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Die Bombe - Das Zeitalter der nuklearen Bedrohung

Ein SPIEGEL E-Book Geschichte

VerlagSPIEGEL-Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl180 Seiten
ISBN9783877631713
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis2,99 EUR
Am 6. August 1945 warf der US-Bomber 'Enola Gay' seine mörderische Fracht über Hiroshima ab, in 600 Meter Höhe explodierte die Atombombe. Rund 70?000 Menschen starben unmittelbar nach der Detonation, Zehntausende erlagen danach den Folgekrankheiten. Noch nie hatte der Mensch eine derart zerstörerische Waffe entwickelt. Tausende Wissenschaftler, darunter viele Nobelpreisträger, hatten Ende der Dreißiger- und Anfang der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts an der tödlichsten aller Waffen gebaut. Die entfesselte nukleare Macht führte daraufhin zum Kalten Krieg und einem bis dahin ungekannten Wettrüsten. Bis heute bestimmt die Atombombe die internationale Politik und stellt die vielleicht größte Gefahr für die menschliche Zukunft dar. In 26 Artikeln beschreibt das vorliegende Buch die Entwicklung der Atombombe, ihren katastrophalen Einsatz in Hiroshima, ihre Bedeutung im Kalten Krieg und die Risiken der atomaren Waffen für unsere heutige Welt.

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Leseprobe
Kapitel I • Entwicklung der Atombombe

