Sie sind hier
E-Book

Die amerikanische Prinzessin

AutorAnnejet van der Zijl
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl296 Seiten
ISBN9783806236811
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Am 13. April 1927 geht Allene Tew im Hafen von New York an Bord der Mauretania. Sie lässt ein Leben hinter sich, das ihr alles geschenkt hatte, wovon sie als junges Mädchen vom Land einst träumte: Wohlstand, Ansehen, Mutterglück und die Liebe ihres Lebens. Fast alles hat sie wieder verloren. ?Die reichste und traurigste Witwe der Stadt? nennen die Klatschspalten Allene. Doch an diesem Tag bricht sie auf in eine neue Welt. In Europa wartet auf sie eine zweite Heimat, eine Zukunft als wahrhaftige Prinzessin, russische Gräfin und Patentante von Königin Beatrix. ?Die amerikanische Prinzessin? ist die Rekonstruktion eines faszinierenden Lebens vor dem historischem Panorama von Wirtschaftsboom, Revolution und Krieg. Vor allem aber ist es die bewegende Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, die den Mut hat, ihren eigenen Weg zu gehen bis zum bitteren Ende.

Annejet van der Zijl ist eine der bekanntesten und meist gelesenen Sachbuchautorinnen der Niederlande. Die studierte Historikerin wurde an der Universität von Amsterdam mit einer Arbeit über Prinz Bernhard promoviert. Van der Zijl hat bereits zahlreiche Bestseller vorgelegt. Für ?Die amerikanische Prinzessin? hat van der Zijl vier Jahre lang recherchiert. Der Titel stand auf der Shortlist für den Libris History Preis 2016. Van der Zijl wurde mehrfach geehrt und 2012 mit dem Kulturpreis ?Goldener Federkiel? für ihre Verdienste um das geschriebene und gedruckte Wort ausgezeichnet.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

1


Onkel Georges Blockhütte


Grün – das war die Farbe der Landschaft von Allenes Jugend. Vom zarten Grün im Frühjahr, wenn die jungen Blättchen sich wie ein Netz über die Bäume legten, bis zum dunklen, schweren Grün des Laubs im Spätsommer. Vom grellen Grün der Buchen zum zartgrauen Blaugrün der Tannen und dazwischen die wieder ganz anderen Farbtöne von Kastanien, Ahornbäumen, Kirschen und Walnussbäumen, Birken – das Ganze wie ein einziges natürliches Arboretum, drapiert über die Hügel rund um den Chautauqua See. Bis die Bäume im Herbst beinahe von einem Tag auf den anderen kollektiv in einem Fest aus Rot, Orange und Gelb aufflammten, um darauf in dem aus Kanada einfallenden Frost und den über die weite Wasserfläche des Eriesees heranjagenden dunklen Winterstürmen zu verschrumpeln.

Dann ragten nur noch die Wipfel all dieser Bäume aus den meterdicken Schneeschichten heraus. Der See erstarrte zu einem stillen, schwarzen Spiegel, und die Hügel wurden zu einer Landschaft in Schwarz-Weiß, mit nur dem grellen Rot eines davonjagenden Fuchses, um die Menschen daran zu erinnern, dass es noch Farbe gab. Und dann wurden die Feuer in den unter ihren dicken Schneedecken geduckten Häusern Tag und Nacht am Brennen gehalten, damit die Bewohner die strengen Winter hier im Norden Amerikas überleben konnten.

Und mit dem Feuer begann die Geschichte von Allene Tew und ihrer Familie in Jamestown. Und, fast gleichzeitig, die der Ortschaft selbst. Denn die Tews gehörten zu den Pionieren, zu den ersten jungen Abenteurern, die es wagten, sich ihre Zukunft in der damals noch undurchdringlichen und gefährlichen Wildnis rund um den See aufzubauen.

