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Die Bestie zähmen

Wege aus dem Raubtierkapitalismus in eine neue Ökonomie

AutorJürgen Bruhn
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783828861725
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Immer wieder haben wir sie gehört und selbst angestimmt: die Klagelieder über die Zerstörung von Menschlichkeit, Kultur und natürlichen Ressourcen durch eine entfesselte Wirtschaft, die Moritaten über die planmäßige Produktion von gesellschaftlicher Ungleichheit im Interesse der Profite einiger Weniger. In diesem vielstimmigen Chor der Kapitalismuskritik wählt Jürgen Bruhn die konstruktiv-praktische Tonart. Sein Maßnahmenkatalog gegen ein unmenschliches Wirtschaftssystem orientiert sich an historischen Größen wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King und richtet sich damit nicht nur an die Spitzen von Politik und Wirtschaft, sondern vor allem an jeden einzelnen von uns. Bruhn lotet unseren Handlungsspielraum und macht deutlich: Wir sind diesen Entwicklungen nicht hilflos ausgeliefert und können uns wehren! Wussten Sie zum Beispiel, dass man Steuerboykott betreiben kann, ohne wegen Steuerhinterziehung hinter Gittern zu landen? Oder dass gewaltfreier Widerstand durch die Menschenrechtsgarantien des Grundgesetzes abgesichert ist? Ist Ihnen bewusst, wie Ihre Stimme bei Wahlen wieder mehr wiegen kann? Jürgen Bruhn lehrt uns die Kunst des effizienten institutionellen und persönlichen Widerstands und weist damit den Weg in eine neue Ökonomie - eine Wirtschaftsweise, von der wir alle profitieren und für die wir alle etwas tun können.

Jürgen Bruhn, Studium der Geschichte, Ökonomie und Soziologie in Hamburg, Konstanz, Fresno und Berkeley. SPIEGEL-Journalist, Professor für Internationale Politik am Monterey Institute Of International Studies, Monterey, California und an der California State University, Monterey Bay. Derzeit Publizist und Gastprofessor.

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Leseprobe

1. Kapitel: Wohin treiben wir?

Die durch den marktwirtschaftlichen Wachstums- und Verschwendungsprozess ausgelöste Entwicklung hat selbstzerstörerische Qualität. Das ex­treme ständige Wirtschaftswachstum mit seiner eingebauten Obsoleszenz in dem historisch gesehen kurzen Zeitraum seit der Industriellen Revolution belastet die natürlichen Produktions- und Ressourcengrundlagen der Erde in einem Ausmaß, dessen Auswirkungen schon kurzfristig – im Hinblick auf Regenerationsmöglichkeiten der Rohstoffe und das ökologische Gleichgewicht – eindeutig erkennbar sind.

Der neueste Bericht an den Club of Rome unter dem Titel »2052. – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre«, verfasst von Jørgen Randers, der mit den Meadows auch schon 1972 die Studie »Die Grenzen des Wachstums« herausgeben hatte, weist auf die Unmöglichkeit hin, ständig unbegrenztes Wirtschaftswachstum in den nächsten 40 Jahren auf unserem Planeten fortzuführen. Der Bericht erkennt aber auch, dass eine praktische, eingreifende Politik gegen diesen zerstörerischen Raubbau an der Natur kaum vorhanden ist. Im Gegenteil: Dieser Prozess wird durch die Wachstums- und Wettbewerbsfähigkeits-Besessenheit der Wirtschafts­eliten noch verschlimmert.

Deshalb, so Randers und seine Co-Autoren, müssen wir uns vom »Wachstumskapitalismus« verabschieden, wenn wir und nachfolgende Generationen überleben wollen. Denn wir sind nur noch »vierzig Jahre von einem auf uns zukommenden ökologischen und energetischen Desaster entfernt.« Nach dem Jahre 2052 wird der Treibhauseffekt, die Abgabe von CO2-Emissionen (Kohlendioxid) in die Atmosphäre, ein Niveau erreichen, das der Erde einen »irreversiblen Schaden« zufügen wird, nämlich eine Erderwärmung, die die angepeilte Zwei-Grad-Celsius-Grenze bei weitem übersteigen und mindestens 3 bis 4 Grad Celsius betragen wird. Das aber bedeutet mit aller Sicherheit ein Ansteigen der Ozeane von bis zu 3 Metern, ein Schmelzen der Pole, eine Überschwemmung der Küstengebiete und vieler Inseln, einhergehend mit großen Bevölkerungswanderungen ins Inland der Kontinente und Hungersnöten. Um das zu verhindern, müsste der »Weltlevel des CO2-Ausstoßes bis 2052 um 50 Prozent (auf der Basis der Emissionen von 1990) verringert werden.«

