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Die Frömmigkeit des Kindes

AutorGerhard Bohne
VerlagEvangelische Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr2017
ReiheReligiöse Bildung im Diskurs (RBD) 5
Seitenanzahl354 Seiten
ISBN9783374051274
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Der Religionspädagoge Gerhard Bohne (1895-1977) verfasste in den 1950er Jahren eine umfangreiche Forschungsarbeit unter dem Titel »Die Frömmigkeit des Kindes«, die jedoch unveröffentlicht blieb. In dieser Studie beabsichtigte Bohne, seine in den 1920er Jahren gewonnenen Einsichten in die religiöse Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fortzuschreiben und mit den neueren Entwicklungen der erziehungswissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Theoriebildung in Einklang zu bringen. Im vorliegenden Band wird diese Studie erstmals in Form einer historisch-kritischen Edition veröffentlicht, ergänzt um weitere einschlägige Texte Bohnes zum Thema Kindheitsreligiosität. Damit steht eine bislang unbeachtete Quelle für die historische Bildungsforschung zur Verfügung, die die weitere systematische Erschließung von Bohnes religionspädagogischer Theorie ermöglicht und Einblicke in die Entwicklung der Religionspädagogik der 1950er Jahre bietet. [Gerhard Bohne: The Piety of the Child. Introduced, Published and Annotated by Sylvia E. Kleeberg-Hörnlein und Michael Wermke] The theologian and pedagogue Gerhard Bohne (1895-1977) wrote in the 1950s a study titled »The Piety of the Child«, in which he investigates how a child becomes pious and how piety evolves during childhood. Now this study is published for the first time as a critical edition und will become an important resource for historical educational research and provides an insight into the evolve of religious pedagogy/education of the 1950s.

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Leseprobe

TEIL II: GERHARD BOHNE:
DIE FRÖMMIGKEIT DES KINDES (1961)


EINLEITUNG


Während die Kinderpsychologie die Lebensäußerungen des Kindes nach allen nur möglichen Hinsichten als Ausdruck eines zwar kindlichen, aber doch echten, vollgültigen Lebens betrachtet, ist sie auf dem Gebiet der Religionspsychologie noch weithin der Auffassung Rousseaus, daß das religiöse Leben des Menschen eigentlich erst mit der Pubertätszeit, d. h. mit dem Erwachen der geistigen Selbständigkeit, begönne.95 Die Gründe, die dafür angeführt werden, sind immer wieder die gleichen: Das Kind sei völlig abhängig von der Religiosität der Eltern, es glaube alles, was man ihm sage, Wahrheit und Lüge, und es wende sich Laufe der Pubertät meist von seinem Kinderglauben ab. Deshalb könne es in seinem religiösen Leben noch nicht ernstgenommen werden. Wie fraglich diese Begründungen sind,96 wird deutlich, wenn wir diese Beweisführung97 auf ein anderes Lebensgebiet übertragen und etwa sagen.98 Das Kind ist in seinem physischen Leben völlig abhängig von der Mutter, es lebt mit der Muttermilch unmittelbar aus dem physischen Organismus der Mutter, es nimmt Gift, das man ihm reicht, ebenso bereitwillig wie gute Nahrung, – also hat es noch garkein [sic!] physisches Leben. Es ist gewissermaßen noch gar nicht da! Niemand wird diesen Schluß ziehen.99

DIE MÖGLICHKEIT DER RELIGIONS-PSYCHOLOGISCHEN AUSSAGE

Jede religionspsychologische Äußerung, die den Anspruch erhebt, über die Wirklichkeit des religiösen Lebens eine Aussage zu machen, – und jede andere ist hier bedeutungslos – meint immer ein Ich-Du-Verhältnis, nämlich die Beziehung des Menschen zu Gott. Sie ist also niemals nur eine Aussage über den Menschen [2] sondern immer auch Aussage über Gott. Gott ist aber mit den Mitteln der wissenschaftlichen Forschung nicht faßbar. Über ihn sind nur Glaubensaussagen möglich. Damit überschreitet jede – jede! – ernsthafte Äußerung über die Frömmigkeit die Grenze der Psychologie als Wissenschaft,103und greift hinüber in Bereiche des Glaubens. Wer den Versuch macht, die Religionspsychologie zu betreiben als Beschreibung religiöser Zustände des Individuums, ohne nach der Wahrheit und Gültigkeit der Gottesbeziehung zu fragen, der tut ungefähr dasselbe wie jemand, der die Ehe untersuchen will und sich begnügt mit der Untersuchung der subjektiven Zustände des einen Partners, ohne nach der Wirklichkeit des Gatten (und seines Einflusses)104 überhaupt zu fragen.105

DAS WESEN DER LEBENSBEWEGUNG

Wir können die besondere Eigenart der kindlichen Frömmigkeit nur dann verstehen, wenn wir auf der einen Seite das Wesen des Lebensvorganges überhaupt, auf der anderen die Existenz des Kindes, das eigentliche »Kindsein«, richtig verstehen. Beides kann hier nur in Kürze angedeutet werden.107