Der allererste Anfang wurde von sechs Planwagen und einer einzigen Familie gemacht, die Prendergast hieß. Im Jahre 1806 zogen sie, inklusive Kindern und Anhang insgesamt 29 Mann, fort aus Rensselaer County, einer Region im Norden des Staates New York, um auf die Suche nach neuen Chancen zu gehen und vor allem nach fruchtbarem Grund und Boden, auf den noch niemand Anspruch erhoben hatte. Eigentlich wollten die Prendergasts bis zu den großen, leeren Ebenen von Kansas und Nebraska weiterziehen, wo Boden gratis an die vergeben wurde, die genügend Durchhaltevermögen besaßen, um fünf Jahre zu überleben.

Unterwegs machte die Gesellschaft jedoch Rast an einem prächtig gelegenen, langgestreckten See in Chautauqua County. Dort wurden sie von einem Agenten der Holland Land Company angesprochen, eines niederländischen Bankenkonglomerats, das hier wenige Jahre zuvor über drei Millionen acres, über eine Million Hektar, gekauft hatte und sich jetzt bemühte, sie in Teilen an Pioniere zu verkaufen.

„Schaut“, sagte der Agent, „schaut euch um: Dies ist the paradise of the New World.“

Und tatsächlich, der Schöpfer hatte sich mit diesem Fleckchen Erde wohl besonders viel Mühe gegeben. Die Hügel um den See waren grün und fruchtbar, ohne Sümpfe oder kahle Bergmassive, die in anderen Regionen oft solche Hindernisse darstellten. Die Sommer waren nass und warm, perfekt für den Landbau. Der 18 Meilen lange Chautauqua See selbst war zum Bersten gefüllt mit Fisch, vor allem Hechten und Barschen. Und in der unkultivierten Wildnis ringsum wimmelte es von Pelztieren und vielerlei essbarem Wild wie Bibern, Ottern, Füchsen, Wölfen und Hirschen, sogar Wildkatzen und Panthern. Und die Vogelwelt in diesem Gebiet war unvergleichlich: Vor allem im Herbst nahmen einem die unzähligen flatternden Schwärme von Enten, Kranichen, Reihern und Schwänen fast den Blick auf den See.

Und daher änderte die Familie aus Rensselaer County ihre Pläne. Die Planwagen wurden verankert, die Unterschriften gesetzt. Insgesamt kauften die Prendergasts 3337 acres, beinahe 1400 Hektar, auf der Nordseite des Chautauqua Sees, um ihr neues Leben aufzubauen.

Es war ihr jüngster Sohn, James Prendergast, der einige Jahre später auf der Suche nach ein paar entlaufenen Pferden ein ebenes Stück Land etwa drei Meilen südlich des Sees an den Stromschnellen im Chadakoin River entdeckte. Mit seinen 18 Jahren war er noch minderjährig, aber genauso unternehmungslustig wie die übrige Familie, und ließ einen älteren Bruder 1000 acres für zwei Dollar pro Stück kaufen. Im Sommer 1811 baute James zusammen mit einem Knecht eine hölzerne Wassermühle am Fluss, daneben eine Blockhütte, in der er von nun an mit seiner jungen Frau Nancy lebte. Und drumherum bauten die Holzfäller, die für ihn arbeiteten, ihre eigenen, noch primitiveren Blockhütten.

Damit war – denn so einfach ging das in der Zeit in Amerika – die Geburt von Jamestown vollendete Tatsache.

Einfach war es nicht – am Anfang. Das Leben in der Wildnis war hart und gefährlich, nicht nur wegen der Bären und anderer wilder Tiere, sondern auch wegen der noch immer umherschweifenden Nachkommen verschiedener Irokesenstämme wie der Seneca. Wilde und für ihre Grausamkeit bekannte Indianerstämme. Dieses Gebiet war ihr Eigentum gewesen, bis sie im 18. Jahrhundert von den französischen Kolonisten vertrieben wurden.

