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Die Französische Revolution

Programmatische Texte von Robespierre bis de Sade

AutorAntoine de Condorcet, Emmanuel Joseph Sieyès, François R, Jean-Paul Marat, Maximilien de Robespierre
VerlagPromedia Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl176 Seiten
ISBN9783853718063
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
Die Französische Revolution war ein Experimentierfeld für die Neugestaltung der modernen Gesellschaft. Auf allen gesellschaftspolitisch relevanten Ebenen wurden neue Praktiken ausprobiert und emanzipatorische Neuordnungsmodelle entworfen. Dieses 'Musterbuch der Moderne' experimentierte mit der politischen Ordnung, neuen ökonomischen und sozialen Beziehungen und Geschlechterverhältnissen sowie mit der politischen Kultur insgesamt. Der hier vorgelegte Band versucht, die ganze Spannbreite dieses programmatischen Aufbruchs in eine neue Epoche einzufangen. Dafür werden prägnante Originaltexte erläutert und dokumentiert, die für gesellschaftliche Entwicklungen bis heute relevant sind. Die Vielzahl der Themenbereiche umfasst: Aufstand und Revolution, Verfassung und Demokratie, Emanzipation und Demokratisierung der Gesellschaft, Sozialreform und Sozialismus, Antimilitarismus und Völkerrecht, schließlich auch programmatische Abgründe der Revolution.

Wolfgang Kruse, Jahrgang 1957, ist Professor am Historischen Institut der Fern-Universität in Hagen, Lehrgebiet Neuere und Europäische Geschichte. Er arbeitet zur Geschichte der Französischen Revolution, des Ersten Weltkriegs, der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung sowie des modernen politischen Totenkults in Deutschland.

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Leseprobe

Kapitel I: Aufstand und Revolution


Anonymus
Über die neuartige Erfahrung der Revolution


Dieser Text erschien in der kurzlebigen Zeitschrift „Révolutions de Versailles et de Paris“, einer Beilage zu der einflussreichen Pariser Zeitschrift „Révolutions de Paris“. Sie entstand anlässlich des als „Zug der Marktweiber von Paris nach Versailles“ bekannt gewordenen, zweiten großen Pariser Volksaufstands vom 5./6. Oktober 1789, dessen historische Bedeutung – nicht nur, aber auch durch die aktive Beteiligung vieler Frauen – in dem abgedruckten Textausschnitt kommentiert wird. Autor könnte der Journalist Sylvain Maréchal gewesen sein, der sich bereits vor der Revolution mit Zeitordnung und Geschichtsbewusstsein befasst hatte. In Frage kommt aber auch der Chefredakteur der „Révolutions de Paris“, Elisée Loustalot (1762–1790).

Diejenigen, die sich auf die Vergangenheit berufen, um die Gegenwart und die Zukunft zu beurteilen, wissen überhaupt nicht mehr, wie sie ihr System auf die gegenwärtige Revolution anwenden sollen; sie ähnelt in keiner Weise dem, was man in der Geschichte liest. Es wäre vergeblich, wenn man einen Vergleichsgegenstand für sie suchen würde; man würde ihn nicht finden: Alles, bis hin zu der Weise, in der diese Revolution sich vollzieht, gehört zu einer Sorte von politischen Ereignissen, die bis zum heutigen Tage unbekannt war. Man muss deshalb anerkennen, dass die Natur in den Möglichkeiten ihrer Verbindungen eine Ordnung der Dinge annehmen kann, von der man nicht einmal die Möglichkeit geahnt hätte, und dass sie, sei es in der Moral, sei es in der Physik, nicht immer dazu verurteilt ist, sich zu wiederholen.

In der Tat grenzt alles, was sich seit dem 1. Mai ereignet hat, an ein Wunder, sodass es niemanden gibt, der nicht meint, in einer Verzauberung zu leben. Wo wird das Ende unserer Überraschungen sein? Das ist etwas, was wir nicht wissen. (…)

Jean-Paul Marat
Rechtfertigung des Aufstands


Jean Paul Marat (1743–1793) war Mediziner und Autor und ab September 1789 Redakteur der Zeitschrift „L’Ami du peuple“, in der er auf radikale Weise die politischen und sozialen Interessen der unteren Bevölkerungsschichten zu vertreten versuchte und frühzeitig terroristische Tendenzen entwickelte. 1792 wurde er für Paris in den Nationalkonvent gewählt, wo er sich der Montagne (Bergpartei) anschloss. Am 13. Juli 1793 wurde der hautkranke Marat von der Royalistin Charlotte Corday in seinem Bad erstochen.

