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Die Erziehung im Kinderheim unter Einbezug der Eltern. Zur (problematischen) Kooperation zwischen Eltern und Erziehern

ohne Eltern geht es nicht!?

AutorAnnika Duderstadt
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl76 Seiten
ISBN9783640122264
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Sozialpädagogik / Sozialarbeit, Note: 1,0, Fachhochschule Braunschweig / Wolfenbüttel; Standort Braunschweig, 65 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Der Mythos vom Heim als totale Institution, in der Kinder und Jugendliche 'aufbewahrt' werden, entspricht schon lange nicht mehr den Zuständen stationärer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen in Deutschland. Vielmehr hat auch hier eine Modernisierung stattgefunden, die zu einer ausdifferenzierten Heimlandschaft beigetragen hat. Nichtsdestotrotz sind Heime auch heutzutage vor allem Lebensorte für Kinder, deren Eltern mit der Erziehung überfordert sind und deshalb staatlicher Unterstützung bedürfen. Heimkinder waren in ihrer Herkunftsfamilie häufig schwierigsten Bedingungen ausgesetzt, die einen dortigen Verbleib unmöglich gemacht haben. Wenn Heimmitarbeiter von den teils traumatischen Erlebnissen der Kinder erfahren, sind sie leicht dazu geneigt, einseitig für das Kind Partei zu ergreifen und sich damit gegen die Eltern des Kindes zu stellen. Die Einbeziehung der Eltern ist dabei für sie nicht mit dem Kindeswohl vereinbar, schließlich haben sich die Eltern durch ihre schädigenden Handlungen das Recht auf die Pflege und Erziehung ihres Kindes verwirkt. Doch eine derart starre Haltung der Fachkräfte, kann vor dem Hintergrund der aktuellen rechtlichen Lage nicht aufrecht erhalten werden, da die Heime einen gesetzlichen Auftrag haben, der sie zur Elternarbeit verpflichtet. Wie eine solche Kooperation zwischen Fachkräften und Eltern zu gestalten ist, darüber herrscht bisher noch Uneinigkeit, da es begünstigt durch die Formenvielfalt der Heime bisher keine einheitlichen Standards zur Umsetzung dieser Aufgabe gibt.

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Leseprobe

2.   Situation der Heimerziehung in Deutschland heute


 

Die Erziehung im Heim wird auch heute noch häufig als „letztes Mittel“[9] stigmatisiert. Bevor ein Kind im Heim untergebracht wird, versucht die Jugendhilfe in der Regel mit ambulanten oder teilstationären Hilfen, eine Herausnahme des Kindes aus der Familie zu verhindern. Doch was bedeutet Heimerziehung eigentlich genau? Um diese Frage zu klären, wird zunächst ein Überblick über diese Hilfeform gegeben.

 

2.1.Heimerziehung im Kontext des Kinder- und Jugendhilfegesetzes


 

Mit dem Inkrafttreten des Sozialgesetzbuches (SGB) VIII[10] in den Jahren 1990/1991 wurden die Rechte der Eltern eindeutig gestärkt. Lebensweltorientierung[11] und Partizipation stellen seitdem die Leitnormen dieses Gesetzes dar[12]. Dieses präventive, angebotsorientierte Gesetz enthält einen differenzierten „Leistungskatalog“ an ambulanten, teilstationären und stationären Hilfen.

 

Heimerziehung ist eine der Erziehungshilfen, auf die Personensorgeberechtigte bei Vorliegen entsprechender Voraussetzungen einen rechtlichen Anspruch haben. Dabei steht Heimerziehung als eine stationäre Hilfe gleichberechtigt neben den anderen Angeboten[13].

