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Die Geburt der modernen Welt

Eine Globalgeschichte 1780-1914

AutorChristopher A. Bayly
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl651 Seiten
ISBN9783593413136
FormatPDF/ePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis20,99 EUR
Christopher Baylys weltumspannender Blick auf das Agieren der Staaten, die vielfältigen Ausprägungen von Gesellschaftsordnungen, Religionen und Lebensweisen zeigt auf verblüffende Weise, wie eng schon im 19. Jahrhundert die Entwicklung Europas mit dem Geschehen in den anderen Erdteilen verknüpft war. »Ein mutiger Wurf, der geeignet ist, eingefahrene Sichtweisen aufzubrechen.« Johannes Willms, Süddeutsche Zeitung »Dieses Werk schafft ein neues Geschichtsbild, wie viele Bücher können das schon von sich behaupten?« Frankfurter Rundschau Ausgezeichnet als "Historisches Buch des Jahres" der Zeitschrift DAMALS Ausgezeichnet von H-Soz-u-Kult als "Das Historische Buch 2007" in der Kategorie "Entangled History"

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Leseprobe
1. Alte Ordnungen und »archaische Globalisierung« (S. 43)

In der Welt des 18. Jahrhunderts waren politische Macht und religiöse sowie kulturelle Autorität vielfältig und auf komplexe Weise miteinander verflochten. Die Ökonomie war relativ einfach, überwiegend landwirtschaftlich geprägt und abhängig von den Jahreszeiten. In den folgenden vier Kapiteln wird zu erklären versucht, wie und warum es im Laufe von etwas mehr als drei Generationen einen weltweiten Wandel zu politischer und kultureller Uniformität gab, bei dem komplexere und besser erkennbare soziale und ökonomische Formen entstanden.

In diesen Kapiteln wird die Entstehung europäischer Vorherrschaft in der ganzen Welt im Vordergrund stehen, ohne dass ich damit leugnen möchte, dass der Ursprung des Wandels zu dieser allgemeinen und doch stark umstrittenen Modernität mehrere Zentren hatte. Im vorliegenden Kapitel geht es um Ideologie und politische Organisation der Welt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Bauern und Herren

1750 lebte der größte Teil der Menschheit noch in »Agrarreichen«. Agrarreiche waren große, ethnisch komplexe Staaten, die im Wesentlichen davon lebten, dass sie die Überproduktion bäuerlicher Produzenten auffingen. Im strengen Sinne waren Bauern Landwirte, die kleine Landflächen hauptsächlich mit der Arbeitskraft ihrer Familie bewirtschafteten.

Über den Bauern standen in der sozialen Hierarchie lokale Eliten, die vielleicht manchmal selbst das Land bewirtschafteten, aber auch Pacht von Pachtbauern einnahmen. Unter den »Land besitzenden Bauern« standen landlose Arbeiter, die auf dem Land von Bauern oder der herrschenden lokalen Gruppe gegen Entgelt oder einen Anteil an der Ernte arbeiteten. Kulturell waren lokale Herren, ländliche Händler und Landarbeiter eng mit den »Land besitzenden Bauern« verbunden und hatten im Allgemeinen ähnliche Werte.

In den Agrarreichen im China der Qing, im Indien der Moguln, im Japan der Tokugawa, im Iran der Safawiden, in Java, im Osmanischen Reich, im Rus- sischen Reich und in der Habsburger Monarchie müssen zusammen mindestens 70 Prozent der Weltbevölkerung gelebt haben. Große Teile der spanischen Krongebiete in Mittel- und Südamerika wurden immer noch von bäuerlichen Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner bewirtschaftet. Gesellschaften, die regelmäßig Feldfrüchte anbauten, waren auch in Afrika verbreitet und lebten in einer komplexen Wechselbeziehung mit Nomaden und Waldbewohnern.

80 Prozent der gesamten Bevölkerung waren Bauern im weiten Sinne, auch wenn durch die Entstehung von frühen Knotenpunkten kapitalistischen Handels in einigen Gebieten die Stadtbevölkerung auf über 20 Prozent der Gesamtbevölkerung anwuchs. Das scheint zum Beispiel in Teilen Nordwesteuropas, in Küstengebieten oder an Flussläufen in China und an der Küste Japans so gewesen zu sein. Die politischen und religiösen Ordnungen dieser alten Staatswesen waren weiterhin mehr oder weniger fragmentiert und komplex.

Dennoch waren die Gesellschaften und Ökonomien, die sie aufrecht erhielten, im Vergleich zu denen des späten 19. Jahrhunderts, die bereits die frühe Industrialisierung und die Entwicklung des Staates hinter sich hatten, relativ einfach. Die meisten Menschen waren Bauern, Landarbeiter oder Grundbesitzer und Händler.

Wie seit Tausenden von Jahren hing das alltägliche Leben von der landwirtschaftlichen Produktion, und das heißt von der Qualität der Ernte, ab. Viele west- und südeuropäische Bauern waren kaum wohlhabender als ihre asiatischen oder afrikanischen Kollegen und hatten häufig nicht so guten Zugang zu ausreichender Nahrung.

