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Die Abstammung Karls IV. und die genealogischen Konstruktionen und Fiktionen in der Böhmenchronik Johann von Marignolas und der luxemburgisch-brabantischen Ahnengalerie auf Burg Karlstein

AutorJohannes Ehrengruber
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl46 Seiten
ISBN9783656852827
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2014 im Fachbereich Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit, Note: 1,0, Philipps-Universität Marburg (Institut für Mittelalterliche Geschichte), Veranstaltung: Geschichte - Europa - Mittelalter - Genealogie, Sprache: Deutsch, Abstract: Im Mittelalter leiteten viele große europäische Herrscherdynastien, Häuser und Geschlechter und ihre Vertreter ihre Herkunft und ihren Ursprung von alten, edlen und in der Geschichte hervorstechenden Geschlechtern, Persönlichkeiten und Ahnen ab und propagierten und betonten diese zu meist konstruierte und imaginäre Abkommenschaft auf diverse Weise. Denn '[...] die Berechtigung der Vorzugsstellung und des Anspruchs auf Thron und Herrschaft mußte [zur damaligen Zeit] nicht nur durch besondere persönliche Qualitäten bewiesen werden, sondern auch durch edles Herkommen. Dabei war das Ansippen oder Anerben an hervorragende Ahnen oder edle Geschlechter ein probates Mittel, um das eigene Ansehen zu erhöhen und politische Ziele durchzusetzen'. Auch Karl IV., böhmischer König und einer der wirkmächtigsten und herausragendsten römisch-deutschen Könige und Kaiser des Spätmittelalters, stellte diesbezüglich keine Ausnahme dar. Seit seiner Machtübernahme und seinem Regierungsantritt stützte Karl seine Herrscherlegitimität, seinen Herrscheranspruch und seine dynastische Legitimität auf die offiziell propagierte alte und vornehme Abstammung und Dauer seines Geschlechts und die konstruierten familiären Beziehungen zu den ältesten und vornehmsten westeuropäischen Dynastien und vermeintlichen und imaginären edlen Urahnen und Vorfahren. Diese zum großen Teil konstruierte und fiktive Abstammung und Genealogie ließ Karl offiziell von seinem Hof verbreiten und in der offiziellen Hofgeschichtsschreibung sowie künstlerisch und architektonisch darstellen, betonen und hervorheben. Diese Arbeit befasst sich daher folglich mit der Abstammung Karls IV. und zwei exemplarisch ausgewählten in seiner Zeit entstandenen und durch ihn initiierten schriftlichen und bildlichen Werke und den darin enthaltenen konstruierten und fiktiven Abstammungsdarstellungen, Abstammungstheorien und Genealogien bzw. Ahnenreihen sowie mit den Intentionen, Absichten und Zielen Karls IV. bezüglich diesen Darstellungen seiner Herkunft. Die beiden Werke, welche folglich in dieser Arbeit behandelt werden und welche den Schwerpunkt der Arbeit und Darstellung bilden, sind: Die Böhmenchronik Johann von Marignolas und die darin dargestellte Abstammung und Herkunft Karls IV. sowie die luxemburgisch-brabantische Ahnengalerie auf Burg Karlstein.

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Leseprobe

3. Karls IV. Abstammung und seine zeitnahen historischen Vorfahren


 

Die folgenden Ausführungen sollen einen kurzen und knappen, zeitlich eingegrenzten Überblick über die historisch gesicherte und belegte und somit tatsächliche und nichtfiktive Abstammung Karls IV. geben und dementsprechend seine zeitnahen historisch-realen Vorfahren väterlicherseits sowie mütterlicherseits kurz aufzeigen und die Familienzusammenhänge und Verhältnisse darstellen. Punkt 3.1 beschränkt sich dabei zeitlich auf die Zeit ab der Begründung des Hauses Limburg-Luxemburg bzw. Luxemburg[37] in der Mitte des 13. Jahrhunderts und stellt dann über Karls Urgroßvater, Großvater und Vater die Stammlinie bis Karl dar. Punkt 3.2 stellt kurz Karls Abstammung mütterlicherseits und einige diesbezügliche Vorfahren dar und gibt ferner knappe und allgemeine Informationen und Hinweise zur Geschichte der Dynastie der Přemysliden[38].

 

3.1 Karls Abstammung väterlicherseits[39]


 

Karl IV. entstammte väterlicherseits der Dynastie der Luxemburger und somit dem Hause Luxemburg bzw. Limburg-Luxemburg[40], welches ein Zweig des Hauses Limburg-Arlon[41] war.

