, und es ist o.k., dass man seine Leistung abschöpft« – Leistungsgerechtigkeit235
9.1.2 »Denn denk’ ich immer, als wenn’s aus ihrem Portemonnaie geht« – Bedarfsgerechtigkeit244
9.1.3 »Also stellen Sie sich das mal vor, laut Marx und Engels, und wir rennen alle in blauen Anzügen durch die Gegend!« – Gleichheit252
9.2 Alternative Formen der Ungleichheitslegitimation261
9.2.1 Vergleiche nach unten261
9.2.2 Ignorierte Ungerechtigkeiten266
9.3 Zusammenfassung: Gerechtigkeit und Ungleichheitslegitimation270
10 Konklusion und Ausblick272
10.1 Deutungsmuster sozialer Ungleichheit – Eine qualitative Rekonstruktion272
10.2 Deutungsmuster und Ungleichheitstheorie286
10.3 Offene Fragen und Forschungsdesiderate294
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen297
Literatur298
Anhang324

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