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E-Book

Die Alchemisten

Die geheime Welt der Zentralbanker

AutorNeil Irwin
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl512 Seiten
ISBN9783843704168
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis20,99 EUR
Ihre Aufgabe ist sensibel, ihre Macht ist groß. Ein unbedachtes Wort kann weltweit Krisen auslösen und politische Erdbeben verursachen. Jedes Jahr im August treffen sich in Jackson Hole, Wyoming - fernab der Weltöffentlichkeit -, die vierzig wichtigsten Zentralbanker der Welt. Sie stehen in dauernden Interessenkonflikten zwischen nationalen Interessen und internationalem Druck. Neil Irwin erklärt spannend und anschaulich, was Zentralbanker tun und wie es zu massiven Fehlentscheidungen kommen kann. Er beschreibt, welche großen Auswirkungen kleine Unstimmigkeiten zwischen Jens Weidmann, Mario Draghi und Ben Bernanke haben können. Und er zeigt, wie die zukünftigen Herausforderungen, Allianzen und Strategien der Zentralbanker aussehen könnten.

Neil Irwin ist Journalist und arbeitet seit 10 über Jahren für das Wirtschaftsressort der Washington Post. Er hat direkten Zugang zu allen führenden Zentralbankern und ist einer der wenigen Journalisten, die bei dem jährlichen Treffen in Jackson Hole dabei sein dürfen. Für seine Artikel hat Neil Irwin bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

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Leseprobe

Einleitung

Der Geldhahn wird aufgedreht

Am 9. August 2007 wachte Jean-Claude Trichet im Haus seiner Familie in dem Küstenort Saint-Malo in der Bretagne auf. Nach einem aufreibenden Arbeitsjahr an der Spitze der Europäischen Zentralbank brauchte er einen Sommerurlaub. Er wollte einen Ausflug in seinem Motorboot unternehmen und ein wenig Zeit mit seinen Enkeln verbringen. Auch Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England, wollte sich an diesem Donnerstag erholen: Er würde von seiner Wohnung in Notting Hill zum Kennington Oval im Süden Londons fahren, um sich ­einen Cricket-Länderkampf zwischen England und Indien anzusehen. Ben Bernanke, der Vorsitzende der Federal Reserve, hatte als Einziger der drei Männer, die bald versuchen mussten, die Welt durch eine fünfjährige Zeit der finanziellen und wirtschaftlichen Wirren zu steuern, an diesem Tag berufliche Verpflichtungen. Er war im Finanzministerium zu einem Arbeitsfrühstück mit dem Ressortchef Henry Paulson verabredet. Bernanke würde Haferbrei essen.

Aber für keinen der drei Männer sollte der Tag so verlaufen wie geplant.

Gegen halb acht Uhr morgens klingelte Trichets Telefon. Der Anrufer war Francesco Papadia, der Leiter der Finanzmarkt­abteilung in der EZB-Zentrale in Frankfurt. »Wir haben ein Problem«, sagte er.

Die französische Großbank BNP Paribas hatte bekannt gegeben, dass sie drei Investmentfonds einfrieren würde. Die Fonds hatten auf dem amerikanischen Markt hohe Summen in hypothekarisch gesicherte Wertpapiere investiert, die praktisch nicht mehr zu bewerten waren. Daher würde die Bank das Geld ihrer Kunden einfrieren, bis sie Klarheit über den genauen Wert der Investments hatte. An und für sich war das kein weltbewegender Schritt: Die drei eher unbekannten Fonds verwalteten zusammen Vermögenswerte von gerade einmal 1,6 Mil­liarden Euro.

Aber die Ankündigung von BNP Paribas bestätigte die schlimmsten Befürchtungen der europäischen Bankiers. Sie machten sich seit Wochen Sorgen über die möglichen Verluste mit amerikanischen Hypothekenkrediten. Ende Juli war der Markt für diese angeblich extrem sicheren Papiere, die bis Mitte des Jahres frei gehandelt worden waren, praktisch zusammengebrochen. Mehr und mehr Amerikaner, die sich verschuldet hatten, um ein Haus in Tampa, Cleveland oder Phoe­nix zu kaufen, konnten ihre Kreditraten nicht mehr zahlen, und plötzlich wurden Zweifel laut: Was, wenn all diese Wertpapiere mit der Bonitätseinstufung AAA in Wahrheit gar nicht so sicher waren? Hatten die Banken möglicherweise Unsummen in Schuldtitel gesteckt, die gar nicht so viel wert waren, wie man geglaubt hatte? Und wenn BNP Paribas nicht wusste, wie viel ihre Fonds wert waren, wie konnten dann andere Banken wissen, wie groß die Risiken ihrer hypothekarisch gesicherten Wertpapiere waren?

