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E-Book

Die italienischen Momente im Leben

Eine Reise durch das schönste Land der Welt

AutorBruno Maccallini
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783492955300
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Von Süd­tirol bis Sizilien, von Genua bis Triest ­präsentiert uns Bruno Maccallini die schönsten Winkel Italiens. Temperamentvoll und komisch beschwört er Kindheitserlebnisse in den Abruzzen und turbulente Jahre in der ­Toskana herauf. Er verrät, wie er mit Hilfe einer alten Vespa und dem Zauber der Amalfiküste das Herz von Jutta Speidel gewann. Und wie aus einem normalen Augenblick mit einfachen Zutaten ein italienischer Moment im Leben wird.

Bruno Maccallini, geboren 1960 in Avezzano, ist Schauspieler, Regisseur und TV-Produzent. In Deutschland wurde er als »Cappuccino-Mann« im Werbefernsehen berühmt. Er ist mit Jutta Speidel liiert und spielte mehrfach in deutschen Fernsehfilmen an ihrer Seite. Gemeinsam veröffentlichten sie die Bestseller »Wir haben gar kein Auto« und »Zwei Esel auf Sardinien«. Bruno Maccallini lebt in Rom.

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Leseprobe

1.


TURIN

1965–2006

Mein Vater liebte Eiscreme; wenn er auch nur von Weitem eines dieser Wägelchen mit den Silberhauben erblickte, stürzte er sich darauf wie ein Falke. An einen der umherziehenden Eishändler erinnere ich mich besonders gern, einen älteren Mann, der seinen dreirädrigen Fahrradkarren – in knalligen Bonbonfarben gehalten wie so viele damals in den Sechzigerjahren – fröhlich vor sich herschob. Normalerweise tauchte er Ende Mai nach einer langen Winterpause auf und kündigte seine Ankunft auf der Piazza schon von Weitem mit diesem unverwechselbaren Klingeln an: »Drinnng … dring!«

Gemeinsam mit meinem Vater drängte sich dann stets eine kleine Menschentraube freudig um den Karren. Der Eishändler schaufelte ununterbrochen mit seinem Spatel enorme Portionen in die Waffelhörnchen, besserte ab und zu mit geschickter Hand nach und rief dabei:

»Eis … Eis … ein Eis von mir ganz wunderbar,

erfrischt die ganze Kinderschar

und wollt ihr Ruh’ im ganzen Haus,

gebt Schwiegermama auch eins aus!«

Obwohl mein Vater ein sehr zerstreuter Mann war, konnten nur wenige Dinge seinen klaren Verstand trüben und ihn ernsthaft durcheinanderbringen: eines davon war eine Eiswaffel. Ein Sahnehäubchen konnte ihn so in Verzückung versetzen, dass er die Welt um sich herum völlig vergaß. Und an jenem Morgen auf der Piazza Castello hatte er mich vollkommen vergessen. Also, eigentlich hatte er mich ja einer jungen Frau anvertraut, die dort Tauben fotografierte, und sie gebeten, kurz auf mich aufzupassen, während er ein Eis kaufen ging. Er hatte ihr erklärt, wenn ich unbeaufsichtigt bliebe, könnte ich in der Zwischenzeit Spaziergängern oder, schlimmer noch, einer Gruppe Bersaglieri zwischen die Füße laufen, die anlässlich eines Regionaltreffens allmählich die Straßen des Zentrums füllten, auf dem Kopf die typischen Hüte mit den Federbuschen.

Meine Mutter, die im Hotel geblieben war, sollte ihm diese »Zerstreutheit« viele Jahre lang nicht verzeihen. Den Ausflug nach Turin machten wir im Übrigen wegen eines dieser stinklangweiligen forensischen Kongresse, zu denen mein Vater stets die ganze Familie mitnahm. Dieses Mal hatten sich meine Brüder davor drücken können und waren in den Abruzzen geblieben, weil sie angeblich so viel für die Schule zu lernen hatten. Wahrscheinlich, aber das wurde mir erst später klar, langweilten sie sich schon in den Sommerferien und umso mehr auf diesen Geschäftsreisen ohne ihre Freunde oder irgendeine andere Unterhaltung. Ich dagegen, der Kleinste, war ziemlich genügsam und empfand solche Ferien im Kreise der Familie noch nicht als langweilig.

