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Die Alles ist möglich-Lüge

Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind

AutorSusanne Garsoffky, Britta Sembach
VerlagPantheon
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783641137328
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Gesellschaftlicher Sprengstoff
»Beruflicher Erfolg macht glücklich« und »Die Zukunft ist weiblich«. So tönt es uns derzeit allerorten entgegen. Wer das nicht glauben mag, weil er gegen den alltäglichen Wahnsinn kämpft, den der Versuch, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, mit sich bringt, dem wird gerne mit einem Killerargument begegnet: »Das ist doch alles nur eine Frage der Organisation«. Susanne Garsoffky und Britta Sembach entlarven diese Sätze als die Lügen, die sie sind, und fordern mehr Ehrlichkeit bei diesem Thema - denn wir können aus der Vereinbarkeitsmisere wieder herausfinden.
Wer Familie und Beruf gleichzeitig leben will, zahlt einen Preis - und dieser Preis ist hoch. Auch wenn man uns immer weismachen will, dass wir beides haben können - Kinder und Karriere - und dass alles möglich ist, so haben doch fast alle von uns am eigenen Leib erfahren, dass das einfach nicht stimmt. Da hilft es auch nichts, wenn man uns vermeintliche Vorbilder von Victoria Beckham bis Ursula von der Leyen vor die Nase hält, denn wir sind halt nicht so, sondern ganz normal. Es gibt keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und das ist auch keine Frage der Organisation. Es gibt nur ein Nebeneinander. Strukturelle Probleme verlagern wir auf das Individuum und das kann auf Dauer nicht gutgehen. Susanne Garsoffky und Britta Sembach geht es nicht um individuelle Lebensentwürfe und weitere Selbstoptimierungsversuche, sondern um gesellschaftliche Solidarität. Sie zeigen, wie mögliche Lösungen für unsere Gesellschaft aussehen könnten.


Susanne Garsoffky, Jahrgang 1968, studierte Geschichte und Politikwissenschaften. Nach der Journalistenschule in Berlin arbeitete sie zunächst als Reporterin bei der Berliner Morgenpost. Dann folgte der Wechsel als Autorin und Redakteurin zum Westdeutschen Rundfunk nach Düsseldorf und Köln. Zuletzt gestaltete sie als Redakteurin das frauenpolitische Magazin 'frauTV' mit. Susanne Garsoffky ist Mutter zweier Söhne.

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Leseprobe

Lüge Nummer 2:
Alles eine Frage der Organisation

Wenn zwei voll arbeiten, weint dann der Dritte?

Modern Times

Sonntagabend an einem Küchentisch in Hamburg-Eimsbüttel. Auf dem Tisch zwei Kalender, ein Laptop, der Familienplaner. »Morgen ist Elternabend in der Ballettschule, ich habe um sieben noch ein Treffen mit einem Kunden«, sagt sie. »Kein Problem«, sagt er und wirft einen Blick in seinen Computer. »Ich muss am Donnerstag für zwei Tage nach Madrid, bestellst du die Babysitterin? Du bist ja Freitagabend beim Schulverein.« – » Vergiss nicht, dass am Samstag Kita-Fest ist.« – »Oh Mann, wird das wieder eine Woche.«

Eine Szene, wie sie sich Sonntag für Sonntag in vielen Familien abspielt. Es wird gefeilscht und gestritten, verteilt und verhandelt wie sonst nur im Büro: Wer macht was wann? Von der Antwort auf diese zentrale Frage hängt das Wohlergehen einer ganzen Familie ab. Die Kinder erfahren beim Frühstück, wie die Woche läuft. Wann die Ersatzoma kommt, welche andere Mutter sie in die Schule bringt, welcher Nachbar sie zum Fußball mitnimmt und dass Mama und Papa die Aufführung beim Schulfest leider verpassen werden. Aber nächstes Mal ganz bestimmt kommen.

Der Alltag als ewiger Kraftakt. Für viele Paare ist das Normalität. Vor allem für solche, die gleichberechtigter leben wollen als die Generation ihrer Eltern. Bei denen beide im Beruf stehen und sich versprochen haben, die Familienaufgaben zu teilen. Die man gemeinhin als »moderne« Familie bezeichnet. Aber was ist das eigentlich, eine »moderne« Familie? Ist es modern, wenn man nach getaner Arbeit, nach Abwasch und Abendbrot vor Erschöpfung kaum noch seinen Namen sagen kann? Wenn man schon ewig nicht mehr im Kino war und der Freundeskreis sich auf ein paar Kollegen und alte Kumpel reduziert hat? Wenn sich am Morgen alle vor dem Familienkalender versammeln, um den jeweiligen Tagesbefehl in Empfang zu nehmen?

