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Die Griechen am Nordpontos: Die nordpontische Kolonisation im Kontext der Großen Griechischen Kolonisationsbewegung vom 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr

AutorNikolai Povalahev
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl295 Seiten
ISBN9783831607587
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis39,99 EUR

Die griechische Kolonisation an den nördlichen Gestaden des Schwarzmeeres, die unter für mediterrane Verhältnisse ungewöhnlichen Bedingungen verlief, wird entweder als außerhalb des herkömmlichen Musters der griechischen Kolonisation angesehen oder einseitig als bloßes Handelsunternehmen interpretiert.

Die in der vorliegenden Arbeit unternommene Analyse sowohl der paläobotanischen Befunde als auch der sozialen Struktur der kolonialen Gemeinden lässt jedoch erkennen, dass beides nicht zutrifft. Darüber hinaus widerlegt ein struktureller Vergleich der beiden Zweige der griechischen Kolonisation die These, dass sich hier funktional unterschiedliche Siedlungstypen voneinander abheben ließen. Sowohl im Westen als auch im Osten waren, trotz erheblicher Unterschiede im Einzelnen, gleiche Mechanismen am Werk, die zu ähnlicher Strukturierung der kolonialen Gesellschaften geführt haben.

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Leseprobe

6. Zusammenfassende Schlussbetrachtung: Nordpontische Kolonisation im Kontext der griechischen Kolonisation Süditaliens und Siziliens (S. 208-209)

Bei den historischen Rekonstruktionen des Kolonisationsablaufs am Nordpontos, greift die internationale Forschung zu den Modellen, die sich anscheinend bei der Analyse von Materialien des westlichen Mittelmeerraums gut bewährt haben. Für die Forscher, die den Handelsinteressen in der Erschließung des Nordpontos den Vorrang einräumen, liefert die als handelsorientiert geltende euboiische Kolonisation solch ein Modell, nach dem die Erschließung einer an Ressourcen reichen Region velief.

Besonders aufschlussreich scheint dabei ein Strukturvergleich zwischen dem frühesten milesichen Handelsposten am Nordpontos, der Berezan-Siedlung einerseits und den euboiischen emporia, Al-Mina und Pithekoussai andererseits. Sogar ein Übergang von einer emporialen Phase zur Gründung von apoikiai auf dem Festland weist im Fall von Berezan und Olbia erstaunliche Parallelen zur Situation im Golf von Neapel auf.

Eben dort hätten die Euboier zuerst ein emporion auf Ischia und dann eine vollwertige apoikia, Kyme, gegründet. Für die Forscher, die die griechische Kolonisation dagegen vor allem als eine agrarische Emigration verstehen, spielt die am Beispiel der westlichen Kolonien anscheinend festgestellte Gleichsetzung der polis und der Stadt eine entscheidende Rolle für die Beurteilung der politischen Organisation der nordpontischen Gründungen. Die Forscher, die jedoch an solch einer Gleichsetzung nicht festhalten, glauben in der These von einer verspäteten Urbanisierung der kolonialen Gebiete im Westen ein Erklärungsmodell gefunden zu haben, das sich am Kimmerischen Bosporos bewährt habe.

6.1 Nordpontische Kolonisation

Die vorgenommene Analyse sowohl der äußeren Rahmenbedingungen, unter denen die Kolonisation des Nordpontos ihren Verlauf nahm, als auch der ar chäologischen Überreste, in denen die Struktur der kolonialen Gemeinden zum Ausdruck gekommen war, zeigte, dass die Theorie, die den nordpontischen Siedlungen einen reinen Handelsstatus nachsagt, nicht zu halten ist. a) Angesichts der modernen paläobotanischen Erkenntnisse erscheint die tragende Säule dieser Theorie, nämlich die Vorstellung von einem unermesslichen, man darf sogar sagen, naturbedingten Kornreichtum des Nordpontos- Raumes als nicht zutreffend. Weder die Stämme der Waldsteppe, geschweige denn die Skythen bauten Weizensorten an, die in die Kolonien und dann weiter in die Metropole geliefert werden konnten. Die einheimischen Getreidesorten – Hirse und Gerste – wurden vorwiegend als Tierfutter eingesetzt.

