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Die Frühstücksfrau des Kaisers

Vom Schicksal der Geliebten

AutorPhilipp Vandenberg
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl415 Seiten
ISBN9783838757735
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Es ist die aufregendste und zugleich die undankbarste Rolle, die eine Frau spielen kann: Die Rolle der Geliebten.Warum das so ist und schon immer so war, erzählt Philipp Vandenberg in seiner lehrreichen, vergnüglichen und kuriosen Zusammenschau über das Schicksal der Geliebten in der Geschichte. Vom Kampf der Rivalinnen Charlotte von Stein und Christiane Vulpius um Johann Wolfgang von Goethe, über die lasterhaften Frauen Napoleons III., bis hin zu Katharina Schratt, die Frühstücksfrau des Kaisers Franz Josef I. - begleiten Sie Philipp Vandenberg auf eine Reise in die Welt, in der Macht das mächtigste Aphrodisiakum ist.

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Leseprobe

I
Die tödliche Liebe der Mary Vetsera


»Ein letzter Abschiedsgruß in Gedenken allen schönen Frauen Wiens, die ich so sehr geliebt …«

Aus dem Testament Erzherzog Rudolfs,
Kronprinz von Österreich-Ungarn

Ein Fall für Sigmund Freud: Mann (30) erschießt nach dem Geschlechtsverkehr siebzehnjährige Geliebte, anschließend sich selbst. Selten finden Freuds Theorien der Psychoanalyse so eindeutige Bestätigung: Nach Freud ist die Libido der Hauptantrieb menschlichen Verhaltens, und eine gestörte Libido provoziert einen Todes- und Destruktionstrieb. Ja, sogar seine Theorie, dass zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr das Schicksal des Einzelnen besiegelt wird, scheint hier Bestätigung zu finden.

Arzt und Patient wären – so sie sich jemals getroffen hätten – etwa gleich alt gewesen, und zeitweilig lebten sie nur wenige Gehminuten voneinander, aber zu einer Begegnung ist es nie gekommen. Denn als Freud seine revolutionären Erkenntnisse veröffentlichte, war der andere schon lange tot, erschossen, seinem Destruktionstrieb folgend.

Erzherzog Rudolf, Kronprinz von Österreich-Ungarn, war von Geburt ausersehen, Kaiser zu werden, und vermutlich wäre die Weltgeschichte anders verlaufen, hätte er nicht 1889 sein Leben im Bett mit einer Siebzehnjährigen und einer Pistole beendet. Das Mädchen wie die Pistole sind in diesem Zusammenhang – auch das bestätigt Freud – nur Symbole. Das Mädchen kannte er wohl, er hatte mit ihm aber nur einmal geschlafen. Eigentlich hasste er Frauen (sein Verschleiß an Zweitfrauen ist ein Beweis dafür). Die Pistole erschien ihm als die schnellste und sauberste Sterbehilfe. Doch Rudolf wäre auch ohne den tödlichen Schuss vom 29. Januar 1889 vorzeitig aus dem Leben geschieden, dahingesiecht an Syphilis, am Suff und Morphium, ohnehin halbirre. Frauen, von denen er mehr verbrauchte als sein unsterblich scheinender Vater Kaiser Franz Joseph, waren nicht die Ursache für diese Entwicklung, aber sie waren ihm eine Hilfe bei seinem Selbstvernichtungstrieb. In der Tat ein Fall für die Psychoanalyse.

Rollen wir den Fall, der unter dem Codewort »Mayerling« in die Geschichte eingegangen ist, von hinten auf:

Kaiser Franz Joseph zitierte seinen Sohn und Thronfolger Rudolf am Sonntag, dem 27. Januar 1889, in die Hofburg. Grund der – wie später zu hören war – heftigen Unterredung: Seine Apostolische Majestät hatte auf Umwegen erfahren, dass sein eigener Sohn, der künftige Kaiser von Österreich-Ungarn, beim Papst um die Annullierung seiner Ehe angesucht habe. Rudolf hatte, um der Staatsräson zu genügen, im Mai 1881 die Tochter des wegen seiner Grausamkeit als Kolonialherr berüchtigten Belgierkönigs Leopold II., Stephanie, geheiratet, mit dieser aber, trotz anfänglicher Zuneigung, kein Glück gefunden, dafür aber ständige Schwierigkeiten wegen seiner zahllosen Liebschaften. Die Unterredung zwischen Vater (Kaiser) und Sohn (Feldmarschallleutnant, Generalinspekteur der Infanterie und Vizeadmiral) endete mit einem lautstarken Krach, in dessen Verlauf Franz Joseph seinen Sohn Rudolf anschrie, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, um diese Scheidung zu verhindern, während Rudolf resigniert erwiderte, nun wisse er, was er zu tun habe.

