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Die bedeutendsten Mystiker

Große Mystiker des Christentums aus zwei Jahrtausenden.

AutorHartmut Sommer
VerlagEdition Erdmann in der marixverlag GmbH
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783843803182
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Die Mystik ist ein nie versiegender spiritueller Kraftquell, der immer wieder dazu beigetragen hat, die Gottesbeziehung des Menschen von innen her zu verlebendigen. Der Band führt zunächst in die Grundzüge der christlichen Mystik ein. Siebenundzwanzig Kapitel zu den bedeutendsten christlichen Mystikern zweier Jahrtausende zeigen dann anhand von Zeugnissen spirituellen Lebens und deren theologischer Ausdeutung die tiefe Übereinstimmung hinter der Vielfalt der mystischen Wege. Behandelt werden das frühe Mönchtum und die Kirchenväterzeit mit Augustinus und dem geheimnisvollen syrischen Mönch Dionysius Areopagita, die Zisterzienser mit Bernhard von Clairvaux, die mittelalterliche Frauenmystik mit großen unabhängigen Frauen wie Hildegard von Bingen und Mechthild von Magdeburg, die Armutsbewegung des Franziskus von Assisi, Meister Eckhart und seine Schule, die niederländische Mystik, die spanische Mystik mit Ignatius von Loyola, Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz und die Mystik der Neuzeit mit wieder herausragenden Frauen wie Edith Stein und Simone Weil.

Dr. Hartmut Sommer, geboren 1952, hat nach einem Studium der Erziehungswissenschaft und Philosophie zahlreiche Beiträge zur pädagogischen Psychologie, Philosophie und Theologie veröffentlicht, unter anderem Bücher über die Dichterphilosophen des 20. Jahrhunderts und die Wirkstätten großer Mystiker sowie mehrere Hörbücher zur Mystik und Philosophie. Er lebt in Bad Honnef und arbeitet als freier Autor, Erwachsenenbildner und pädagogischer Berater.

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Leseprobe

EINFÜHRUNG IN DIE CHRISTLICHE MYSTIK


Alles nebelhaft Unklare oder auch die Restmenge des beunruhigend Unerklärlichen wird heute gerne mit dem Etikett „Mystik“ belegt und damit zugleich abgelegt und auf Distanz gehalten. Hier schimmert nur noch eine Ahnung auf vom eigentlichen mystischen Erleben, mit dem Jenseitiges, Göttliches, ja Gott selbst in unsere Erfahrungswelt einbrechen. Die großen Mystiker aller Zeiten und Religionen haben es erfahren und versucht, uns das Unsagbare dieser Erfahrungen in Bildern und Symbolen mitzuteilen. Mystik ist danach die Begegnung mit dem ganz Anderen, dem alles Übersteigenden, jenseits von Endlichkeit, von Raum und Zeit.

Eine Vorstufe der Mystik ist die religiöse Erfahrung im allgemeinen Sinne. Dabei handelt es sich um Bewusstseinsblitze, die uns unvermittelt aus unserem alltäglichen, selbstverständlichen Leben wecken und im Innersten erschüttern. Diese Erfahrung kann beglückend sein, wenn wir uns mit einem sogenannten ozeanischen Gefühl aufgehoben fühlen im Ganzen der Natur oder auch beängstigend, wenn wir verunsichert meinen, dass wir willkürlich in dieses Leben geworfen sind und einsam vor der Frage stehen, wozu wir hier sind. In der Literatur finden sich vielfältige Berichte über solche Erfahrungen, und die meisten Menschen können auf Ähnliches zurückblicken. Damit meldet sich bereits etwas an, was unsere raum-zeitliche, natürliche Welt übersteigt; es weist auf etwas Jenseitiges, Übernatürliches hin, das sich jedoch noch nicht selbst zeigt.