Die Winter waren lang und einsam und brachten wieder neue Gefahren – so wurde die gesamte Niederlassung einschließlich der Mühlen zweimal durch Brand zerstört. Aber die Pioniere waren jung und wild entschlossen und bauten ihr Minidorf am Chadakoin River jedes Mal wieder völlig neu auf. Zwei Brüder von James organisierten einen provisorisch und unregelmäßig bevorrateten Kolonialwarenladen, ein Veteran aus dem Unabhängigkeitskrieg baute eine Töpferei mit angrenzender Taverne, ein Zimmermann aus Vermont improvisierte eine Zimmermannswerkstatt, und kurz darauf kamen auch die Gebrüder Tew an, die sich ein Grundstück freischlugen und eine Schmiede errichteten.

George und William Tew stammten ebenfalls aus Rensselaer County. Durch Briefe der Prendergasts an die Zurückgebliebenen waren sie auf die vielversprechende kleine Niederlassung tief im Wald aufmerksam gemacht worden. George war 21 Jahre alt und Schmied von Beruf. Sein vier Jahre jüngerer Bruder William hatte das Schuhmacherhandwerk gelernt, beherrschte daneben aber auch so nützliche Fertigkeiten wie Spinnen, Nähen und Möbelbau.

Während die Brüder Tew ihre Blockhütte aufbauten, drängten die Holzfäller den Wald zurück, Meter für Meter, Baum für Baum. Tag um Tag erklang das Geräusch von Hacken und Sägen, ab und an unterbrochen von Geschrei, Knarren und dem allerletzten Seufzer des soundsovielten Waldriesen, der gefällt wurde. Wenn Seitenzweige und Rinde entfernt waren, wurden die Bäume auf dem Fluss zur Mühle befördert und dort zu Balken und Brettern zersägt. Dann wurde das Holz zusammen mit anderen Handelswaren wie Pelzen, gesalzenem Fisch und Ahornsirup in Kanus oder keelboats – langen, mit Stangen fortzubewegenden Wasserfahrzeugen – zu den großen Städten an den Flüssen im Süden transportiert.

Für den Rückweg wurden die Boote mit allem vollgeladen, was die Waldbewohner benötigten und nicht selbst herstellen konnten, wie Werkzeug und Nägel, Speck, Zucker, Salz und getrocknetes Obst. Auch Tabak und viele Flaschen Monongahela Rye, der bei Pittsburgh gebrannte, berüchtigte steife Whiskey, fehlten nicht, ebensowenig wie neue potenzielle Einwohner, angesteckt von den begeisterten Erzählungen der Jamestowner.

James Prendergast hatte sein Territorium inzwischen in lots aufgeteilt, Parzellen von 50 mal 120 Fuß, die er für 50 Dollar pro Stück an Neuankömmlinge verkaufte. Über den Chadakoin wurde eine primitive Brücke gebaut und der senkrecht zum Fluss verlaufende Sandweg bekam den naheliegenden Namen Main Street, Hauptstraße. Die kreuzenden Karrenspuren zur linken und rechten Seite wurden, ebenso prosaisch, First Street, Second Street und so weiter genannt.

Anfangs fungierte James als Richter, Postmeister und inoffizieller Bürgermeister, aber als die Einwohnerzahl seines Blockhüttendorfes im Jahre 1827 die Vierhundert überschritt, organisierte man die erste Wahl für eine Dorfregierung. Schmied George Tew war einer der wenigen Einwohner des Ortes, der die Kunst des Lesens und Schreibens beherrschte. Er wurde zum Dorfschreiber gewählt. Seine erste Aufgabe war es, die Rechte und Pflichten seiner Dorfgenossen zu Papier zu bringen. Bruder William wurde zum zweiten Mann bei der Feuerwehr ernannt, der ersten kollektiven Aufgabe der taufrischen Regierung.

