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E-Book

Die Erfahrung der Welt

AutorNicolas Bouvier
VerlagLenos Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl443 Seiten
ISBN9783857875854
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
1963 erschien 'L'Usage du monde' ('Die Erfahrung der Welt'), das Erstlingswerk des Genfer Schriftstellers und Fotografen Nicolas Bouvier. Das Buch gehört heute zu den Klassikern der modernen Reiseliteratur. Der Text ist das Ergebnis einer fast zweijährigen Reise, die Nicolas Bouvier mit dem Maler Thierry Vernet 1953/54 unternahm. Die beiden Freunde fahren mit einem Fiat Topolino 'in sehr gemächlichem Tempo' via Balkan, Türkei und Iran nach Afghanistan. Sie nehmen sich viel Zeit für die Entdeckung eines sowohl archaisch wie surreal anmutenden Kulturraums, wobei ihre Erfahrungen und Begegnungen mitunter an ein tragikomisches Welttheater erinnern. So wie sich dieses 'langsame Reisen' an die Fremde herantastet, erkundet der Autor geduldig die Welt der Sprache, indem er den Reichtum der Dinge mit demjenigen der Worte zu verbinden versucht. Dabei entstehen atmosphärisch eindringliche Beschreibungen und farbige Porträts, durchdrungen von einem melancholischen Humor.

Nicolas Bouvier (1929-1998) wuchs in Genf auf und machte schon als 16-Jähriger erste Reisen nach Frankreich und Italien. Nach dem Studium der Geistes- und Rechtswissenschaften in Genf fuhr er 1953 mit seinem Auto über Jugoslawien, die Türkei und den Iran nach Afghanistan. 1955 Weiterreise nach Japan. 1956 Rückkehr in die Schweiz. In den sechziger Jahren unternahm er mehrere ausgedehnte Reisen, u.a. nach Japan, China und Korea.

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Leseprobe

Ein Duft von Melonen


Belgrad


Es schlug gerade Mitternacht, als ich vor dem Café Majestic hielt. Auf der Strasse war es noch warm, es herrschte eine freundliche Stille. Durch die Spitzenvorhänge beobachtete ich Thierry drinnen im Café. Er hatte einen Kürbis in natürlicher Grösse aufs Tischtuch gezeichnet, den er jetzt, um die Zeit totzuschlagen, mit winzigen Kernen füllte. Der Friseur von Travnik hatte ihn offenbar nicht oft zu Gesicht bekommen. Mit seinen Haarbüschelchen auf den Ohren und seinen blauen Äuglein sah er wie ein mutwilliger, erschöpfter junger Haifisch aus.

Ich schaute lange durchs Fenster, bevor ich mich an seinen Tisch setzte. Wir stiessen an. Ich war glücklich, dass unser alter Plan endlich Gestalt annahm, er, dass er Gesellschaft bekam. Es war ihm schwergefallen, sich loszureissen. Er hatte, ohne jedes Vortraining, zu lange Fussmärsche unternommen, und die Müdigkeit machte ihn missmutig. Während er, mit wunden Füssen und Schweissperlen auf der Stirn, Weiten durchwanderte, wo Bauern lebten, die er nicht verstand, hatte er alles in Frage gestellt. Die ganze Unternehmung schien ihm absurd. Ein romantischer Blödsinn. In Slowenien hatte ein deutschsprechender Gastwirt angesichts seiner abgezehrten Miene und seines übergewichtigen Rucksacks freundlich gesagt: „Ich bin nicht verrückt, Meister, ich bleibe zu Hause!“ Das machte die Sache nicht besser.

Dann hatte er einen Monat lang in Bosnien gezeichnet, und das brachte ihn wieder auf die Beine. Als er mit seinen Zeichnungen unterm Arm in Belgrad anlangte, hatten ihn die Kollegen von der ULUS (Vereinigung der serbischen Maler) wie einen Bruder aufgenommen und ihm irgendwo in der Vorstadt ein leeres Atelier aufgestöbert, wo wir beide wohnen konnten.