Jørgen Randers und die meisten seiner Mitarbeiter glauben nicht, dass die Regierungen der Welt (die Industrien sowieso nicht) schnell genug handeln werden, um dieses Desaster zu verhindern. Im Gegenteil: Sie sagen voraus, dass die Regierungen erst handeln werden, wenn die Klimakatastrophe bereits eingetroffen ist oder wenn sie vor der Tür steht. Denn die Katastrophe wird nicht wie ein plötzlicher »Big Bang« auftreten, sondern durch eine »große Zahl kleiner Unheile.« Während die Regierungen also zu spät eingreifen werden, werden die transnationalen Konzerne, Banken und Versicherungen erst recht nichts dagegen unternehmen wollen, denn es wird ihnen schwerfallen, sich auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz und soziale Verantwortung einzustellen. Sie werden vielmehr weiterhin versuchen, bei ihren alten Paradigmen Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu verbleiben. Die Voraussagen der 2052-Studie sind, gelinde ausgedrückt, düster. Schon jetzt bräuchten wir 1,4 Planeten, um unseren Lebensstil aufrechtzuerhalten. Die Menschheit sei schon heute über das Ziel ihrer Tragfähigkeit hinausgeschossen. Jørgen Randers nennt das »Overshoot«.

Einer seiner Co-Autoren, der US-amerikanische Ökonom Herman Daly, schlussfolgert: »Wird die Menschheit zur Vernunft kommen und bewusst Wirtschaftswachstum schrumpfen lassen, um unseren Planeten zu retten? Ich glaube nicht! Wir haben schon heute die Grenzen wirtschaftlichen Wachstums erreicht, aber wir wissen es nicht – oder wollen es nicht wissen. Denn Wachstum ist unser Idol und seine Anbetung zu beenden ist ein Anathema.«

Der neue Report an den Club of Rome, erstellt von 40 hervorragenden Geo-,Klima-, Wirtschafts- und Naturwissenschaftlern, wähnt uns im zweiten Teil dieses Jahrhunderts vor dem Abgrund (»we will live like cliff­hangers«), wenn wir die Wachstumszuwachsraten so weiterlaufen lassen wie bisher. Die negativen Auswirkungen, so behaupten die Co-Autoren, werden verheerend sein, denn wir stoßen z. B. jedes Jahr »zweimal so viel Treibhausgase aus wie Wälder, Meere und unser Klima absorbieren und vertragen können«.

Die kein Kohlendioxid ausstoßenden, unendlich und überall vorhandenen erneuerbaren Energien Sonne, Wind und Wasser werden – so scheint es – nicht rechtzeitig genug eingesetzt, um die Klimakatastrophe durch die Treibhausgase erzeugenden fossilen Energieträger Kohle, Öl und Erdgas zu verhindern. Grund: Die fossilen Energien werfen noch immer immense Profite ab.

Außerdem werden wesentliche Ressourcen, die die Grundlage unseres Produktionsprozesses bilden, wie Silber, Zink, Quecksilber, Schwefel, Blei, Wolfram, Zinn, Kupfer, Nickel, Platin, Phosphatgestein, Mangan, Eisenerz, Bauxit, Indium und sowieso wenig vorhandene Erdmetalle wie Neodym, Dysprosium, Terzium etc., in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ausgereizt sein.

Die Erschöpfung der irdischen Rohstoffe und der Zusammenbruch des planetarischen Ökosystems werden nicht aufzuhalten sein, wenn wir uns nicht ändern, wenn wir mit unbegrenztem Wachstum, Verschwendung und geplanter Kurzlebigkeit so weitermachen, statt auf Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und Recycling zu setzen. Die Ausbeutung der Ressourcen hat die Erde in einen anderen, vom Menschen veränderten Planeten verwandelt. Und dem stehen dadurch nach 2050 hohe Konzen­trationen von Treibhausgasen, versauerte, mit Plastik vermüllte Ozeane, überflutete Küsten, mit Pestiziden und Herbiziden vergiftete Böden etc. entgegen.

