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E-Book

Die fremdartige Idee des Schönen

AutorFrançois Jullien
VerlagPassagen Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783709250129
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Im Lauf der Jahrhunderte hat man immer wieder die Kriterien und Konzeptionen des Schönen in Frage gestellt, seine Definition unterlag einem fortwährenden Wandel. Doch hat man dabei auch jene in der Sprache verankerte Vorbedingung bedacht, nämlich überhaupt 'das Schöne' sagen zu können? Als Angelpunkt unserer Metaphysik lehrt uns das Schöne, die Vielfalt des Sinnlichen zugunsten der Einheitlichkeit einer 'Idee' aufzugeben. Das Schöne bestürzt und bewegt uns, indem es als Absolutes ins Sichtbare einbricht; zugleich ist es der letzte Erlösungsweg, der uns nach dem Tod der Götter noch bleibt. Das chinesische Denken freilich hat nie 'das Schöne' abstrahiert und isoliert. In der Herausarbeitung dieses Unterschiedes sucht François Jullien Möglichkeiten freizulegen, die sich nicht dem Monopol des Schönen unterordnen; der zeitgenössischen Kunst, im Krieg mit dem Schönen befindlich, neue und fruchtbare Wege zu eröffnen. Das Schöne wird von erschöpfenden Gemeinplätzen befreit: um es in seiner Fremdartigkeit wiederherzustellen.

François Jullien, geboren 1951, ist Philosoph und Sinologe. Er lehrt klassische chinesische Philosophie und Ästhetik an der Universität Paris VII. 2010 wurde er mit dem 'Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken' ausgezeichnet.

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III. Spurrillen einer unmöglichen Definition


Dennoch hat Platon, indem er uns vom einen Ende dieser Untersuchung zum anderen geführt hat, und wenn auch nur, um endgültig zu erkennen, dass sie zu keinem Schluss kommen kann, ein für alle Mal das abgesteckt, was nach ihr, in ihrem Kielwasser, zum „Problem des Schönen“ wurde. Mit dem Hippias maior hat dieses Problem Wurzeln geschlagen, und man wird nicht mehr so leicht daraus entkommen. Wird es je möglich sein, von ihm abzulassen? Wird man sich eines Tages von ihm befreien können? Bis wohin würde sein Schlagschatten nicht reichen? Wenn auch die Antworten unendlich variieren, so bleibt doch die Frage bestehen. Von ihr bleibt, aus der Sprache bezogen, der Begriffseffekt: das Schöne. Wenn wir auch nicht definieren können, was das Schöne ist, so wird zumindest anerkannt, dass es „vorhanden ist“, wir „glauben“ (nomizein) an seine Existenz. Das heißt, wenn ich diese philosophischen Anfängerübungen noch einmal durchgehe, dann weil es Zeit ist, von außen abzumessen, wie sehr sie uns geformt haben.

Ist es tatsächlich unerheblich zu bemerken, dass Sokrates (bei Platon), wenn er uns lehren möchte, uns zum Begrifflichen zu erheben, jedes Mal mit dem Schönen beginnt (vor dem „Großen“, dem „Guten“ und dem „Gerechten“)? „Unterhalb“ der vielfältigen Aspekte der Gegenstände ist es das Schöne, was er als erstes zu setzen – genau genommen: zu „unterstellen“ (das benutzte Verb ist hupotithesthai, wie in der „Hypothese“, Phaidon 100b) – sich veranlasst sieht. Das Gute mag später zum Schlüsselstein des Gebäudes und zum höchsten Term erhoben werden, doch die Erziehung eines Philosophen muss mit dem Schönen beginnen: indem man ihn lehrt, vom Plural zum Singular überzugehen, von den „schönen Stimmen“ und den „schönen Farben“ zur Einheitlichkeit des Schönen an sich (im Herzstück der Politeia, 476 b–d). Noch mehr, mit dem Schönen – in diesem Übergang vom Adjektiv zum Substantiv (im Neutrum) – hat die Askese begonnen, und wir begeben uns auf den Weg zum Idealen: insoweit wir nur schöne Gegenstände kannten, nicht aber die Existenz des Schönen als solchen (auto), lebten wir „in einem Traum“. Indem wir das Schöne von ihnen ablösen, betreten wir das wahre Leben und werden für die „Idee“ empfänglich.