In den Jahren, die nun folgten, wuchs die Niederlassung explosionsartig. Die industrielle Revolution wehte über die Welt und wirkte sich vor allem günstig auf zuvor eher unattraktive Regionen wie diese aus, wo Wälder für unbegrenzte Mengen Brennstoff und die vielen Flüsse und Flüsschen für ein natürliches Netzwerk sorgten. Das Aufkommen der Dampfschiffe machte die Kanus und die Keelboats überflüssig und sorgte für geregelte Verbindungen zur Außenwelt, was die Anziehungskraft des Walddorfes noch mehr verstärkte.

Auf den gerodeten Flächen bei den Hügeln siedelten jetzt auch Bauern – meistens Skandinavier, die von Haus aus der Isoliertheit, den primitiven...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Biografie - Geschichte - Erinnerungen

Ströbele

E-Book Ströbele

Ströbele schiebt sein Fahrrad noch immer auf jeder zweiten Demonstration in Berlin. Er trägt noch immer Jeans und roten Schal. Er agitierte entschlossen gegen das Ja der Grünen zu Kriegseinsätzen ...

Die Heimat der Glasmacher

E-Book Die Heimat der Glasmacher

In Lauscha geboren zu sein bedeutet für mich, dass ich immer mit dem Herzen ein Lauschaer bin. Was ich bin, verdanke ich auch einem großen Stück meiner Heimat. Die Welt verändert sich ständig ...

Therese von Bayern

E-Book Therese von Bayern

Fünf Tage lang feierten die Bayern im Jahr 1810 die Hochzeit Therese von Sachsen-Hildburghausens mit Kronprinz Ludwig. Doch das Eheglück währte nur kurz. Der bayerische Thronfolger verehrte ...

Allein zu zweit

E-Book Allein zu zweit

Als Katrin im Januar 1987 nach Australien reiste, ahnte sie nicht, dass sie dort Gavin, die Liebe ihres Lebens, finden würde. Nur wenige Monate später machte er ihr einen Heiratsantrag, den sie ...

Ich, Friedrich II.

E-Book Ich, Friedrich II.

Friedrich II., auch Friedrich der Große oder der Alte Fritz genannt, war von 1740 bis zu seinem Tode im Jahre 1786 preußischer König, führte die drei Schlesischen Kriege und schaffte die ...

Politische Brücken bauen

E-Book Politische Brücken bauen

Liselotte Meyer-Fröhlich (1923-2014) war eine markante bürgerliche Frauenrechtlerin Zürichs, deren unerschrockene Art weit über die Kantonsgrenze hinaus wirkte. Die Juristin übernahm in den ...

Das Buch der Begegnungen

E-Book Das Buch der Begegnungen

Großes Humboldt-Gedenken 2018/2019: bibliophiler PrachtbandWagemut und Wissbegier, ein feines Beobachtungs- und Differenzierungsvermögen und vor allem die unbändige Lust an immer neuen Begegnungen ...

Weitere Zeitschriften

Correo

Correo

 La Revista de Bayer CropScience para la Agricultura ModernaPflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und am Thema Interessierten mit umfassender ...

Das Hauseigentum

Das Hauseigentum

Das Hauseigentum. Organ des Landesverbandes Haus & Grund Brandenburg. Speziell für die neuen Bundesländer, mit regionalem Schwerpunkt Brandenburg. Systematische Grundlagenvermittlung, viele ...

Gastronomie Report

Gastronomie Report

News & Infos für die Gastronomie: Tipps, Trends und Ideen, Produkte aus aller Welt, Innovative Konzepte, Küchentechnik der Zukunft, Service mit Zusatznutzen und vieles mehr. Frech, offensiv, ...

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler ist das monatliche Wirtschafts- und Mitgliedermagazin des Bundes der Steuerzahler und erreicht mit fast 230.000 Abonnenten einen weitesten Leserkreis von 1 ...

elektrobörse handel

elektrobörse handel

elektrobörse handel gibt einen facettenreichen Überblick über den Elektrogerätemarkt: Produktneuheiten und -trends, Branchennachrichten, Interviews, Messeberichte uvm.. In den monatlichen ...