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Die bürgerliche Gesellschaft

Vollständige Ausgabe

AutorWilhelm Heinrich Riehl
VerlagJazzybee Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl309 Seiten
ISBN9783849633943
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Dies ist Band 2 der berühmten 'Naturgeschichte des deutschen Volkes als Grundlage einer deutschen Socialpolitik', die Riehl ca. Mitte des 19. Jahrhunderts verfasste.

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Leseprobe

 


Resultate

 

Eine conservative Politik, die Bestand haben will in Deutschland, muß sich auf die Bauern stützen. Ein Ministerium, welches wahrhaft volksthümlich werden will, muß damit anfangen, bauernthümlich zu seyn. Alle Maßregeln zur Sicherung des gesellschaftlichen Friedens, zur Kräftigung der Staatsgewalt hallen nur für den Augenblick wider, sofern sie nicht von dem Grundsatz ausgehen, daß der Bauer die conservative Macht im Staate sey, daß darum vor allen Dingen seine Wucht erhöht, seines Charakters Eigenart gefestigt, seine Bedürfnisse beachtet werden müssen. Er stellt das in Ueberfeinerung verschobene Gleichgewicht in der Gesellschaft wieder her; den Socialismus kann man nicht mehr durch die Presse, nicht mehr durch Regierungsmaßregeln erfolgreich bekämpfen, man kann das aber durch die Bauern, durch die Pflege ihrer zähen Sitte. In den Bauern kann der praktische Staatsmann die leibhaftige Geschichte gegen die Geschichtslosigkeit unserer gebildeten Jugend aufmarschieren lassen, den leibhaftigen Realismus gegen die Ideale des Schreibtisches, das letzte Stück einer »Natur« gegen eine gemachte Welt; er kann in den Bauern die Macht der Gruppen und Massen wirken lassen gegen die ins Endlose zerfahrende und persönlich verflachte gebildete Gesellschaft.

 

Und doch haben unsere neuesten Gesetzgeber und Staatsmänner durchschnittlich fast ebensowenig Notiz von dem Bauern in seiner Eigentümlichkeit genommen, wie nur immerhin die alte Bureaukratie.

 

Es gilt vorab, den Bauernstand zu reinigen. Wir haben zwei Hauptarten von verdorbenen Bauern. Die eine bilden jene oben bereits hinreichend gezeichneten Entarteten, bei welchen sich der sittliche Ruin zu dem ökonomischen gesellt. Von ihnen kann die Gesellschaft nur auf chirurgischem Wege befreit werden, nämlich durch eine möglichst umfassende Amputation. Hier bleibt nichts übrig, als die Auswanderung ganzer derart verkommener Gemeinden wie von Einzelnen möglichst rasch und kräftig zu befördern. Eine Prämie, auf die Auswanderung solcher Leute gesetzt, wäre ein gefundenes Capital, das dem Lande hundertfältige Zinsen trüge. Dagegen gibt es noch eine glücklicherweise weit größere Classe höchst ehrenwerther bäuerlicher Proletarier, Leute, welche durch die Ungunst ihrer Gegend, ihres Culturzweiges, durch die überhand genommene Güterzersplitterung u. dergl. ins tiefste Elend gestürzt worden sind, die sich aber mit einer unendlichen Geduld und Langmuth, welche zuletzt in völlige Stumpfheit ausartet, immerfort schinden und plagen. Sie werden nicht entsittlicht durch das Elend, denn dieses ist ja schon ihr väterliches, ihr großväterliches Erbe gewesen, es ist historisch bei ihnen, sie wissen es nicht besser. Die Generation verkümmert selbst körperlich immer mehr von einem Menschenalter zum andern, und dennoch wird sie der väterlichen Sitte nicht untreu. Es ist mir ein solcher Bauernschlag bekannt, in öder Gebirgsgegend seßhaft, wo der ganze Stamm bereits dergestalt kränkelt, daß kaum ein Kind mehr vor dem dritten Jahre die Kraft zum Stehen, geschweige zum Laufen erhält, und doch tragen diese Menschen ihr Kreuz in Geduld; ganze Gemeinden siechen wie an einer langsamen Schwindsucht hin. Diese ausgemergelten deutschen Hungerbauern suchen in der Größe des Entsagens ihres Gleichen. Wie ihnen geholfen werden könne, ist eine nationalökonomische Frage, die schon sehr oft und mitunter trefflich erörtert wurde, gediegener und praktischer wohl kaum, als es Friedrich List in dem Aufsatze: »die Ackernverfassung, die Zwergwirthschaft und die Auswanderung«  gethan. Er stellt die Arrondirung der Güter mit Recht als oberstes Heilmittel voran. Allein die Praxis ist hier gar langsam den Wünschen und Begehren der Schriftsteller nachgekommen. Nur eines kleinen Versuches möge statt mehrerer gedacht werden. Eine fürstliche Frau verwandte viele Jahre einen Theil ihres Ueberflusses in wahrhaft fürstlicher Weise dergestalt, daß sie verkommenen Bauersleuten Ackerstücke zur Vergrößerung und Abrundung ihres Gütchens ankaufte, zur Erweiterung ihres Viehstandes beisteuerte und durch das Schenken von Saatfrüchten u. dgl. so lange nachhalf, bis in wenigen Jahren aus dem proletarischen Bauern ein ordentlicher Bauer geworden war. Es war mir gestattet, genauere Einsicht vom Gang dieses Verfahrens und seinen Erfolgen zu nehmen, und ich muß gestehen, daß letztere wahrhaft überraschend waren, namentlich im Verhältniß zu den aufgewandten Mitteln. Eine solche Art der Wohlthätigkeit überragt um deßwillen jede andere, weil nicht bloß einem Einzelnen augenblicklich geholfen wird, sondern ganze Familien gediegen gemacht werden, und Kindern und Enkeln, soweit es menschenmöglich, ein festerer Bestand gesichert wird. Wenn durch den Staat, wie durch Vereine eine Unterstützung der verkommenen Bauern auf diese Weise umfassender ausgebildet würde, dann wäre das nicht nur ein Act der Menschlichkeit, sondern auch einer sehr gesunden Politik.