Der Artikel kritisierte das von der Nationalversammlung am 21. Oktober 1789 beschlossene Kriegsrecht gegen Volksaufstände. Die Auslassungen betreffen vor allem kritische Anspielungen auf Mirabeau.

Nein, es gibt durchaus kein Unglück, das man nicht Anlass hat, von diesem verderblichen Dekret zu erwarten; keine Attentate, für die es nicht die Grundlage bieten könnte.

Indem die Truppen beauftragt werden, gegen versammelte Bürger vorzugehen, zerstört es die Nation, die nur in der Versammlung der Individuen besteht. Indem es die Offiziere und Soldaten bestraft, die sich weigern ihre Väter zu unterdrücken, spaltet es die Bürger; es stellt sie in Konfrontation zueinander und zwingt sie, sich gegenseitig abzuschlachten.

Welche teuflische Raserei hat denn ihren vergifteten Atem über die Repräsentanten der Kommune geblasen? Narren! Glaubt Ihr, es ist eine Spitze von rotem Tuch (Fahne des Kriegsrechts, Anm. d. Hg.), die Euch vor den Folgen der öffentlichen Empörung schützt? Glaubt Ihr, es gibt irgendwelche ergebenen Schergen, die Euch gegen die gerechte Wut Eurer Mitbürger verteidigen? Das Volk verkauft sich niemals, und die Armee wird sich auch nicht mehr verkaufen. Gedungen von dem Fürsten, hat sie sich der Nation angeschlossen; gedungen von der Verwaltung, wird sie sich dem Volk anvertrauen. Das ist der Wille der Vernunft, das ist die Frucht der Aufklärung. Diese Intrigen treffen zuerst nur die geübten Augen des Philosophen; aber bald werden sie diejenigen der großen Menge treffen. Schon spürt sie die Härte Eures Jochs; schon klagt sie Euch für ihr Unglück an; und wenn sie Euch bei einem Fehler ertappt, wird sie sich ihrer Verzweifelung hingeben, und dann ist es aus mit Euch für immer. Erinnert Euch an die Decemviren (Gremium aus zehn Männern, das in der römischen Republik die Gesetze beschliessen sollte, sich aber zur Diktatur entwickelte und im Jahre 450. v. Chr. gestürzt wurde, Anm. d. Hg.); ihre Herrschaft war von kurzer Dauer; Eure wird von noch kürzerer Dauer sein; Ihr habt ihr kriminelles Verhalten nachgeahmt, ich sage Euch dasselbe Ende voraus.

Die furchtsamen Bürger, die Menschen, die ihre Ruhe lieben, die Glücklichen des Jahrhunderts, die Blutsauger des Staates sowie alle Gauner, die von den öffentlichen Missständen leben, fürchten nichts so sehr wie die Volksaufstände. Denn diese zielen darauf, ihr Wohlergehen zu zerstören, indem sie eine neue Ordnung der Verhältnisse anvisieren. Deshalb entrüsten sie sich unaufhörlich über die energischen Schriften, die heftigen Reden, mit einem Wort über alles, was dem Volk sein Elend verdeutlicht und es an seine Rechte erinnert.

Das ist die Moral der Menschen, die in Ansehen und Macht stehen. Inmitten des Missbrauchs der Autorität und des Schreckens der Tyrannei sprechen sie nur davon, das Volk zu beruhigen, arbeiten sie nur dafür, es daran zu hindern, sich seiner gerechten Wut hinzugeben. Sie haben dafür gewichtige Gründe und außerdem einen Vorwand, der gut dazu geeignet ist, auf beschränkte Menschen Eindruck zu machen, der aber informierte Menschen nicht täuscht; ich spreche von den tragischen Szenen, von denen Aufstände fast immer begleitet werden. (…)

Zuerst einmal erhebt sich das Volk nur, wenn es von der Tyrannei zur Verzweiflung getrieben wird. Wie viele Leiden erträgt es nicht, bevor es sich rächt! Und seine Rache ist im Prinzip immer gerecht, auch wenn sie in ihren Wirkungen nicht immer aufgeklärt ist, wohingegen die Unterdrückung, die das Volk erduldet, seine Ursache nur in den kriminellen Leidenschaften seiner Tyrannen hat.