Es ist schwer vorauszusagen, ob wir auf diesem »geplünderten Planeten« im zweiten Teil dieses Jahrhunderts ohne Gewalt, Hungersnot und Bürgerkriege überleben werden. Die Kombination aus Ressourcenerschöpfung und Zerstörung der Ökosysteme bedroht unsere Zivilisation und könnte eine ausweglose Situation schaffen. Denn die Menschheit holt – vor allem als Folge des Bergbaus – seit dem Zweiten Weltkrieg jährlich über 10 Milliarden Tonnen Material aus dem Erdboden, sie verwertet »alle 88 Elemente«, die es in der Erdoberfläche gibt, sogar die instabilen. So werden Struktur und Zusammensetzung der Erdoberfläche und der Atmosphäre verändert. Dabei verschwinden Rohstoffe nicht nur, sondern einige – wie Kohle, Öl, Erdgas, Uran – verursachen Klimakatastrophen und Unfälle in Atomkraftwerken und ihren Endlagern.

Die globale 2052-Prognose von Jørgen Randers und seinen 40 Co-Autoren verteidigt heute die 1972er Club of Rome-Studie »Grenzen des Wachstums« gegen ihre Kritiker, die der Studie Panikmache vorgeworfen hatten. 40 Jahre später sehen die meisten Autoren von »2052« kaum noch eine Chance, schwindende Ressourcen zu ersetzen, zu recyceln oder ihren Verbrauch nachhaltig zu reduzieren. Es sei denn, die große Politik – die UNO oder die vier Weltmächte USA, EU, China und Russland – könnten/würden regulierend in den globalisierten Wachstumskapitalismus eingreifen. Das aber, so scheint es, glauben die Autoren zwar nicht ernsthaft, doch es ist ihre Hoffnung.

Auf die berühmte Studie von 1972 blickt der 2052-Herausgeber Jørgen Randers zurück als eine »Zukunftsvariante, von der meine Kollegen und ich damals glaubten, es werde infolge einer neuen, weisen, weltweiten, vorausschauenden Politik gar nicht so weit kommen«. Heute, betont Randers, gäbe es »leider überhaupt keine Anzeichen dafür, dass die vergangenen 40 Jahre unseren jugendlichen Optimismus bestätigt hätten«.

Nach den Recherchen der 2052-Studie gehen wir einem selbstproduzierten Kollaps entgegen. Der malaysische Wirtschaftswissenschaftler Chandra Nair kritisiert in der Studie den »fast religiösen Glauben des Westens und Chinas an Wirtschaftswachstum und freie Märkte« und fordert eine von der UNO kontrollierte, »weltweite Regulierung von Märkten, Wachstum, Konsum und Verschwendung«, damit die Erde den Menschen erhalten bleibt. Am Ende des 2052-Reports schreibt der Herausgeber Jørgen Randers: »Bitte helft, unsere Voraussagen falsch werden zu lassen. Zusammen können wir eine viel bessere Welt schaffen.«

Randers hofft also noch auf ein Wunder in der mittleren Zukunft. Er glaubt, dass noch einiges gerettet werden kann. Aber der Kapitalismus muss zu seinem Ende kommen. So schreibt er: »Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus überleben wird über die nächsten 40 Jahre. Nur der Name wird bleiben.« Die Konzerne und Banken, so glaubt er, könnten am Ende noch von den Regierungen gezwungen werden, ihre Performance nicht nur nach Wachstum und Gewinn auszurichten, sondern ebenfalls auf Nachhaltigkeit und Sozialverantwortlichkeit. Es ist eine schöne Hoffnung.

Wie konnte es zu dieser Welt-Situation kommen? Wie konnte es zu solchen düsteren Prognosen angesehener Wissenschaftler kommen? Wie ist es zu diesem ständigen Wirtschaftswachstum, zu dieser ständigen Verschwendung nach tausenden Jahren Bedarfsdeckungsprinzip gekommen? Seit der Industriellen Revolution, die im gleichen Zuge exponentielles Wirtschaftswachstum und exponentielles Bevölkerungswachstum entstehen ließ, unterwirft das kapitalistische Wirtschaftssystem Mensch und Natur einem historisch einmaligen Ausbeutungsprozess, dessen Ertrag u. a. in den hohen Wachstumsraten besteht.

Die kapitalistische Marktgesellschaft verselbstständigte das...

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