Ich war gerade mal fünf Jahre alt.

Als die Blaskapelle der Bersaglieri einen flotten Marsch anstimmte, heulte ich los. Obwohl mich die wippenden Federn auf diesen merkwürdigen Hüten faszinierten, die beim Vorbeimarschieren im Wind wehten, begann ich mich doch zu fragen, was meine kleine Kinderhand am Arm einer fremden Frau verloren hatte. Ein Riesenschwarm Tauben hatte die Piazza in Besitz genommen: Fett, grau und kugelrund saßen sie überall und pickten still die Krümel auf, die die Touristen zurückgelassen hatten. Die einzige, die sich ein wenig abseits hielt, beschloss, mir beim Landeanflug auf eine Bank auf den Kopf zu kacken. Zum Glück hatte ich eine braune Mütze auf, und die fremde Frau griff auch sofort hastig nach ihrem Taschentuch, um sie zu säubern.

»Sie können ja nichts dafür, dass sie in der Stadt leben und sich um jeden Brotkrümel zanken müssen«, sagte sie. Und mein Vater hatte mir erst wenige Minuten zuvor, als er mich noch an der Hand hielt, versichert, dass diese armen Vögel ganz harmlos seien, aber seit ewigen Zeiten als »Ratten der Luft« verunglimpft würden. Deshalb hatte ich keine Angst. Ich kenne richtige Taubenhasser, Menschen, die nach einem klassischen »Taubenschiss« von oben sofort ihre Kleider verbrennen oder zum Arzt rennen, um ihr Blut auf eventuelle tödliche Seuchen untersuchen zu lassen. Ein Freund von mir hat einmal gesagt, in einem ausgeschalteten Computermonitor sei mehr Persönlichkeit und Gefühl zu finden als in ihren Augen. Vielleicht hat er recht, aber ich konnte Tauben nie hassen. Im Gegenteil, am liebsten hätte ich den Arm der fremden Frau losgelassen und wäre mit ihnen geflogen. Vielleicht schlummerte schon damals die Sehnsucht in mir, die Dinge anders, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Als Kind sehen wir beim Gehen ja oft bloß auf den Weg vor unseren Füßen oder höchstens geradeaus. Wir laufen durch Straßen, die wir in- und auswendig kennen und gar nicht mehr wahrnehmen, ganz selten heben wir mal den Kopf. Aber sobald wir auf einen freien Platz kommen, bleiben wir stehen und genießen die Aussicht: Wie schön sind doch die Vögel, die über unseren Köpfen fliegen, uns beobachten und die Luft beherrschen … und wie glücklich sind wir, während wir sie verzaubert beobachten!

~ ~ ~

Betrachtet man die Welt mit den Augen eines Kindes, kann man so manche Überraschung erleben, selbst wenn man die vierzig überschritten hat. Als ich 2006 auf die Piazza Castello zurückkehrte und den Palazzo Madama, die legendären Schaufenster in den Arkaden, die beeindruckenden Reiterstatuen der Dioskuren von Abbondio Sangiorgio, das Denkmal der Ritter des Ordens der Krone von Italien, die blumengeschmückten Balkone und die schmiedeeisernen Pavillons wiedersah, war das mehr als aufregend für mich. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich mich gar nicht so sehr verändert habe und dass ich – vielleicht nach einer Abkürzung über eine schmale Treppe oder eine kleine Gasse, die mir bislang entgangen waren – urplötzlich wieder vor dem Eiswägelchen stehen könnte!