John Komlos (1994) hat gezeigt, dass große Teile Mitteleuropas im 18. Jahrhundert unter einer ernsten Hungerkrise litten. Selbst das kulturell hoch entwickelte Frankreich wurde während des 18. Jahrhunderts von ständigen crises de subsistence (Subsistenzkrisen) geplagt. Die meisten asiatischen, afrikanischen und viele europäische Gesellschaften litten etwa alle 20 Jahre unter Lebensmittelknappheit oder Hungersnöten.

Diese Krisen wurden durch Kriege und fremde Invasionen – durch Gruppen nomadischer Krieger alten Stils, die aus den Steppen oder Wüsten einfielen, neuerdings aber auch durch Armeen europäischen Stils – noch verschärft. Doch die Bauern waren nur im weitesten Sinne eine überall auf der Welt zu findende Kategorie für sich. Die Lebensweisen von Herren und Bauern wiesen zwar in den verschiedenen Gesellschaften verwandte Merkmale auf, im Detail gab es jedoch viele wichtige Unterschiede.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt8
Einführung14
Über das Buch16
Problem eins: »Triebkräfte« und der ökonomische Faktor19
Problem zwei: Weltgeschichte und Postmoderne22
Problem drei: Das immerwährende »Rätsel der Moderne«25
Anpassung an Standards: Körperpraxis29
Über den Körper hinaus: Kommunikation und Komplexität36
Teil I Das Ende der alten Ordnungen40
1. Alte Ordnungen und »archaische Globalisierung«44
Bauern und Herren44
Die Politik der Differenz47
Mächte an den Rändern von Staaten55
Vorboten neuer politischer Formationen58
Die Vorgeschichte der »Globalisierung«60
Archaische und frühneuzeitliche Globalisierung64
Ausblick67
2. Übergänge von den alten Ordnungen zur Moderne69
Die letzte »große Domestizierung« und die »Revolutionen des Fleißes«69
Neue Muster in materieller Kultur, Produktion und Handel in Afrika und Asien76
Die inneren und äußeren Beschränkungen afroasiatischer Revolutionen des Fleißes79
Handel, Finanzen und Innovation: Europäische Wettbewerbsvorteile81
Der aktivistische, patriotische Staat entsteht85
Kritische Öffentlichkeiten95
Die Entwicklung asiatischer und afrikanischer Öffentlichkeiten99
Schluss: »Rückständigkeit«, Zeitunterschiede und Konjunkturen105
Ausblick108
3. Konvergierende Revolutionen 1780 bis 1820111
Zeitgenossen denken über die Weltkrise nach111
Eine kleine Anatomie der Weltkrise 1720 bis 1820114
Die Legitimität des Staates unterminieren:127
Von Frankreich nach China127
Die ideologischen Ursprünge der modernen Linken und des modernen Staates136
Nationalitäten versus Staaten und Reiche143
Die dritte Revolution: Gebildete und Handel treibende Völker in der ganzen Welt146
Ausblick152
Teil II Die moderne Welt entsteht154
4. Zwischen Weltrevolutionen, circa 1815 bis 1865158
Den »Niedergang der Nationen« einschätzen158
Britische Seehoheit, Welthandel und die Erneuerung der Landwirtschaft162
Emigration: Ein Sicherheitsventil?167
Die Verlierer in der »neuen Weltordnung« 1815 bis 1865169
Probleme hybrider Legitimität: Wessen Staat war es?175
Der Staat wird stärker, aber nicht stark genug180
Legitimationskriege in Asien: Ein kurzer Abriss186
Ökonomische und ideologische Ursachen der asiatischen Revolutionen190
Die Jahre des Hungers und des Aufruhrs in Europa 1848 bis 1851196
Der Amerikanische Bürgerkrieg als Weltereignis202
Konvergenz oder Differenz?207
Überprüfung der These211
5. Industrialisierung und die neue Stadt213
Historiker, Industrialisierung und Städte213
Das Fortschreiten der Industrialisierung216
Armut und fehlende Industrie221
Städte als Zentren der Produktion, des Konsums und der Politik229
Die Auswirkung der Weltkrise von 1780 bis 1820 auf die Stadt232
Rasse und Klasse in den neuen Städten235
Arbeiterpolitik238
Weltweite Stadtkulturen und ihre Kritiker242
Schluss246
6. Nation, Reich und Ethnie, circa 1860 bis 1900249
Theorien des Nationalismus249
Wann kann man von Nationalismus sprechen?253
Wessen Nation ist es?256
Nationalismen bewahren: Erinnerungen, nationale Organisationen und Druckwesen258
Von der Gemeinschaft zur Nation: Die eurasischen Reiche262
Was vom Nationalismus zu halten ist: Ein Standpunkt269
Völker ohne Staaten: Verfolgung oder Assimilation?271
Imperialismus und seine Geschichte:281
Das späte 19. Jahrhundert281
Dimensionen des »neuen Imperialismus«282
