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E-Book

Die Einzelkinder

Wovon Chinas neue Generation träumt

AutorAlec Ash
VerlagHanser Berlin
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783446254305
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Über 300 Millionen Chinesen sind zwischen 16 und 30 Jahre alt. In sechs großartig erzählten und miteinander verwobenen Porträts fängt Alec Ash das Lebensgefühl dieser unüberschaubaren Generation ein, die in den Boomjahren nach Deng Xiaopings Reformen geboren wurde. Diese jungen Menschen hegen ganz unterschiedliche Träume für ihre Zukunft und ringen doch alle um ihren Platz in einer Gesellschaft, die von rasantem Wandel und enormem Konkurrenzkampf geprägt ist. Eindrücklich vermittelt Ash, wie es sich anfühlt, heute in China erwachsen zu werden, und wie diese riesige Generation tickt, die in den kommenden Jahren nicht nur ihr eigenes Land prägen und verändern wird.

Alec Ash, 1986 in Oxford geboren, lebt seit 2008 als Autor und Journalist in Peking. Er hat u. a. für The Economist, Foreign Policy und Salon geschrieben. Zurzeit ist er Korrespondent für die Los Angeles Review of Books. Zudem ist er Mitgründer von the Anthill, einer Plattform für Geschichten über China, ob Literatur oder Sachbuch.

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Leseprobe

Xiaoxiao


Die Früchte kamen aus ganz China. Äpfel aus Xinjiang, Birnen aus Hebei, Mandarinen aus Zhejiang und Fujian. Sehr oft gab es auch Drachenfrüchte von der Insel Hainan im tiefen Süden, oder Büschel von Babybananen am Stamm: diese ganze Fülle, die die fruchtbare Erde dem Land schenkte. Sie wurden von dreizehn Meter langen Lkws zur Hintertür des Obstladens gebracht, den Xiaoxiaos Eltern im hohen Norden betrieben, wo keine Früchte gediehen.

Hier, nördlich der Mauer, zupfte der Winter die Haut von den Fingern. Die langgestreckte raue Ebene nördlich von Beijing, die vormalige »Mandschurei«, die heute auf Chinesisch nur noch schlicht »der Nordosten« genannt wird, bildet den Kopf des Hahns, den die Silhouette Chinas darstellt. Von dessen Kamm aus kann man das Nordlicht und die Mit­ternachtssonne sehen. Die Temperaturen sinken bis auf mi­nus 40 Grad Celsius, und der Schnee fällt oftmals hüfthoch. Man findet noch ein paar einsame Sibirische Tiger, die ohne ordnungsgemäße Visa von Russland aus über die Grenze streunen.

Die Provinz Heilongjian ist nach dem »Fluss des Schwarzen Drachen« benannt, der sich entlang der Grenze zu Russland schlängelt. Vier Zugstunden von der Provinzhauptstadt entfernt, versteckt zwischen der Inneren Mongolei im Westen und Sibirien im Norden, liegt Nehe. Reihen ein­förmiger Wohnblöcke befinden sich noch im Bau, als wäre die Stadt unvermittelt aus der tundraartigen Landschaft gesprossen. Wäre da nicht der gefrorene Fluss, über den man im Winter mit einem Lastwagen fahren kann, könnte es jede andere kleine chinesische Stadt mit einer halben Million Einwohner sein. Hier kam am 4. September 1985 Liu Xiao zur Welt.

Sie wurde zu Hause, im Bett ihrer Eltern, von einer Hebamme entbunden. In der ersten Stunde schrie Liu nicht, und alle waren ganz aufgewühlt vor Sorge. Da begann sie aus vollem Halse zu brüllen, und sie wünschten unter Tränen, sie möge aufhören. Im Alter von sieben Tagen wurden ihre Ohrläppchen, einem alten Brauch gemäß, mit einer Nadel und rotem Zwirn durchstochen, um dem Kind Glück und Gesundheit zu bringen. Sieben Tage brauchten auch ihre Eltern, um einen Namen für sie zu finden; auf der Suche nach einem Schriftzeichen, das ihnen gefiel, blätterten sie ein dickes Wörterbuch durch. Schließlich entschieden sie sich für xiao, was »Himmel« beziehungsweise »Wolken« bedeutet und Bestandteil einer Redewendung über ein lautes Geräusch ist, das im Himmel widerhallt – wie ihre ersten ohrenbetäubenden Schreie. In anderer Betonung bedeutet das Wort »klein«, und von Kindesbeinen an lautete ihr Kosename Xiaoxiao, kleine Xiao.