Ich bin also in Turin, um dort einen Dokumentarfilm über »Coiffures d’art« zu drehen, eine Performance in den Straßen Turins von und mit Alejandro Rendon und Sonia Gomez, den schauspielernden Friseuren oder frisierenden Schauspielern, Schöpfern von außergewöhnlichen Haarkunstwerken. Diese beiden bauen sich für ihre Show im Stadtzentrum auf, sprechen Passanten an und verpassen ihnen unglaubliche Frisuren. Ich habe mich als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt und lasse mich wortwörtlich »verwirren«: Nach einer halben Stunde habe ich eine Irokesenbürste auf dem Kopf und sehe aus wie eine Mischung aus einem Mohikaner und einem Bandmitglied der Sex Pistols oder, schlimmer noch, der Ramones! Fehlen bloß noch die Sicherheitsnadeln durch Nase und Wangen. Zwischen den einzelnen Takes lachen sich meine Kollegen vom Team schlapp, während ich im Geiste zu jenem Morgen im Jahr 1965 zurückkehre.

Die Kamera macht einen großzügigen Schwenk von unten nach oben. Wenn man die Piazza Castello und die Gebäude rundherum aufnimmt, bekommt man eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie Italien einmal war und heute nicht mehr ist. Hier lag im neunzehnten Jahrhundert das Zentrum Turins, und noch heute zeugen viele Monumente von der Größe des Königreichs Piemont-Savoyen, das vor der Einheit Italiens einen Großteil der Apenninen-Halbinsel regierte: der königliche Palast, das Teatro Regio, der Palast der Präfektur, die Königliche Bibliothek, das Staatsarchiv, die Kirche San Lorenzo. Aber wir sind wohl die Einzigen, die sie noch beachten, denn die Passanten interessieren sich anscheinend nur für diese komischen Frisuren. Wie immer fällt nur das ins Auge, was neu und ungewöhnlich ist: »Mama, schau mal, der Mann da sieht aus wie ein Kakadu!«

Dieser Platz ist zu schön, ich kann ihn nicht nur als Hintergrund verwenden.

Aber wie soll ich es schaffen, alles auf einmal ins Bild zu bekommen? Ich müsste schon eine Taube sein und das Ganze von oben betrachten. Ich muss einfach weiter hinauf. Genau! »Kommt, steigen wir auf die Mole Antonelliana!« Dieses Gebäude ist ein Wahrzeichen der Stadt und beherbergt heute das nationale Filmmuseum.

Von hier oben hat man die Gelegenheit, wirklich ganz andere Aufnahmen zu machen. Ich beginne mit einem 360-Grad-Schwenk über die Dächer, dann zoome ich mir die verschiedenen Haarkreationen heran: hier der Schnitt à la kolumbianischer Drogenhändler, dort die Löwenmähne, die da sieht aus wie ein Pudel … dann bleibt mein Blick an einer Taube hängen, die auf der Kuppel des Doms hockt; unter ihr, in einer Seitenkapelle, wird das berühmte Turiner Grabtuch aufbewahrt. Schließlich zoome ich zurück in die Totale. Wie wunderbar diese Taube aussieht, jetzt, wo sie von einem Viertel der Stadt ins andere fliegt: Dächer, so weit das Auge reicht, Kuppeln, Kirchtürme, der Palazzo Carignano, das Teatro Regio, der Markt an der Porta Palazzo. Die Sonne geht fast schon unter, und nicht einmal die Taube kann es kaltlassen, ihre Stadt, die zu den schönsten gehört, in diesem Licht zu sehen. Sogar der Po, über dessen Verschmutzungsgrad wir uns alle im Klaren sind, mutiert hier zu einem schillernden Goldfluss … Jetzt landet die Taube wieder auf der Piazza Castello: Zu jedem Bild tut sich eine Erinnerung aus meiner Kindheit auf, die ich für immer verloren glaubte. Es sind nur wenige Fragmente, die dafür umso länger halten müssen … Deshalb stelle ich meine Kamera auf Zeitlupe.

Tausend Farben umspielen mich. Gedämpfte Farben, seit das Licht gewechselt hat. Vor Kurzem war noch alles klar und gestochen scharf, jetzt scheint die abendliche Sonne die Fassaden rot und die Dächer orange gefärbt zu haben. Ein weiterer Schwenk nach oben zu der Taube: unbeschreiblich, wie dieser Vogel sein Glück und seine Angst in einem einzigen Flügelschlag ausdrückt.

Schließlich verlassen wir die Mole Antonelliana und gehen zurück...

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