 

 Die Grundlage und Prämisse für die Begründung des Hauses Limburg-Luxemburg (bzw. des „jüngeren“ luxemburgischen Grafenhauses) stellt die 1214 geschlossene Ehe zwischen Walram IV. (III.), Herzog von Limburg und Markgraf von Arlon aus dem Hause Limburg-Arlon und dessen zweiter Ehefrau Gräfin Ermesinde II. von Luxemburg aus dem Hause Namur dar.[42] Ältester Sohn aus dieser Ehe war der um 1216/17 oder um 1221 geborene und 1281 verstorbene Heinrich V. (II.). Nach dem Tode seiner Mutter Ermesinde im Jahre 1247 erbte er von ihr die Grafschaft Luxemburg, regierte folglich von da an als Graf von Luxemburg und begründete somit die neue Linie des Hauses Limburg-Arlon, die Linie bzw. das Haus Limburg-Luxemburg.[43] Heinrichs V. (II.) Halbbruder, der aus der ersten Ehe Walrams IV. (III.) stammende Heinrich IV. von Limburg, erbte nach dem Tode des gemeinsamen Vaters im Jahre 1226 von diesem das Herzogtum Limburg.[44] Begründer Heinrich V. (II.) von Luxemburg ehelichte im Jahre 1240 Margarete von Bar, eine Tochter des Grafen Heinrichs II. von Bar, mit der er zwei Söhne und mehrere Töchter hatte.[45]

 

 Der älteste Sohn aus dieser Ehe, welcher aufgrund der agnatischen Erbfolge und Stammlinie (Patrilinearität) hier von Interesse ist, war der 1240 oder kurz nach 1252 geborene und 1288 in der Schlacht von Worringen im Limburger Erbfolgestreit[46] gefallene Graf Heinrich VI. (III.) von Luxemburg[47]. Dieser war mit Beatrix, der Tochter des Grafen Balduin von Avesnes[48] verheiratet und hatte mit ihr drei Söhne und zwei Töchter.[49] Heinrichs VI. (III.) jüngerer Bruder, der ebenfalls in der Schlacht von Worringen gefallene Walram I., erbte von seiner Mutter Margarete von Bar die Herrschaft Ligny und begründete somit die Nebenlinie Luxemburg-Ligny, den französischen Zweig des Hauses Luxemburg.[50]

 

 Aus der Verbindung zwischen Heinrich VI. (III.) und Beatrix gingen zwei der wichtigsten und für den Aufstieg und die weitere Geschichte der Luxemburger entscheidenden männlichen Vertreter jenes Hauses hervor: Zum einen der 1278/79 geborene und älteste Sohn Heinrich, Graf von Luxemburg, welcher ab 1308 als Heinrich VII.[51] römisch-deutscher König sowie ab 1312 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war. Heinrich VII. war der Großvater Karls IV. väterlicherseits.[52] Mit ihm konnte auch erstmals ein Abkömmling des Hauses Luxemburg die römisch-deutsche Königs- und Kaiserwürde erlangen. Zum anderen der im Jahre 1285/86 geborene Balduin vom Luxemburg.[53] Er war folglich der Großonkel Karls väterlicherseits. Baldiun wurde als jüngstes Kind aus der Ehe von Heinrich VI. und Beatrix von Avesnes frühzeitig für die geistliche Laufbahn bestimmt und bekleidete von 1308 bis zu seinem Tod im Jahre 1354 das Amt und die Würde des Erzbischofs und Kurfürsten von Trier. Er war einer der bedeutendsten und wirkmächtigsten Reichsfürsten des 14. Jahrhunderts und bestimmte bis zu seinem Tode die Reichspolitik maßgeblich mit. So war er auch gemeinsam mit dem Mainzer Erzbischof maßgeblich an der Durchsetzung der Wahl seines Bruders Heinrich zum König beteiligt.[54]

 

 Der besagte Großvater Karls, Kaiser Heinrich VII., welcher als ältester Sohn die Stammlinie der Luxemburger fortsetze, war mit Margarete, der Tochter des Herzogs Johann I. von Brabant, verheiratet.[55] Aus dieser Ehe ging der 1296 geborene Sohn Johann von Luxemburg (später „der Blinde“)[56], der Vater Karls IV., hervor.[57] Die Verwandtschaft Karls IV. mit den Brabantern[58] durch Margarete von Brabant, seiner Großmutter väterlicherseits, ist hier zu betonen und kurz hervorzuheben, da diese Verwandtschaft, wie später in dieser Arbeit noch dargestellt wird, Karl dazu diente sich und seine Familie an Karl den Großen und die Karolinger und somit an die Trojaner anzuknüpfen.