Nicht umsonst stammt das Wort »Kredit« vom lateinischen »credere«, das »glauben« oder »vertrauen« bedeutet. Die Banken verwenden als sicher eingestufte Wertpapiere fast so, als handelte es sich um Bargeld: Wann immer sie sich Geld leihen, hinterlegen sie solche Schuldverschreibungen bei der anderen Bank als Sicherheitsgegenstand. Das ist einer der grundlegenden Mechanismen, die gewährleisten, dass die Banken stets genau jene Menge an Geld zur Verfügung haben, die sie brauchen, um ihre Verpflichtungen erfüllen zu können. Aber als Anfang August 2007 das Problem mit den hypothekarisch gesicherten Wertpapieren auftrat, wurde es plötzlich kompliziert. Das Problem war nicht nur, dass diese Wertpapiere weniger wert waren als zuvor – die Banken können mit Verlusten umgehen. Das Problem war, dass niemand wusste, wie viel sie tatsächlich an Wert verloren hatten: Wenn eine Bank einer anderen Geld lieh und hypothekarisch gesicherte Wertpapiere als Sicherheit akzeptierte, konnte sie nicht mehr sicher sein, dass sie ihr Geld je zurückbekommen würde.

Papadia und seine Mitarbeiter sprachen regelmäßig mit Fachleuten in 20 europäischen Großbanken, die der »Geldmarktkontaktgruppe« der EZB angehörten, und die Mitglieder der Gruppe warnten seit mehreren Tagen vor einem unmittelbar bevorstehenden »Infarkt«, wie es ein EZB-Vertreter ausdrückte. Am Donnerstagmorgen war es soweit: Nach der Ankündigung von BNP Paribas versiegte innerhalb kürzester Zeit der übliche Kapitalstrom. Alle Banken versuchten, sich selbst in Sicherheit zu bringen. »Heute wurde das Vertrauen erschüttert«, sagte Thomas Mayer, der europäische Chefvolkswirt der Deutschen Bank, im Gespräch mit der New York Times.1 Ein Spitzenmanager einer großen globalen Bank sagte später: »Keiner von uns hatte so etwas je erlebt. Es war, als käme eines Tages aus dem Wasserhahn, aus dem man sein Leben lang getrunken hat, kein Wasser mehr.«

Die Metapher war treffender, als man meinen sollte, denn tatsächlich versiegte an jenem Tag die Liquidität des Bankensystems. Plötzlich kam man an Euro, Dollar und Pfund nicht mehr heran, indem man einfach den Hahn aufdrehte. Die Geschichte lehrt uns wieder und wieder: Wenn die Banken dichtmachen und ihr Geld horten, kommt auch die Wirtschaft zum Stillstand, da sie von den Banken nicht mehr mit Geld versorgt wird. Eine Bank, die anderen Banken keinen Kredit mehr geben will, wird mit einiger Sicherheit auch nicht mehr bereit sein, Unternehmen und Privathaushalten Kredit zu gewähren, die Geld brauchen, um ihren Betrieb zu finanzieren oder ein Haus zu kaufen.

Sollte es nicht gelingen, die Bankenkrise in Europa unter Kontrolle zu bringen, so konnte die Weltwirtschaft ungeheuren Schaden erleiden. Plötzlich erwies sich die Gewohnheit der Europäer, im Sommer für längere Zeit in den Urlaub zu fahren, als sehr ungünstig.