DAS KINDSEIN

Diese Sachlage hat nun wesentliche Bedeutung für das Kind. Das Kind ist noch nicht in der Lage, sich verantwortlich selbst zu tragen; denn es kann meist weder die Sachlage in eigener Einsicht voll erkennen, noch hat es immer die Kraft, seiner Einsicht gemäß zu handeln. Das Kind muss deshalb in seinem Leben noch vom Erwachsenen »getragen« werden. Das gehört zum Wesen der kindlichen Existenz.133

OFFENBARUNG

Zum Schluß muß noch ein Wort über das Verhältnis zu Gott gesagt werden. Es ist falsch, wenn man meint, nur das sei echte Religion, wenn140 der Mensch aus spontanem Suchen und Fragen zur Erkenntnis Gottes gekommen sei. Wir wissen um Gott nur, wenn Gott sich offenbart, und wir können mit ihm nur dann in Verbindung treten, wenn er uns »begegnet«. Ohne die Wirklichkeit Gottes, die sich selbst zeugt,141 ist Religion, d. h. Leben mit Gott oder vor Gott, nicht denkbar.

DER BEGINN DES RELIGIÖSEN LEBENS

Tatsächlich beginnt das echte religiöse Leben des Menschen bereits in dem Augenblick, wo er überhaupt verstehen kann, was mit dem Worte »Gott« – auch wenn es ihm von anderen gesagt wird – gemeint149 ist. Denn dieses Gemeinte kann mit Worten gar nicht aufgehellt werden, wenn es nicht in einem unmittelbaren Zugriff des Verstehens, einem »Innewerden«, erfaßt wird. In diesem Ergreifen dessen, was das Wort Gott meint, überschreitet der Mensch die Grenze, die ihn vom Tier her trennt und kommt in den Raum der Transzendenz.150 Er wird fähig, Offenbarung zu empfangen.151

ERSTES KAPITEL: DIE RELIGIÖSEN URERFAHRUNGEN


Wenn man die Frömmigkeit des Kindes lediglich als Nachahmung der elterlichen Religiosität betrachtet, dann beurteilt man sie gewissermaßen als ein Spiel, das mit Gott selbst nichts zu tun hat.174 Ob die Frömmigkeit des Kindes als echtes Leben zu bewerten ist, entscheidet sich deshalb175 daran, ob es die176 Wirklichkeit Gottes bereits unmittelbar erfahren kann.

I. DIE UNMITTELBARE GOTTESERFAHRUNG.177

Die178 Erfahrung Gottes bedeutet die Erfahrung einer höheren Macht,179 die auf der einen Seite das Leben trägt180 und bewahrt181 gegenüber den Bedrohungen, die es in seinem leiblichen oder seelischen Sein gefährden, auf182 der anderen Seite aber183 unser Leben mit seinem Willen leitet.184 Kurz: Gott wird immer erfahren als die unbedingte Autorität, in der Gabe und Forderung, schöpferische Urheberkraft und sittliches Gebot zu einer untrennbaren Einheit verbunden sind. In aller echten Autorität ist das erste die Gabe, das zweite die Forderung. Das gibt ihr einen gütigen Zug. Auch die sittliche Forderung185 bekommt dabei den Charakter der gütigen Hilfe: Sie186 will das Leben vor dem Irrweg und damit vor dem Verfall bewahren. Und doch187 steht hinter allem, was Gott gebietet,188 ein großer Ernst, weil es dabei immer um das Leben als Ganzes, um Sein oder Nichtsein geht. Wir umgreifen das alles, die unbedingte Erhabenheit, die Güte und den Ernst Gottes, mit dem Worte »heilig«.

Geborgenheit in Gott

Die Voraussetzung dafür, daß man die bewahrende Macht Gottes erfährt, ist es, daß man überhaupt bewahrende und bedrohende Mächte empfinden kann. Das kann das Kind bereits im Säuglingsalter. Wenn die Mutter in den Wagen schaut, dann lächelt das Kind, schaut ein fremdes Gesicht hinein, womöglich mit einem Bart und einer tiefen Stimme, dann schreit das Kind.190 Bei der Mutter fühlt es sich geborgen, dem fremden Gesicht gegenüber bedroht. Es kann also schon in diesem frühesten Alter, in dem es noch nicht bewußt denken kann, Freund- und Feindmächte unterscheiden, kann sich geborgen oder bedroht fühlen. Leben aber kann das Kind nur in der Geborgenheit der Güte. Ein Kind, das ohne Güte und Geborgenheit aufwächst, ist auch in seinem physischen Leben bedroht.

Erhabenheit Gottes

Sehr bald empfindet das Kind dann auch die andere Seite des »heiligen« Gottes, seine unendliche Erhabenheit und den Ernst seiner Forderung, die uns immer wieder in die Erkenntnis der Schuld stürzt und uns in tiefer Scheu Gott fernhält. Die Empfindungen der Sehnsucht und der Angst scheinen einander zu widersprechen. In der Sprache des Kindes ist eine Macht, vor der man Angst haben muß, »böse«, also Feindmacht, und man kann sich unmöglich dort geborgen fühlen. Es ist sicher, daß kein Erwachsener einem Kinde durch Lehre deutlich machen könnte, daß man Gott zugleich »fürchten und lieben« kann, wenn das Kind nicht beides ursprünglich selbst erlebte.

Gottes heiliger Wille

Die eigentliche Erfahrung Gottes als des Heiligen ist immer eine sittliche Erfahrung. Gott ist heiliger Wille und fordert unbedingten...

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