Es wir uns also keine andere Wahl bleiben, als unsere Schritte in seine Spuren zu setzen. Wir werden von eben jenem Ort, von jenem ersten Text (dem Hippias maior) ausgehen müssen, den man später als den Geburtsakt des Problems aufgefasst hat: dort wird definitiv, trotz aller Aporien, die daraus folgen, die Vorstellung begründet, dass „das Schöne“ als „etwas“ – ti – existiert, zugleich isolierbaridentifizierbar, zumindest im Prinzip, und als etwas, woraus sich das Objekt eines Diskurses machen lässt. Etwas „worüber“ (peri) man sprechen kann (Peri toû kaloû lautet der Titel), was zugleich Distanz und Meisterschaft voraussetzt, um sich seiner zu bemächtigen. Auf die Gefahr hin, dass dieses Wort, unfähig zu einem Ende zu gelangen, immer wieder, bis in alle Unendlichkeit, zurückgeworfen wird. De pulchro, werden im Gleichklang die Lateiner sagen (sie verfügen wohlgemerkt lediglich über das Neutrum, ohne den Artikel). Denn selbst wenn man darauf verzichtet, aus dem Schönen eine Idee von metaphysischem Status zu machen, bleibt Folgendes nichts desto weniger unbestritten – getragen durch die Sprache; und was explizit zu machen Platon das Genie hat, wobei eine starke Parteinahme verhehlt wird: dass es ein „etwas“ gibt, durch das das Schöne schön ist, anders gesagt, dass eine Essenz des Schönen existiert, die sich als solche dem logos darbietet, auch wenn unsere Anstrengungen sie zu erlangen noch immer eitel sind. Von nun an reicht es, dass dies „unterstellt“ wird, wie Platon sagte. Gewiss, Aristoteles glaubt nicht mehr an Ideen, die vom Wahrnehmbaren getrennt sind, aber er hält es nichtsdestoweniger für erwiesen und gar für unbezweifelbar (also für etwas, über dessen Gültigkeit nachzudenken man nicht einmal in Betracht zieht), dass es eine gewisse eigene Existenz oder „Washeit“ des Schönen gibt, mit gleichem Recht wie es das Gute gibt, also auf der ersten Stufe der Essenzen: ein An-und-für-sich (kath´hauto), das nur von sich selbst bestätigt wird, das zugleich als Ursache und als Prinzip fungiert und als solches der Erkenntnis zur Verfügung steht (Metaphysik, Zeta 6).