 

Die Erziehung der Kinder ist laut Grundgesetz das natürliche Recht der Eltern[14]. Damit werden die Stellung und der Wert der Familie hervorgehoben, denn die Familie ist vor staatlichen Eingriffen geschützt. Jedoch „wacht die staatliche Gemeinschaft“[15] darüber, ob die Erziehung zum Wohl des Kindes ausgeführt wird. Jugendhilfe setzt ein, wenn Eltern Schwierigkeiten bei der Erziehung ihrer Kinder haben, um sie bei der Erfüllung dieser Aufgabe zu unterstützen. So sollen die Erziehungsfähigkeit der Eltern gestärkt und die Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien verbessert werden.

 

Hilfe zur Erziehung zählt zu den Leistungen der Jugendhilfe. Personensorgeberechtigte haben einen Anspruch darauf, „wenn eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“[16]. Mit Erreichen der Volljährigkeit sind Jugendliche selbst anspruchsberechtigt und müssen einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung stellen[17].

 

Da die Trennung der Kinder von der Familie einen massiven Eingriff bedeutet, ist bei jeder Hilfe zur Erziehung zu prüfen, ob „nicht ein Verbleib des Kindes in der Familie als die weniger schädliche Alternative anzusehen ist“[18]. In den letzten Jahren wurde das Angebot an ambulanten Hilfen stark ausgebaut. Dies ist auch mit dem Wandel des Selbstverständnisses der Jugendhilfe begründet, nämlich weg von der Eingriffsbehörde hin zur Jugendhilfe als soziale Dienstleistung. Ziel ist es, dass soziale Umfeld der Kinder zu erhalten, die familialen Ressourcen zu aktivieren und diese für die Lösung von Schwierigkeiten zu nutzen. Doch „reichen Qualität und Kapazität der elterlichen Erziehung nicht aus oder ist die Erziehung durch sie überhaupt nicht verantwortbar, ist eine ambulante Hilfe zur Erziehung ungeeignet“[19]. In diesem Fall kann eine Heimerziehung des Kindes sinnvoll sein. Diese

 

„Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung über Tag und Nacht (Heimerziehung) oder in einer sonstigen betreuten Wohnform soll Kinder und Jugendliche durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung fördern“[20].

 

Dabei soll Heimerziehung keine familienersetzende, sondern eine familienergänzende Hilfe darstellen. Die Eltern verlieren mit der Fremdunterbringung ihres Kindes nicht alle ihre elterlichen Rechte, sondern werden in den Hilfeprozess und dessen Gestaltung intensiv miteinbezogen. Dies wird schon an der Einleitung der Hilfe deutlich, denn nur in seltenen Fällen werden die Kinder gegen den Willen der Eltern, d.h. aufgrund eines gerichtlichen Sorgerechtsentzug, stationär untergebracht. Demnach stellen die meisten Eltern einen Antrag und erklären sich faktisch mit der Hilfe einverstanden. Dass diese Freiwilligkeit der Eltern in der Praxis häufig auf Druck des Jugendamtes hin erreicht wird, d.h. die Hilfe im Zwangskontext stattfindet, muss bei der Betrachtung sicherlich berücksichtigt werden[21].

 

Neben der Lebensweltorientierung ist die Partizipation, also die Beteiligung der Betroffenen, ein wichtiges Prinzip des KJHG. Diesem wird beispielsweise mit dem Wunsch- und Wahlrecht der Eltern entsprochen. So haben Personenberechtigte und das Kind bzw. der Jugendliche ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Einrichtung, wobei diesem Wunsch zu entsprechen ist, wenn dadurch nicht unverhältnismäßige Mehrkosten entstehen[22]. Da es sich bei der Heimerziehung meistens um eine längerfristig zu leistende Hilfe handelt, die eine Hilfeplanung voraussetzt, finden in regelmäßigen Abständen Hilfeplangespräche statt, an denen die Eltern und das Kind teilnehmen[23].

 

Die Beteiligung der Eltern am Hilfeprozess zeigt, dass die Eltern „jetzt Partner mit Rechtsanspruch auf Hilfe“[24] sind. Dadurch bleiben diese auch bei einer Fremdunterbringung für das Kind präsent und die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung wird geachtet.