Wir Hundesöhne


Ein übergewichtiger General und ein labiler Physiker leiteten das geheime „Manhattan-Projekt“ zum Bau der ersten Atombombe. Es war das größte und teuerste Experiment der Menschheitsgeschichte. Von Konstantin von Hammerstein
An Tag 1113 des Zweiten Weltkriegs steigt das Thermometer in Washington schon vormittags auf über 30 Grad. Es ist schwül an diesem 17. September 1942, ein leichter Nieselregen fällt, doch der Oberst ist bester Dinge.
Bis zum Mittag soll sich Oberst Leslie Groves entscheiden, ob er ein Kommando in Übersee annimmt, und natürlich wird er zusagen. Er hat genug von der Hauptstadt. „Ich hoffte, an die Front zu kommen, um ein kleines bisschen Frieden zu finden“, erinnert sich Groves später voller Sarkasmus. Um 10.30 Uhr begegnet er auf den Fluren des Kongresses seinem höchsten Vorgesetzten.
„Diesen Posten in Übersee“, sagt der General, „sagen Sie den ab.“ – „Warum?“, will Groves wissen. „Der Kriegsminister hat Sie für einen sehr wichtigen Auftrag ausgewählt.“ – „Wo?“ – „Washington.“ – „Ich will nicht in Washington bleiben.“ – „Wenn Sie die Sache richtig machen“, sagt der General vorsichtig, „werden wir den Krieg gewinnen.“
Groves, der plötzlich realisiert, was mit der „Sache“ gemeint ist, entfährt nur ein knappes „Oh“. Was für eine Enttäuschung! Eben noch sah er sich bei der kämpfenden Truppe, jetzt soll er sich bis zum Ende des Krieges mit einem Haufen exzentrischer Wissenschaftler rumschlagen und seine Kraft auf ein Vorhaben verschwenden, dessen Erfolgsaussichten zweifelhaft sind.
„An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass ich das Projekt leiten sollte, das am Ende zum Bau der Atombombe führte, war ich wahrscheinlich der wütendste Offizier der gesamten United States Army“, schreibt der Absolvent der legendären Kadettenschule West Point später.
Als stellvertretender Leiter aller Bauvorhaben der US-Armee gibt Groves jetzt in einer Woche mehr Geld aus, als für das gesamte Atombombenprojekt vorgesehen ist. Soeben hat er den Bau des Pentagon vollendet, es ist der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Und nun das! Doch Groves weiß, was von einem guten Soldaten erwartet wird, und er hält sich für einen sehr guten. Er gehorcht. Wenige Tage später wird er zum Brigadegeneral ernannt.
Der dänische Atomphysiker und Nobelpreisträger Niels Bohr prophezeite 1939, man werde den Atombombenstoff Uran 235 nur dann in ausreichender Menge gewinnen können, wenn man das Land in eine riesige Fabrik verwandle, und genau das ist nun Groves' Mission.
In nur drei Jahren wird er an über 30 Standorten in den USA, Kanada und Großbritannien gewaltige Atomanlagen errichten lassen, in denen mehr als 125 000 Menschen an der schrecklichsten Waffe arbeiten, die jemals von Menschen ersonnen wurde. In Rekordzeit baut er eine völlig neue Industriestruktur auf, die in ihren Dimensionen an die amerikanische Automobilbranche herankommt.
Seit dem japanischen Überraschungsangriff auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor im Dezember 1941 befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg. Aus Deutschland geflohene Wissenschaftler berichten, dass die Nazis an einer Atombombe arbeiten, und plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr. Es ist nur noch die Zeit, die zählt.
Die Größenordnung der riesigen Atomfabriken „kann als Maßstab gelten für die verzweifelte Anstrengung, mit der die Vereinigten Staaten sich gegen die ernsteste, potenzielle Bedrohung ihrer Souveränität, die sie je erfahren hatten, zu schützen suchten“, schreibt der Pulitzer-Preisträger Richard Rhodes in seinem Standardwerk „Die Atombombe oder die Geschichte des 8. Schöpfungstages“.
Das „Manhattan-Projekt“, wie das geheime Entwicklungsprogramm nach seinem ersten Standort in New York genannt wird, funktioniert auf den ersten Blick wie andere große Baufirmen. Es kauft Grundstücke, stellt Leute ein, engagiert Subunternehmer, errichtet Unterkünfte, bestellt Material, baut eine Verwaltung auf, versucht, die Finanzen unter Kontrolle zu halten. Doch in Wahrheit ist das, was der frisch ernannte General nun umsetzt, ohne Beispiel. Der enorme Zeitdruck führt dazu, dass mit dem Bau der Fabriken sofort begonnen werden muss, obwohl weder klar ist, wie die Bombe am Ende aussehen soll, noch ob sie überhaupt funktionieren wird. Es ist der planerische Albtraum. Hunderte Millionen werden in völlig neue und ungetestete Verfahren investiert. Ständig muss die Produktion unterbrochen werden, und die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung und Zuversicht.
Die Geheimhaltung ist so strikt, dass viele Menschen, die bei dem Projekt angestellt sind, erst realisieren, woran sie die Jahre über gearbeitet haben, als im Radio der Atombombenabwurf auf Hiroshima gemeldet wird. Um nicht aufzufallen, werden Standorte an den entlegensten Orten gewählt, Arbeiter müssen unter einer Legende engagiert werden, doch für Groves hat die Geheimhaltung einen entscheidenden Vorteil.
Solange er die Unterstützung von Präsident Franklin D. Roosevelt genießt, muss er anders als in Friedenszeiten keine politischen Rücksichten nehmen. Weder der Kongress noch Roosevelts Vizepräsident Henry A. Wallace sind in das geheime Atomwaffenprogramm eingeweiht.
Der General ist 1,80 Meter groß, trägt Schnurrbart, hat krause, kastanienbraune Haare, blaue Augen und ist so dick, dass sich sein Bauch von oben und unten über sein Armeekoppel wölbt. In seinem Bürotresor stapeln sich streng geheime Dokumente, eine Pistole, Munition und Berge von Karamellbonbons, Erdnüssen und Schokolade. Zucker ist Energie für ihn, und der General braucht eine Menge Energie für seinen Job.
Sein engster Mitarbeiter hält ihn für den „gemeinsten Schweinehund, mit dem ich je zu tun hatte, aber auch für einen der fähigsten Männer, die ich kenne. Ich habe oft gedacht, wenn ich diese Arbeit noch einmal tun müsste, würde ich Groves wieder als Vorgesetzten wählen. Ich hasste ihn bis aufs Blut, wie es jedermann tat, aber wir verstanden uns auf unsere Art.“
Groves ist kein Mann, der lange fackelt. An seinem ersten Arbeitstag kauft er 1130 Tonnen Uranoxid aus Belgisch-Kongo, das die Belgier 1940, alarmiert von der deutschen Besetzung ihres Landes, in 2000 Stahlfässern nach New York geschafft haben. An seinem zweiten Arbeitstag ordnet er den Kauf von über 240 Quadratkilometer Land am Clinch River im Bundesstaat Tennessee an. Dort soll der Produktions-„Standort X“ des Manhattan-Projekts entstehen.