Da Xiaoxiao ein Mädchen war, würde, sollte sie später einmal heiraten, ihr eigenes Kind den Familiennamen Liu nicht weitertragen. Die Ein-Kind-Politik, die – bald nachdem Deng Xiaoping Chinas Reformära einleitete – von 1980 an konsequent umgesetzt wurde, um das hohe Bevölkerungswachstum zu bremsen, bedeutete, dass es Xiaoxiaos Eltern verboten wäre, ein zweites Kind zu bekommen. Aber viele Familien hatten sich noch immer nicht richtig mit der Idee angefreundet, vor allem außerhalb der städtischen Ballungszentren, und das Gesetz wurde keineswegs konsequent angewandt. Xiaoxiaos Eltern warteten vier Jahre, bis der Vater seine streng überwachte Arbeitseinheit verließ, bekamen dann trotzdem ein zweites Kind – einen Sohn – und kamen davon, ohne die dafür vorgesehene happige Geldstrafe zahlen zu müssen.

Diese »nach 1980 geborenen« Einzelkinder, die alle Hoffnungen und Wünsche auf ihren Schultern tragen, welche ihre Eltern in den Mao-Jahren selbst nicht verwirklichen konnten, werden in früher Kindheit auf geradezu groteske Weise verhätschelt. Jedes Mal, wenn sie hinfallen, hilft man ihnen auf die Beine, und sie werden in mehr Watte eingepackt als eine kostbare Porzellanvase vor dem Transport. Nimmt man die Aufmerksamkeiten zweier Großelternpaare hinzu, kennen Fürsorge und Verzärtelungen keine Grenzen mehr. In ihren ersten Wintermonaten kam Xiaoxiao nur gelegentlich unter den Schichten von Thermowäsche zum Vorschein, und ihre Wangen hatten den gleichen Farbton wie ihre purpurrote, gefütterte Jacke.

Bis zu ihrem siebten Lebensjahr lebte sie bei ihren Großeltern mütterlicherseits in einem Weiler auf dem Land, zwei Fahrstunden von Nehe entfernt. Ihr Haus mit umbautem Innenhof beherbergte Schweine, Gänse, Enten, Hühner und einen Hund, und es gab nur ein Bett – ein Podest aus gestampfter Erde über einem Kohleofen, ein sogenannter kang –, auf dem Großmutter, Großvater und Xiaoxiao in einem Bündel kuscheliger Wärme schliefen. Wände und Decke waren mit mehreren Schichten Zeitungspapier beklebt; Schlagzeilen über Deng Xiaopings Reise durch den Süden Chinas in den frühen neunziger Jahren fanden so noch ein­mal als billiges Isoliermaterial Verwendung. Die einzige Unterhaltung bestand darin, alten Volkserzählungen im Radio zu lauschen, während Xiaoxiao auf dem Schoß ihrer Großmutter saß.

Es ist in China gang und gäbe, dass die Großeltern ein Kind aufziehen, während Mutter und Vater in der Stadt in winzigen Wohnungen hausen und so viele Überstunden wie möglich machen, um Geld auf die hohe Kante zu legen. Zigmillionen Angehörige der Nach-Achtziger-Generation sind so aufgewachsen. Jene Kinder auf dem Land, deren Eltern sich als Wanderarbeiter weit weg verdingen, nennt man »zurückgelassene Kinder«. So unterschiedlich die jeweiligen Umstände auch sein mögen, geht es doch an niemandem spurlos vorüber, von den Eltern getrennt zu sein. Xiaoxiaos Mutter erinnert sich schmerzlich daran, wie sie einmal ihre Tochter in Nehe besuchte, nachdem sie ein halbes Jahr fort gewesen war. Sie ging ins Haus, um ihr Kind zu umarmen, doch Xiaoxiao erkannte sie nicht wieder und lief weg, um sich hinter Großmutters Schürze zu verstecken.