Am Vormittag gegen zehn Uhr desselben Tages betrat Kronprinz Rudolf das Grand Hotel an der Wiener Ringstraße, um sich mit Marie Gräfin Larisch-Wallersee zu treffen. »Die Larisch«, wie sie allgemein genannt wurde, bewohnte samt Zofe Jenny und Hund in dem feinen Hotel die Zimmer 21, 23 und 28, um sich, wie sie hatte wissen lassen, in Wien einer Zahnbehandlung zu unterziehen. Das mag gestimmt haben oder nicht – den Zahnärzten im heimischen Pardubitz ging nicht der beste Ruf voraus, aber Marie war jedes Mittel recht, um der langweiligen Ehe mit dem Grafen Georg Larisch-Mönnich zu entkommen.

Alle wussten, dass Marie ein wilder Trieb am Stammbaum der Wittelsbacher war (weniger poetisch: Herzog Ludwig in Bayern hatte ein Techtelmechtel mit der Schauspielerin Henriette Mendel gehabt), aber als sie Georg heiratete, war sie längst geadelt und damit von der Unperson zu einer Persönlichkeit des öffentlichen Lebens geworden, die genug Gesprächsstoff hergab. Mehr als es ihrem Stand zukam, pflegte sie das gesellschaftliche Leben, und obwohl ihre Ehe alle Züge einer Tragödie trug, spielte sie mit ihrem Ehemann nach außen hin die immerwährende Komödie. Über Rudolfs Mutter Elisabeth, die aus Bayern stammte, waren der unglückliche Kronprinz und die erlebnishungrige Gräfin Cousin und Cousine, ein Umstand, den die Larisch vor allem nutzte, um den österreichischen Vetter um Geld anzupumpen.

Nun konnte die Cousine sich revanchieren. Nicht, dass er mit ihr ein Verhältnis anfangen wollte, Marie war nicht sehr hübsch, vor allem erfüllte sie nicht ein wesentliches Kriterium: Sie war weder wesentlich jünger noch wesentlich älter als Rudolf, sondern gleich alt; aber Frauen, die den dreißigjährigen Kronprinzen interessierten, mussten entweder älter sein oder naive junge Mädchen, und damit scheint der Fortgang der Geschichte vorgezeichnet.

Die Larisch war mit einem siebzehnjährigen Mädchen befreundet, das den Kronprinzen, von dem es wusste, dass dieser verheiratet, aber auch ein Schwerenöter war, glühend verehrte: Marie Alexandrine, genannt Mary Vetsera. Monatelang hatte Mary den Kronprinzen auf Schritt und Tritt verfolgt, ihm aufgelauert, wenn er mit der Kutsche durch die Stadt fuhr, im Theater das Opernglas auf seine Loge gerichtet statt auf die Bühne, und endlich hatte sie ihm einen Brief geschrieben, dessen Wortlaut wir nicht kennen, dessen Inhalt jedoch unschwer zu erraten ist: Mary Vetsera dürfte dem Kronprinzen ihre Liebe gestanden, vielleicht sogar einen »unsittlichen Antrag« gemacht haben.

Von besonderer Pikanterie war die Situation schon allein deshalb, weil Marys Mutter, die Baronin Helene Vetsera, geborene Baltazzi, eine Schönheit der Wiener Szene, verheiratet mit einem zweiundzwanzig Jahre älteren k.u.k. Diplomaten, dem Kronprinzen zehn Jahre zuvor auf ähnliche Weise nachgestellt hatte. Wie ihre Tochter hatte sie Rudolf lange Zeit auf Schritt und Tritt verfolgt. Sogar der Kaiser hatte sich darüber mokiert: »Was diese Frau mit Rudolf treibt, ist unglaublich!« Nicht selten zwingen Mütter ihren Töchtern das auf, was sie selbst nicht erreicht haben. Es ist daher denkbar, dass Baronin Helene hinter den Schwärmereien ihrer Tochter Mary stand, und Gräfin Larisch sollte in der Angelegenheit vermitteln.