NÄHE UND BERÜHRUNG GOTTES IM SEELENGRUND


In der Mystik dagegen berührt den Menschen das Jenseitige selbst. Nach christlicher Sicht zeigt sich damit die seltene und nur gnadenhaft erfahrbare Nähe Gottes, die sich unmittelbar im innersten Seelengrund dem Menschen mitteilt. Es ist die Begegnung der menschlichen Person mit dem Du des personalen und dreieinigen Gottes. In dieser göttlichen Berührung werden liebende Einheit und Nähe erfahren, ohne dass der Unterschied von Geschöpf und Schöpfer aufgehoben wird. Mystik in diesem Sinne meint nicht Auflösung des Ich im Göttlichen wie ein Tropfen im Meer, sondern Einheit in Liebe. Wäre die Begegnung mit dem Göttlichen ein Verlöschen des bewussten Ich in der Vereinigung mit einem All-Einen, wie es asiatische Heilslehren anstreben, könnten wir nach dem flämischen Waldmönch und Mystiker Jan van Ruysbroeck (1293–1381) in der mystischen Erfahrung nicht seliger sein als ein Stein.

Die mystische Theologie spricht nach altchristlicher Lehre auch von der Gottesgeburt im tiefsten Seelengrund und von der Ankunft des göttlichen Wortes. Meister Eckhart (1260–1328) nennt den dafür empfänglichen Teil der Seele das Bürglein oder das Seelenfünklein. Tastend nach Worten und Bildern versuchen die Mystiker das Unsagbare ihrer Erfahrung doch mitzuteilen. In Predigten über das Hohelied, eine in den Kanon des Alten Testamentes aufgenommene altorientalische Liebesdichtung, verwendet Bernhard von Clairvaux (1090–1153) das Gleichnis der Brautschaft für die zarte Annäherung von Seele und göttlichem Wort. Unfasslich und nur andeutbar ist für Jan van Ruysbroeck die Begegnung mit dem göttlichen Bräutigam; sie ist geistliche Hochzeit, letztlich unerreichbares Geheimnis der Anwesenheit des dreieinigen Gottes in der Verborgenheit des Geistes. Für Mechthild von Magdeburg (1207–1282) ist es vor allem das Bild des Fließens oder das fließende Licht, das ihr besonders angemessen erscheint, um die liebende Nähe Gottes zu umschreiben. Darum nannte sie ihr Buch, in dem sie davon berichtet, Das fließende Licht der Gottheit. Verschwenderische, fließende, quellende göttliche Fülle ist auch für die Helftaer Mystikerin Mechthild von Hackeborn (1241–1299) ein Grunderleben ihrer Gottesbegegnung. Teresa von Avila (1515–1582), die große spanische Mystikerin, vergleicht die Seele mit einer Burg, in deren verborgener innerster Kammer man Gott begegnen kann.

DIE SINNE DER SEELE UND DER LEIB


Was der Mystiker erfährt, kommt nicht von außen durch die Augen oder die Ohren herein, wie Bernhard von Clairvaux verdeutlicht, denn es ist nicht durch die äußeren Sinne vermittelt, sondern bildet sich im Seelengrund als direkte Einwirkung der göttlichen Berührung. Von dort steigt es vermittelt über die inneren geistlichen Sinne der Seele auf in das Bewusstsein. Die Lehre von den geistlichen Sinnen der Seele hat vor allem der frühchristliche Theologe Origenes (um 185–254) entfaltet, aber schon im Alten Testament spricht der Psalmist vom Schmecken Gottes. Die Selbstzeugnisse der Mystiker bestätigen diese geistliche Sinnlichkeit der mystischen Erfahrung mit vielfältigen Vergleichen und bildhaften Annäherungen. Und sie weisen immer wieder darauf hin, dass die göttliche Berührung ganzheitlich ist, Seele und Leib erfasst, bis in die tiefsten Tiefen durchdringt, durchströmt, durchglüht.