Wir setzten uns in den Wagen. Das Atelier lag tatsächlich sehr weit draussen. Erst musste man über die Save-Brücke fahren und dann den Radspuren folgen, die dem Ufer entlangliefen, bis zu einem von Disteln überwucherten Terrain, auf dem ein paar verfallene Pavillons standen. Thierry hiess mich vor dem grössten halten. In tiefer Stille bugsierten wir das Gepäck eine finstere Treppe hinauf. Ein Geruch nach Terpentin und Staub schnürte einem die Kehle zu. Die Hitze war erdrückend. Ein mächtiges Schnarchen drang durch die halboffenen Türen und hallte im Treppenhaus wider. Thierry hatte sich als methodischer Clochard mitten in einem riesigen, kahlen Raum auf einem Stück sauber gefegten Fussboden eingerichtet, in sicherer Entfernung von den zerbrochenen Fensterscheiben. Eine rostige Sprungfedermatratze, sein Zeichenmaterial, die Petroleumlampe und auf einem Ahornblatt eine Wassermelone und ein Stück Ziegenkäse. Die Wäsche von heute trocknete an einer ausgespannten Schnur. Es war frugal, aber so natürlich, dass ich das Gefühl hatte, er erwarte mich hier schon seit vielen Jahren.

Ich breitete meinen Schlafsack auf dem Fussboden aus und legte mich in den Kleidern nieder. Schierling und Hundspetersilie wucherten so hoch, dass ihre weissen Dolden zum offenen Fenster hereinschauten. Die Sterne am Sommerhimmel leuchteten sehr hell.

Es gibt keine Tätigkeit, die einen mehr in Anspruch nimmt als das Nichtstun in einer neuen, unbekannten Welt.

Die Vorstadt zwischen dem hohen Bogen der Save-Brücke und dem Zusammenfluss von Donau und Save gleisste unter der Glut des Hochsommers. Sie verdankte ihren Namen Saimischt (Messe) den Überresten einer landwirtschaftlichen Ausstellung, die dann von den Nazis in ein Konzentrationslager umgewandelt wurden. Juden, Widerstandskämpfer und Zigeuner waren hier vier Jahre lang zu Hunderten gestorben. Als der Friede kam, hatte die Stadtverwaltung die grausigen Baracken, Überreste des Wahnsinns, recht und schlecht neu verputzt, um sie den Künstlern zur Verfügung zu stellen, die Stipendien vom Staat erhalten hatten.

Die unsrige – schlecht schliessende Türen, zerbrochene Fenster, widerspenstige Wasserspülung – enthielt fünf Ateliers, abgestuft vom äussersten Mangel bis zu einer luxuriösen Boheme. Die beiden bedürftigsten Hausgenossen, die vom ersten Stock, trafen sich jeden Morgen mit dem Rasierpinsel in der Hand bei der Wasserleitung auf dem Treppenvorplatz, gleichzeitig mit dem Portier, einem Kriegsverletzten, dessen Mütze an der Schädelplatte festgeschraubt war. Man musste ihm die Haut am Kinn straffen, während seine einzige Hand vorsichtig die Rasierklinge darüber führte. Er war ein kränklicher Mensch, äusserst misstrauisch, der nichts anderes zu tun hatte, als eine Tochter, die gerade alt genug für Fehltritte war, zu beaufsichtigen und in den sogenannten Toiletten Taschentücher, Feuerzeuge, Füllfedern und ähnliche Schätze einzusammeln, die ein zerstreuter Benützer vergessen haben mochte, denn es waren türkische Latrinen, in denen man die Taschen leeren muss, ehe man niederhockt. Der Literaturkritiker Milovan, der Keramiker Anastase und Vlada, ein bäuerlicher Maler, bewohnten die Ateliers im Parterre. Stets bereit zu helfen, uns als Dolmetscher zu dienen, eine Schreibmaschine, eine Spiegelscherbe, eine Handvoll grobes Salz zu leihen oder, falls sie ein Aquarell oder einen Artikel verkauft hatten, das ganze Haus zu einem lärmenden Festmahl einzuladen mit Weisswein, Paprika, Käse, gefolgt von einer gemeinsamen Siesta auf dem sonnenbeschienenen nackten Bretterboden. Gott weiss, dass sie kärglich lebten, doch die dunklen Jahre der Besetzung und des Bürgerkrieges hatten sie gelehrt, wie kostbar der Friede ist, und in Ermangelung von Komfort besass Saimischt seine ureigene Gemütlichkeit. Es war eine Wildnis von Feldmohn, Kornblumen, blühendem Unkraut, die zum Sturm auf die verkommenen Gebäude anrückte und die Zufallsbuden und Schuppen, die ringsum aufgeschossen waren, in ihrem grünen Schweigen erstickte. Im Pavillon neben uns hauste ein Bildhauer. Nachts schlief er, das Kinn vom Bartwuchs geschwärzt, seine Hämmer wie Revolver im Gürtel, auf einem Strohsack zu Füssen des Standbilds, das er gerade vollendete: ein Partisane mit nacktem Oberkörper, die Faust um die Maschinenpistole geballt. Er war der Reichste der ganzen Gesellschaft, denn die Lage war für ihn günstig; mit Aufträgen für Grabdenkmäler, Sterne aus rotem Granit, Standbilder von Partisanen, die gegen einen Sturm von zweihundert Stundenkilometern ankämpften, war er für mindestens vier Jahre eingedeckt. Das war ganz folgerichtig: Sobald sie nicht mehr Sache von Geheimausschüssen sind, fassen die Revolutionen festen Fuss, versteinern und werden rasch zur Sache von Bildhauern. In einem Land wie Serbien, das sich ständig in Kampf und Auflehnung befand, steht ihnen bereits ein grosser heroischer Fundus zur Verfügung – sich aufbäumende Pferde, gezückte Säbel, Komitadschis –, aus dem zu schöpfen genügt. Diesmal war es allerdings schwieriger. Die Befreier hatten den Stil gewechselt: Sie sassen nicht mehr hoch zu Ross, sondern standen mit kurzgeschorenem Haar und sorgenvollen, mürrischen Gesichtern auf ihren eigenen Füssen, und nur das Löffelchen Rosenkonfitüre, das der Bildhauer den Besuchern nach serbischer Sitte anbot, erinnerte an eine sanftere, weniger martialische Welt.