Man kann den Begriff in der Folge, wie es etwa bei den Stoikern geschieht, noch so sehr ausspannen; man kann wohl zwischen seinen unterschiedlichen Ausformungen unterscheiden: zwischen dem kosmischen Schönen, gemacht aus Form, aus Größe, aus Ordnung, aus Vielfalt oder aus Farbe, wie es in den Schriften Ciceros zelebriert wird,1 und, auf der anderen Seite, der Schönheit des menschlichen Körpers, bei dem man die richtige Proportion oder „Symmetrie“ in den Vordergrund stellt – nichtsdestoweniger bleibt es dabei, dass von nun an die Frage des Schönen, so wie die Sphinx, unerschütterlich auf ihre Beantwortung wartet. Und dass diese in sich den Abdruck des gesamten Systems trägt: so bei den Stoikern, die, indem sie das Schöne als ein angemessenes Verhältnis zwischen den Teilen untereinander auffassen, auf diese Weise die Leitidee der Fragmentierung des Ganzen in jedem einzelnen Teil der Welt reproduzieren. Eine Auffassung, der Plotin logisch widerspricht: Unter diesen Umständen wäre das Eine, das Einfache, das Nicht-Zusammengesetzte also nicht fähig, schön zu sein? Kurz: Sag mir, wie deine Definition des Schönen lautet, und ich sage dir, welcher Philosophie du angehörst. Es folgen, über diese Klüfte hinweg, so verschiedenartige Synkretismen, dass die Kommentatoren sie gänzlich zu entwirren nicht imstande sein werden. Ausgehend immer wieder von Platon (dem Hippias maior), wird die Liste der Definitionen länger und länger. Noch mitten im 18. Jahrhundert, und zwar als Eröffnung seiner Abhandlung über das Schöne, ist sich Diderot nicht zu schade, seinerseits eine Rückblick auf sie zu halten: das Schöne als innerer Sinn und Richtung (die Engländer) oder als von Abwechslung durchkreuzte Gleichförmigkeit oder als Maximum, das allen Feinheiten der Geometrie entschlüpft oder als Angemessenheit an einen Zweck oder als… Diderot fügt, wie jedes Mal, seine Antwort mit dem Anspruch hinzu, sie alle zu umfassen: Besteht das Schöne nicht, unter diesem oder jenem Blickwinkel, notwendig (essentiell) in „Verhältnissen“?

Fragen wir uns also: Hat Europa im Fahrwasser der Frage des Schönen, und bei all der Leidenschaft, die es für sie aufwendet, Fortschritte gemacht? Die Kunst hat sich ohne Unterlass verändert, ihre Revolutionen folgen wie die Glieder einer Kette aufeinander. Aber das Schöne? Kann „das Schöne“ erfinderisch sein? Einheit – Form – Farbe – Verhältnisse – Teile/Ganzes – Schicklichkeit – Maximum – Zweckgerichtetheit und so weiter: Man kann von diesen Parametern diesen oder jenen verschieben, die Betonung auf den einen oder den anderen legen, ohne dass man darum das viereckige Feld verlassen würde, wie es Platon erstmals abgesteckt hat, klar begrenzt und endgültig. Diderot sagt es zum Einstieg noch einmal: „Alle Welt beschäftigt sich mit dem Schönen“, doch fragt man, was seine genaue Definition oder sein wahres Wesen sei, dann „geben die einen ihre Unwissenheit zu, und die anderen stürzen sich in den Skeptizismus.“2 „Das Schöne“ ist in dieser Hinsicht wohl die Art von Frage, auf die der Okzident versessen ist (so auch die „Zeit“): eine Frage, die sich von nun an dem Geiste aufdrängt, getragen von der Sprache, als „notwendig“ beurteilt doch ohne Ergebnis; und das Rätselhafte hat wieder einmal nicht lange gebraucht, in die ausgefahrene Spur einzulenken. Daher kommt der Verdacht (oder könnte es bereits das Bedauern über einen solchen Anfang sein?): Hätte man nicht, anstatt sich in diese platonische Falle hineinziehen zu lassen, vielmehr damit zufrieden sein sollen, ohne „das Schöne“ als Begriff zu setzen im Gefolge von Hippias dem Sophisten all das mit einem Fingerzeig „schön“ zu nennen, was unter den einen oder den anderen Sinn fällt, was man hört oder sieht und was einen Ausruf der Freude hervorruft? Oder war es notwendig, das „Schöne“ zu denken?

Wird denn Hegel, der wieder einmal Anspruch auf das letzte Wort erhebt, in dieser Hinsicht mehr zu sagen haben als die anderen? Kann man auf diesem Weg – dem der Definition des Schönen – Fortschritte machen? Ich würde das als das Schöne definieren, was durch sich selbst schicklich ist (quod per se ipsum deceret), hatte schon der junge Augustinus vorgebracht, dem zufolge, was er von seinem...

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