Zarteste, anschmiegende Berührung ist die göttliche Nähe bei Gertrud von Helfta (1256–1302). Hildegard von Bingen (1098–1179) sieht bei ihren Schauungen mit den Augen der Seele und hört mit den inneren Ohren. Die geistliche Sehkraft ist auch nach Bernhard von Clairvaux ein besonderes Vermögen, das uns die mystische Schau ermöglicht. In seinen Predigten über das Hohelied erklärt er es am Bild von den Taubenaugen der Braut als Fähigkeit der Seele, die ihr in der Einigung mit dem himmlischen Bräutigam geschenkt wird. Nach den mystischen Selbstzeugnissen Heinrich Seuses (1295–1366) zeigt sich die göttliche Nähe in himmlischem Glanz und Duft. Licht, Wonnegefühl und durchdringenden Geschmack erfährt der Mystiker nach Jan van Ruysbroeck mit den inneren, geistlichen Sinnen im Zustand der mystischen Erhebung. Meister Eckhart verwendet das biblische Bild vom Schmecken Gottes im Gegensatz zu einem nur gedachten Gott. Und er spricht, wie viele andere Mystiker auch, von den inneren Augen der Seele. Wonneschmerz während der mystischen Erfahrung wie von einer heftigen inneren Verwundung wird von vielen Mystikern berichtet, unter anderem von Heinrich Seuse und Teresa von Ávila. Darin zeigt sich das Überfließen eines kaum fasslichen seelischen Erzitterns bis in den Leib. Das Erwecken der geistlichen Sinne durch den Glauben an Christus ist für Bonaventura (1221–1274) ein entscheidender Schritt auf dem Pilgerweg zur Gottesschau.

MYSTISCHE VISIONEN


Kern der mystischen Erfahrung ist die unmittelbar über die geistlichen Sinne wahrgenommene göttliche Berührung im Seelengrund. Treten dabei Visionen auf, von denen vor allem die mittelalterlichen Mystiker berichten, sind sie nur Begleiterscheinung der viel innerlicheren Gottesbegegnung. Als ihr Abglanz und seelischer Widerhall können sie jedoch etwas von der überströmenden Fülle des Erfahrenen in sinnlichen Bildern übermitteln. Die von visionären Mystikern überlieferten Texte zeigen ihr Ringen mit dem kaum Mitteilbaren und ihre vorsichtige Annäherung an das mystische Erleben. Und gerade die großen Meister bleiben nüchtern und selbstkritisch, sie warnen vor Fehldeutungen, da echte mystische Visionen nur schwer von Erinnertem und Eingebildetem zu unterscheiden sind. Visionen werden von ihnen daher nur mit großer Zurückhaltung gedeutet. Jan van Ruysbroeck etwa sieht die Gefahr der Selbsttäuschung, wenn Falsches und Subjektives leichtgläubig für göttliche Eingebung gehalten wird. Wahr kann an solchen Visionen nur sein, was mit der biblischen Botschaft in Einklang steht. Prüfstein für die Echtheit einer mystischen Erfahrung – und auch hierin sind sich die großen Meister der Mystik einig – ist die Umwandlung des Menschen zum Guten, eine liebevolle Gelassenheit, die sich danach einstellt. Bleibt sie aus, ist eher Täuschung oder Einbildung anzunehmen. So lehrten es unter anderem Teresa von Ávila und die Begine Mechthild von Magdeburg.

Während der moderne Mensch seine Empfangsfrequenzen nur noch auf das rational Fassbare und Erklärbare eingestellt hat, war die Antenne des mittelalterlichen Menschen vor allem auf das Jenseits ausgerichtet, voller Sorge um das eigene Seelenheil. Was bei uns Heutigen im Rauschen der Alltagsbetriebsamkeit untergeht oder rasch als Fehlleistung des Nervensystems beiseite geschoben wird, hat der mittelalterliche Mensch mit hoher Empfindsamkeit und Aufmerksamkeit wahrgenommen. Wenn es dem modernen Menschen aber gelingt, sein inneres Auge für das Göttliche zu öffnen, das ihn ansprechen will, erfährt er die mystische Begegnung eher bildlos und damit durchaus näher am Eigentlichen dieses höchst innerlichen Geschehens. Der Mathematiker und Physiker Blaise Pascal (1623–1662) notierte sich nach einem mitternächtlichen Zustand der Entrückung: „Feuer … Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede.“ Simone Weil (1909–1943), sozialistische Aktivistin und Philosophin, spricht von der Gegenwart einer Liebe, Dag Hammarskjöld (1905–1961), schwedischer Politiker und zweiter UN-Generalsekretär,...

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