Kann man denn überhaupt einen Vergleich ziehen zwischen einer kleinen Zahl von Opfern, die das Volk in einem Aufstand für die Gerechtigkeit hinschlachtet, und der unzählbaren Menge der Untertanen, die ein Despot ins Elend stürzt oder die er für seine Habsucht, seinen Ruhm, seine Launen opfert? Was bedeuten schon einige Tropfen Blut, die das einfache Volk in der gegenwärtigen Revolution hat fließen lassen, um seine Freiheit wiederzuerlangen? Gegen die Ströme von Blut, die ein Tiberius, ein Nero, ein Caligula, ein Caracalla, ein Commodus vergossen haben; gegen die Blutströme, die die mystische Raserei eines Karls IX. vergossen hat; gegen die Blutströme, die der sträfliche Ehrgeiz von Ludwig XIV. vergossen hat? Was bedeuten einige vom Volk im Laufe eines Jahres geplünderte Hauser gegen alle die Veruntreuungen, die die ganze Nation unter den drei Linien unserer Könige im Laufe von 15 Jahrhunderten erlitten hat? Was bedeuten einige ruinierte Individuen gegen eine Milliarde Menschen, die von den Steuerpächtern, von den Vampiren, den Verschwendern öffentlicher Mittel ausgeplündert wurden?

Schieben wir alle Vorurteile beiseite und sehen hin.

Die Philosophie hat die gegenwärtige Revolution vorbereitet, ausgelöst und unterstützt; das ist unbestreitbar; aber die Schriften reichen nicht hin, es braucht auch Aktionen. Wem verdanken wir denn die Freiheit, wenn nicht den Volksaufständen?

Es war ein Volksaufstand, ausgebrochen im Palais-Royal, der die Auflösung der Armee eingeleitet und zweihunderttausend Männer, aus denen die Herrschaft Schergen gemacht hat und die sie zu Mördern machen wollte, in Bürger verwandelt hat.

Es war ein Volksaufstand, ausgebrochen auf den Champs-Elysées, der die Erhebung der ganzen Nation ausgelöst hat; es war derjenige, der die Bastille zum Einsturz gebracht, die Nationalversammlung gerettet, die Verschwörung zum Scheitern gebracht, die Plünderung von Paris vereitelt und verhindert hat, dass es in Asche gelegt und seine Bewohner in ihrem Blute ertränkt wurden.

Es war ein Volksaufstand, ausgebrochen auf dem Neumarkt bei den Hallen, der die zweite Verschwörung zum Scheitern gebracht, die Flucht der königlichen Familie verhindert und die Bürgerkriege verhindert hat, die ihre sichere Folge gewesen wären.

Es waren diese Aufstände, die die aristokratische Fraktion in den Generalständen, gegen die die Waffen der Philosophie und die Autorität des Monarchen versagt hatten, zur Unterordnung gebracht haben; sie waren es, die sie durch den Terror an die Pflicht erinnert, die sie dazu gebracht haben, sich der patriotischen Partei anzuschließen und mit ihr um die Rettung des Staates wettzueifern.

Folgt den Arbeiten der Nationalversammlung, und Ihr werdet finden, dass sie immer nur im Gefolge von Volksaufständen in Aktion getreten ist, dass sie nur im Gefolge von Volksaufständen gute Gesetze verabschiedet hat, und dass in den Zeiten der Ruhe und der Sicherheit diejenige widerliche Fraktion immer darauf bedacht war, der Verfassung Fesseln anzulegen oder verhängnisvolle Dekrete zu verabschieden.

Es sind also die Volksaufstände, denen wir alles verdanken, sowohl den Sturz unserer Tyrannen als auch den ihrer Favoriten, ihrer Kreaturen, ihrer Schergen, sowohl die Erniedrigung der Großen als auch die Erhebung der Kleinen, sowohl die Wiederkehr der Freiheit als auch die guten Gesetze, die sie bewahren, indem sie unsere Ruhe und unser Glück sichern.

Das Kriegsrecht, das die...

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