Durch den Anbau von dürrebeständigen Getreidearten suchten die Waldsteppebewohner im 6. und 5. Jh. und die Skythen um einiges später (ab dem Ende des 5. Jh.) die negativen Folgen einer zu starken Weidebelastung zu lindern, die ein labiles Gleichgewicht im System Mensch-Natur zu zerstören drohte. Eben in diesem Kontext soll die Nachricht Herodots (4. 17. 2.) über die ackerbautreibenden Skythen ( ), die Getreide nicht nur zur eigenen Ernährung ( ), sondern zum Verkauf ( ) säten, betrachtet werden. Ebendamals traten die ersten Zeichen einer Krise der skythischen Nomadenwirtschaft auf.

Man suchte die Bedürfnisse zahlenmäßig angestiegener Viehbestände durch Beschaffung oder Anbau von Kulturpflanzen zu befriedigen. Die ethnographischen Parallelen lassen annehmen, dass angesichts der logistischen Probleme die Nomadenskythen es bevorzugten, Getreide nicht zu rauben, sondern zu kaufen. Jedenfalls behauptet der „Vater der Geschichtsschreibung" an keiner Stelle, dass Korn an die Griechen verkauft wurde. Der einzige Platz, wo im Nordpontos für Export geeignete Weizenarten (Tritticum aestivum s. l.) wuchsen, lag auf den chorai der griechischen Siedlungen. Eine bemerkenswerte Erweiterung der landwirtschaftlichen Um gebung von Berezan und Olbia ist jedoch erst ab der 2. Hälfte des 6. Jh. zu beobachten.