Bald darauf kehrte Xiaoxiao wieder zu ihren Eltern zurück, in die Wohnung, in der sie zur Welt gekommen war. Ganz in der Nähe, am Rand der Stadt, befand sich der elterliche Früchtegroßhandel. Sie spielte gern in der Lagerhalle, in der es nach Äpfeln duftete. Pappkartons stapelten sich bis zur Decke und bildeten Fluchten, die mit jeder neuen Lieferung enger wurden. Anfangs glaubte sie, die vorfahrenden Lastwagen kämen aus der nahen Umgebung oder vielleicht aus dem Dorf der Großeltern. Dann zeigte ihr Vater ihr auf einer Karte Chinas, woher einige der Früchte stammten, und von da an betrachtete sie die Lastwagen mit anderen Augen.

Als Xiaoxiao in den ersten Schuljahren die Tausenden von Schriftzeichen erlernte, die man beherrschen muss, um Chinesisch lesen und schreiben zu können, ordnete sie die Ortsnamen auf den Obstkartons Orten auf der Landkarte zu. Sie fragte ihre Mutter über diese exotischen Orte aus, und die Mutter – die nie weiter als bis nach Beijing gekommen war – rasselte die gängigen Stereotype herunter. Süße Granatäpfel aus Xinjiang? Dort gibt es Datteln und eine Wüste. Pralle Äpfel aus Henan? Die Menschen in Henan sind Schwindler. Übel riechende Durian-Früchte aus Guangdong? Da unten essen sie alles, was sich bewegt.

Die weite Ferne erschien umso verlockender, als es in Nehe keinerlei Vergnügungen gab. In den neunziger Jahren war die Stadt noch kleiner, nur vereinzelt fuhren Autos auf den Straßen, und lediglich an der zentralen Kreuzung der Hauptstraße, die »Zentrale Straße« genannt wurde, gab es eine Ampelanlage. Ein bei Teenagern beliebtes Getränk zum Aufwärmen war aufgekochte Cola. Die etwas Älteren zogen starken baijiu-Schnaps vor, der aus Sorghumhirse und Reis gebrannt wurde, was ihnen jenen Ruf einbrachte, auf den die Menschen im Nordosten stolz sind: extrem trinkfest und von hitzigem Gemüt zu sein. In einem Heilongjiang-Winter sind Saufen und Raufen die einzige Abwechslung.

Xiaoxiao aß lieber Süßigkeiten. Der Laden gleich neben ihrer Grundschule hatte eine reichhaltige Auswahl: Erd­nussnougat, White-Rabbit-Konfekt, Pfennig-Bonbons in raschelnder Verpackung mit dem Bild eines strengen alten Mannes darauf, tiaotiaotang-Pulver, das süß wie Zucker auf ihrer Zunge knisterte. Sie hatte außerdem drei Plastikpuppen und stickte selbst die Kleider für sie – mit Pailletten besetz­te Tops, mit Perlen bestickte Hüte und Hochzeitskleider; sie hatte diese Fertigkeit von ihren zwei Tanten gelernt, die beide Schneiderinnen waren. Eine der Puppen hatte blondes Haar und blaue Augen, ein billiges Barbie-Imitat, das sie »Meerbaby« nannte. Die drei Puppen waren selbstverständlich beste Freundinnen und fuhren zusammen in Urlaub – in die Wüsten Xinjiangs, nach Henan, wo die Menschen Schwindler sind, und nach Guangdong, wo die Leute alles essen, was sich bewegt.

Die Zeit um das chinesische Neujahr, auch »Frühlingsfest« genannt, mochte Xiaoxiao am liebsten. Es waren zwei Wochen des Feierns und Schlemmens, die den ersten Monat des chinesischen Mondkalenders einläuteten und mit einem großen Familienessen am Silvesterabend begannen. An den folgenden Tagen verzehrte man die Reste und stattete immer entfernteren Verwandten einen Besuch ab. Zusammen mit den anderen Kindern erhielt Xiaoxiao verzierte rote Umschläge, die kleine »Glücksgeldscheine« enthielten. Im städtischen Park zündeten Menschen auf dem gefrorenen Teich Feuerwerkskörper und Böller, und sie schlitterten gerade noch rechtzeitig zur Seite, bevor es knallte oder zischte. Am letzten Abend der Feierlichkeiten, dem Laternenfest, liebte sie es, dabei zuzusehen, wie die Wunschlaternen aufstiegen.

Das Fernsehen spielte an diesen Feiertagen ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie sah sich Kleiner Drachenclub und Polizeichef Schwarze Katze an, chinesische Zeichentrickfilme sowie das japanische Anime...

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