 

Dem Bauern seinen festen Besitzstand zu sichern, diesen da, wo er sich bereits zersplittert hat, wieder auszurunden, ist eine der ersten Aufgaben nicht bloß für den Nationalökonomen, sondern geradezu für den conservativen Staatsmann.

 

Aber der Besitz allein genügt nicht, den Bauer zufrieden zu halten und ihn in seinem angeborenen conservativen Charakter zu festigen. Der Bauer ist in seiner Gemeinde zu Haus, und hier muß er sich behaglich fühlen. Es ist sehr verkehrt zu glauben, die Gemeindeverfassung für Stadt und Dorf müsse nach der gleichen Schnur geregelt werden. In einem größern Lande wird nicht einmal die nämliche Dorfgemeindeverfassung für alle Gegenden gleich praktisch seyn. Da das Gemeindewesen möglichst auf Sitte und Herkommen gegründet seyn soll, so muß man hier schon den Sondergeist des Bauern, soweit er höheren Interessen nicht zuwiderlauft, ein wenig walten lassen. Wo aber der moderne Staat sämmtliche Gemeinden rechtlich bereits in Einen Topf geworfen, da lasse man wenigstens die Sitte, welche so häufig das Recht ersetzt, eigenartig sich gestalten. Der Bauer ist mißtrauisch gegen die »Herren,« selbst wenn er mit ihnen auf der nämlichen Bank im Landtage sitzt. Er wird aber auch oft mißtrauisch gegen den ganzen Landtag, weil er so viele seinem beschränkten Gesichtskreis ganz fremde Interessen überwiegend dort vertreten findet. Die Idee des ganzen und einheitlichen Volkes, wie sie der constitutionelle Staat richtig erfaßt, ist ihm überhaupt noch etwas dunkel. Er sieht Bauern und Nichtbauern, Freunde und Fremde, und wie er über der Gemeinde oft den Staat nicht sieht, so sieht er über den Bauern das Volk nicht. Nun können wir aber doch den Bauern zulieb die alten Ständetage nicht wiederherstellen. Allein wir können den Bauer erziehen für die Idee des Volkes und der einheitlichen, vollen Volksvertretung. Dies geschieht, wenn wir die Bauern und die andern natürlichen Stände als solche wählen lassen zum Landtage, den Landtag selber aber als eine Vertretung des Volkes, nicht der Stände fassen. Es ist hier nicht der Ort, diesen Gedanken weiter auszuführen, es ist auch jetzt nicht an der Zeit, ihn zu verwirklichen. Wenn aber einmal der blinde Haß gegen alles, was nur von ferne wie ein Stand aussieht, einem ruhigen und objectiven Einblick in die natürliche Gliederung des Volkes gewichen seyn wird, dann wird man auch erkennen, daß eine aus ständischer Wahl hervorgegangene allgemeine Volksvertretung nicht bloß das richtigste und vollständigste verjüngte Abbild des ganzen Volkes geben, sondern auch das Mißtrauen des Bauern gegen die Landtage brechen wird, die ihm jetzt noch als von den Städtern einseitig beherrscht erscheinen.

 

Man läßt unsere jungen Beamten erstaunlich viel studiren. Daß sie auch die Bauern studiren möchten, daran denkt kein Mensch. Ein so tief eingreifender Verkehr mit den Bauern, wie er dem richterlichen und Verwaltungsbeamten meist zufällt, erfordert aber sein eigenes Studium. Die bureaukratische Zumuthung, daß umgekehrt der Bauer den Beamten studiren müsse, ist ganz verkehrt. Wüßten unsere Beamten durchschnittlich sich besser in das Wesen des Bauern zu finden, so wäre der Haß des letzteren auf die »Schreiber« nicht so gewaltig geworden. Ueber das Wesen des Bauern kann man freilich auf Hochschulen keine Collegien hören. Der Staat mißt und belohnt seine Beamten nach dem Normalmaß der Kenntnisse und der technischen Fertigkeit. Ob der Beamte die rechte Persönlichkeit besitzt, ob er sich einzuleben versteht in Sitte und Charakter des Volksschlages, mit welchem er zu verkehren hat, das ist für den modernen Staat eine unwägbare Größe. Der feindselige Gegensatz des Bauern zum Beamten wird aber so lange fortbestehen, als dem Beamten das Studium des Bauern gleichgültig ist. Es wird damit gar nicht behauptet, daß er gerade artiger gegen den Bauer seyn müsse. Die alten Amtleute zu unserer Großväter Zeit, von denen fast überall die Sage geht, daß sie die Bauern gar erbärmlich geschunden und geplagt, trafen bei aller Grobheit doch Charakter und Art des Bauern, sie zeigten ihm den Mann, wovor er allein Respect hat, sie waren im Verkehr mit dem Landvolke und nicht am Schreibtisch aufgewachsen, und kamen daher trotz ihren Gewaltstreichen besser mit dem Bauersmann zurecht, als unsere modernen Beamten, die ihm heute zu grob und morgen zu artig sind. Will der richterliche Beamte sein Studium des Bauern recht fruchtbar machen, dann lege er sich eifrigst darauf, der Proceßkrämerei unter den Bauern zu steuern. Durch allgemeine Satzungen läßt sich hier nichts ausrichten. Die Krankheit sitzt den Bauern im Blut. Nur die Persönlichkeit des Beamten, nur seine gründliche...

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