Wir haben das eine Zeit lang auch so gemacht. Weil wir dachten, das müsse so sein. Dass er eines Tages mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde – ein bedauerlicher Störfall, der nichts mit unserem Lebensstil zu tun hatte. Dass sie ab früh um fünf schon oder nach zwei Uhr nachts noch im Fernsehstudio saß und Filme schnitt – mit der Kinderfrau, die zu (fast) jeder Tages- und Nachtzeit kam, ging das schon.

Auch wir haben lange geglaubt: Das ist alles nur eine Frage der Organisation. Wer will, der kann auch! Der einzige Haken war: Unvorhergesehenes durfte nicht passieren, denn wenn doch, dann führte das direkt in die Orga-Katastrophe. Das Kind den Arm gebrochen, die Kinderfrau krank, die Großeltern 500 Kilometer entfernt, sie auf Dienstreise, er in einer vermeintlich wichtigen Konferenz. Wenn das geschah, brach alles zusammen, war Schluss mit »modern«. Zum Glück passierte das nicht allzu häufig. Und irgendwie ging es dann am Ende ja doch immer. Ja, es ging. Aber es ging, ohne dass wir es merkten, auch immer ein klein wenig in uns kaputt.

Irgendwann kamen die ersten Zweifel. Ein gemeinsames Wochenende wäre schön. Zeit, in der alle vier zusammen sein können, und nicht wieder ein zerstückeltes, weil er am Samstag und sie am Sonntag arbeitet. Ein Nachmittag zum – man mochte es kaum denken – Vertrödeln. Zum Drachensteigenlassen, weil ein so herrlicher Wind weht. Zum Kastanienmännchen bauen. Zum Schwatzen im Café.

Wir verboten uns unsere Zweifel. Romantische Träumereien waren das, die in der modernen Arbeitswelt keinen Platz haben. Hatten wir nicht eben noch gepredigt, dass jede Leistung bringen müsse, um genug Geld zum Leben zu verdienen, um unabhängig zu sein, auch vom Partner? Also weiter wie bisher: Eltern-Netzwerke schaffen, Freunde einspannen, die Oma in den Zug setzen.

Doch die Zweifel blieben, sie wuchsen sogar. Zum Beispiel an jenem Tag, als der Erstgeborene mit gut einem Jahr seinen ersten Fünf-Wort-Satz sagte. Er lautete: »Mama da. Papa auch da?« Es war der erstaunte Unterton, der aufhorchen ließ. Was sollte das, was wollte dieses Kind? Wuchs es nicht in einer »modernen« Familie auf? In einer, die beinahe perfekt organisiert war. So perfekt, dass zumindest in den ersten Lebensjahren des Kleinen oft einer der Eltern da war – und einer von ihnen weg. Perfekt eigentlich – wenn auch nicht für Mutter und Vater, die sich nur noch in der Garderobe trafen. Auch viele unserer Freunde lebten und leben so: Die zweijährige Greta verabschiedete sich an der Haustür immer mit den Worten: »Tschüss, ich geh arbeiten!« Es war der übliche Satz, den sie von zu Hause kannte.

Wir und die anderen Familien waren so gut organisiert, dass für die Kinder die Anwesenheit beider Elternteile eine sensationelle Sache war. Dennoch machten wir noch ein paar Jahre so weiter. Der eine ging früh, der andere spät, der eine montags, der andere dienstags, der eine samstags, der andere sonntags. Aber die Frage wurde unausweichlich: Wie lange wollen wir dieses Klinke-in-die-Hand-Leben noch betreiben? Wollen wir wirklich so leben? Oder wollen wir auch einmal zu dritt Zeit verbringen? Genauer gesagt: zu viert, denn zwischenzeitlich war noch Nachwuchs Nummer zwei dazugekommen.

Als wir uns auf das Abenteuer Familie einließen, war uns nichts fremder als der Gedanke, ein »klassisches Familienleben« zu führen. Heiraten war uns nicht wichtig, zumindest anfangs nicht. Familie, das war für uns wie das Leben ohne Kinder – nur mit Kindern halt. Und selbstverständlich mit einem Job. Die Arbeit war ja nicht nur wegen der Rente wichtig, sondern machte auch einen Teil unserer Identität aus. Sie brachte Ablenkung und Anerkennung, war Stütze und Statussymbol. Wir leben im 21. Jahrhundert, dachten wir. Wir haben alle Möglichkeiten. Das kriegen wir hin!