Am anderen Ende des verwilderten Terrains diente ein Eisschrank, der neben einem Schnapsausschank stand, als Briefkasten und Versammlungsort für alle, die hier mit ihren Hühnern und Kochtöpfen zwischen Himmel und Gestrüpp lebten. Von dort holte man sich schwere Blöcke von erdigem, grobkörnigem Eis und eine Art Eiscreme aus Ziegenmilch, deren säuerlicher Geschmack einem bis zum Abend im Mund blieb. Die Kneipe hatte nur zwei Tische, an denen die Lumpensammler des Bezirks – rotäugige, flinkblickende Alte, die schon so lange miteinander im Mist wühlten, dass sie einander glichen wie Frettchen vom selben Wurf – in den heissesten Stunden ihr Schläfchen abhielten oder ihre Beute sortierten.

Hinter dem Eisschrank erstreckte sich der Bereich eines ukrainischen Trödlers, der inmitten seiner Schätze in einem sehr sauberen Verschlag hauste: ein gewichtiger Mann mit einer Mütze mit Ohrenklappen, der einen Haufen abgetragene Schuhe und einen Haufen ausgebrannte oder zerbrochene Glühbirnen besass und sein Geschäft im grossen Massstab führte. Ein Hügel aus lecken Blechkannen und geplatzten Luftschläuchen vervollständigte sein Warenlager. Das Erstaunliche war die grosse Zahl von Kunden, die mit ihren „Einkäufen“ unterm Arm sein Lager verliessen. Unterhalb einer gewissen Stufe von Armut gibt es nichts, womit man nicht handelt. In Saimischt konnte ein einzelner Schuh, auch wenn er durchlöchert war, ein gutes Geschäft bedeuten, und der Hügel des Ukrainers wurde oft von blossen Füssen erklommen und mit funkelnden Blicken abgesucht.

Längs der Strasse nach Zemun, gegen Osten zu, ragten aus einem Meer von Disteln die Fundamente der Satellitenstadt Novi-Beograd empor. Die Regierung hatte sie gegen das Gutachten der Geologen auf einem schlecht drainierten Terrain zu errichten begonnen. Doch auch die erhabenste Behörde vermag nichts gegen einen zu weichen Boden, und anstatt sich von der Erde zu erheben, beharrte Novi-Beograd darauf, in ihr zu versinken. Vor zwei Jahren hatte man den Bau aufgegeben, und nun reckten sich seine blinden Fenster und verbogenen Stahlträger, auf denen die Käuzchen hockten, zwischen uns und dem freien Land. Novi-Beograd markierte eine Grenze.

Um fünf Uhr früh durchbohrte die Augustsonne unsere Augenlider, und wir gingen auf der anderen Seite der Saimischt-Brücke in der Save baden. Unter den Sohlen weicher Sand, ein paar Kühe zwischen den Erlen, ein kleines Mädchen mit Kopftuch, das die jungen Gänse weidete, und in einem Granattrichter ein schlafender Bettler, der sich mit Zeitungen zudeckte. Etwas später kamen...

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