Wer sich Groves entgegenstellt, wird niedergewalzt. Als sich Donald Nelson, der Chef der Behörde für Kriegsproduktion, am selben Tag weigert, dem Manhattan-Projekt die oberste Dringlichkeitsstufe einzuräumen, springt Groves auf, um den Raum zu verlassen. „Ich werde dem Kriegsminister empfehlen, das Projekt einzustellen, weil sich Mr. Nelson weigert, die Wünsche des Präsidenten auszuführen.“ Nelson knickt ein.
Der General macht keine halben Sachen. Hat sich Groves einmal verpflichtet, gibt es für ihn kein Zurück. In den kommenden Monaten wird er gewaltige Summen und Ressourcen verplanen. Bis zum Ende des Krieges werden Groves und sein Stab die unvorstellbare Summe von zwei Milliarden Dollar ausgeben, das entspricht der heutigen Kaufkraft von 26 Milliarden Dollar.
Er zockt mit hohem Einsatz, und damit das Spiel weitergehen kann, müssen immer neue, immer gewaltigere Mittel lockergemacht werden. Dieser Dynamik kann sich keiner der Beteiligten entziehen. Eine gigantische Maschine hat Fahrt aufgenommen, mit Groves am Steuer, und je schneller sie wird, desto weniger ist sie zu stoppen.
Vier Wochen nach seinem Amtsantritt trifft Groves eine folgenreiche Entscheidung. Der General macht Robert Oppenheimer zum wissenschaftlichen Leiter des Manhattan-Projekts. Die Spionageabwehr der Armee ist entsetzt. Ausgerechnet Oppenheimer.
Der Professor für theoretische Physik an der kalifornischen Universität Berkeley ist ein wandelndes Sicherheitsrisiko. Er hat den ganzen Marx gelesen und verkehrt, wie er selbst bekennt, in einem Kreis „linksgerichteter Freunde“. Seine frühere Verlobte, seine Ehefrau, sein Bruder, seine Schwägerin – alle waren sie Mitglieder der Kommunistischen Partei.
Und auch die Wissenschaftler sind irritiert. Warum soll ausgerechnet ein Theoretiker, der keine Erfahrung mit dem Führen großer Gruppen hat, das Labor leiten, das sich vor allem mit experimentellen und technischen Fragen beschäftigt? Aber es gibt noch einen anderen Einwand, und der wiegt schwerer. Seine Projektleiter sind Nobelpreisträger, Oppenheimer ist es nicht. Werden sie ihn respektieren?
Doch wie immer beharrt Groves auf seiner Entscheidung. „Er ist ein Genie“, wird er nach dem Krieg einem Gesprächspartner vorschwärmen, „ein wirkliches Genie.“ Und als Oppenheimer Jahre später gefragt wird, warum ihn Groves ausgewählt habe, antwortet er ohne jeden Selbstzweifel, der General habe nun mal „eine fatale Schwäche für gute Leute“.
Es ist ein merkwürdiges Gespann, das jetzt beim Manhattan-Projekt den Ton vorgibt. Auf der einen Seite der schwergewichtige Rambo-General, der seine Untergebenen unter maximalen Druck setzt, auch um sie auszutesten. Wer zerbricht, wird erbarmungslos beiseitegeräumt, wer durchhält, wird nun selbst hart.
Auf der anderen Seite der spindeldürre Theoretiker, der Gedichte liest, Romane, Theaterstücke, sich in hinduistische Mystik vertieft, Sanskrit lernt...
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