Trichet wies Papadia an, das Direktorium einzuberufen. Dieses sechsköpfige Gremium führt die Geschäfte der EZB – unter anderem kann es aus dünner Luft Euro fabrizieren. Die EZB-Mitarbeiter in Frankfurt begannen, die Verantwortlichen in ­ihren Feriendomizilen in Spanien, Italien und Griechenland aufzuspüren, um eine Telefonkonferenz zu organisieren. Trichet zog sich im Urlaub normalerweise hinter die Stadtmauern von Saint-Malo zurück, um ungestört Gedichte und philosophische Abhandlungen zu lesen. Aber in diesem August verwandelte sich die malerische kleine Hafenstadt für kurze Zeit in das Nervenzentrum der Finanzwelt. Von dort aus leitete Trichet die erste Phase der europäischen Offensive gegen die erste große Finanzkrise des 21. Jahrhunderts.

Um zehn Uhr morgens waren alle Mitglieder des Direkto­riums zugeschaltet. Trichet drängte sie: »Wir können nur eins tun. Wir müssen den Markt mit Liquidität versorgen.« Die EZB müsse das Bankensystem mit Geld fluten. Die Zentralbank solle ihre Funktion als »Kreditgeber der letzten Instanz« erfüllen und dort in die Bresche springen, wo sich die Privatbanken zurückzogen. Die EZB sollte dabei auf das übliche Verfahren verzichten, eine bestimmte Summe in das Bankensystem zu pumpen, und stattdessen allen Banken, die Geld brauchten, unbeschränkten Kredit anbieten. Die technische Bezeichnung für das, was Trichet und das EZB-Direktorium an diesem Tag um 12:30 Uhr taten, lautet »Festzinstender mit voller Zuteilung«.

Übersetzung: Kommt und nehmt euch, was ihr braucht. Wir werden euch so viel Geld wie benötigt zum Zinssatz von 4 Prozent zuteilen.

49 Banken liehen sich 95 Milliarden Euro.

Die Federal Reserve Bank von New York hat eine Finanzmarktabteilung, die ständig beobachtet, was auf den globalen Finanzmärkten vor sich geht, aber in den frühen Morgenstunden jenes Donnerstags (Ostküstenzeit) hatte nur eine Handvoll junger Mitarbeiter Dienst, die die nächtlichen Marktaktivitäten verfolgten. Es sollte noch einige Stunden dauern, bis der New Yorker Fed-Präsident Timothy Geithner, der gerade in Cape Cod Urlaub machte, und Fed-Chef Ben Bernanke, der sich gerade in seinem Haus am Capitol Hill auf das Frühstück mit Finanzminister Paulson vorbereitete, die Neuigkeiten aus Europa erfuhren.

Um 6:49 Uhr morgens erhielt Bernanke eine E-Mail von Brian Madigan, dem Leiter der geldpolitischen Abteilung der Fed, der ihm mitteilte, dass »die Märkte, wie Sie vermutlich schon gesehen haben, über Nacht starke Kursverluste erlitten haben«. Madigan informierte seinen Chef über die Geschehnisse auf den europäischen Anleihen- und Aktienmärkten. Aber er wusste noch nichts von der Intervention der EZB. Es verging noch fast eine halbe Stunde, bis Bernanke auf dem Weg zu seinem Treffen mit Paulson erfuhr, dass die EZB etwas sehr Ungewöhnliches getan hatte. Er saß in seinem Dienstwagen, einem schwarzen Cadillac, der von einem Sicherheitsmann der Zentralbank über die Independence Avenue gesteuert wurde, als er um 7:16 Uhr eine E-Mail von David Skidmore erhielt, einem Mitarbeiter des Pressebüros der Fed: »Anscheinend hat die Deutsche Bank zwei Geldmarktfonds eingefroren, und die EZB stellt in einem Tender in Dollar denominierte Assets bereit. Ich habe mit Glenn Somerville von Reuters gesprochen. Er ist auf dem Weg zur Pressestelle des Finanzministeriums.«

Die Details waren falsch: Es handelte sich nicht um die Deutsche Bank, sondern um BNP Paribas, es waren nicht zwei, sondern drei Fonds, und die Refinanzierungskredite wurden nicht in Dollar, sondern in Euro angeboten. Aber die Kernaussage stimmte: Die EZB hatte in bisher ungekannter Art und Weise auf den Märkten interveniert. Und der mächtigste Mann in der amerikanischen Zentralbank erfuhr davon aus...

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