 

2.2. Aufgaben und Ziele von Heimerziehung


 

Kinder und Jugendliche, die im Heim leben, waren in ihrer Herkunftsfamilie häufig großen Belastungen ausgesetzt. Untersuchungen haben ergeben, dass Heimkinder aufgrund desolater frühkindlicher Erfahrungen sehr oft eine unsichere Bindungsorganisation entwickelt haben[25]. Diese beeinflusst die Haltung und Erwartung, mit denen sie anderen Menschen gegenübertreten.

 

Ein Heim soll diesen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten, korrigierende Erfahrungen zu machen. So erleben Heimkinder durch soziales Lernen in der Gruppe die Bedeutung von Regeln, die Übernahme von Verantwortung u.v.m.. Voraussetzung dafür ist ein strukturierter Tagesablauf mit klaren Regeln und Grenzen, da gerade Heimkinder in ihrer Familie wenig Sicherheit und Orientierung erlebt haben und deshalb feste Strukturen benötigen. Ziel sollte sein, dass jedes Heimkind die Möglichkeit hat, eine sichere Bindung zu mindestens einer verlässlichen Bezugsperson aufzubauen, denn nachweislich sind sicher gebundene Kinder sozial kompetenter[26].

 

Die Arbeit im Heim zielt darauf ab, die Kinder und Jugendlichen zu fördern und deren Sozialisationsdefizite abzubauen. Dazu ist es notwendig, ein Heim so zu gestalten, dass ein Lernfeld entsteht, in dem sich diese Kinder günstig entwickeln können.

 

Das KJHG weist Heimen die Aufgabe zu, Kinder zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu erziehen[27]. „Gemeinschaftsfähig“ bedeutet unter anderem auch, dass die Kinder zu sozial angemessenem Verhalten in der Lage sind. Da viele Heimkinder aggressives oder deviantes Verhalten zeigen, geraten sie häufig in Konflikte mit anderen. Ein Heim schützt somit in gewisser Weise die Gemeinschaft vor den externalisierenden Störungen dieser Kinder und Jugendlichen[28].

 

Je älter die Kinder bei der Aufnahme im Heim sind, desto schwieriger ist die Erziehungsaufgabe, denn diese Kinder sind durch die familiäre Sozialisation in ihrem Verhalten schon sehr geprägt. Die Erwartung, dass Heimerziehung die Erziehungsschwierigkeit der Jugendlichen mit zumeist deprimierenden Lebensgeschichten beheben kann, erscheint utopisch und naiv[29]. Sinnvoller erscheint es deshalb, die relative Verbesserung ihrer Lebenssituation anzuerkennen und somit auch kleinere Erfolge wertzuschätzen.

 

Daneben ist das Heim ein Ort, an dem diese Kinder ihre oftmals traumatischen Erlebnisse verarbeiten können. Hierbei kommen pädagogische oder therapeutische Maßnahmen zur Anwendung.

 

In Krisensituationen bietet Heimerziehung die Möglichkeit, eine Distanz zwischen dem Kind und seiner Familie zu schaffen. Diese dient dazu, die angespannte Situation zu entschärfen und für eine Entlastung im Familiensystem zu sorgen[30]. Konflikte können so nicht weiter eskalieren und es wird eine Ausgangsbasis geschaffen, um die weitere Perspektive des Kindes zu klären. Ziel einer Erziehung im Heim ist in der Regel die Rückführung des Kindes in seine Herkunftsfamilie[31]. Um dieses Ziel zu verwirklichen, gehört es zu den Aufgaben der Heimerziehung, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu stärken und die Entwicklungsbedingungen des Kindes im familiären Milieu zu verbessern[32]. Hierfür ist es allerdings notwendig, dass jedes Heim Elternarbeit durchführt. Die Arbeit eines Heimes ist also familienorientiert, denn ohne eine Veränderung der familiären Kommunikations- und Interaktionsmuster kann eine Rückführung auf Dauer nicht...

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