Eine Welt aus Nationalstaaten?289
Die Beharrlichkeit der archaischen Globalisierung289
Von der Globalisierung zum Internationalismus293
Internationalismus in der Praxis295
Schluss300
Teil III Staat und Gesellschaft im Zeitalter des Imperialismus302
7. Mythen und Techniken des modernen Staates304
Dimensionen des modernen Staates304
Der Staat und die Historiker307
Schwierigkeiten, den Staat zu definieren310
Der moderne Staat schlägt Wurzeln: Geografische Dimensionen313
Forderungen nach Gerechtigkeit und Symbole der Macht322
Die Ressourcen des Staates327
Die Pflichten des Staates gegenüber der Gesellschaft333
Instrumente des Staates337
Staat, Wirtschaft und Nation342
Eine Bilanz: Was hatte der Staat erreicht?346
8. Theorie und Praxis von Liberalismus, Rationalismus, Sozialismus und Naturwissenschaft349
Geistesgeschichte im Kontext349
Die Verderbtheit der gerechten Republik:351
Ein klassisches Thema351
Gerechte Republiken in der ganzen Welt354
Die Ankunft von Liberalismus und Markt: Westlicher Exzeptionalismus?357
Liberalismus und Bodenreform: Radikale Theorie und konservative Praxis363
Freihandel oder nationale Volkswirtschaft?369
Die Völker repräsentieren372
Säkularismus und Positivismus: Transnationale Affinitäten378
Die Rezeption des Sozialismus und sein lokaler Widerhall380
Wissenschaft im globalen Zusammenhang385
Professionalisierung auf globaler Ebene395
Schluss398
9. Weltreiche der Religion401
Religion in den Augen der Zeitgenossen401
Die Sicht der späteren Historiker405
Der Aufschwung der Religion neuen Stils406
Formen religiöser Herrschaft, ihre Vertreter und ihre Beschränkungen411
Die Formalisierung religiöser Autorität und die Schaffung von »Reichsreligionen«415
Die Formalisierung von Lehren und Riten420
Die Ausbreitung der »Reichsreligionen« an ihren inneren und äußeren Grenzen425
Pilgertum und Globalisierung435
Das Druckwesen und die Verbreitung der Religion442
Religiöse Bautätigkeit444
Die Religion und die Nation447
Schluss: Der Zeitgeist449
10. Die Welt der Kunst und der Imagination452
Kunst und Politik452
Weltweite Hybridität und Uniformität in der Kunst454
Nivellierende Kräfte: Markt, Alltag und Museum458
Die Kunst der entstehenden Nation 1760 bis 1850463
Die Kunst und das Volk 1850 bis 1914471
Außerhalb des Westens: Anpassung und Abhängigkeit472
Architektur: Ein Spiegel der Stadt474
Auf dem Weg zu einer Weltliteratur?477
Schluss: Kunst und Gesellschaft483
Ausblick485
Teil IV Wandel, Niedergang und Krise488
11. Die Wiederherstellung sozialer Hierarchien490
Der Wandel und die Historiker491
Geschlecht und Unterordnung im »liberalen Zeitalter«496
Der zweite Frühling der Sklaverei500
Der Kleinbauer und Landarbeiter als Leibeigener510
Die Kleinbauern, die davonkamen517
Warum die Unterordnung auf dem Lande überdauerte519
Der Wandel des niederen Adels522
Bedrohungen für den niederen Adel523
Wege zum Überleben: Staatsdienst und Handel524
Männer mit weniger »großen Gütern« in Europa530
Überdauernde höchste Gewalten533
Kontinuität oder Wandel?537
12. Die Vernichtung indigener Völker und die ökologische Verwüstung539
Wer ist mit »indigenen Völkern« gemeint?540
Europäer und indigene Völker vor circa 1820542
Indigene Völker im »Zeitalter der Brüche«545
Die weiße Flut 1840 bis 1890548
Die Flut in der Praxis: Neuseeland, Südafrika und die Vereinigten Staaten550
Wilde Naturen beherrschen: Rettung und Ausgrenzung555
13. Schluss: Die große Beschleunigung, circa 1890 bis 1914565
Die Vorhersage »kommender Dinge«565
Agrarkrise, internationale Zusammenarbeit und neuer Imperialismus568
Der neue Nationalismus576
Das merkwürdige Ende des internationalen Liberalismus579
Resümee: Globalisierung und Krise 1780 bis 1914584
Globale Vergleiche und Zusammenhänge, 1780 bis 1914: Schluss586
Welches waren die treibenden Kräfte des Wandels?591
Macht in globalen und internationalen Netzwerken594
Umstrittene Uniformität und universelle Komplexität598
August 1914609
Literatur611
Monografien611
Zeitschriftenartikel, Buchkapitel und unveröffentlichte Manuskripte629
Danksagung633
Anmerkungen und Konventionen635
Verzeichnis der Karten637
Verzeichnis der Tabellen637
Abbildungsnachweise638
Register639

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