 

 Johann von Luxemburg wurde am 31. August 1310 von seinem Vater Kaiser Heinrich mit dem Königreich Böhmen belehnt, was ein sehr wichtiges Ereignis für die weitere Geschichte der Luxemburger darstellte, da Böhmen zur Grundlage der luxemburgischen Hausmacht werden sollte und wurde.[59] Am darauf folgenden Tag wurde Johann ferner mit der böhmischen Prinzessin Elisabeth vermählt, um so die Ansprüche der Luxemburger auf den böhmischen Thron zu untermauern.[60] Elisabeth stammte aus dem alten böhmischen Herrscherhaus der Přemysliden[61] und war die Tochter des böhmischen Königs Wenzel II. und die Schwester des letzten böhmischen Königs aus dem Hause der Přemysliden, Wenzel III.[62] Dieser war im Jahre 1306 ermordet worden, womit die Dynastie der Přemysliden in männlicher Linie ausgestorben und das Königreich Böhmen an das Reich zurückgefallen war.[63] Durch die Heirat zwischen Johann und Elisabeth wurde somit von luxemburgischer Seite bewusst an die alte und traditionsreiche böhmische Herrscherdynastie der Přemysliden angeknüpft, um folglich eine gewisse Kontinuität zu symbolisieren und den Dynastiewechsel und die neue luxemburgische Herrschaft über Böhmen zu legitimieren. Aus dieser Ehe zwischen Johann und Elisabeth ging dann, wie schon erwähnt, Karl IV. hervor.

 

3.2 Karls Abstammung mütterlicherseits[64]


 

Wie oben bereits angeführt, stammte Karls 1292 geborene und 1330 verstorbene Mutter Elisabeth aus der alten böhmischen Herrscherdynastie der Přemysliden und war neben einer ihrer Schwestern die letzte Vertreterin aus jenem Geschlecht, da dieses mit dem Tod ihres Bruders, König Wenzels III., in männlicher Linie ausgestorben war.[65] Elisabeths Eltern und somit Karls Großeltern mütterlicherseits waren der 1271 geborene und 1305 gestorbene böhmische König Wenzel II. (Regentschaft von 1283-1305) und dessen erste Ehefrau Guta von Habsburg, eine Tochter von Rudolf von Habsburg und Gertrud von Hohenberg.[66] Die Eltern Wenzels II., folglich die Großeltern Elisabeths väterlicherseits, waren der um 1233 geborene und 1278 verstorbene böhmische König Otakar II. Přemysl und dessen zweite Ehefrau Kunigunde, eine Enkelin König Bélas IV. von Ungarn.[67] Ferner lässt sich die agnatische Stammlinie der Přemysliden wie folgt weiter in Richtung Spitzenahn bzw. Stammvater zurückverfolgen: Von Elisabeths Großvater Otakar II. Přemysl über dessen Vater König Wenzel I. von Böhmen (* 1205, † 1253), weiter über dessen Vater König Otakar I. Přemysl (* ca. 1165, † 1230) und Großvater König Vladislav II. († 1174); und von jenem Vladislav II. weiter über dessen Großvater und ersten böhmischen König aus dem Hause Přemysl, Vratislav II. (* 1031, † 1092) bis hin zum ersten historisch belegten und christlichen Přemysliden, dem böhmischen Fürsten Bořivoj I. († 888/889).[68]

 

 Allgemein zu den Přemysliden und ihrer Geschichte lässt sich anmerken, dass sie ein sehr altes böhmisches Herrschergeschlecht waren und seit dem Ende des 9. Jahrhunderts bis 1306 als Fürsten, Herzöge und Könige in Böhmen und Mähren herrschten. Sie standen für mehr als vier Jahrhunderte an der Spitze Böhmens und wurden so zum Sinnbild des böhmischen Staates und der böhmischen Nation des Mittelalters.[69]

 

 In der ersten böhmischen Chronik überhaupt, der aus dem ersten Drittel des 12. Jahrhunderts stammenden „Chronica Boemorum“ (Chronik der Böhmen) des Cosmas von Prag[70], welche u.a. auch die auf Mythen und Sagen basierende Vorgeschichte Böhmens darstellt, werden die Přemysliden als Nachkommen ihres sagenhaften Urahns und Stammvaters Přemysl des Pflügers und dessen Ehefrau Libussa beschrieben. Des Weiteren überliefert die Chronik auch die...

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