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E-Book

Die Julikrise

Europas Weg in den Ersten Weltkrieg

AutorAnnika Mombauer
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl128 Seiten
ISBN9783406661099
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,49 EUR
Warum führte das Attentat von Sarajewo, das serbische Nationalisten am 28. Juni 1914 auf Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau verübten, zum Ersten Weltkrieg? Ist Europa in den Krieg 'hineingeschlittert', wie es der britische Premier Lloyd George einst formulierte? Oder lassen sich klare Verantwortlichkeiten benennen? Auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen und langjähriger Forschungen schildert Annika Mombauer die Geschichte der Julikrise - vom Tod des Thronfolgers bis zur englischen Kriegserklärung an Deutschland am 4. August 1914. Dabei grenzt sie sich klar von neueren Tendenzen ab, die Verantwortung Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches für die Eskalation der Krise zu verwischen. Die politische und militärische Führung beider Länder wollte den außenpolitischen Befreiungsschlag und riskierte damit leichtsinnig einen Weltkrieg. Dass dieser allerdings zur 'Urkatastrophe' des 20. Jahrhunderts werden würde, konnte im Juli 1914 niemand ahnen.

Annika Mombauer ist Senior Lecturer an der Geschichtsfakultät der Open University in Milton Keynes, Großbritannien. Sie ist eine der weltweit führenden Experten zur Julikrise.

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Leseprobe

Einleitung: Hundert Jahre Julikrise


Der 28. Juni 1914, ein Sonntag, war der letzte Tag des offiziellen Besuches von Erzherzog Franz Ferdinand, dem österreichisch-ungarischen Thronfolger, und seiner Frau Sophie von Hohenberg in Bosnien, und auf dem Programm stand eine Fahrt durch die Hauptstadt der Provinz, Sarajewo. Beide werden sich auf diesen Tag gefreut haben, konnten sie doch hier – abseits des steifen Zeremoniells am Wiener Hof – das feierliche Programm ihres Besuches Seite an Seite genießen. Da sie als nicht ebenbürtiger Ehepartner angesehen wurde, durfte seine Frau Sophie bei offiziellen Anlässen zu Hause in Wien nicht an der Seite ihres Gatten erscheinen. Hier in Bosnien, im fernen Winkel des österreichisch-ungarischen Reiches, konnten solche Förmlichkeiten entfallen, und der Besuch war für das Paar – trotz vorheriger Warnungen, dass seine Sicherheit nicht garantiert sei – zu einem überraschend schönen Ereignis geworden. Die Eheleute hatten bereits drei Tage in Bosnien verbracht und sich dort unerwarteter Beliebtheit erfreut. Am 27. Juni erklärte Sophie dem Vizepräsidenten des kroatischen Parlaments, Josip Sunarić, dann auch, seine Warnung vor möglichen Gefahren gegenüber dem österreichischen Militärgouverneur Oskar Potiorek sei ganz und gar unberechtigt gewesen: «Wo immer wir waren, haben uns alle, bis auf den letzten Serben, mit solcher Freundlichkeit, Höflichkeit und echter Wärme begrüßt, dass wir mit unserem Besuch sehr glücklich sind», schwärmte sie. Fast prophetisch erwiderte Sunaric, er hoffe, dass die Erzherzogin diese Worte am nächsten Tag würde wiederholen können. «Eine große Last wird von meinen Schultern fallen.»

Aber der 28. Juni war auch St. Veitstag, an dem 1389 die serbische Armee von Truppen des Osmanischen Reiches auf dem Amselfeld im Kosovo besiegt worden war – ein zwar jährlich begangener, aber von den Serben 1914 besonders gefeierter Gedenktag, denn der Kosovo war im vorangegangenen Balkankrieg erobert worden. Sicherlich kein gut gewählter Termin, um ausgerechnet den Thronfolger der österreich-ungarischen Doppelmonarchie, die 1908 Bosnien und Herzegowina annektiert hatte, in die Hauptstadt dieser umstrittenen Region zu schicken. Der Besuch wurde von Serben innerhalb und außerhalb Bosniens als Provokation gesehen. Die Annexion hatten sie nicht verwunden, und viele strebten ein großserbisches Reich für alle Serben an. Dies schien mit den beiden Balkankriegen von 1912 und 1913 in Reichweite zu rücken, denn Serbien hatte die Türkei und Bulgarien besiegen, sein Gebiet fast verdoppeln und seine Einwohnerzahl von drei auf 4,5 Millionen erhöhen können. Nun galt es nur noch, die außerhalb der neuen Landesgrenzen befindlichen, von Serben bewohnten Gebiete zu gewinnen. Ungefähr zwei Millionen Serben lebten in Österreich-Ungarn und etwa 850.000 davon in Bosnien-Herzegowina.