Inhaltsverzeichnis
Inhaltverzeichnis7
Vorwort11
1. Einleitung12
2. Die Rahmenbedingungen der griechischen Kolonisation des Nordpontos20
2.1 Klimabedingungen am Nordpontos in den ersten Jahrhunderten der griechischen Kolonisation20
2.1.1 Antike Überlieferung23
2.1.2 Moderne paläoklimatische Forschung26
2.2 Die demographischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Anfangsphase der nordpontischen Kolonisation29
2.2.1 Die autochthone Bevölkerung vor Ort am Vorabend der griechischen Kolonisation31
2.2.1.1 Spuren der autochthonen Bevölkerung im unteren Bug-Gebiet31
2.2.1.2 Vorgriechische Bevölkerung am Kimmerischen Bosporos32
2.2.2 Die Skythen, die Stämme der Waldsteppenzone und ihre Kontakte zu den griechischen Kolonien34
2.2.2.1 Das Vordringen der Skythen in die nordpontische Region38
2.2.2.2 Die Stämme der Waldsteppenzone als Handelspartner der griechischen Kolonisten? Politische Verhältnisse44
2.2.2.3 Landwirtschaftliche Produktion der Waldsteppen- und Nomadenskythen49
2.2.2.4 Hausarchitektur der einheimischen Bevölkerung am Nordpontos56
2.2.2.5 Spuren der Handelskontakte der Griechen zu der indigenen Bevölkerung in der archaischen Zeit57
2.3 Schlussbemerkung63
3. Die griechische Kolonisation am unteren Bug: A) Die Berezan-Siedlung70
3.1 Das Gründungsdatum der Berezan-Siedlung70
3.2 Die moderne historische Forschung zum Charakter der Berezan- Siedlung73
3.2.1 Handel. War die Berezan-Siedlung ein Emporion?73
3.2.2 Berezan – eine Apoikia?82
3.3 Die Berezan-Siedlung. Archäologischer Befund und weitere Diskussion86
3.3.1 Geographie und Paläoökologie86
3.3.2 Archäologische Erforschung87
3.3.3 Frühe Keramik88
3.3.4 Die frühen Bauüberreste Berezans90
3.3.5 Der Übergang zur ebenerdigen Bauweise und der Siedlungsplan94
3.3.6 Nichtgriechische kulturelle Elemente in der Berezan-Siedlung98
3.3.6.1 Handgefertigte Keramik98
3.3.6.2 Handwerkliche Produktion101
3.3.7 Griechische Elemente auf Berezan103
3.3.7.1 Metallbearbeitung103
3.3.7.2 Spuren von griechischen Kulthandlungen105
3.3.7.3 Die Nekropole Berezans107
3.4 Soziale und kulturelle Merkmale der archaischen Gemeinde Berezans108
3.5 Schlussbemerkung112
4. Die griechische Kolonisation am unteren Bug: B) Olbia116
4.1 Gründungsdatum Olbias116
4.2 Die moderne historische Forschung zum Charakter Olbias117
4.2.1 Olbia – ein Emporion118
4.2.2 Olbia – eine agrarische Siedlung119
4.2.3 Olbia – eine Polis123
4.3 Olbia. Archäologischer Befund und weitere Diskussion125
4.3.1 Topographie125
4.3.2 Die archäologische Forschung. Der Charakter der archäologischen Funde126
4.3.3 Keramik128
4.3.4 Die räumliche Entwicklung Olbias129
4.3.5 Die frühesten Bauüberreste Olbias133
4.3.6 Der Stadtplan und der Übergang zur ebenerdigen Bauweise138
4.3.7 Die landwirtschaftlichen Siedlungen der niederen Bug-Region144
4.3.8 Die nichtgriechischen Elemente in Olbia in der archaischen und frühklassischen Zeit147
4.3.8.1 Handgefertigte Keramik147
4.3.8.2 Nichtgriechische Onomastik148
4.3.9 Die archaische Nekropole Olbias150
4.3.9.1 Die einheimischen Züge des Bestattungsrituals150
4.3.9.2 Die Unzulänglichkeit einer rein ethnischen Betrachtungsweise153
4.4 Schlussbemerkung157
5. Der Kimmerische Bosporos160
5.1 Die moderne historische Forschung zum Charakter der griechischen Kolonien an den Ufern des Kimmerischen Bosporos160
5.1.1 Emporia160
5.1.2 Polis vs. Apoikia163
5.2 Pantikapaion166
5.2.1 Die Topographie Pantikapaions166
5.2.2 Die archäologische Erforschung Pantikapaions167
5.2.3 Das Gründungsdatum: Keramik168
5.2.4 Frühe Bauüberreste Pantikapaions169
5.2.5 Die Funktionale Aufteilung und der Siedlungsplan176
5.3 Nymphaion183
5.3.1 Lage der Siedlung und Gründungsdatum183
5.3.2 Die Existenz einer vorgriechischen Siedlung?184
5.3.3 Bauentwicklung186
5.4 Phanagoreia187
5.4.1 Lage, archäologische Erforschung187
5.4.2 Gründungsdatum188
5.4.3 Bauentwicklung189
5.5 Kepoi197
5.5.1 Lage, Forschung, Gründungsdatum197
5.5.2 Bauentwicklung198
5.6 Myrmekion201
5.6.1 Lage, Funktion, Gründungsdatum201
5.6.2 Bauentwicklung202
5.6.3 Handgefertigte Keramik205
5.7 Landwirtschaftliche Siedlungen und Kornproduktion am Kimmerischen Bosporos206
5.8 Schlussbemerkung209
6. Zusammenfassende Schlussbetrachtung: Nordpontische Kolonisation im Kontext der griechischen Kolonisation Süditaliens und Siziliens213
6.1 Nordpontische Kolonisation213
6.2 Griechische Kolonisation im Mittelmeerraum220
6.2.1 Al-Mina220
6.2.2 Pithekoussai und die euboiische Kolonisation Süditaliens und Siziliens225
6.3 West und Ost: Ein einheitliches Modell?250
7. Summary255
8. Literatur260
9. Abbildungen282
10. Sach- und Namensregister290
Quellen und Forschungen zur Antiken Welt294

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