Das klassische Modell, bei dem er das Geld verdient und sie mit den Kindern zu Hause bleibt – wir fanden es nicht nur abwegig, sondern beinahe anstößig. Bis wir nach ein paar Jahren merkten, dass wir uns verrechnet hatten. Verkalkuliert. Unser modernes Familienbild kollidierte immer öfter und immer heftiger mit dem bismarckschen Gerüst. Denn wenn beide verdienen, wird es schnell teuer – und zwar für die Familie: Plötzlich müssen er und sie sich getrennt krankenversichern. Der Kindergarten verlangt den Höchstbeitrag. Die Kosten für die Kinderbetreuung steigen und steigen. Und die Steuerrückerstattung fällt aus, weil der Vorteil durch das Ehegattensplitting dahinschmilzt. Am Ende arbeitet der, der weniger verdient – meist ist es die Frau – nur gegen diese Kostenlawine an. Übrig bleibt fast nichts – außer Stress. Absurd.

Doch nicht nur der Staat schmeißt uns Knüppel zwischen die Beine: Auch die Chefs (und Chefinnen) reagierten anders, als wir gedacht hatten. Zwar rangen sie sich ein gequältes Lächeln und einen Glückwunsch ab, doch vom ersten Moment an war klar: Als Mütter sind wir als Mitarbeiterinnen für sie fortan nicht mehr dieselben.

Welches Bild von Familie haben wir eigentlich?

Fast alle Menschen in Deutschland, laut Familienreport 2012 des Bundesfamilienministeriums sagenhafte 97 Prozent der über 16-Jährigen, verstehen unter Familie immer noch ein verheiratetes Ehepaar mit Kindern. Eine erstaunliche Zahl für alle, die dachten, es sei mittlerweile Konsens, dass Familie jede erdenkliche Form des Zusammenlebens mit Kindern ist. Der Anteil derer, die unter Familie auch Alleinerziehende mit Kindern verstehen, hat sich zwischen 2000 und 2012 immerhin von 40 auf 58 Prozent erhöht, und für 71 Prozent gilt mittlerweile auch ein unverheiratet zusammenlebendes Paar mit Kindern als Familie. Der Familienbegriff wird also einerseits immer weiter gefasst und schließt immer mehr Lebensmodelle ein. Andererseits ist er auf eine Weise traditionell, wie es sich viele gar nicht mehr vorstellen können: Rund 70 Prozent aller Familien leben immer noch ganz »klassisch«, als Ehepaar mit Kindern.56 Für eine angeblich aussterbende Art sind das doch einige zu viel.

Die Definition, was Familie überhaupt ist, ist also so unterschiedlich wie die Familie selbst: Das, was wir unter Familie verstehen, wie wir die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern bewerten und gestalten, gilt immer nur für den jeweiligen Kulturkreis, die historische Situation und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Jedenfalls, so schreibt die Historikerin Ute Planert, ist die Beziehung zwischen Vater, Mutter, Kindern und Verwandten »weit davon entfernt, eine ›natürliche‹ biologische Tatsache zu sein«.57 Trotzdem ist sie etwas ganz Besonderes.

Aber die Menschen wollen heute Familie so ausgestalten, wie sie das für richtig halten. Wie sie leben, das wollen sie schon selbst entscheiden. Und sie wollen eine ganz besondere Errungenschaft der Moderne, nämlich Nähe und Verbindung zum eigenen Nachwuchs, leben können.

Deshalb brauchen sie vordringlich eine Antwort auf die alles entscheidende Frage: Wie schaffen wir Rahmenbedingungen, von denen alle profitieren, egal ob Vater und Mutter verheiratet sind, unverheiratet zusammenleben oder allein sind? Rahmenbedingungen, die es erlauben, das eigene Überleben zu sichern, eine Liebe zu leben, sich im Beruf zu verwirklichen und glückliche Kinder großzuziehen?

Die politischen Parteien versuchen heute oft, die unterschiedlichen Familienformen gegeneinander auszuspielen und sie nach eigenem Gusto in »besser« und »schlechter« zu unterteilen. Das ist so absurd wie beschämend. Geht es nämlich um die Frage, wer was macht, stehen alle Familien vor dem gleichen Problem. Egal, wie modern die Paare starten – der Streit um den Großeinkauf, wer den Tisch deckt und den Urlaub bucht, kommt...

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