Obwohl seit Jahren mit dem stadtbekannten »Callgirl« Mizzi Caspar verbandelt, zeigte Kronprinz Rudolf an dem Abenteuer mit einer Siebzehnjährigen größtes Interesse. Warum, wo Rudolf doch nicht klagen konnte, was einen schnellen Seitensprung betraf?

»Als ich das erste Mal Gelegenheit hatte, ihre Schönheit zu bewundern«, notierte Prinzessin Louise von Coburg in ihren Lebenserinnerungen, »habe ich wirklich beinahe die Fassung verloren.« Nun gibt es in Bezug auf die Schönheit einer Frau keine härteren Kritiker als Frauen. Mary Vetsera muss also wirklich unbeschreiblich schön gewesen sein; denn auch die Gräfin Larisch geriet ins Schwärmen und beschrieb Mary als so süß und lieblich, »dass jeder sie gern haben musste«. Sie sei vom Instinkt her kokett und unbewusst unmoralisch in ihren Neigungen gewesen, dabei sinnlich wie eine Orientalin.

Die Gräfin über die junge Baronesse: »Sie war nicht groß, ihre geschmeidige Gestalt und ihr voll entwickelter Busen ließen sie älter als achtzehn Jahre erscheinen. Ihr Teint war wunderbar zart, ihr kleiner roter Mund öffnete sich über kleinen weißen Zähnen, die ich Mäusezähne zu nennen pflegte, und niemals wieder habe ich solche beseelte Augen gesehen mit solch langen Wimpern und solch fein gezogenen Brauen. Ihr dunkelbraunes Haar war sehr lang, die Hände und Füße klein. Ihr Gang war von einer verführerischen und unwiderstehlichen Grazie …«

Fotografische Darstellungen zeigen Mary schon als Fünfzehnjährige mit dem bemerkenswerten Aussehen einer Dreißigjährigen. Aber nicht nur in Pose und Toilette konnte es das Baronesserl aus dem 2. Wiener Gemeindebezirk mit jeder Prinzessin aufnehmen, Mary war ebenso gebildet, sprach Englisch und Französisch, konnte singen, tanzen und Klavier spielen, und gesellschaftliche Umgangsformen pflegte sie auf so vorbildliche Weise, dass das bei Gleichaltrigen nur Neid hervorrief. Trotz dieser Vorzüge blieb Mary ein Baronesserl und bedurfte, um beim Hochadel Zugang zu finden, starker Protektion.

Bälle, Empfänge, Theaterbesuche, vor allem aber exklusive Pferderennen, bei denen Marys drei Onkel mütterlicherseits, Alexander, Aristides und Hector Baltazzi, Triumphe feierten, brachten Mary nicht den erwünschten gesellschaftlichen Aufstieg. Mutter Helene hätte sicherlich mit Begeisterung zur Kenntnis genommen, dass ihr Idol, der Kronprinz, ein Auge auf Mary geworfen hatte. Später, nach der Katastrophe von Mayerling, die auch sie nicht vorhersehen konnte, wird Helene Vetsera behaupten, sie habe von den Zusammenkünften zwischen Kronprinz Rudolf und ihrer Tochter Mary nichts gewusst, andernfalls hätte sie diese verhindert.

Am 5. November 1888 hatten Rudolf und Mary sich zum ersten Mal getroffen. Gräfin Larisch spielte die Kupplerin, vor allem musste sie als Alibi gegenüber Marys Mutter herhalten. In aller Aufregung und Schwärmerei bemerkte Mary Vetsera nicht, dass ihr ein zerstörter, alkohol- und drogensüchtiger Mann gegenübertrat, der sich zu diesem Zeitpunkt längst mit dem Gedanken trug, aus dem Leben zu scheiden, und in seinem Destruktions- und Todestrieb nur eine Partnerin suchte, die ihn im Sterben begleitete.

Etwa zwanzig Mal begegneten sich der Kronprinz und das Baronesserl vor...

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