Vor diesem Hintergrund also hatte man Franz Ferdinand nach Bosnien entsandt, um Truppenmanöver zu inspizieren, und ausgerechnet am St. Veitstag war das krönende Ereignis seines Aufenthalts vorgesehen, der offizielle Besuch in der Hauptstadt Sarajewo. Er endete bekanntlich mit einer folgenreichen Tragödie: Der österreichisch-ungarische Thronfolger und seine Frau Sophie wurden am Vormittag von einem jungen bosnischen Serben namens Gavrilo Princip erschossen. Dieses Attentat war von langer Hand vorbereitet und an der im Vorhinein in der Presse angekündigten Route waren gleich mehrere Attentäter postiert worden. Weder geplant noch vorhersehbar war allerdings, dass es der Auslöser für eine internationale Krise werden sollte, die Anfang August 1914 in dem von vielen schon lange befürchteten – von einigen sogar geradezu herbeigesehnten – Krieg zwischen den Großmächten endete. Der Tod eines Mannes in Sarajewo sollte zum Tod von Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg führen. Und dieser Erste Weltkrieg war mit dem Waffenstillstand im November 1918 und dem Deutschland aufgezwungenen Friedensschluss von 1919 noch immer nicht ausgestanden, sondern führte später zu einem zweiten, noch katastrophaleren Krieg. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass diese Juliwochen 1914, die sogenannte Julikrise, als in den Hauptstädten der Großmächte über Krieg und Frieden entschieden wurde, prägend für die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts waren. Daher ist es auch sicherlich gerechtfertigt, in diesem Krieg die «Urkatastrophe» dieses Jahrhunderts zu sehen (George Kennan). Wie und warum es zu diesem Krieg kam, ist das Thema dieses Buches.

Die Frage nach den Kriegsursachen, oder genauer, die Frage nach der Kriegsschuld, hat erst Regierungen und später zahllose Historiker beschäftigt. Um sie zu beantworten, wurden die Ereignisse der letzten Friedenswochen akribisch recherchiert und kritisch durchleuchtet. Der Krieg hatte unvorstellbares Leid verursacht. Alle an ihm Beteiligten wollten nicht nur seine Ursache verstehen, sondern natürlich auch jegliche Schuld von sich weisen, an der Verursachung dieser Katastrophe selbst beteiligt gewesen zu sein. Das machte es so wichtig, vor der eigenen Bevölkerung, vor den Feinden, aber auch vor dem Urteil der Nachwelt das eigene Handeln zu rechtfertigen und zugleich das der Feinde als kriegstreibend bloßzustellen.

Zunächst schien diese Frage leicht zu beantworten. Als die Sieger sich 1919 in Versailles trafen, gab es für sie keinen Zweifel: Deutschland und seine Verbündeten waren es, die den Krieg absichtlich vom Zaun gebrochen hatten und jetzt für dieses Verbrechen bestraft werden mussten. Der berühmte Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages machte in noch nie zuvor praktizierter Weise ein Land für den Krieg verantwortlich. Die Sieger entschieden: «Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.»

Die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Krieges trugen demnach Deutschland und seine Verbündeten – und damit auch für die zahlreichen Gräueltaten in den Ländern, in die deutsche Soldaten eingefallen waren; für die wirtschaftlichen Schäden, die die Entente-Länder (Großbritannien, Frankreich, Russland und deren Verbündete) erlitten hatten; für den Tod von fast zehn Millionen Soldaten, die im Krieg ihr Leben gelassen hatten; für das unmenschliche Leid von Millionen körperlich und seelisch Verwundeten, Verstümmelten, von Witwen und Waisen. Aber in Deutschland wies man diese Vorwürfe von sich. «Mitten im Frieden überfällt uns der Feind», hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II. am 4. August 1914 verkündet, und die Nachricht war auf unzähligen Postkarten, Propagandapostern und in der Presse im Reich verbreitet worden. In Deutschland war die Bevölkerung ebenso davon überzeugt gewesen, einen Verteidigungskrieg zu führen, wie in England oder Frankreich. Dass man nun selber als Angreifer dargestellt wurde, war unannehmbar, nicht zuletzt, weil die immensen alliierten Reparationsansprüche auf dieser Kriegsschuldzuweisung basierten. In Deutschland arbeiteten deshalb die Weimarer Regierungen mit Historikern und Publizisten an der Widerlegung dieser «Schuldlüge». Die Revision des Versailler Vertrages wurde zum Ziel der offiziellen Geschichtsschreibung der zwanziger Jahre, und als sich in den dreißiger Jahren die Überzeugung durchsetzte, das vor dem Krieg bestehende Bündnissystem (also die Triple-Entente Frankreich, Russland, Großbritannien auf der einen, Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien auf der anderen Seite) sei für den Ausbruch des Krieges verantwortlich zu machen, und sich damit der internationale Konsens zugunsten Deutschlands wandte, sah sich dieser Versuch von Erfolg gekrönt: Europa sei in den Krieg «geschlittert», brachte es versöhnlich David Lloyd George in seinen Memoiren 1933 auf den Punkt.

Erst in den sechziger Jahren wurde diese Sichtweise in der nach dem Historiker Fritz Fischer benannten «Fischer-Kontroverse» hinterfragt. Fischer hatte in seinem einflussreichen und kontroversen Werk Griff nach der Weltmacht Deutschland die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges zugeschrieben. Fünfzig Jahre später, zum hundertsten Jahrestag der Julikrise, hat sich das Blatt erneut gewendet; es wird vielfach argumentiert, dass der Kriegsausbruch nicht durch die Handlungen eines Landes oder einer Regierung erklärt werden kann. Nur ein internationaler Vergleich, so der Konsens unter Historikern, könne erklären, wie es zum Ersten Weltkrieg gekommen sei. Dabei wird auch die Ansicht vertreten, dass man Deutschland und seine Verbündeten 1919 zu Unrecht für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht habe. In den neuesten Studien zum Thema wird zum Beispiel die Verantwortung Russlands (Sean McMeekin) oder Frankreichs (Stefan Schmidt) in den Blickpunkt gerückt oder die Verantwortung aller und die Schuld keines Landes hervorgehoben. So bezweifelt Christopher Clark, ob es überhaupt sinnvoll sei, ein blame game zu spielen.

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